Ein Gespräch mit dem Ostkirchen-Experten Rudolf Prokschi„Es braucht die Bereitschaft, zuzuhören“

Johannes Paul II. hat die Formulierung geprägt, Europa müsse mit den zwei Lungenflügeln westliches und östliches Christentum atmen. In welcher Verfassung sind gegenwärtig die östlichen Kirchen? Wie sieht das Verhältnis der katholischen Kirche zu den orthodoxen Kirchen aus? Ist die volle Einheit in Sicht? Darüber sprachen wir mit Professor Rudolf Prokschi (Wien). Die Fragen stellte Ulrich Ruh.

HK: Herr Professor Prokschi, Sie leiten ein Institut für Theologie und Geschichte des christlichen Ostens, befassen sich also berufsmäßig mit den orthodoxen Kirchen. Was reizt Sie vor allem an diesem Themenbereich?

Prokschi: Mein wichtigstes Anliegen ist die Ökumene. Seit Jahresbeginn leite ich die Ökumene-Kommission der Erzdiözese Wien und gehöre auch dem Ökumenischen Rat der Kirchen in Österreich an. Mir geht es vor allem darum, dass katholische Kirche und Orthodoxie zur sichtbaren Einheit finden. Diese beiden Kirchen sind ja nicht durch wesentliche Unterschiede in der Lehre getrennt, sondern zwischen ihnen stehen letztlich nur organisatorische Fragen, Probleme der kirchlichen Hierarchie.

HK: Die lehrmäßige Nähe von Katholiken und Orthodoxen in der Lehre wird ja häufig ins Feld geführt. Gleichzeitig sind sich diese Kirchen aber doch in vieler Hinsicht fremd, sei es in den Mentalitäten, sei es in der Spiritualität, was auch die gegenseitigen Beziehungen enorm erschwert. Woher kommt das eigentlich?

Prokschi: Es sind zunächst einmal geschichtliche Faktoren, die zu der Kluft zwischen katholischer Kirche und Orthodoxie geführt haben. Man darf nicht vergessen, dass die überwiegende Anzahl der orthodoxen Kirchen jahrzehntelang unter dem kommunistischen System leben musste und es unter diesen Bedingungen gar nicht möglich war, einen ökumenischen Prozess in Gang zu bringen. In früheren Jahrhunderten standen die orthodoxen Kirchen mit Ausnahme der russischen Kirche lange unter osmanischer Herrschaft und konnten sich unter diesen Bedingungen ebenfalls nicht frei entfalten. Dazu kommt aber vor allem, dass sich im Osten von Anfang an ein Christentum entwickelt hat, das anders geprägt war als das westliche.

HK: Was sollte man dann heute als Katholik mitbringen, wenn man sich auf die orthodoxen Kirchen einlassen möchte?

Prokschi: Das Erste und Wichtigste ist eine persönliche Liebe zur Orthodoxie. Es braucht die Bereitschaft zuzuhören, auch wenn man manches nicht versteht, zumindest nicht auf den ersten Blick. Man muss nachfragen und staunen können angesichts alles dessen, was es in der östlichen Christenheit gibt. Wer, wie ich in der westlichen Berichterstattung über die Orthodoxie immer wieder feststelle, mit Vorurteilen an das Thema herantritt, verstellt sich den Zugang. Die Versuchung ist groß, manche Gebräuche und Lebensformen in orthodoxen Ländern und ihren Kirchen mit einem touristischen Blick als hinterwäldlerisch abzutun. Wir machen kulturelle Fremdheitserfahrungen und vergessen dabei leicht, dass entsprechende Gepflogenheiten bei uns vor Jahrzehnten auch noch üblich waren.

„Wir sollten auf Idealisierungen des östlichen Christentums verzichten“

HK: Es gibt aber auch das andere Extrem, dass nämlich von westlichen Christen das östliche Christentum vor allem wegen seiner Liturgie und Spiritualität unreflektiert bewundert, als Sehnsuchtsobjekt verklärt wird ...

