Diakonische Kirche unter den Bedingungen der Diaspora

Abstract / DOI

The Diaconate as a Dimension of the Diaspora Church. The Church is and must be the sacrament of salvation and the sacrament of the unity of mankind among each other and with god. The three dimensions martyria, diakonia and liturgia illustrate the sacramentality of the church, ever concidering the precise social and religious surroundings of Christians. In contrast to the life of the Church in a situation of majority, the religious diaspora may require particular forms, especially a basically «diaconic» attitude of Christians living as a «creative minority.»

«Ist nicht die Zeit gekommen, dass die Kirche hier – zumindest in ihrer bisherigen historischen Form – im Sterben liegt? Und was kann sie aus ihrem Erfahrungsschatz jenen vermachen, die vielleicht einmal wieder an sie anknüpfen werden?»1 So fragt der tschechische Priester, Psychotherapeut, Soziologe und Religionsphilosoph Tomáš Halík, der gegenwärtig als einer der wichtigsten Gesprächspartner zur Erneuerung von Kirche und Pastoral unter den Bedingungen einer säkularen Moderne gilt. Er rät, genau zu unterscheiden zwischen einer in die Jahre gekommenen kirchlichen Sozialgestalt und ihrem Auftrag, zwischen gewohnten Strukturen und ihrer Sendung. Ein hilfreiches Instrument, diese Differenzierung durchzuführen, bietet die Zusammenstellung dreier Charakteristika des Christseins, das sich im Glaubenszeugnis, im caritativen Engagement und im Gebet vollzieht. Diese Trias ist weniger alt als gemeinhin gedacht (1). Das II. Vatikanische Konzil hat sie zumindest in Form einer verwandten Zusammenstellung aufgegriffen (2). Martyria, Diakonia und Liturgia lassen sich gleichwohl als schlüssige Entfaltungen des sakramentalen, im Grundsatz exzentrischen Kirchenbildes des Konzils verständlich machen (3). Aber was bedeutet es, in postvolkskirchlichen Zeiten, in säkularer Gesellschaft Kirche zu sein? Bereits 1959 hat Karl Rahner die Diaspora als Normalfall kirchlicher Existenz erkannt (4). In den ostdeutschen Diözesen ist diese von Rahner noch theoretisch beschriebene Situation seit langem vertraut. Hier geht es nicht darum, angesichts eines galoppierenden Abbruchs an Personal und gesellschaftlichem Rückhalt traditionale Relikte einer wirtschaftlich weiterhin vergleichsweise potenten und bürokratisch überversorgten Volkskirche zu «retten» oder abzuwickeln. Die Herausforderung besteht hier vielmehr darin, in einer seit Generationen bestehenden religiösen Minderheitensituation dennoch diakonisch Kirche zu sein (5).

1. Martyria – Diakonia – Liturgia

Alle Lebensformen der Kirche überhaupt sind eingeschlossen in dem dreifachen Amt, das der Kirche von ihrem Ursprung her aufgetragen ist, dem Amt des Zeugnisses und der Lehre, dem Amt des Gebetes und der Sakramente, dem Amt der Liebe und der geordneten Gemeinschaft; biblisch gesprochen2 dem Amt der martyria, der leitourgia und der diakonia. Dies dreifache Amt der Kirche näher zu beschreiben und die inneren Beziehungen dieser drei Bereiche aufzudecken, hieße nicht weniger als die Gesamtheit alles kirchlichen Lebens und Handelns darzustellen.3

So formulierte es 1940 Wilhelm Stählin, der spätere evangelisch-lutherische Bischof Oldenburgs, bekannt durch den u.a. nach ihm benannten Jaeger-Stählin-Kreis, der für die katholisch-lutherische Ökumene eine bedeutende Rolle spielen sollte. Seine Schrift «Bruderschaft», aus der das Zitat stammt, reflektiert die Bedingungen der in der evangelischen Kirche im 20. Jahrhundert vielfältig aufbrechenden Bewegungen gemeinsamen Lebens. Er war Mitbegründer der Evangelischen Michaelsbruderschaft, die 1931 aus der Berneuchener Bewegung entstanden ist und sich bis heute durch hohes liturgisches und ökumenisches Engagement auszeichnet. Im Umfeld dieses Konvents wurde die Trias Martyria – Diakonia – Liturgia wahrscheinlich erstmals formuliert und als kirchliches Leitwort erprobt.4

