IslamFortschritte bei den Theologischen Zentren

In Tübingen wurde jüngst das erste Zentrum für Islamische Studien an einer deutschen Universität offiziell eröffnet. Auch die anderen drei verzeichnen Fortschritte beim Ausbau des Studienangebots – auch wenn noch längst nicht alle Probleme gelöst sind.

Mitte Januar war es so weit. Was vor wenigen Jahren noch kaum jemand für möglich gehalten hätte, ließ sich in überraschend kurzer Frist umsetzen: Das erste Zentrum für Islamische Studien an einer deutschen Universität wurde offiziell eröffnet. Der Standort Tübingen war nicht zuletzt aufgrund der Entschlossenheit der damaligen CDU/FDP-Landesregierung und des Rektorats am Ende am schnellsten, obwohl dort im Vergleich mit den anderen Standorten am wenigsten Vorarbeiten geleistet waren.

Anfang 2010 hatte der Wissenschaftsrat in seinem Gutachten über die „Weiterentwicklung von Theologien und religionsbezogenen Wissenschaften an deutschen Hochschulen“ den Aufbau solcher Institute empfohlen. In der Folge hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung in zwei Etappen entschieden, neben Tübingen auch in Münster und Osnabrück, in Frankfurt (mit einer Filiale in Gießen) und in Erlangen (mit Nürnberg) jeweils Zentren für das Studium islamischer Theologie einzurichten (vgl. HK, April 2011, 196 ff.).

Bald erste Islamisch-Theologische Fakultät?

Deren Auf- und Ausbau erfolgt jetzt in raschen Schritten: Nachdem der israelische Koranwissenschaftler Omar Hamdan (zuletzt: Berlin) im vergangenen Oktober als erster Professor für Tübingen berufen wurde und im vergangenen Wintersemester zusammen mit seinem Assistenten das gesamte Lehrprogramm allein schultern musste, wurden jetzt im Februar und im März zwei Juniorprofessuren für Islamisches Recht beziehungsweise Islamische Geschichte besetzt. Hinzu kommen im Sommersemester zwei Gastprofessuren. Im August wird eine weitere W3-Professur für Islamische Glaubenslehre von der Mazedonierin Lejla Demiri übernommen werden, die sowohl in Istanbul und an der Gregoriana in Rom als auch in Cambridge studiert hat, zuletzt am Berliner Wissenschaftskolleg war und dann die erste Frau als Professorin an einem der Zentren sein wird.

In absehbarer Zeit soll die Tübinger Einrichtung, die jetzt bereits einen fakultätsgleichen Rang hat, zur Fakultät erhoben werden und neben dem bereits angelaufenen achtsemestrigen Bachelorstudiengang „Islamische Theologie“ auch einen Master- wie einen Lehramtsstudiengang anbieten. Bereits ab dem kommenden Wintersemester werden angehende Lehrer „Islamische Theologie“ als Beifach wählen können. Sechs Professoren und genauso viele Juniorprofessoren sind am Ende des Ausbaus zur Betreuung der bis zu 400 Studierenden vorgesehen.

Die Studierendenzahlen werden deutlich steigen

Auch die anderen Einrichtungen erweitern ihr Angebot. In Nordrhein-Westfalen wird ab dem kommenden Schuljahr zum ersten Mal in Deutschland statt der bisherigen „Islamkunde in deutscher Sprache“ offiziell bekenntnisgebundener islamischer Religionsunterricht angeboten werden, parallel dazu soll jetzt auch die Ausbildung der Religionslehrer in Münster beginnen. „Islamische Theologie“ wird dann im Studium als Hauptfach und nicht nur als Erweiterungsfach neben zwei anderen Hauptfächern wählbar sein. Das mache sich jetzt bereits spürbar beim Interesse der derzeitigen Abiturienten bemerkbar, berichtete Mouhanad Khorchide, Leiter des Zentrums, bei einem Mediengespräch an der katholischen Akademie des Bistums Rottenburg-Stuttgart im Vorfeld der diesjährigen Tagung des „Theologischen Forums Christentum – Islam“, bei dem alle Zentren vertreten waren. Die demnächst zu besetzenden drei Juniorprofessuren in Münster werden jeweils auf fünf Jahre befristet, um dem gerade erst entstehenden wissenschaftlichen Nachwuchs auch in einigen Jahren attraktive Stellen anbieten zu können.