Prokschi: Wir sollten auf Idealisierungen des orthodoxen Christentums verzichten. Ein Beispiel: Bei einem Aufenthalt mit einer Reisegruppe von „Pro Oriente“ vor vielen Jahren in Moskau besuchten wir am Vormittag eine „Göttliche Liturgie“, die mit aller Prachtentfaltung gefeiert wurde, und am Abend gab es für die Gruppe dann eine schlichte lateinische Messe ohne Gesang in der katholischen Kirche St. Ludwig. Das war schon ein gewaltiger Kontrast! Viele aus der Reisegruppe waren von der orthodoxen Liturgie begeistert und äußerten die Meinung, wenn bei uns so gefeiert würde, wären die Kirchen wieder voll. Ich halte so etwas für eine ausgesprochene Kurzschlussreaktion. Man kann die Dinge nicht eins zu eins übertragen! Im Übrigen gibt es in der Orthodoxie auch dahingehend Handlungsbedarf, wie man jungen Leuten die Liturgie näherbringen könnte.

HK: Die orthodoxen Kirchen führen mit der katholischen Kirche einen offiziellen theologischen Dialog, der nach längerer Unterbrechung in den letzten Jahren wieder an Fahrt gewonnen hat. Diesen Monat wird auf Zypern das nächste Treffen der Dialogkommission stattfinden. Die bisherigen Ergebnisse des katholisch-orthodoxen Dialogs in allen Ehren: Aber gibt es wirklich begründete Aussichten, dass man auf diesem Weg entscheidend weiterkommt?

Prokschi: Ich stelle mir in letzter Zeit zunehmend die Frage, ob die Verantwortlichen auf beiden Seiten in ihrem tiefsten Inneren wirklich davon überzeugt sind, dass es in absehbarer Zeit zu einer sichtbaren Einheit kommen kann. Natürlich sind große Fortschritte bei den ökumenischen Kontakten zu verzeichnen und wir gehen im Regelfall inzwischen ganz gut miteinander um. Aber es fehlt am Willen, die Einheit nicht erst in hundert oder zweihundert Jahren, sondern schon zu unseren Lebzeiten zu verwirklichen und damit volle eucharistische Gemeinschaft zwischen Katholiken und Orthodoxen zu ermöglichen.

HK: Ungelöst ist zwischen beiden Kirchen ja vor allem die Frage des päpstlichen Primats. Wie könnte eine Verständigung für dieses dornige Problem aussehen?

Prokschi: Man könnte bei der Enzyklika „Ut unum sint“ Johannes PaulsII. ansetzen, in der dazu eingeladen wird, über eine zeitgemäße Ausübung des Primats nachzudenken. Das würde allerdings implizieren, dass sich die katholische Kirche bewegt. Es ist ja völlig klar, dass die orthodoxe Kirche sich nicht im Sinn des vom Ersten Vatikanischen Konzil definierten Jurisdiktionsprimats dem Papst unterstellen wird. In dieser Frage ist von orthodoxer Seite keinerlei Bewegung zu erwarten. Es besteht hier eine katholische Bringschuld, die bisher noch nicht wirklich angegangen worden ist. Auf jeden Fall genügt es nicht, sich über die Rolle des Bischofs von Rom im ersten Jahrtausend auszutauschen und hier eine Verständigung zu suchen. Auch die Schaffung neuer, westkirchlicher Patriarchate, wie sie Professor Joseph Ratzinger in seinen ökumenischen Perspektiven einmal angeregt hat, könnte nur dann weiterhelfen, wenn diese mit eigener Jurisdiktion ausgestattet würden. Entscheidend wäre die Suche nach einem Modell des gesamtkirchlichen Primats für das dritte Jahrtausend. Das müsste ein Primat sein, der synodal-konziliar eingebunden wäre.

„Man hat es mit einem verminten Feld zu tun“

HK: Haben nicht auch die orthodoxen Kirchen in diesem Zusammenhang einige Hausaufgaben zu erledigen? Seit Jahrzehnten laufen die Vorbereitungen für ein Panorthodoxes Konzil, ohne dass eine solche Versammlung aller orthodoxen Kirchen in greifbare Nähe gerückt ist ...