2005 hat Benedikt XVI. in seiner Enzyklika Deus caritas est den nämlichen Gedanken ganz ähnlich gefasst:

Das Wesen der Kirche drückt sich in einem dreifachen Auftrag aus: Verkündigung von Gottes Wort (kerygma – martyria), Feier der Sakramente (leiturgia), Dienst der Liebe (diakonia). Es sind Aufgaben, die sich gegenseitig bedingen und nicht voneinander trennen lassen.5

Die Trias hatte in der Zwischenzeit, konfessionell betrachtet, ein eigenwilliges Schicksal erlebt. «Evangelisch ‹totgeschwiegen› – katholisch rezipiert»6, war sie im Vorfeld des II. Vatikanum in informellen ökumenischen Dialogen über das Kirchenschema evangelischerseits eingebracht worden.7 In den Konzilstexten selbst ist sie immerhin der Sache nach, allerdings nicht in terminologischer Ausdrücklichkeit zu finden. Theologie, synodale und pastorale Praxis der Nachkonzilszeit forcieren das Dreiergefüge jedoch wieder stark, sodass es heute ganz selbstverständlich als Ausdruck des konziliaren Kirchenverständnisses herangezogen wird:

Das sakramentale Wesen der Kirche gliedert sich in drei sakramentale Grundvollzüge: die Ausübung des prophetischen Amtes in der Martyria, des priesterlichen Amtes in der Leiturgia und des königlichen Amtes in der Diakonia.8

Auch in der Pastoral dienen Bekenntnis, Caritas und Liturgie als heuristisches und konstruktives Leitbild:9 Sie gelten als die zentralen Dimensionen des Christseins, sie strukturieren Erstkommunion- und Firmkurse und pastorale Erneuerungsprozesse auf Gemeinde- und Bistumsebene. Immer wieder wird deutlich (gemacht): In Glaube, Bekenntnis und Verkündigung (Martyria), in praktizierter Nächstenliebe, individueller und organisierter Caritas (Diakonia), in Gotteslob, Gebet und Gottesdienst (Liturgia) geschieht Kirche. Hier erkennt sie ihre tragenden Säulen, ihr Wesentliches, das, wovon sie glaubt, dass sie es von Gott her tun und sein soll.

2. Apostolischer, königlicher und priesterlicher Dienst aller Getauften

Zwar werden Martyria, Diakonia und Liturgia im II. Vatikanischen Konzil nicht explizit zu einem Dreiergefüge zusammengestellt. Ausführlich wird jedoch ein verwandtes Gefüge, das munus triplex Christi, entfaltet und stark gemacht. Beide Ternare fußen auf demselben theologischen Fundament. Es geht um «kirchliche Handlungsmuster, in denen sich das Wirken Christi spiegelt und die deshalb unverzichtbar sind»10. Den kirchlichen Diensten der Verkündigung, der Leitung und der Heiligung misst das Konzil «sakramentale Dignität»11 zu. Es geht um eine Verschränkung von Christologie bzw. Soteriologie und Ekklesiologie. In allen drei Dimensionen konkretisiert sich, so die Überzeugung, das Heilswerk Jesu Christi, der Prophet, König und Priester genannt wird (z.B. Hebr 5, 1–5). Seit der Patristik werden diese Christus-Titel herangezogen, um die Würde derer zu beschreiben, die Christus durch die Taufe verbunden sind. Biblische Referenz ist 1 Petr 2, 9f 12:

Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.

