Während bis in die 1960er Jahre über 90% der Deutschen einer Kirche angehörten, liegt der Anteil der Konfessionslosen in ganz Deutschland heute bei über einem Drittel der Bevölkerung. Die Christen stellen zusammen nur noch gut die Hälfte (katholisch: 28,5%; evangelisch: 26,5%). Diese quantitative Verteilung ist zugleich eine regionale: Während im Westen und Süden Deutschlands konfessionelle Diasporasituationen mit unterschiedlichen konfessionellen Mehrheiten herrschen, besteht in Teilen Nord- und Mitteldeutschlands sowie im Osten eine religiöse Diasporasituation. Hier bilden katholische und evangelische Kirchenmitglieder zusammen ein Fünftel bis maximal ein Viertel der Bevölkerung. Ostdeutschland ist damit eine der am stärksten säkularisierten Regionen Europas. Konfessionslosigkeit ist in der ehemaligen DDR auch ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall die Regel, nicht die Ausnahme. Die junge Generation, die nach der Überwindung des SED-Regimes durch die friedliche Revolution geboren worden ist, bekundet in ähnlich hohem Ausmaß wie die Generation ihrer Eltern, nämlich mit einer Mehrheit von über 70%, noch nie an die Existenz Gottes geglaubt zu haben. Nirgendwo außer in Japan ist die Zahl derer, die einen persönlichen Gott bekennen, geringer als in den ostdeutschen Bundesländern (8% der Bevölkerung). Auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik glaubt immerhin 32% der Bevölkerung, d.h. fast die Hälfte der Christen, allerdings auch nicht mehr, an einen persönlichen Gott. Während dort der Schritt in die Konfessionslosigkeit weiterhin ein Schritt der Abgrenzung gegen eine Mehrheitskultur der Kirchenmitgliedschaft bedeutet, ist Konfessionslosigkeit in den ostdeutschen Bundesländern ein Zustand, der seit mehreren Generationen andauert, als normal empfunden wird und gesellschaftlich legitimiert ist. Kein Verhältnis zu einem religiösen Glauben zu haben ist hier nicht weiter rechtfertigungsbedürftig, nicht einmal erwähnenswert. Die Gottesfrage ist für die meisten Menschen in Ostdeutschland keine Frage. Religionslosigkeit ist hier deshalb keine dramatische Abkehr von einem verlorenen oder verworfenen Gott. Not lehrt hier weder beten noch mit Gott zu hadern. Religiosität ist in dieser Gegend schlicht keine Kategorie der Selbstdefinition, weder durch Zustimmung noch durch Abgrenzung. Eberhard Tiefensee beschreibt die Auswirkungen der geringen Konfessionszugehörigkeit in den neuen Bundesländern folgendermaßen: «Ohne Konfession heißt mehr als nur fehlender Kirchenkontakt. Ein schwer genau zu beziffernder Anteil – wahrscheinlich der größte – hat auch keinen direkten Kontakt mehr zum Christentum und ist darüber hinaus sogar religiös unmusikalisch.»1
Auftrag und Wesen der Kirche ist aber hier wie dort derselbe: In Wort, Tat und Gebet Jesus Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen, zu verkünden. Christliches Leben und Selbstverständnis nimmt allerdings aufgrund der besonderen, mehrheitlich nichtreligiösen Situation in Ostdeutschland andere Gestalten an als in den (post-) volkskirchlichen Gebieten West- und Süddeutschlands. Religiöse Symbolik, kirchlicher Jargon und überkommene pastorale Formate sind weitgehend unverständlich. Sofern sie nicht unter sich bleiben, treten die Kirchen in gewisser Weise aus der gewohnten Rolle des Gastgebers heraus und in die Rolle eines Gastes im Leben ihrer nichtgläubigen Mitmenschen hinein. Sie sind auch im Osten als «schöpferische Minderheit» (Bischof Gerhard Feige) von der Wiege bis zur Bahre diakonisch präsent, erfahren sich dabei aber stärker als in kirchlich sozialisierten Regionen als Lernende und Befragte. Seit der Wendezeit wurde eine Reihe innovativer Projekte entwickelt und erprobt, in denen Christen Nichtchristen rituelle und interpretative Begleitung im Leben, Reifen und Sterben anbieten. Es gibt Segensfeiern für Neugeborene in Krankenhäusern und nichtsakramentale kirchliche Alternativen zur Jugendweihe, Segnungen für Paare am Valentinstag und das Erfurter Weihnachtslob für Menschen ohne religiöse Vorerfahrungen. Neue Architektur schafft neue Möglichkeiten kirchlicher Präsenz und Zugänglichkeit in einer säkularen Stadt. Wichtige Erfahrungen machen Menschen schließlich in diversen kirchlichen Angeboten zum Umgang mit Sterben und Tod, etwa durch die nicht an einen Taufschein gebundene Urnenbestattung in einem Kirchenraum und durch Feiern des namentlichen Totengedenkens für Menschen, deren Angehörige anonym bestattet worden sind. Solche «Ritendiakonie» will ausdrücklich nicht vereinnahmen, sondern die christliche Option in gelebtes Leben von Nichtchristen einspielen. Sie hat zweifellos eine missionarische Dimension, verfolgt aber keinen missionarischen Zweck. Sie entspringt dem Bewusstsein christlicher Verantwortung für diese Welt. Sie ist im besten Sinne des Wortes Ausdruck nachbarschaftlicher Solidarität und christlicher Verbundenheit mit den nichtchristlichen und nichtreligiösen Zeitgenossen.
Drei Beispiele aus den ostdeutschen Diözesen Magdeburg, Erfurt und Dresden-Meißen mögen solche christlich-diakonische Zeitgenossenschaft der katholischen Kirche in einer weitgehend säkularen Welt veranschaulichen: Kirchliche Lebenswendefeiern in Halle an der Saale (Diakon Reinhard Feuersträter), das monatliche Totengedenken im Kolumbarium der Allerheiligenkirche in Erfurt (Weihbischof Reinhard Hauke) und architektonische und pastorale Konzepte der neuen Leipziger Propstei St. Trinitatis (Propst Gregor Giele).