Als ich vor 13 Jahren aus dem katholisch geprägten Münsterland in den Osten Deutschlands nach Halle an der Saale zog, um im Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara, einem Krankenhaus in katholischer Trägerschaft, meinen Dienst als Krankenhausseelsorger aufzunehmen, erfuhr ich eine Art Kulturschock. Bisher hatte ich überwiegend in einem Umfeld gearbeitet, in dem die meisten Menschen entweder der katholischen oder der evangelischen Kirche angehörten und auch die anderen einer christlichen Sozialisation kaum ausweichen konnten. Nun kehrte sich dieses Verhältnis um. Für mich bedeutete das, mich auf eine völlig andere Umgebung einzulassen, zu lernen und bisher Gewohntes und Praktiziertes einer Prüfung zu unterziehen. Maßstab meines Lernens war und ist dabei der Mensch, der mir begegnet, seine Erfahrungswelt, seine Einstellungen und Wertvorstellungen, auch seine spirituellen Vorstellungen und seine geschichtliche Prägung, der Hintergrund der DDR-Vergangenheit. Als Seelsorger wurde mir wichtig, mich von der Lebenswelt dieser Menschen berühren zu lassen, um authentisch, lebendig und erfahrbar vom Glauben an Jesus Christus zu erzählen. Die tradierte kirchliche Sprache, wie ich sie selbst von Kindheit an erfahren und gelernt hatte, traf in Halle auf Unverständnis und war fremd. Das galt auch für Bilder, Rituale, Gebete und vieles mehr. Ich musste eine neue Sprache lernen, die an die Lebenserfahrungen der Menschen dieser Umgebung anknüpft und sie mit der frohen Botschaft verknüpft. Der Erfurter Theologe und Philosoph Eberhard Tiefensee spricht in diesem Zusammenhang von einer Ökumene der «dritten Art» und der «christlichen Botschaft in areligiöser Umgebung»2. In dieser Formulierung liegt für mich eine interessante Spannung, die eben nicht resignativ das Gegebene hinnimmt und sich zurückzieht, sondern in genau diesem Spannungsfeld einen spezifischen Auftrag erkennt. Für mich ist es immer noch spannend, in die Lebenswelt dieser Menschen, besonders der Jugendlichen, einzutauchen, soweit dies eben für einen Menschen anderer Prägung möglich ist.
Erfahrungen, Herausforderungen und Chancen
Die meisten Menschen in den östlichen Bundesländern haben keinerlei Erfahrungen mit Kirche, Religion und Gott, keine positiven, aber auch keine negativen. Während mir im «Westen», wo der weitaus größte Anteil der Bevölkerung in seiner Sozialisation mit Kirche in Berührung gekommen ist, Menschen begegnen, die sich von der Kirche abgewandt haben, nicht selten auch durch Verletzungen, die ihnen durch ihre Kirche zugefügt wurden, kommt mir in der Begegnung mit den Menschen im säkularen Osten Deutschlands viel Interesse entgegen. Während es in den alten Bundesländern zum Teil sogar aggressive Haltungen gegen alles gibt, was auch nur entfernt mit Kirche zu tun hat, begegnet mir diese Haltung in den Gesprächen mit den Jugendlichen und deren Eltern, aber auch in den anderen kirchlichen Angeboten, nur selten. Stattdessen erfahre ich hier eine vorsichtige Neugier, eine erstaunliche Offenheit und den Wunsch nach Erfahrung und Auskunft. Es gibt durchaus so etwas wie eine Sehnsucht, glauben zu können.
Das ist eine große Chance und eine echte Frage an uns Christen, an die Kirchen. Unsere Kernkompetenz wird erfragt und herausgefordert. Manchmal ist ein stilles Staunen zu spüren, wenn unter Christen in einer säkularisierten Gesellschaft auch das einen Platz haben darf, was nicht direkt zu begreifen, nicht allein mit der Logik zu ergründen ist. Wenn gegen einen Trend zur Individualisierung die Gemeinschaftserfahrung wirkt und trotz Konsumorientierung und Pluralismus auf dem Markt der Sinnangebote sich Menschen als Christen bekennen und dennoch in der Vielfalt der Lebensentwürfe den des anderen respektieren und wertschätzen. In solchen Begegnungen geht es weit häufiger um existenzielle Fragen als um Fragen, die innerkirchlich diskutiert werden und in denen Kirche sich vielfach um sich selbst dreht. Meine Erfahrung mit der Feier der Lebenswende für Jugendliche, aber auch bei der Segnungsfeier für Neugeborene, in der Trauerbegleitung und bei Beerdigungen, ist, dass die Situation der «Gottesfinsternis»3 Chancen eigener Art birgt. Wo gar keine religiösen Vorstellungen vorliegen, müssen auch keine falschen zerstört werden.