In der Neuzeit hatte man diese drei «Ämter» Christi in römisch-katholischer Lesart statt zur Beschreibung der Taufwürde v.a. zur Beschreibung des ordinierten Amtes herangezogen, also – mit entsprechender theologischer Fallhöhe – soteriologische Fragen eng mit amtstheologischen verknüpft. Das Konzil korrigiert diese sazerdotale Engführung des ordinierten Amtes und macht das dreifache Amt Christi wieder gesamtkirchlich fruchtbar: Durch die Taufe sind alle Gläubigen Christus einverleibt und seines prophetischen, königlichen und priesterlichen Amtes in gleicher Weise teilhaftig geworden (Konsequenzen für die Ökumene der Getauften wären erst noch zu ziehen). Das ist, wie Ludwig Schick gezeigt hat, ein echtes Novum13 in der lehramtlichen Rezeption der tria munera, das nurgegen Widerstände Eingang in die Konzilsdekrete gefunden hat.14 Martyria, Diakonia und Liturgia sind originäre Kompetenzen und Aufgaben aller Christen. Weder müssen die Getauften dazu durch einen Amtsträger ermächtigt werden noch kann eine Gemeinde diese Aufgaben an einen Kleriker delegieren und sich selbst davon freistellen.

Das bekannteste und am stärksten rezipierte der drei gesamtkirchlichen Ämter ist das so genannte gemeinsame Priestertum, also der kirchliche Grundvollzug der Liturgie:

Christus, der Herr, als Hohepriester aus den Menschen genommen, hat das neue Volk «zum Königreich und zu Priestern für Gott und seinen Vater gemacht» (Offb 1, 6; vgl. 5, 9f ). Die Getauften werden nämlich durch die Wiedergeburt [d.h. die Taufe] und die [Tauf-] Salbung [resp. Firmung] mit dem Heiligen Geist zu […] einem heiligen Priestertum geweiht [sic!: consecrantur], damit sie durch alle Werke eines christlichen Menschen geistige Opfer darbringen […]

Das gemeinsame Priestertum der Gläubigen aber und das amtliche bzw. hierarchische Priestertum sind, auch wenn sie sich dem Wesen und nicht bloß dem Grade nach [essentia non gradu]unterscheiden, dennoch einander zugeordnet; das eine wie das andere nämlich nimmt auf seine besondere Weise [suo peculiari modo] am einen Priestertum Christi teil. (LG10)

Der jeweilige Modus, in dem Christen ihre Teilhabe am Priestertum Jesu Christi ausüben – als Getaufte oder als Amtsträger – ist eine nachträgliche, erst kirchenintern bedeutsame Differenzierung. Für die Gesellschaft, sofern sie nicht Kirche ist, ist diese Unterscheidung zwischen Nichtgeweihten und Geweihten irrelevant.15 Das ordinierte Amt dient dazu, dass Kirche Kirche sein kann. Dem Amtsträger wird durch Gebet und Handauflegung in der Weihe eine Vollmacht übertragen, die ihn dazu ermächtigt, der Gemeinde in persona Christi (capitis) gegenüberzutreten und ihr das zuzusagen, was er aus eigener Kraft gerade nicht gewährleisten könnte.16 Es hebt den Geweihten nicht graduell vom Nichtgeweihten ab, als seien Diakon, Priester und Bischof durch die Weihe die frömmeren, klügeren oder anderweitig «besseren» Christen oder als könnten sie irgendeinen heilsrelevanten Vorteil für sich verbuchen. Der Priester ist im Christentum kein Kultpriester; er hat keinerlei mittlerische Qualität. Einziger Mittler (1 Tim 2, 5) ist Jesus Christus, dem die Getauften durch die Taufe, nicht kraft Zuwendung durch einen Geweihten, angehören.

Was für die priesterliche bzw. liturgische Dimension der drei Ämter Christi gilt, lässt sich analog für das prophetische und königliche Amt bzw. die Dimensionen der Martyria und Diakonia durchbuchstabieren. Die Kirchenkonstitution des Konzils spricht beides, wenn auch nicht in gleicher Ausführlichkeit, an:

Christus, der große Prophet […], erfüllt […] sein prophetisches Amt nicht nur durch die Hierarchie, die in seinem Namen und in seiner Vollmacht lehrt, sondern auch durch die Laien, die er […] als Zeugen einsetzt» (LG 35,1).