Prokschi: Ein panorthodoxes Konzil wäre dringlich notwendig, weil es jurisdiktionelle Streitfragen innerhalb der Orthodoxie gibt, die sich nur lösen lassen, wenn sich alle Kirchen zusammensetzen. Es genügt nicht, immer wieder die brüderliche Einmütigkeit zu beschwören; es bräuchte vielmehr einen Mechanismus, um zu klaren Beschlussfassungen zu kommen, an die sich dann auch alle halten. Denken Sie an die Probleme der russischen Kirche bezüglich der Orthodoxie in Estland und vor allem in der Ukraine: Die Ukraine ist deshalb ein besonderes Spannungsfeld, weil das Moskauer Patriarchat dort sein größtes Potenzial an Gemeinden und an Priesternachwuchs hat. Dennoch ist letztlich nur schwer zu begründen, warum die Orthodoxie in der Ukraine nicht eine autokephale Kirche werden könnte.

HK: Die Lage in der Ukraine ist dadurch noch komplizierter, weil es dort neben konkurrierenden orthodoxen Kirchen auch eine starke griechisch-katholische, mit Rom „unierte“ Kirche mit einem ausgeprägten Selbstbewusstsein gibt. Die katholischen Ostkirchen befinden sich insgesamt in einer heiklen Situation zwischen Orthodoxie und katholischer Kirche. Was kann daraus im Blick auf die weitere Entwicklung der katholisch-orthodoxen Beziehungen werden?

Prokschi: Es stellt sich die Frage, ob die Unierten eine eigenständige „Zwischenform“ bleiben beziehungsweise noch stärker werden sollen oder ob das Ziel darin besteht, im Fall einer katholisch-orthodoxen Einheit beziehungsweise auf dem Weg dahin ihre Sonderexistenz zu beenden. Darüber wird auch bei den Unierten selber kontrovers diskutiert. Man hat es hier in jedem Fall mit einem verminten Feld zu tun, schon weil sich Jahrhunderte einer wechselvollen und leidvollen Geschichte nicht einfach auslöschen lassen – denken Sie nur an die Union von Brest-Litowsk, die vierhundert Jahre zurückliegt.

HK: Wie sollte sich die „lateinische“ katholische Kirche dann sinnvoller Weise gegenüber ihren „unierten“ Geschwistern verhalten?

Prokschi: Eines scheint mir sicher: Wenn die Unierten wirklich ein Modellfall dafür sein sollten, wie die katholische Kirche mit den Orthodoxen umgeht, müssten wir noch glaubwürdiger die Strukturen der unierten Kirchen respektieren, ihr Eigenleben, ihre eigenen Synoden. Dadurch ließen sich orthodoxe Ängste abbauen. Müssten die Orthodoxen demgegenüber den Eindruck gewinnen, die Verbindung mit Rom würde völlige Unterordnung bedeuten, wäre das eine schwere Hypothek auf dem Weg zur angezielten Einheit. Es ist im Übrigen ekklesiologisch sehr problematisch, dass eine Kongregation der Kurie, nämlich die Ostkirchenkongregation, als Aufsichtsbehörde über die katholischen Ostkirchen fungiert. Sie müssten eigentlich direkt dem Papst unterstehen.

HK: Es gibt doch immerhin ein eigenes kirchliches Rechtsbuch für die katholischen Ostkirchen. Für sie gilt nicht der CIC, sondern der „Codex Canonum Ecclesiarum Orientalium“ (CCEO), der 1990 promulgiert wurde. Ist das nicht ein Schritt in die richtige Richtung?

Prokschi: Nur zum Teil. Einerseits bedeutet dieses Gesetzbuch zweifellos eine Aufwertung der katholischen Ostkirchen. Andererseits wurde zu Recht vielfach kritisiert, dass mit dem CCEO alle katholischen Ostkirchen mit ihren sehr unterschiedlichen Traditionen in ein Gesetzbuch hineingepresst worden sind und dieses dann auch noch in lateinischer Sprache promulgiert wurde. Aber immerhin ist im CCEO beispielsweise die Zulassung verheirateter Männer zum Priesteramt verankert, während in der westlich-lateinischen Tradition an diesem Punkt nicht gerüttelt werden darf.

HK: Nicht nur die katholischen Ostkirchen sind zum Teil ausgesprochene Nationalkirchen. Auch für die orthodoxe Kirche ist die Bindung an eine bestimmte Nation charakteristisch. Dass das problematische Seiten haben kann, wurde zum Beispiel an der serbischen Kirche und ihrer engen Verbindung mit dem serbischen Nationalismus deutlich. Müssten die orthodoxen Kirchen angesichts mancher Verirrungen nicht einem zu eng geführten Verständnis als Nationalkirchen gegensteuern?

