Das Gebet – selbstverständlich fremd

Das Gebet ist der vielleicht einzige Gestus des Menschen, der intim-privat und zugleich öffentlich ist, mystisch-personal (nicht notwendig persönlich) und rituell-geformt, oft anonym, gesellschaftliche Konvention und gemeinschaftsbildend, und in alledem in fast allen Kulturen völlig selbstverständlich. Seltsamerweise ist das Gebet im modernen Westeuropa schier unerschwinglich geworden.

Es ist, als ob da etwas verschüttet wäre, der Tiefengolfstrom im inneren Selbst der Menschen, eine gute Gewohnheit zwischen ihnen. Vor allem aber gibt es kein Gottesbild mehr, das zum Gebet einladen oder gar nötigen könnte. Gott ist in ein anonymes ‹Vielleicht›, einen agnostischen Nebel eingetaucht, kosmisch zu entlegen und tiefenpsychologisch fragwürdig. Und wie soll sich der demokratisch-kommunikative, vielperspektivisch fühlende Mensch mit der einen göttlichen Macht, einer Zentralperspektive, dem einen Fluchtpunkt des Daseins anfreunden – fast unausdenkbar. Und so fallen die Predigten und Gebete wie erfrorene Vögel von den Kanzeln und wärmen niemanden mehr.

Und doch glimmt da unter der Asche ein wenig alte oder neue Glut: ein Bedürfnis nach Spirituellem, womit eine Tiefenschicht im Selbst und eine Urverbundenheit mit den Menschen aller Religionen und Kulturen angestrebt sein könnte. Es gibt viele kleine Formen der Sammlung, der Mystik, des Ankommens eines Umfassenden, des Sich-aufgehoben-Wissens… Kerzen werden entzündet, Blumenkränze niedergelegt, Friedensreigen gebildet, Stoß- und Dankgebete im Inneren zugelassen, und manche Grenzerfahrungen der Trauer oder Freude rufen nach einer rituellen Fassung.

Angesichts dieser ambivalenten Lage, die ein Theologe wie Romano Guardini schon vor 70 Jahren analysiert und auf einen kargen Glauben hin gedeutet hat (so in Ende der Neuzeit), müssen wir in eine Art von Sonder- und Anfängerschule gehen, um das ABC von Gebet und Glaube neu zu lernen. Im Christentum wird man nie Meister, man bleibt Anfänger, übt sich ein, beginnt mit dem Elementaren, mit dem Lesen, Beten, Tasten, Entdecken. Schon Benedikt von Nursia hat mit seinen Klöstern im 6. Jahrhundert, also inmitten der Völkerwanderungszeit, solche Schulen und Werkstätten des religiösen Lebens gründen wollen. Und Guardini hat auf unsere Lage mit Büchern über Literatur und Religion, mit phänomenologischen Annäherungen an den Glauben und einer ‹Vorschule des Gebetes› reagiert. Da geht es tastend zu, von natürlichen Gebärden und Haltungen aus; und einem weiten Begriff von Gebet als Sammlung, also nicht sofort dialogisch oder gar als Bittgebet verstanden, sondern als Einübung in Gegenwart und Erhebung der Seele, dessen, was einen Menschen ausmacht, ihn einmalig und leuchtend wie verwundbar sein lässt, auf Gott hin.

Gehen wir einmal einen solchen Weg nach, um die verschiedenen Bauelemente und Umschreibungen des Gebetes zu erahnen. Seine Grunddefinition könnte lauten: es ist der Versuch (auch im Sinn von Experiment, Labor), dem Leben eine Fassung zu geben, vor, in, mit, zu mir selbst und der Gemeinschaft hin – und in, vor, mit Gott und auf ihn zu. Alles Gebet unterbricht den Alltag. Schiebt sich dazwischen, öffnet eine Luke ins Weite oder Tiefe oder Hohe. Deshalb sind seine Urorte die Wüste (der schweifende, ortlose Gott, der mit den Menschen zieht, gar in Zelten), der Berg (der erhabene Gott, der weiter reicht als alle Horizonte), die Höhle (der Gott des Innen, der Einkehr, der Opfer, die das Jagdglück garantieren und sühnen, in dem man sich ein distanziertes Bild vom Leben macht, wie in der Höhlenmalereien der Vorzeit). Und unsere Kirchen sind symbolische Räume jenseits aller Funktionalität: zu hoch, zu weiträumig…