Im grundlegenden Teil von Lumen gentium war diese gemeinsame Teilhabe am munus propheticum Christi durch den (con-)sensus fidelium und die Inerranz der Gesamtkirche, die «im Glauben nicht fehlgehen» (LG 12,1) kann, konkretisiert worden.17 Das gemeinsame Königtum und sein Pendant, die diakonale Dimension der Kirche, in der Jesu heilendes Wirken bis in die Gegenwart hinein geschieht, ist in Lumen gentium leider nur angedeutet. Es ist von der «königlichen Freiheit» (LG 36,1) der Jünger Jesu die Rede, kraft derer die Gottesherrschaft erkannt und anerkannt werde, auf dass die Welt im Sinne des Evangeliums gestaltet werde und eine geschwisterliche Gemeinschaft unter den Menschen wachse (GS 3).

3. «Auch Diakonie verkündigt, auch Liturgie muss diakonisch sein»18

Martyria, Diakonia und Liturgia sind Konkretionen des Christseins. Sie greifen ineinander oder sollten es wenigstens tun:

Wenn die Verkündigung des Evangeliums nicht in der Anbetung gründet, wird sie leicht Gefasel und plärrender Lautsprecher. Wo die Predigt sich nicht in der Liebe bewährt, erstarrt sie zur Formel. Liturgie, die nicht mehr vom belebenden und stets neue Horizonte eröffnenden Wort Gottes her vollzogen wird, entartet zu einem routiniert durchgespielten Ritus. Ein Gottesdienst, der nicht – wenigstens indirekt – zur Verantwortung vor der Welt ruft, droht zu einem selbstgefälligen Spiel einer sich selbst betrachtenden Gemeinde zu werden. … Ohne die Verwurzelung im Gebet wird die Caritas bald zu einem seelenlosen Betrieb, der den anderen Bürokratien unseres Landes nicht viel nachsteht. Die einzelnen Lebensvollzüge der Kirche sind also aufeinander angewiesen, sie inspirieren sich und schaffen ein immer wieder neu zu suchendes und zu erhaltendes Gleichgewicht.19

Trotzdem ist es natürlich sinnvoll, diese Vollzüge in ihren Richtungen, Formaten und Adressaten zu unterscheiden: Die Dimension der Martyria oder das prophetische Amt Jesu Christi ist in aller Regel wortbezogen. Hier stehen Kommunikation und kognitive Vergewisserung im Vordergrund (vgl. 1 Petr 3, 15b). In kirchlichen Kontexten wird man an die Verkündigung und Auslegung der Heiligen Schrift, an Katechese, kirchliche Bildungsarbeit und katholische Schulen denken, an Felder also, in denen gläubige Christen ihren Glauben intellektuell vertiefen. An den Schnittstellen von Kirche und Gesellschaft, im öffentlichen Diskurs, in Medien, Religionsunterricht, Erwachsenenbildung und akademischer theologischer Bildung geht es darum, Glaubensüberzeugungen eine argumentativ vertretbare und auch für nichtgläubige Menschen verständliche Stimme zu geben. Hier sind in besonderer Weise Inkulturation und Übersetzung des Glaubens gefragt. Ob die jeweilige Übersetzungsleistung gelingt, entscheidet sich nicht beim Übersetzer, nicht innerhalb der Kirche, sondern im Außen des Glaubens. Christliches Zeugnis geschieht vor aller Welt.

Während die Martyria zentrifugale und zentripetale Linien verbindet, beschreibt die Diakonia v. a. eine exzentrische Dimension von Kirche. Sie kommt weitgehend nonverbal aus. Das königliche Amt Jesu Christi, dessen Königtum bekanntlich einen ganz anderen Charakter trägt als das der Potentaten dieser Welt, bemisst sich an den Kriterien von Mt 25. Die Werke der Barmherzigkeit folgen dem Bedarf des Notleidenden, nicht den Anforderungen oder Statuten dessen, der Barmherzigkeit übt. Konkret: Eine katholische Kindertagesstätte, die sich als caritative Institution versteht (statt als Einrichtung des Verkündigungsamtes der Kirche), dürfte schlechterdings keine Quote für katholische Kinder einführen. Eine Caritas-Station oder ein Almosen kann zwar faktisch missionarische Effekte haben – ihr Zweck darf es jedoch nicht sein, die Zahl der Kirchgänger im Quartier zu erhöhen. Das diakonische Tun der Kirche beschreibt dabei nicht nur ein konkretes Handeln, etwa Güter oder Wohnraum zur Verfügung zu stellen oder Freiräume oder Betätigungsfelder zu schaffen. Diakonie ist auch, vielleicht sogar in erster Linie, eine Haltung: ohne kirchliches Eigeninteresse uneigennützig zu geben. In der Caritas handelt Kirche für alle Welt und zugunsten aller Welt.