Mit und durch Menschen, die keiner Religion angehören, erfahren wir Christen neu den Sinn der frohen Botschaft und den Reichtum unserer religiösen Rituale und Formen. Wir werden als Menschen angefragt, die Erfahrung mit der Frage nach Gott und mit Religion haben. Areligiöse Menschen haben in der Regel keine Bilder und Gleichnisse für die Situationen, in denen ihnen Gott begegnet, auch wenn sie selbst diese Begegnungen anders benennen. Aber auch sie wollen Erfahrungen im Umgang mit Fehlern und Scheitern, der Endlichkeit des Lebens und Erfahrungen der Geborgenheit, der Vergebung und der Hoffnung thematisieren. Auch sie suchen Antworten in der Flut von Sinnangeboten. Vielleicht ist es vorschnell, nicht religiöse Menschen als religiös unmusikalisch zu bezeichnen. Vielleicht sind sie nur musikalisch nicht «ausgebildet». Vielleicht haben sie es bisher einfach nicht gelernt, diese Saite des Lebens zum Klingen zu bringen. Vielleicht trauen sie sich nicht, weil es dem bisher Erfahrenen so sehr widerspricht. Das Angebot der Feier der Lebenswende für Jugendliche macht sich mit ihnen auf einen Weg, ihre eigene Musikalität zu entdecken und zu entfalten. So kann gelingen, was Ignatius von Antiochien den Menschen in Ephesus ans Herz legt: «Nehmt Gottes Melodie in euch auf», um das eigene Lebensmotiv zu erspüren und die eigene religiöse und spirituelle Musikalität zu entdecken.
Feier der Lebenswende: Ein Angebot der katholischen Kirche für konfessions- und religionsfreie Jugendliche
Im Jahr 2001 begann die katholische Kirche in Halle mit dem Angebot der Feier der Lebenswende für religionsfreie Jugendliche. Unterstützt wird das Projekt vom Bonifatiuswerk der Deutschen Katholiken, dem Bistum Magdeburg und dem katholischen Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara, Halle. In den vergangenen 17 Jahren ist die Zahl der teilnehmenden Jugendlichen deutlich gestiegen. Waren es 2008, als ich die Verantwortung übernehmen durfte, 28 Jugendliche, wuchs ihre Zahl bis 2016 auf 675. Seit 2017 findet die Lebenswende ökumenisch statt. In diesem Jahr waren es über 700 Jugendliche aus rund 20 Schulen der Stadt Halle und des Umlandes. Sie bereiten sich in kleinen Gruppen von Januar bis Mai/Juni auf dieses Ereignis vor, um dann im Kreis von jeweils etwa 25 Gleichgesinnten die Feier zu begehen. Allein 2017 fanden über 100 Vorbereitungstreffen und Elternabende statt. Am Ende dieser Vorbereitungszeit steht die Feier in der katholischen Moritzkirche.
Worin gründet diese Anziehungskraft einer kirchlich getragenen Lebenswendefeier in einer weitgehend säkularen Stadt? Ein Aspekt ist sicherlich der steigende Bekanntheitsgrad dieses alternativen Angebots zu politischen oder säkularen Lebenswendefeiern. Geschwisterkinder waren schon dabei und Familien schließen sich an. Ein zweiter Punkt: In Halle/S. ist die Feier der Lebenswende in der Kirche kein Angebot einer konfessionellen Schule wie an anderen Orten, sondern ein offenes, schulübergreifendes Angebot. Die Eltern der heute 13 und 14Jährigen sind drittens zu einem großen Teil «Wendekinder», die die Jugendweihe mit dem DDR-Regime in Verbindung bringen und für ihre Kinder ablehnen. Verstärkt wird dies noch dadurch, dass sich Ablauf und Form der Jugendweihe bis heute kaum verändert haben. Nachdem das Gelöbnis auf den sozialistischen Staat weggefallen ist, stellt sich heute umso mehr die Frage, auf wen oder für was die Jugendlichen «geweiht» werden. Bemerkenswert und erfreulich ist viertens, dass Eltern für ihre Kinder nicht nur eine Feier der Lebenswende, sondern auch eine Vorbereitung darauf wünschen. Es soll um Fragen des Erwachsenwerdens gehen und um Werte des Lebens, auch wenn dies meist anders formuliert wird. Auch bei den Elternabenden spielt die Wertefrage eine wichtige Rolle.