Nachdem damit gerechnet wird, dass in Niedersachsen, wie auch in Hessen, Hamburg und Bremen, bald ebenfalls islamischer Religionsunterricht an öffentlichen Schulen angeboten werden kann, wird in Osnabrück ab dem diesjährigen Wintersemester auch ein Bachelor in „Islamischer Religionspädagogik“ (bei einem weiteren Hauptfach) erworben werden können. Daneben soll es noch einen Bachelor „Islamische Theologie“ (als Monofach) geben. Zwei weitere Professoren für Islamische Exegese beziehungsweise Islamisches Recht werden gerade berufen.

Als Vertretungsprofessur für Kultur und Gesellschaft des Islam in Geschichte und Gegenwart ist in Frankfurt Mark Chalil Bodenstein neu in das wachsende Professorenkollegium hinzugekommen. Der Standort, der zusammen mit der Jesuitenhochschule St. Georgen, der Universität Mainz und der Jüdischen Hochschule in Heidelberg am gerade gestarteten Graduiertenkolleg „Theologie als Wissenschaft“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) beteiligt ist, wird ebenfalls ab dem Herbst eine Religionslehrerausbildung anbieten. In Erlangen schließlich wird es ab dem Wintersemester den neuen Studiengang „Islamische religiöse Studien“ geben – bei der geplanten Berufung von weiteren vier Professoren für das Zentrum.

Die Studierendenzahlen werden sich mit der Ausweitung des Angebots deutlich erhöhen. Sie sollen in Tübingen bereits im Sommersemester von bisher 36 Eingeschriebenen auf das Doppelte ansteigen. Das gilt gleichermaßen für die Standorte Münster und Osnabrück, die bisher jeweils 65 beziehungsweise 60 Studierende verzeichnen. Frankfurt zählte bereits jetzt schon in den verschiedenen Studiengängen rund 450 Studierende, Erlangen hatte zuletzt eine Zahl von 150 angegeben.

Die Bandbreite des Islam

Aber auch die Möglichkeiten für Nachwuchswissenschaftler sind exzellent: acht Stellen für Post-Docs sind an jedem Standort vorgesehen, am „Graduiertenkolleg Islamische Theologie“ der Mercator-Stiftung (www.graduiertenkolleg-islamische-theologie.de) sind bisher sieben Stellen besetzt, die weiteren acht werden im Oktober vergeben.

Offen ist momentan vor allem, wie die vom Wissenschaftsrat vorgeschlagenen Beiräte, der Ersatz für die vom Grundgesetz vorgesehenen Religionsgemeinschaften als notwendigem Verhandlungspartner für den Staat, in der Praxis arbeiten werden. Dieses Konzept hatte immerhin den Durchbruch für die Errichtung der Islamischen Zentren bedeutet. Die Beiräte umfassen jeweils rund ein Dutzend Personen, die entweder den Verbänden angehören oder als Einzelpersonen berufen wurden. In Münster, wo erst die Geschäftsordnung erarbeitet ist, wird das Verhältnis vier zu vier betragen. In Tübingen, Erlangen und Osnabrück haben sich die Beiräte bereits konstituiert, in Frankfurt ist man der Auffassung, nur für die religionspädagogischen Studiengänge einen Beirat zu benötigen. Die Problematik der Beiräte zeigt sich allein daran, dass in Tübingen die zwei Sitze der „Islamischen Gemeinschaft in Baden-Württemberg“ nicht besetzt werden konnten, weil deren Untergruppierung Milli Görüs vom Verfassungsschutz beobachtet wird.

Die Beiräte, jeweils nur mit einem genau umrissenen Mandat für eine Universität, sollen an der Bestellung der Professoren und bei der Entwicklung von Studienplänen mitwirken – wobei die Verbände immer wieder betonen, dass sie dieser Konstruktion nur zugestimmt haben, weil sie ein Provisorium ist. Die bereits installierten Professoren heben auf der anderen Seite hervor, dass das Vetorecht sich ausschließlich darauf beziehen darf, dass – wie etwa im Fall Sven Kalisch in Münster – die Grundsätze des Islam gewahrt bleiben.