Das priesterliche Amt Jesu Christi schließlich, also das individuelle Gebet der Christen und der Gottesdienst der Kirche, ist unter den drei Dimensionen diejenige, welche am deutlichsten, wenn auch nicht exklusiv, auf kirchliche Konsolidierung gerichtet ist. Gläubige Christen versammeln sich zu den Vollzügen, die sie selbst (idealiter) als Quelle und Höhepunkt ihres Glaubens erleben (SC ١٠). Sie treten als Beter vor Gott und tun dies immer auch stellvertretend für diejenigen, die dies selbst nicht (mehr oder noch nicht) tun können oder wollen. Das geschieht ganz ausdrücklich beispielsweise in den gottesdienstlichen Fürbitten; unausdrücklich wird es aber immer im christlichen Gebet der Fall sein. Kein Christ betet für sich allein. Wenn Christen beten, bringen sie den Dank, das Lob und die Anliegen aller Welt vor Gott. Im Bewusstsein, aus der Relation zu Gott leben zu dürfen und in den Worten und im Auftrag Jesu beten zu können, nehmen sie die Welt ins Gebet. Dadurch hat auch die liturgische Dimension des Christseins implizit diakonische Qualität. Ausdrücklichen diakonischen Anspruch erhält das Gebet der Kirche etwa dann, wenn anlässlich gesellschaftlich erschütternder Ereignisse, eines Unglücks oder eines terroristischen Angriffs, rituelle Kompetenzen der Christen erfragt werden. Solche Ritendiakonie ist sinnvoll nicht aus der Perspektive der Sammlung oder Konsolidierung der kirchlichen Gemeinschaft zu gestalten; hier sind andere als kircheninterne Kriterien anzusetzen.20

Für alle drei Konkretionen des Christseins, ob sie nun aus Taufe und Firmung oder amtlich-repräsentativ verwirklicht werden, lässt sich festhalten: Martyria, Diakonia und Liturgia finden sowohl innerhalb als auch außerhalb kirchlicher Kontexte statt. Es sind Vollzüge, in denen Kirche zu ihrem Außen, zur «Welt», in ein Verhältnis tritt. Jeder der drei Dimensionen eignet, mal deutlicher, mal weniger deutlich, eine zentrifugale Perspektive. In keinem Fall reicht es aus, kirchliche Bedarfe und Kriterien als einzigen qualitativen Maßstab anzusetzen; keine lässt sich allein innerkirchlich definieren. In Verkündigung, Diakonie und Gebet geht es nicht darum, die «Welt» zu verkirchlichen. Denn Kirche, die sich mit dem Konzil als Sakrament des Heils versteht (LG 1,48), hat ihr Ziel außerhalb ihrer selbst; sie ist Mittel, kein (Selbst-) Zweck. Martyria, Diakonia und Liturgia sind «nicht ekklesiozentrisch zu begrenzen, sondern ekklesio-exzentrisch zu leben: zwischen Gemeinde und Jesus, Gemeinde und Welt, Gegenwart und Reich Gottes (eschatologisch).»21

4. Diaspora: ein «heilsgeschichtliches Muss»

Bereits 1959, also in einer Zeit, in der die formelle Kirchenzugehörigkeit der Bevölkerung West- und Ostdeutschlands bei über 90% lag,22 sprach Karl Rahner von der Diaspora als theologischer Norm und «heilsgeschichtliches Muss» der Kirche.23 Damit meinte er eine Minderheitensituation, die er, biblisch mit dem δεῖ des väterlichen Willens verdeutlicht,24 als geschichtlich unausweichlich und heilsbedeutsam, d.h. von Gott her mit Sinn erfüllt, charakterisierte. Sie dürfe nicht als Ausnahme und Notsituation beklagt werden, sondern sei als religiöse Herausforderung konstruktiv anzugehen.

