Endlich ankommen im eigenen Leben

Was in wirklichen Krisenzeiten wichtig ist: Gut mit sich selbst sein.

„Was soll ich dir tun?“

„Was soll ich dir tun?“, heißt jene kraftvolle Frage meines Lebensfreundes aus Nazareth, die mich seit vielen Jahren nachhaltig begleitet. Wenige Worte, die mich erschüttert haben in einer Zeit, in der ich Tag und Nacht nur für andere dasein wollte. Irrtümlicherweise meinte ich, dass ein unermüdliches Engagement die Kernkompetenz des Christentums sei, bis ich während einer zweijährigen Burn-out-Zeit diese zumutende Frage hörte, die Jesus dem blinden Bartimäus stellte (Markus 10,51). Damit wirft er ihn auf sich selber zurück, auf seine Bedürftigkeit und seine verdrängten Verwundungen. Einfach leben ereignet sich, wenn ich meinem ganzen Leben auf den Grund gehe: der Schönheit und Lebensfreu de, der Verlorenheit und Dünnhäutigkeit. Die lustvoll-leichten Erfahrungen genießen und auskosten können und zugleich annehmen, dass auch durchkreuzte Lebenspläne, alltägliche Enttäuschungen immer zu mir gehören dürfen.
Bevor Bartimäus zu sich selbst erwachen kann, schreit er und als die andern ihn mit gutgemeinten Ratschlägen daran hindern wollen, schreit er noch lauter. Zu einem achtsamen Lebensstil, einer Lebenskunst, in der Liebe und Verzweiflung sich umarmen, darf auch der Schrei nach Mehr, nach einem Leben in Fülle gehören.

 „Endlich“ im doppelten Sinn

Ein einfacher Lebensstil, der sich mit andern in ökologischer Aufmerksamkeit und im Widerstand für mehr Lebensqualität und die Menschenrechte verwirklichen lässt, ist nur glaubwürdig, wenn ich auch endlich sein darf. Endlich im doppelten Sinn: Endlich mich nicht mehr verlieren in einem Aktivismus, in dem ich vor mir selber auf der Flucht bin, sondern im ureigenen Leben ankommen kann, zu dem immer Lachen und Weinen, Erfolg und Scheitern, Angst und Vertrauen gehören darf. Aber auch das ist wichtig: Endlich sein, begrenzt, verletzlich, weil dieses Loslassen von Idealbildern mir ein alltägliches Sterben ermöglicht, dem Leben zuliebe.

„Mein Leben zerrinnt…“

Einfach leben ist keine Methode, sondern eine Grundhaltung, in der ich dem Ursprünglichen, dem Eigentlichen auf die Spur kommen kann. Im preisgekrönten Film „Boyhood“ (2014) von Richard Linklater begegne ich Olivia, einer sympathischkämpferischen Frau – kraftvoll gespielt von Patricia Arquette, die für ihre Rolle 2015 einen Oscar erhielt. Angesichts des Auszugs ihrer Tochter und ihres Sohnes, die zum Studium in eine andere Stadt ziehen, sagt sie mit Tränen in den Augen: „Mein Leben zerrinnt, ich dachte es wäre mehr ...“ Dreimal hat Olivia geheiratet, als alleinerziehende Mutter einen Universitätsabschluss geschafft, und sie ist sogar Dozentin geworden und trotzdem holt sie nun die existenzielle Frage ein „Das soll’s gewesen sein?“ Ganz einfach, sehr authentisch, verdichtet sich für mich in diesem Film- Moment die Herausforderung, nochmals wirklich hinzuschauen und nachzuspüren, was wirklich wesentlich ist im Leben. Glücklich, wer in diesen Zeiten einer heilsamen Verunsicherung, nicht mit Tipps wie „Du musst einfach loslassen!“ bedrängt wird, sondern die befreiende Frage hören darf „Was kann ich für dich tun?“ Ich selber habe Jahre gebraucht, um sie wirklich beantworten zu können.

Beides: glücklich und unglücklich

Der Zugang zu meiner inneren Quelle war zugeschüttet mit vielen Überich- Stimmen, die mich konditionierten auf das, was andere brauchen und mich nicht mehr spüren ließen, was auch für mich in einem einfachglücklichen Leben vorgesehen ist. Mein Selbstwerdungsprozess konnte wachsen, weil ich ganz tief in mir in Berührung kam mit meiner Sehnsucht, auch gut mit mir selbst zu sein. „Liebe deinen Nächsten, er ist wie du“, umschreibt Martin Buber die Einladung, die Selbst-, Nächsten- und Gottesliebe nicht mehr zu trennen. Dank meinem inneren Kind werde ich ein Leben lang ermutigt, endlich einfach leben zu dürfen: gesegnet vor allem Tun, berufen zur Liebe, verwurzelt in einem kämpferisch- gelassenen Widerstand für die Würde aller Menschen, verspielt jeden Tag neu danken und staunen zu können. Einfach gesagt: Glücklich werde ich, wenn ich auch jeden Tag unglücklich sein darf.  

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