Prokschi: Auf jeden Fall. An diesem Punkt könnten übrigens die orthodoxen Kirchen in Zukunft durchaus etwas von der katholischen Kirche lernen: Kirche ist immer auch Weltkirche. Es geht nicht an, eine Nation mit einer ganz bestimmten Glaubensgemeinschaft identisch zu setzen. Gegen zum Teil hanebüchene Argumentationen aus manchen orthodoxen Nationalkirchen muss man immer wieder an den frühchristlichen Diognetbrief erinnern, wo es heißt, dass die Christen in allen Ländern und Völkern leben und auch leben können, weil ihre eigentliche Heimat im Himmel ist. Der Christ ist also nicht an ein bestimmtes Land, eine bestimmte Nation gebunden. Natürlich kam und kommt es im Prozess der konkreten Inkulturation des Christentums zu einer Verbindung mit diesen Größen. Aber die Orthodoxie muss in manchen Ländern sehr aufpassen, dass sie nicht politisch durch nationale oder sogar nationalistische Bestrebungen vereinnahmt wird. Kirche muss bei aller positiven Beziehung zur Nation immer offen bleiben.

„Es geht nicht an, eine Nation mit einer Glaubensgemeinschaft identisch zu setzen“

HK: Die meisten orthodoxen Nationalkirchen mussten bis vor zwanzig Jahren unter kommunistischen Regimen existieren. Sie haben den Kommunismus überlebt, allerdings nicht ohne Schäden, auch mit einem bestimmten Maß an Kollaboration. Wie weit ist denn inzwischen in den orthodoxen Kirchen der unerlässliche Prozess der Aufarbeitung der Vergangenheit unter dem Kommunismus gediehen?

Prokschi: Hier gibt es noch erhebliche Defizite. Es geht nicht darum, jetzt mit dem Finger auf Andere zu zeigen und ihnen vorzuhalten, was sie alles falsch gemacht haben. Aber die Alternative dazu darf nicht darin bestehen, diese Periode totzuschweigen, wie es leider zu oft geschieht. Viele Christen wurden unter dem kommunistischen Regime eingesperrt oder sogar um ihres Glaubens willen getötet, andere haben sich ängstlich weggeduckt, wieder andere haben sich arrangiert. Ich kann im Rückblick aus einer gesicherten Position nicht den Stab über bestimmte Personen brechen und ihnen falsches Verhalten vorwerfen. Aber einfach zu sagen, das sei eben ein Teil der eigenen Geschichte und man wolle das Vergangene ruhen lassen, scheint mir nicht redlich. Hier sind vor allem auch die Intellektuellen in den einzelnen Ländern gefordert.

HK: Es ist ja in manchen Fällen nicht beim Sich-Arrangieren geblieben. Orthodoxe Bischöfe haben offensichtlich auch für den Geheimdienst gearbeitet ...

Prokschi: Jeder, der in der Zeit des Kommunismus ein Bischofsamt erreicht hat, musste in irgendeiner Form Kompromisse machen. Im anderen Fall hätte er keine kirchliche Führungsposition bekommen. Er musste zumindest auf kritische Äußerungen gegenüber dem Regime und speziell angesicht der Benachteiligung und Verfolgung von Christen verzichten. Wenn einzelne Kirchenleute soweit gegangen sind, dass sie Brüder und Schwestern ans Messer geliefert haben, ist das natürlich schlimm.

HK: Es ist teilweise ein Erbstück der kommunistischen Jahrzehnte, dass orthodoxe Kirchenvertreter heute noch massive Vorbehalte gegen den „Westen“ pflegen. Sie halten dem Westen und seinen Kirchen vor, sie seien vom Liberalismus und Säkularismus befallen. Was ist davon zu halten?