Sein Beitrag hat aus heutiger Perspektive geradezu prophetischen Charakter. Was sich 1959 noch nicht in Zahlen niederschlug, ist längst Realität. Die beiden Großkirchen binden, was die formelle Religionszugehörigkeit angeht, gegenwärtig jeweils etwas mehr als ein Viertel der bundesrepublikanischen Bevölkerung. Der Anteil der Konfessionslosen ist mit 36,2% deutlich größer als der der Katholiken (28,5%) oder der landeskirchlich organisierten evangelischen Christen (26,5%). Er liegt bei über einem Drittel der Bevölkerung, während die Christen zusammen nur mehr gut die Hälfte stellen.25 Diese quantitative Verteilung ist hierzulande zugleich eine regionale. Deutschland kennt im Westen und Süden konfessionelle Diasporasituationen mit unterschiedlichen konfessionellen Mehrheiten, während in Teilen Nord- und Mitteldeutschlands sowie im Osten eine religiöse Diasporasituation besteht. Hier leben Christen gleich welcher Konfession in der absoluten Minderheit, während die Bevölkerungsmehrheit kein religiöses Bekenntnis vertritt. Spitzenreiter sind Sachsen-Anhalt, Sachsen und Brandenburg mit einem christlichen Bevölkerungsanteil von weniger als 20% (Katholiken 3–4%).26

Karl Rahner hob jedoch, als er vom «heilsgeschichtlichen Muss» der Diasporasituation sprach, nicht in erster Linie auf quantitative Verhältnisse ab. Ihm ging es darum, die Rolle der Christen in der modernen Welt zu bestimmen. Die Homogenität von Kirche und Kultur, Kirche und Gesellschaft, Kirche und Politik, wie sie für das nachkonstantinische Christentum und europäische christliche Mittelalter charakteristisch gewesen ist, war schon vor dem II. Vatikanum Vergangenheit.27 Überdeutlich ist dies heute im längst vollzogenen Rückgang politischer Relevanz und gesellschaftlichen Einflusses der Kirchen, in massiven Einbußen institutioneller und individueller Bedeutsamkeit, im Verlust kirchlicher Deutungshoheit in moralischen und (!) religiösen Fragen, der weit in den Raum der Kirchen hineinreicht, und natürlich im empfindlich spürbaren, fortschreitenden und nicht nur demographisch erklärbaren Abbau personeller Ressourcen, seien es Gottesdienstteilnehmer oder gemeindlich Engagierte, Hauptamtliche in Seelsorge und Verwaltung, Mitarbeiter und Führungskräfte in den Bistumsleitungen, Studierende und wissenschaftlicher Nachwuchs an den theologischen Institutionen und Fakultäten.

Christen, die die Diaspora als konstruktive Herausforderung statt als beklagenswerte Ausnahme begreifen, zeichnen sich nach Rahner dadurch aus, dass sie stärker aus der persönlichen Entscheidung statt aus kultureller Abstützung leben. Sie sind geübt zu unterscheiden, wes Geistes Kind die Werte ihres Umfelds sind, und erwarten nicht, dass die prägende Kultur selbstverständlich dem Evangelium entspricht. Sie sehen die Volks(massen)kirche – heute müsste man ergänzen: das Gemeindechristentum – weder als normale noch als ideale Sozialgestalt von Kirche an und verfolgen nicht das Ziel, Menschen zu einem bestimmten kirchlichen Stil oder Milieu zu bekehren. Kirche der Diaspora werde, folgt man Rahner, insgesamt religiöser sein. Sie werde schon aufgrund geringerer Ressourcen weniger Aufgaben im zivilgesellschaftlichen Sektor (Bildung, Kultur, Pflege, …) übernehmen können. Auch ihre kirchensoziologische Struktur werde sich verändern:

Die Kirche der Diaspora wird, gerade wenn sie lebendig bleiben soll, eine Kirche aktiver Glieder, eine Kirche der Laien sein, die sich als Träger und Elemente, nicht bloß als Gegenstand der Betreuung durch die Kirche, d.h. Klerus, fühlen; wo neue Kirche dieser Art ist oder wird, wird diese Möglichkeit den Laien auch in der Tat, und nicht nur auf dem Papier, eingeräumt werden müssen, erhalten die Laien Pflichten, die sie selbstverständlich für die Kirche wahrnehmen. […] Der Klerus wird nicht einfach mehr zu den höheren, privilegierten Ständen der Gesellschaft gehören. Er als solcher wird überhaupt auf die Dauer nicht […] ein «Stand» im soziologischen Sinn bleiben […].28