So entstehen Möglichkeiten anonymen und expliziten Gebetes: Der Mensch findet sich vor bei sich selbst, vor sich selbst, in sich selbst, es entsteht ein atmender Spielraum zwischen mir und mir, mir und dir, mir und der Welt, ein Ort der Reflexion und Sammlung dessen, was durch den Kopf und das Gemüt geht. Ein solcher Raum ermöglicht das Hören auf mich selbst, die oft erdrückende oder diffuse Wirklichkeit, einen Text, ein Lied; der Mensch erlernt die Kunst, sich etwas gesagt sein zu lassen. Oder es wird ihm eine Schau zuteil, ein Bild, eine Eingebung, ein Motiv, das ihn motiviert. Oder er findet sich in einem Rhythmus von Empfangen und Geben vor: Wirklichkeit wird neu aufgenommen und zugleich freigegeben.

Unterbrechung, Öffnung und Weitung, Sammlung, Aufgenommensein, Wandlung. Das wäre der Reigen anfänglichen Betens. Aus solchem Sich-Einfinden mag der Mensch die Freiheit des freien Wortes finden, er kann sein Herz ausschütten, sich aussprechen, sein Leben in Not und Glanz erzählen, ausbreiten vor sich selbst und seinem Gott. Vielleicht zunächst ins Leere, Weite, Spurlose hinein; in einem solchen nachdenklichen Erzählen erwirkt sich eine Biographie, gewinnt ein Leben sein Gesicht, seine Zeichnung. Gebet ist in alldem Frömmigkeit des Gedenkens, des Andenkens, des Inneseins, welche rechtes Denken und Danken ermöglicht, jene Andacht, in welcher sich (nach Hegel und Heidegger, Buber, Rosenzweig und Cohen, wie Richard Schaeffler sie interpretiert) Religion und Philosophie von ferne grüßen und manchmal begegnen.

Aus und in alldem mag dann der Reigen der klassischen Gebetsformen anheben und Kontur gewinnen. Zuerst das Lob, die Preisung, der Dank. Aufrichtiges Denken ist nicht ohne den langen und weiten Atem der Rühmung, der Hommage zu verstehen, im Blick auf das eigene Leben, die anderen Menschen, die Welt und Gott. Nur in diesem Licht kann man ihnen gerecht werden, so denken die Psalmen, Pindar, Thomas von Aquin (der seinen Traktat über das Gebet in die Mitte seiner Darlegungen zur Gerechtigkeit verlegt), Hölderlin und Rilke. Und so hebt das Lukasevangelium an, wo die Gebete der Kirche (Benedictus, Magnifikat, das Gloria, das Nunc dimittis des greisen Simeon) aus dem Geist der Geburtserfahrung entstehen. In diesem Raum der Rühmung mag dann auch die Klage gehen, denn unser Leben ist immer zu eng, bedrückt, angsterfüllt und zu weit, wir kommen mit ihm nicht zu Rande. Damit wir nicht in Kläglichkeit versinken oder uns in Ressentiment und Anklage hinein versteifen, braucht es die Einklage vor Gott, mit Jeremias, Hiob, Jesus und vielen großen Betern bis zu Joachim Klepper und Dietrich Bonhoeffer. Aus Lob und Klage ergibt sich das gemäße Bittgebet: Lass mein/unser Leben nicht zerbrechen, entzweigehen, vielmehr seine Würde bewahren und die Erschlossenheit zum göttlichen Bereich. Das scheint mir das Wesen der Bitte, auch der Fürbitten füreinander. Endlich mündet solches Beten in die Überlassung, die Anheimgabe: «in deine Hände befehle ich meinen Geist». Da wird selbst die Todesnot zu einer Stunde möglicher Neugeburt. Wie schon die Geburt, das Zur-Welt-Kommen, in ihren Wehen, Schmerzen, im Ausgestoßenwerden aus dem bergenden Schoß etwas vom Tode wusste. Vielleicht lässt die im Leben häufig durchlaufene Ambivalenz, der bleibende Doppelcharakter von Geburt und Tod, den Menschen zum Gebet finden: Denn es ist zu viel an Tod in aller Geburt, und vielleicht auch Verheißung und Aufgang von neuem Leben in allem Sterben.

