Abstract / DOI
The Joys and the Hopes, the Griefs and the Anxieties of the Men of this Age: Diaconic experiences in Pastoral Care in a Situation of Diaspora. In a situation of religious diaspora the Catholic church is confronted with specific challenges and possibilites. Being less a host than a guest in a widely non-religious society she has the chance to develop new forms of pastoral care such as the following: christian «Lebenswendefeiern», a certain ceremony considered as an alternative to confirmation and the former atheistic «Jugendweihe» (Youth consecration) especially in East Germany; new rites of Christian burial and of the Death anniversary, offering places of commemoration for those, who struggle with the hope for ressurection; new perspectives of Church architecture, which allow the inclusion and easy access of the passerby.
Als im Jahr 2008 klar wurde, dass in Leipzigs Innenstadt die neue katholische Propsteikirche gebaut werden kann, stand der Pfarrgemeinderat der Gemeinde vor der Aufgabe zu formulieren, welche Botschaft das neue Kirchengebäude nach außen in die Stadtöffentlichkeit vermitteln soll. Relativ schnell setzte sich dabei der Gedanke durch, das neu zu errichtende Bauwerk nicht allein aus der Gemeindeperspektive zu denken, sondern wesentlich, ja sogar vor allem, «vom Passanten her». Betrachtet man die religiöse Situation der Stadt Leipzig, in der nur noch rund 16% der Bevölkerung einer christlichen Kirche und rund 1% anderen Religionen angehören, bedeutet dieses Denken vom Passanten her, Menschen in den Blick zu nehmen, die mehrheitlich religiös indifferent sind, ein tief verwurzeltes Desinteresse gegenüber religiösen Fragen mitbringen und zum Teil bereits in der dritten Generation keine oder kaum Berührungspunkte zu Kirche und Glauben haben. Dies führt zu einer verbreiteten großen Fremdheit und Scheu gegenüber religiösen Themen und Fragestellungen. Es ist also nicht Atheismus, die aktive und bewusste Ablehnung religiöser Antworten, sondern faktische und eher unreflektiert gelebte Distanz, mit der es das Christentum in Leipzig und darüber hinaus zu tun hat.
Der Pfarrgemeinderat der Propstei in Leipzig warb im Architektenwettbewerb um ein Verständnis dieser vorgefundenen Wirklichkeit und erwartete von den eingereichten Entwürfen, dass sie auf die beschriebene Fremdheit und Scheu gegenüber einem Kirchenbau behutsam eingehen. Der schließlich umgesetzte Siegerentwurf der Architektenbrüder Ansgar und Benedikt Schulz erfüllte auch in diesem Punkt am besten die Erwartungen. Die Lösung für die Aufgabenstellung, das Bauwerk auch vom Passanten her zu konzipieren, ist dabei nicht eine einzelne gestalterische Idee, sondern das Zusammenspiel mehrerer kleiner Einzelelemente. Die Vorbeigehenden «lockt» das Bauwerk zum Beispiel mit einem passierbaren Innenhof zwischen Kirche und Gemeindezentrum, der von zwei so genannten «Brückenbauwerken» gerahmt wird. Durch einen kleinen Brunnen mit Wasserfall und eine aufwendige Gestaltung lädt dieser Innenhof im Stile der in Leipzig weit verbreiteten Passagen zum Durchgehen und Verweilen ein, ohne den Besucher zu vereinnahmen. Wer sich auf diesen Weg zwischen Kirche und Gemeindezentrum einlässt, dem begegnen in beiden Bauwerkteilen große Fensterfronten, die Einblicke in das Gebäude und das darin stattfindende Gemeindeleben ermöglichen. Diese Idee ist gemeindeseitig mit der Hoffnung verbunden, dass die Transparenz und Offenheit Interesse und Neugier wecken und den Passanten ermutigen, das Bauwerk zu betreten. Des Weiteren wurde auf eine klare Abgrenzung des Grundstückes zur Umgebung verzichtet. Stattdessen setzt sich die Fußwegpflasterung im Innenhof fort, so dass der Besuchende nicht bemerkt, ob er sich schon auf dem Grundstück der Kirche befindet oder noch im öffentlichen Raum. Die Übergänge sind fließend, niederschwellig und einladend.