5. Diakonische Kirche der Diaspora

Kirche und Christsein von den Grundvollzügen Martyria, Diakonia und Liturgia her in den Blick zu nehmen, hat zwei Vorzüge. Es handelt sich um eine Logik, die dem theologischen Duktus der Kirchenkonstitution des Konzils entspricht: Bevor man (ad intra) nach der angemessenen Gestalt der Kirche fragt, nach Aufgaben und Ämtern, steht ihre Sendung (ad extra) zur Debatte. Dieser Zugang gibt außerdem der Erkenntnis Raum, dass «Kirche […] nicht an bestimmte Verhältnisse gebunden»29 ist, sondern offen für sich wandelnde kulturelle und gesellschaftliche Gegebenheiten.

Dass Kirche nicht erst aus einer Mehrheits- oder Machtposition heraus ihrem Auftrag zur Verkündigung, zur Caritas und zum Gottesdienst entsprechen kann, zeigen anschaulich die «Thesen zum Bistum Magdeburg 2026»30. Gemessen an ihrer Ausdehnung ist sie mit 23. 000 km² die viertgrößte der deutschen Diözesen, gemessen an ihrer Katholikenzahl mit 83. 500 die zweitkleinste.31 Allein das Stadtdekanat Düsseldorf zählt mehr als doppelt so viele Katholiken, von seiner wirtschaftlichen Potenz ganz zu schweigen. In der Diözese Magdeburg ist in einem mehrjährigen Prozess ein Orientierungsrahmen für eine künftig mögliche, theologisch valide und praktisch tragfähige Gestalt von Kirche entwickelt worden. Das Papier zeigt, wie Kirche die Diasporasituation als «heilsgeschichtliches Muss» annehmen und gestalten kann, ohne der Illusion von Volkskirche als Idealkirche zu erliegen, ohne ihre vermeintliche gesellschaftliche Unverzichtbarkeit zu demonstrieren und ohne zugleich eine evangeliums- und zeitgemäße Erneuerung ihrer Pastoral mit einer Streckung althergebrachter Strukturen zu verwechseln (weiter wie bisher, nur auf mehr Fläche mit weniger Personal und geringeren Ressourcen).

Zwei Charakteristika treten hervor: Kirche der Zukunft, wie sie die diasporaerfahrenen Katholiken der Diözese Magdeburg gestalten wollen, ist (a) eine diakonische Kirche und (b) eine Kirche, die aus der Kraft der Taufe lebt.

(a) Diakonie wird als Grundhaltung erkennbar, die natürlich auch in caritativen Institutionen, aber ebenso sehr in Vollzügen der Martyria und Liturgia zum Ausdruck kommt: Kirche wird in der Diaspora als Ort und Gemeinschaft erfahrbar, die sich am Bedarf, am Leben der Menschen in der Region orientiert. Pastorale Handlungsfelder, Lern- und Kontaktorte des Glaubens ergeben sich nicht in erster Linie aus einer kirchlich-pfarrlichen Perspektive, sind also nicht Orte, zu denen Interessierte erst finden müssen. Sondern sie entstehen an Orten und Gelegenheiten, an denen Christen und Nichtchristen im Gebiet des Bistums zusammenleben: in Familien, in nachbarschaftlichen Zusammenhängen, Kitas, Schulen, caritativen Einrichtungen, anlässlich von Projekten, Aktionen etc. Eine diakonische Haltung zeigt sich zudem liturgisch an «Feiern und Rituale[n], die in die Gesellschaft hineinwirken (Segnungen für Neugeborene, zur Einschulung, Segnungen für Schulabgänger, für junge Familien, zum Übergang ins Rentenalter, Segnungen am Krankenbett…).»32