Wenig strittig ist hingegen, dass die Mitglieder selbst islamische Theologie studiert haben müssen und das Gremium auch die Bandbreite des Islam repräsentiert. Das gilt in den meisten Fällen ausdrücklich auch für die schiitischen Richtungen, während die Mehrzahl der Muslime in Deutschland wegen ihrer türkischen Herkunft Sunniten sind.

Schiitische Lehrbeauftragte gibt es sowohl in Osnabrück als auch in Münster, wo ausdrücklich auch komparative Theologie mit Blick auf sunnitische und schiitische Strömungen im Islam betrieben wird. Im Lehrkörper der Akademie der Weltreligionen an der Universität Hamburg lehrt inzwischen mit Katajun Amirpur auch eine Schiitin als Professorin. Demgegenüber ist die Ausbildung von Religionslehrern für die Aleviten noch weitgehend offen, aller Voraussicht nach soll es in Zukunft immerhin einen eigenen Lehrstuhl an der Universität Köln geben.

Wie werden die Imame ausgebildet?

Nachdem zwischenzeitlich geklärt ist, welche neuen Studiengänge die Zentren anbieten werden, rückt zunehmend auch die Frage nach den Berufsmöglichkeiten der Absolventen in den Blick. Von Seiten der Politik wird immer wieder die Erwartung geäußert, so zuletzt bei der Eröffnung des Tübinger Zentrums, die Zentren sollten mit Blick auf die Integrationsprobleme auch die Imame deutscher Moscheegemeinden ausbilden. Viele Fragen sind hier jedoch noch ungeklärt.

In Osnabrück beispielsweise gibt es bereits Fortbildungsangebote für bereits tätige Imame, die auch gut nachgefragt werden. In Tübingen werden zusammen mit der Stadt Stuttgart ab August dieses Jahres Sommerkurse für diesen Personenkreis angeboten, in denen die Universität für die Theologie und die Kommune für die Themen Integration, Landeskunde und Pädagogik zuständig sein werden.

Einen eigenen Studiengang für Imame soll es jedoch in absehbarer Zeit nirgendwo geben. Die neuen Zentren verstehen sich auch nicht in erster Linie als Ausbildungseinrichtungen, sondern wollen den Schwerpunkt auf die Etablierung einer islamischen Theologie hierzulande legen.

Entsprechend weisen ihre Vertreter darauf hin, dass sie bestenfalls die theologische Ausbildung von angehenden Imamen zu übernehmen vermögen. Sie könnten weder die notwendige praktische Ausbildung für die Gemeindearbeit leisten, noch gewährleisten, dass ihre Studierenden all jene Fähigkeiten erwerben, die angehende Imame im Grunde schon von vorneherein mitbringen müssten (Beispiel: Koranrezitation).

Auf der anderen Seite hat der größte Verband, die „Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion“ (DITIB), angekündigt, weiterhin Imame aus der Türkei einsetzen zu wollen. Wie die Absolventen deutscher Universitäten als Imame angemessen bezahlt werden könnten, ist ebenfalls offen.

Neue Kopftuchdebatten absehbar

Daneben zeichnet sich ein weiteres Problem ab: So wie in Tübingen unter den 36 Erstsemestern 23 Frauen sind, melden auch die anderen Einrichtungen einen Anteil von rund zwei Drittel Studentinnen. Auch im Graduiertenkolleg sind von den bisher sieben Kollegiaten vier Frauen. Die Frankfurter Lehrbeauftragte Aysun Yasar hat darauf aufmerksam gemacht, dass dadurch Enttäuschungen programmiert sind.

Der Imam-Beruf beziehungsweise die Seelsorge in Moscheegemeinden wird aufgrund von deren Sozialstruktur erst einmal keine Option für die Frauen sein. Wenn diese dann nicht nur deshalb studieren wollen, um für eine muslimische Erziehung ihrer Kinder besser gewappnet zu sein, bleibt neben den anderen Tätigkeiten für Absolventen der Geisteswissenschaften, etwa in Kulturinstitutionen oder Medienhäusern, nur der Religionsunterricht.

Je nach Bundesland wird sich da jedoch vermehrt das Problem stellen, dass ein Unterrichten mit Kopftuch, das nicht wenige der Studentinnen durchaus selbstbewusst tragen, zumindest beim Unterrichten des Zweitfachs verboten sein wird. Es ist also jetzt bereits abzusehen, dass in Deutschland wieder Kopftuchdebatten geführt werden.

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