Die ökumenische Feier zur Lebenswende und ihre Vorbereitungszeit beinhaltet genau das. In vier Vorbereitungstreffen geht es um Fragen des Zusammenlebens und des Zusammenhaltes einer Gesellschaft, um die eigenen Wurzeln und die eigene Geschichte. Die Jugendlichen thematisieren, was ihnen wichtig und wertvoll ist und auf welchen Fundamenten sie ihr Leben aufbauen wollen. Sie sprechen über ihre Hoffnungen und Ängste. Was sie miteinander erarbeitet haben, findet in der Feier Ausdruck. Hier kommen die Jugendlichen selbst zu Wort. Im Wesentlichen gestalten sie ihre Feier selbst. Sie tragen die für sie bedeutsamen Wünsche, Hoffnungen und Lebensfragen in der Feier vor. So wird die Feier der Lebenswende für die Jugendlichen zu einem Meilenstein auf dem Weg des Erwachsenwerdens. Kirche ist dabei Gast im Leben der Jugendlichen und ihrer Eltern. Dennoch werden in einer für die Jugendlichen und ihre Eltern verständlichen Weise auch christliche Werte und der christliche Glaube vorgestellt und mit deren Leben verbunden. Dies ist gewissermaßen das Gastgeschenk, von dem wir Christen hoffen, dass es verstanden und angenommen wird.
Enorm wichtig ist natürlich die persönliche Glaubwürdigkeit und Kommunikationsfähigkeit derer, die sich als Verantwortliche in die Vorbereitung der Jugendlichen einbringen. In der Feier der Lebenswende selbst bin ich zunächst gar nicht ausdrücklich als Seelsorger, als einer von der Kirche, angefragt. Aber dadurch, dass ich bekanntermaßen auch Seelsorger, also einer von der Kirche bin, entsteht auch eine Erwartung. Dieser Erwartung muss ich authentisch nachkommen und sie muss sich in meiner Haltung ausdrücken, indem ich meine Deutungsmöglichkeiten, meine Glaubenserfahrungen, meine Theologie einbringe und zur Verfügung stelle. Das Angebot der Feier der Lebenswende hat so für mich auch eine missionarische Dimension, wenn sie auch keine missionarische Intention hat.
Ein wesentliches Charakteristikum des Angebotes der Feier der Lebenswende für konfessions- und religionsfreie Jugendliche, die den Übergang vom Kind zum Erwachsenen feiern wollen, finde ich in Apg 17, 18–28, dem Bericht über den Besuch des Paulus in Athen. Da fragen ihn die Athener: «Können wir erfahren, was das für eine neue Lehre ist, die du vorträgst? Du bringst uns recht befremdliche Dinge zu Gehör. Wir wüssten gern, worum es sich handelt.» Paulus antwortet ihnen: «Athener, nach allem, was ich sehe, seid ihr besonders fromme Menschen. Denn als ich umherging und mir eure Heiligtümer ansah, fand ich auch einen Altar mit der Aufschrift: EINEM UNBEKANNTEN GOTT. Was ihr verehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich euch.» Der «unbekannte Gott», von dem Paulus spricht, wirkt nach meiner Überzeugung auch in der Begegnung mit den Jugendlichen und ihren Eltern. Das bringt mich immer wieder zum Staunen darüber, wie er sich in deren Sehnsüchten und Hoffnungen ausdrückt und mich dazu ermuntert, dies sensibel wahr- und aufzunehmen.
Ich halte es bereits für einen Segen, dass junge Menschen und auch ihre Eltern in unserer Gesellschaft einen Raum finden, solche Fragen zu stellen und gemeinsam nach Antworten zu suchen. Auch die Feier selbst ist ein Segen. Menschen feiern an der Nahtstelle vom Kind zum jungen Erwachsenen das Leben. Sie suchen nach Symbolen und Ritualen, die zu ihnen passen. Hier haben wir als Kirche reiche Erfahrungen – und Reichtum verpflichtet. Unsere Aufgabe ist es, aus dem Schatz dieser Jahrhunderte alten Erfahrungen das zu finden und ins Heute zu übersetzen, was den jungen Menschen, die sich uns Christen in dieser Vorbereitungszeit anvertrauen, hilft, die Fülle des Lebens zu entdecken und das, was sich nicht verbalisieren lässt, in Zeichen und Symbolen erfahrbar zu machen.
Ich habe in Halle an der Saale eine neue Sprache und ein neues Denken lernen müssen, das an den Erfahrungen der Menschen anknüpft, deren Biographie mit der Geschichte der DDR verknüpft ist. Das ist mir aufgrund meiner eigenen Biografie nicht leicht gefallen. Es gelingt nur dadurch, dass ich immer wieder genau hinhöre, versuche, in diese mir fremde Lebenswelt einzutauchen und mich selbst zu hinterfragen. Auch mein Glaube und seine Sprache, seine Formen und Rituale, stehen dabei in Frage und sind neu zu lernen, neu durchzubuchstabieren. Ich habe viel von diesen «areligiösen» und religiös «unmusikalischen» Menschen für meinen eigenen Glauben gelernt. Ihre Fragen und ihr Nichtverstehen haben mich selbst neu fragen lassen und mir eine größere Weite ermöglicht. Dafür bin ich den Jugendlichen, aber auch deren Eltern sehr dankbar.