Wenn der lahme Weber träumt, er webe,
Träumt die kranke Lerche auch, sie schwebe,
Träumt die stumme Nachtigall, sie singe,
Daß das Herz des Widerhalls zerspringe,
Träumt das blinde Huhn, es zähl die Kerne,
Und der drei je zählte kaum, die Sterne,
Träumt das starre Erz, gar linde tau‘ es,
Und das Eisenherz, ein Kind vertrau‘ es,
Träumt die taube Nüchternheit, sie lausche,
Wie der Traube Schüchternheit berausche;
Kömmt dann Wahrheit mutternackt gelaufen,
>Führt der hellen Töne Glanzgefunkel
Und der grellen Lichter Tanz durchs Dunkel,
Rennt den Traum sie schmerzlich übern Haufen,
Horch! die Fackel lacht, horch! Schmerz-Schalmeien
Der erwachten Nacht ins Herz all schreien;
Weh, ohn‘ Opfer gehn die süßen Wunder,
Gehn die armen Herzen einsam unter!
* * *
Wie kein anderes berührt mich dieses Gedicht. Tief und erschreckend zugleich, faßt es an mein Herz. Schon als ich vor Jahrzehnten mit ihm bekannt wurde, war ich hingerissen und betrübt zugleich, mehr sogar: die Zeilen haben mich in Schrecken versetzt! Zunächst ist das ein zutiefst melancholisches Gedicht, dessen anfänglich hin- und herströmendes Wagalaweia etwas Einlullendes hat. In trauriger Schönheit fließt es dahin. Jedes der aufgerufenen Wesen, Tiere ebenso wie die Menschen und deren Eigenschaften, sind beschädigt. Die Schöpfung ist nicht nur unvollkommen, sie ist verletzt. Alles leidet an gravierenden Mängeln, die das Leben beschweren. Daher die Flucht in eine Traumwelt, die das Leid zum Verschwinden bringt und auf glanzvolle, aber zugleich anrührend bescheidene Weise die Schäden behebt, das Fehlende ausgleicht und mitunter einen gloriosen Schein darüber breitet.
Ist es nicht wunderbar, wenn eine kranke Lerche, die gewiß dem Tode nahe ist, davon träumt, sie schwebe. Gottlob träumt sie nicht davon, daß sie schwebt. Damit würde die gaukelhafte Leichtigkeit des Traumgebildes sofort zerstört. Wenn eine stumme Nachtigall gar davon träumt, sie singe mit solcher Kraft, daß das Herz des Widerhalls zerspringe, ist das ein Vorbote der gewaltsamem Einschläge, die am Ende kommen. Glas zerspringt, wenn schneidend hoch gesungen wird. So ein Gesang ist dem Schrei nah. Doch die folgenden Zeilen vertuschen zunächst die Gefahr, die da aufklingt, zugunsten eines weiterlaufenden Beruhigungstrotts. Wagalaweia eben oder kunstreiches Schlaflied.
Doch dann! Wird alles, salopp gesagt, von der Platte gefegt. Allein die mutternackt daherlaufende Wahrheit setzt Panik frei. Grell, hell, ein Tanz mit diabolischem Beigeschmack führt ins Dunkel. Alles zuvor Geträumte wird nicht nur über den Haufen gerannt, es kommt noch schärfer mit dem Wechsel der Anrede und der schier unglaublichen Zeile: Horch! die Fackel lacht, horch! Schmerz-Schalmeien … Diese Schalmeien gellen durch eine aus allen süßen Träumen gerissene Nacht. Brentanos Schlußzeile hat die Kraft, das trauergeneigte Gemüt eines Menschen, der sich von dem Gedicht forttragen läßt, in tiefe Melancholie zu stürzen.
Man zeige mir bitte ein Gedicht von so leidenschaftlicher Kunstfertigkeit, das mit den Gefühlen der Menschen derart radikal umspringt und dabei mit einem Sprung im katastrophalen 20. Jahrhundert landet. Die aufgetummelten Dichtungen vor und nach den bitteren Erfahrungen des Ersten Weltkrieges nehmen sich im Vergleich dazu schwächlich aus. Auch wenn sie das Getöse der Kanonen und die zerfetzten Leiber noch so wortreich, verkargt oder silbenzerstückelt herbeschwören – dem Dichter Brentano können sie nicht das Wasser reichen. Zumindest nicht in bezug auf den radikalen Umschwung von einem zauberischen Wiegenlied der Melancholie in die Katastrophe.