Kleine GebetsschuleOrante – Leib und Seele öffnen

Die frühen Christen haben in ihren Katakomben und auf ihren Sarkophagen oft eine betende Frau dargestellt, die stehend und mit aufwärts gerichtetem Blick ihre Hände zum Himmel erhebt. Diese Gebetshaltung nannte man später „Orantehaltung“, und sie wurde zur Personifikation des Gebets. Was kann uns diese Haltung der Urkirche heute noch sagen?

Orante: Leib und Seele öffnen
Der Himmel über mir klärt sich. Ich werde weit und offen.© carmelod - fotolia.com

Mit dem Körper beten

Beten ist für die frühen Christen nicht nur ein geistiger Vorgang in dem Sinn, dass ich in meinem Kopf an Gott denke und ihn um etwas bitte oder für etwas danke. Beten meint auch nicht nur, die passenden Worte zu fi nden. Beten ist ganzheitlich und drückt sich also auch im Leib aus. Die Hände zu Gott zu erheben, ist ein solcher Ausdruck, der auch einer inneren Erfahrung entspricht. Es gibt in allen Religionen solche Gebetsgebärden, die die Beziehung zu Gott im Sinne einer Übereinstimmung von rechter Haltung und innerer Verfassung ausdrücken. Dabei gibt es etwa das Stehen und das Knien, die Verneigung und das Falten oder Verschränken der Hände. Diese Gebärden richten uns auf Gott hin aus, bringen unser ganzes Sein in Beziehung zu ihm. Warum wurde nun in der frühen Kirche gerade die Gebärde der zum Himmel erhobenen Hände als die eigentliche Gebetshaltung angesehen? Welche Erfahrung steht hinter dieser Haltung?

Den Himmel über mir öffnen

Wenn ich die Hände zum Himmel erhebe, in einer großen Schale, die nach oben geöffnet ist, dann fühle ich mich weit. Ich habe das Gefühl: Ich öffne den Himmel über mir. Vom Himmel her strömt Gottes Liebe in mich ein. Ich öffne meinen Leib, damit er von der Liebe Gottes erfüllt und durchdrungen wird. Ich öffne aber auch den Himmel über anderen Menschen. Für viele Menschen ist der Himmel oft verhangen, grau, verschlossen. Indem ich die Hände zu Gott erhebe, drücke ich meine Hoffnung aus, dass sich der verhangene Himmel über den Menschen aufklärt und die Verschlossenheit sich öffnet. Die fürbittende Kraft dieser Gebärde wird in der alttestamentlichen Erzählung vom Kampf der Israeliten gegen die Amalekiter sichtbar. Solange Mose die Hände zum Himmel erhob, siegte Israel. (Vgl. Ex 17,11) Die Gebärde ist also eine Hilfe, damit das Leben der Menschen gelingt und damit neue Hoffnung in ihr Leben strömt. Und es ist Ausdruck der Hoffnung, dass mein Leben gelingt, dass ich alle Kämpfe, die ich durchzustehen habe, auch gewinne.

Ausdruck der Seele

Die Gebärde der zum Himmel erhobenen Hände haben die Christen nicht erfunden, sondern von ihrer Umgebung übernommen. Aber sie haben diese Gebärde mit dem Kreuz Jesu verbunden. Sie wollten in dieser Gebärde Christus am Kreuz nachahmen, der am Kreuz für die ganze Welt betete und Segen erflehte. Origenes, der große Kirchenvater, hält diese Gebärde für den angemessenen Ausdruck der Seele gegenüber Gott. Er schreibt: „Man darf nicht daran zweifeln, dass von den zahllosen Stellungen des Körpers die Stellung mit den ausgestreckten Händen und emporgerichteten Augen allen vorzuziehen ist, da man dann gleichsam das Abbild der besonderen Beschaffenheit, die der Seele während des Gebetes ziemt, auch am Körper trägt.“ Beten heißt für Origenes: die Seele für Gott zu öffnen. Indem wir uns leibhaft öffnen, wird auch unsere Seele sich für Gott öffnen. Der Leib wirkt auch auf die Seele. Ohne Leib kann sich die Seele nicht angemessen ausdrücken.

Innere Weite im Alltag

Wenn ich in der Orantehaltung bete, ist es für mich wichtig, dass ich einen guten Stand habe. Sonst könnte mich die Haltung auch nach oben „wegziehen“. Ich würde vor meinem Alltag fliehen. Es geht darum, meinen Alltag für Gott zu öffnen. Und in dieser Haltung erfahre ich eine innere Weite. Ich frage mich immer: Wie erfahre ich mich selbst und wie erfahre ich Gott in dieser Haltung? Und ich spüre: Ich erfahre mich weit und offen. Gefühle wie Freude und Freiheit werden erfahrbar, depressive Gefühle können sich auflösen. So tut uns diese Gebärde gut. Und wir ahnen auch etwas von der Größe und Weite Gottes. Gott ist der, der uns weiten Raum schafft, der uns in die Fülle führt. Und zugleich fühle ich mich in dieser Gebärde offen für alle Menschen. Der Himmel, der sich über mir öffnet, öffnet sich auch über allen. Wir alle leben unter dem gleichen Himmel. Und der möge uns in sein mildes Licht tauchen und uns innerlich weit und frei machen.

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