Solches Gebet vollzieht sich in Gott, der zugleich im Geist in uns seufzt, jubelt, aufbrechen will. Vor Gott, mit ihm auf dem Weg, manchmal gegen ihn und sein Rätsel, auf ihn zu. Dabei ist er mal wie ein weiter Horizont, der mit uns geht, mal eine Wand, gar eine Klagemauer, in deren Ritzen der Mensch die Kassiber seines Gebets schiebt, mal ein Atemraum, in dem wir uns bewegen, eine Instanz, vor der wir erscheinen, ein Wort, das uns angeht, ein Trost, endlich gar ein Antlitz; er ist verweisendes ER, raumgebendes WIR und Zwischen, anonyme Gegenwart, einbrechendes, einschneidendes Wort, erleuchtendes oder blendendes Licht, Blitz, Flamme, im Geist auch Atem, Wind, Feuer, Eros, Umarmung, Anwalt, Tröster, Heilung, Klang- und Resonanzraum, endlich bisweilen ICH-DU, von dem her ich mich verstehe, oder WIR, in dem wir uns gemeinsam vorfinden und singen.

Es ist nicht hilfreich, Gott von vornherein personal als DU anzurufen und erfahren zu wollen, denn es gibt alle diese Formen. Und Gott zu duzen, ist ja nicht harmlos; andere Sprachen haben das ER, das VOUS (SIE-IHR) und eröffnen damit weitere Spielräume höflichen Umgangs mit dem «göttlichen Bereich» (Teilhard de Chardin). Zugleich ist zu bedenken, dass der christliche Gott kein Ein-Mann-Betrieb ist, sondern eher ein demokratischer Gott (Herman Melville, Kurt Marti) vieler Perspektiven, ein Raum der Aufnahme des Anderen, der Freundschaftsfähigkeit, wie er schon in der großen mittelalterlichen Theologie und Mystik beschrieben wird, bei Bernhard und Richard von St. Viktor, bei Thomas und Bonaventura, bei Theresa von Avila und Johannes vom Kreuz, bei Mechthild von Magdeburg, von Böhme bis Tersteegen. Spuren solcher Christus- und Gottbilder finden wir in den Gesangbüchern: Gott ist gegenwärtig; Ich steh an deiner Krippen hier; die vielen Advents- und Christushymnen, etwa von Angelus Silesius, oder unter unseren Lebensbedingungen die Lieder von Huub Oosterhuis: Wir stehn vor dir mit leeren Händen; Herr, fremd wie dein Name sind mir deine Wege…

Kehren wir an den Anfang des Christentums zurück, den Emmausgang. Die Jünger finden in ihrer Verzweiflung den Mut, einander alles zu erzählen, den Fremden, den Dritten zwischen sich einzulassen, ihn zu befragen, ihm zuzuhören, sich berühren zu lassen, ihn bei sich zu empfangen, ihn zu erkennen und sich auf eine unerhört neue Bahn setzen zu lassen. Und Jesus, er lässt sich verkennen, die ganze Geschichte noch einmal neu erzählen, die er längst bestanden hat; er geht mit ihnen ihre religiöse Wandlung vom Gott des Alten Bundes bis zur Schwelle von Ostern noch einmal durch, um die Vision eines anderen, im Leide begegnenden Gottes in ihnen zu wecken, lässt sich einladen, im Zeichen ahnend erkennen, um sich dann zu entziehen, damit sie auf ihren Weg gesetzt werden.

Gebet ist gefasstes Leben, Leben als Wandel und Wandlung – auf Gott zu, vom Christus der Schrift geleitet und vom Geist animiert. Und das alles in der Tiefe und Weite einer Erfahrung, dass die Menschen einander nahe und ähnlich sind, sie sich verstehen durch die Zeiten und Räume hindurch. Weshalb das Gebet selbstverständlich ist und immer neu entdeckt, freigelegt werden muss, intim-privat und gemeinschaftlich, öffentlich: eine Urgebärde menschlichen Lebens und Geistes und ihrer entbundenen Freiheit.

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