Nach inzwischen rund drei Jahren Nutzung des Bauwerkes durch die Gemeinde hat sich gezeigt, dass diese bauliche Entscheidung, vom Passanten her zu denken, auch eine Vorgabe für das Handeln der Gemeinde ist und sein muss, damit die Architektur nicht ein uneingelöstes Versprechen darstellt. Die bisherigen Erfahrungen zeigen dabei sehr deutlich, dass der nichtreligiöse Passant trotz großen Bemühens um niederschwellige und gut beworbene Angebote die klassischen Gemeindeveranstaltungen eher nicht wahrnimmt. Diese sind und bleiben binnenkirchlich orientiert. Stattdessen gilt es, als Gemeinde eigenständige Formate zu entwickeln, die einen Brückenschlag zum religiös nicht gebundenen Menschen der Stadt ermöglichen. Dazu zählt in der Musikstadt Leipzig natürlich wesentlich ein breit aufgestelltes kirchenmusikalisches Angebot, das über die Gottesdienstgestaltung hinausgeht. Neben der hohen Qualität der kirchenmusikalischen Angebote erweist sich dabei die Entscheidung, keinen Eintritt für Konzerte in der Kirche zu erheben, als passantenfreundlich und hemmschwellenminimierend. Gute Erfahrungen hat die Propsteigemeinde auch mit anlassbezogenen Veranstaltungen gemacht, die mit Kooperationspartnern durchgeführt wurden, die nicht zu den klassischen Partnern einer (ostdeutschen) christlichen Gemeinde gehören. So wurde im Jahr 2015 ein so genannter «Polizei-Dank» veranstaltet, zu dem 100 Beamte eingeladen waren, um ihnen für die zahlreichen und aufreibenden Einsätze im Umfeld der Leipziger Legida-Demonstrationen Dank auszusprechen. Für die meisten Polizisten war dies der erste Kontakt mit Kirche überhaupt. Bereits zum zweiten Mal wurde im vergangenen Advent unter dem Namen «12 nach 12 in der Propstei» eine Mittagsmeditation mit Musik und Impulsen angeboten, wobei die geistlichen Gedanken sich an der jeweiligen Tagesschlagzeile der örtlichen Regionalzeitung orientierten, die das Projekt mit Freiexemplaren und umfangreicher Bewerbung unterstützte.
Neben diesen und weiteren Einzelveranstaltungen wirkt die Propsteigemeinde und ihr Bauwerk in die Stadtgesellschaft aber wesentlich durch einen praktizierten Geist der Gastfreundlichkeit. Dazu zählen die jeden Tag geöffnete Kirche und die zahlreichen und stets kostenlosen Kirchenführungen. Diese ziehen die Besucher über das Interesse am Bauwerk an, führen aber durch die Atmosphäre des Kirchenraumes und die Gespräche häufig zu Fragen über Sinn, Spiritualität und Transzendenz. Daneben steht das Gemeindezentrum allen interessierten Nutzern offen. Über diese Nutzung des Bauwerks kommt die Gemeinde mit vielen gesellschaftlichen Gruppen in Berührung und Austausch, die man mit dezidiert christlichen Gemeindeangeboten nicht erreichen kann. Durch die Begegnung und Kommunikation entstehen dabei nicht selten Ideen für Kooperationen und weitere Zusammenarbeit, die den Weg öffnen für «mehr».
Das Denken vom nicht gemeindegebundenen Passanten her hat sich am Anfang für die Propsteigemeinde als anstrengend erwiesen, weil es für eine christliche Gemeinde bis heute häufig eine ungewohnte Perspektive ist. Das änderte sich mit einer fortschreitenden Einübung und Praxis dieser Denkweise und Haltung. Inzwischen erfährt sich die Propsteigemeinde als reich beschenkt – nicht nur durch ihren immer noch neuen Kirchenbau, sondern vor allem durch die vielen Begegnungen mit den Passanten, die zu Gast sind.