Solche Ritendiakonie orientiert sich an den religiösen Bedürfnissen und liturgischen Fähigkeiten derer, die um kirchliche Begleitung durch Gebet oder einen Segen bitten, statt deren Wunsch nach ritueller Lebensbegleitung unterschiedslos mit dem Pauschalangebot Sakrament zu beantworten oder aber zu verweigern. Eine Kirche, die auch ihr liturgisches Handeln aus einer solchen diakonischen Haltung heraus vollzieht, wird also dafür Sorge tragen, unterschiedliche Intensitäten religiöser Ausdruckskraft und ggf. kirchlicher Bindung durch eine Vielfalt ritueller Handlungen abzubilden. Sie wird ihr Gebet, ihre Riten und Segenshandlungen auch als Verantwortung für eine echte Zeitgenossenschaft und Wegbegleitung ihrer nichtchristlichen Partner, Eltern, Kinder, Nachbarn, Kollegen etc. verstehen.

(b) Diasporakirche der Gegenwart und Zukunft wird zweitens nicht nur im Phänotyp, sondern auch theologisch und konzeptionell von der Taufe her gedacht. Die entscheidenden Subjekte der Kirche sind im Zukunftspapier der Diözese Magdeburg «kleine Zellen der Kirche vor Ort […], oftmals ökumenisch orientiert[e] Hauskirchen», in denen die Grundvollzüge des Christseins lebendig sind. «Die dazu gehörenden Christen treffen sich regelmäßig zu Gebet und Gottesdienst, sie sprechen miteinander über das Evangelium und über ihren Glauben und schöpfen daraus Kraft, sich um die Menschen zu kümmern, die ihre Aufmerksamkeit und ihre Hilfe brauchen.»33

Sehr realistisch geht man davon aus, dass konfessionelle oder religiöse Homogenität in der Familie vielfach Vergangenheit und dem kirchlichen Ethos entsprechende Lebensformen und Familienbilder eher die Ausnahme sind. Ebenso realistisch aber setzt man darauf, dass der Christusglaube neue «Verwandtschaftsverhältnisse» (vgl. Mt 12, 48–50) und Gemeinschaftsformen entstehen lässt. Bindeglied dieser kleinen kirchlichen Zellen ist die Taufe; ökumenische Verbundenheit ist gelebte Selbstverständlichkeit. Die Eucharistie wird als kostbarer Höhepunkt (vgl. SC 10), nicht als Standardform des Gottesdienstes erlebt. Ihre «Sonntagspflicht» könnten die Gläubigen bei 55 aktiven Diözesanpriestern in diesem Flächendiasporabistum ohnehin kaum durch den Besuch einer Sonntagsmesse erfüllen. Bereits 1965 hatte der Vatikan der damaligen Berliner Ordinarienkonferenz die Genehmigung für Wortgottesdienste mit Kommunionausteilung erteilt, denen «Laien», die sogennanten «Diakonatshelfer», vorstanden und durch deren Mitfeier der «Sonntagspflicht» genüge getan werde. Das sakramentale Amt wird im Zukunftspapier der Diözese (nicht nur rhetorisch) in seiner subsidiären, dem Kirchesein der Kirche zugeordneten Funktion entfaltet. Hauptamtliche Seelsorger sind aufgrund ihrer theologischen Professionalität in Moderation, Begleitung, Ausbildung, Schulung und Qualifikation derer, die vor Ort Kirche leben, im Einsatz. Auf Pfarrei-, Dekanats- und Bistumsebene werden Leitung und pastorale Aufgaben («in der Sterbe- und Trauerbegleitung, im Begräbnisdienst, in der Suchenden-Pastoral, in der Begleitung verschiedener Lebens-Wenden, in der geistlichen Begleitung»34 der kirchlichen Zellen vor Ort) kollegial gestaltet. «Beteiligung» bedeutet dabei nicht Beteiligung der «Laien» am Amt, wie klerikale Reflexe es insinuieren könnten. Sondern gemeint ist ganz im Sinne der Konzilsekklesiologie die gemeinsame Verantwortung (statt Versorgung) aller Getauften, seien sie geweiht oder nicht geweiht, für den Auftrag der Kirche, in diesem Fall der Ortskirche von Magdeburg. Davon kann manch alternde Volkskirche noch etwas lernen.

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