Prokschi: Manche Vorwürfe gegen den Westen von orthodoxer Seite sind sicher nicht unberechtigt. Der Säkularisierungsprozess ist eben im westlichen Europa wesentlich weiter fortgeschritten als in der orthodoxen Welt. Aber genau bei den Punkten, die man uns gern kritisch vorhält, müsste man im eigenen Land einmal genauer hinschauen. Denken Sie beispielsweise an die Abtreibungspraxis, nicht zuletzt in Russland. Ich gebe zwar Patriarch Kyrill durchaus Recht, wenn er darauf hinweist, mit den Menschenrechten im westlichen Verständnis könnten göttliche Gebote ausgehebelt werden und deswegen seien sie problematisch. Aber umgekehrt muss man doch die Frage stellen, inwieweit elementare Menschenrechte wie etwa das Recht auf Meinungsfreiheit in Russland schon verwirklicht sind.

„Die Orthodoxie möchte sich in die Europäische Union einbringen“

HK: Vor einigen Jahren hat die Russische Orthodoxe Kirche ein umfangreiches Dokument vorgelegt, das Grundlagen ihrer Sozialdoktrin enthält. Ist es nicht schon ein Fortschritt, wenn sich eine orthodoxe Kirche über die Soziallehre Gedanken macht und damit ihre gesellschaftliche Verantwortung ernst nimmt?

Prokschi: Die „Sozialdoktrin“, oder wie man besser übersetzen sollte, „Sozialkonzeption“ der Russischen Orthodoxen Kirche ist grundsätzlich positiv zu bewerten. Natürlich lässt sich über einzelne Punkte in diesem Dokument diskutieren. So schwingt in den Kapiteln über Kirche und Nation sowie Kirche und Staat noch die Vorstellung mit, eigentlich müsste es doch eine Symphonie zwischen einem orthodoxen Herrscher und einem orthodoxen Patriarchen geben. Das wird als Idealbild gezeichnet, wobei man allerdings sagen muss, dass es in der Geschichte praktisch nie verwirklicht worden ist. In den meisten Epochen herrschten eher Spannungen zwischen staatlichen und kirchlichen Instanzen vor.

HK: In den meisten ehemals kommunistisch beherrschten Ländern leben die orthodoxen Kirchen heute unter den Bedingungen von Demokratie, Marktwirtschaft und kulturellem Pluralismus. Die mehrheitlich orthodoxen Länder Bulgarien und Rumänien sind seit 2007 sogar Mitglieder der Europäischen Union. Wie kommen die orthodoxen Kirchen mit ihrem neuen politisch-gesellschaftlichen Umfeld zurecht?

Prokschi: Einerseits ist es erstaunlich, wie schnell sich die Orthodoxie in den betreffenden Ländern mit der marktwirtschaftlichen Ordnung und ihren Möglichkeiten angefreundet hat. Andererseits gibt es noch gewisse Reserven gegenüber dem demokratischen System. Gleichzeitig möchte die Orthodoxie durchaus etwas in die Europäische Union einbringen. Die Kirchen sind sich allerdings untereinander noch nicht einig; deshalb unterhalten die russische Orthodoxie und die griechische in Brüssel eigene Büros. Auf Zukunft hin käme es aber darauf an, die Kräfte zu bündeln, damit die Orthodoxie in Europa mit einer Stimme sprechen kann. Sie wirbt im Übrigen sehr deutlich um die katholische Kirche als Verbündete: Erzbischof Hilarion vom Kirchlichen Außenamt des Moskauer Patriarchats spricht immer wieder von einer strategischen Allianz zwischen Orthodoxie und Katholizismus im Blick auf die europäische Entwicklung. Man applaudiert in diesem Zusammenhang gern Äußerungen von BenediktXVI. gegen den Relativismus oder seinen Warnungen vor einem moralischen Verfall in Europa. Es lohnt die Mühe, nach Gemeinsamkeiten Ausschau zu halten; dabei muss man sich aber vor Vereinnahmungen in Acht nehmen.

HK: Erzbischof Hilarion ist gleichzeitig ein renommierter orthodoxer Theologe. Ist aber aufs Ganze gesehen die orthodoxe Theologie in Europa eine Größe, die den Vergleich mit der katholischen oder auch protestantischen aushält?

Prokschi: Am Ende der Zarenzeit gab es in der Russischen Orthodoxen Kirche, speziell an der Geistlichen Akademie in St. Petersburg, eine hoch stehende Theologie. Natürlich wurde diese Blüte durch den Kommunismus unterbrochen. Nach der Wende hat man sich zunächst damit begnügt, alte theologische Bücher wieder neu aufzulegen. Inzwischen gibt es etliche junge orthodoxe Theologen, die sehr gut mit der Methodologie und Hermeneutik westlicher Theologie vertraut sind. Natürlich versucht die orthodoxe Theologie gleichzeitig auch, sich abzugrenzen und deutlich zu machen, dass sie sich aus den Kirchenvätern speist und dadurch stärker als die westliche in die Tradition eingebunden ist.

„Alle christlichen Kirchen in Europa stehen heute vor vergleichbaren Herausforderungen“

HK: Aber führt es weiter, auf gegenwärtige Problemstellungen mit Verweisen auf das Denken der Kirchenväter zu reagieren?

Prokschi: Ein solches Vorgehen hat sicher Grenzen. Manche Argumentationen orthodoxer Theologen sind so weit hergeholt, dass sie nicht mehr greifen. Es kann zwar durchaus hilfreich sein, in den Geist der Väter einzudringen und von dort aus auf heutige Probleme zu blicken. Aber ich kann nicht Aussagen von Chrysostomus oder Basilius eins zu eins auf die Gegenwart übertragen und aus ihnen Rezepte ableiten.

HK: Könnte nicht doch die westliche Theologie von der orthodoxen Weise des Theologietreibens etwas lernen?

Prokschi: Die orthodoxe Theologie ist sehr eng mit der Liturgie und ihrer Spiritualität verbunden und durchdrungen von der Hochschätzung des Mysteriums, während wir aus Angst, nicht wissenschaftlich zu sein, die Dinge einseitig rational angehen. Das führt beispielsweise zu exegetischen Untersuchungen, die sich aufs rein Linguistische beschränken und nichts mehr von der geistlichen Dimension der Heiligen Schrift spüren lassen. Hier könnte die orthodoxe Theologie eine gewisse Korrekturfunktion haben. Gleichzeitig könnte die orthodoxe Theologie uns in der Ekklesiologie helfen, das Fundament dafür zu legen, dass das synodale Prinzip, die Konziliarität auch in unseren Strukturen stärker zum Durchbruch kommt, etwa durch eine Aufwertung der Bischofskonferenzen.

HK: Das Christentum in Europa ist durch ein Nebeneinander mehrerer großer konfessioneller Blöcke geprägt, die vermutlich auf absehbare Zeit auch bleiben werden. Seit der Wende ist die Orthodoxie sozusagen wieder voll mit von der Partie. Welche Rolle kann sie zukünftig im europäischen Konzert spielen?

Prokschi: Alle christlichen Kirchen in Europa stehen heute vor vergleichbaren Herausforderungen durch die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung, die längst auch das früher kommunistische Mittel- und Osteuropa erfasst hat und gegen die letztlich keine Abschottung möglich sein wird. In Moskau beteiligen sich heute vielleicht zwei oder drei Prozent der Bevölkerung am Leben der orthodoxen Kirche; das sind nicht mehr und nicht weniger, als am Stadtrand von Wien in der katholischen Kirche aktiv sind. Es gibt in der europäischen Orthodoxie zweifellos beeindruckende Aufbrüche. Aber gerade junge Menschen tun sich doch schwer damit, in einer Kirche heimisch zu werden, die in mancher Hinsicht in überlieferten Formen erstarrt ist.

HK: Es wäre also illusorisch, einen entscheidenden Beitrag für die Zukunftsfähigkeit des europäischen Christentums von der Orthodoxie zu erwarten?

Prokschi: Die Orthodoxie wird zweifellos ein wichtiges Element innerhalb der europäischen Christenheit bleiben und in Ländern wie Bulgarien oder Rumänien auch in Zukunft eine herausragende Rolle spielen. Ein besonderes Augenmerk muss aber auf die inzwischen starke orthodoxe Diaspora in West- und Südeuropa gerichtet werden: Eigentlich müsste in einer oder zwei Generationen ja eine eigengeprägte deutsche oder französische Orthodoxie entstehen, die nicht mehr nur das Auffangbecken für Angehörige eines bestimmten Volkes oder einer Nation darstellt. Wenn das gelingt, sehe ich eine Chance dafür, dass sich die Orthodoxie als eigenständige christliche Stimme neben Katholiken und Protestanten auch außerhalb ihrer Herkunftsländer deutlich bemerkbar macht.

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