Bestattungskulturen. Erfahrungen eines Seelsorgers
Der Friedhof hinter der Basilika San Lorenzo in Rom war für mich eine tiefe Erfahrung, wie Menschen aus christlichem Denken Denkmäler schaffen, die vermutlich Schulden verursachten, aber zum Ausdruck bringen, wie wichtig den Nachfahren die Ehrung der Toten ist und was es den Angehörigen bedeutet, die Toten in der Geborgenheit Gottes zu wissen. Der christliche Glaube hat diese Bestattungskultur über Jahrhunderte geformt.
Die Teilnahme an einer nichtchristlichen Trauerfeier ist nach meiner Erfahrung für einen katholischen Geistlichen nicht oft möglich, weil er meist nur mit wenigen Menschen freundschaftlich verbunden ist, die keiner Kirche angehören. Als sich die Gelegenheit dennoch ergab, verband sich mein Interesse an der Ehrung des Verstorbenen mit dem Interesse zu erfahren, was gesagt und getan wird, wenn es keine christliche Auferstehungshoffnung gibt. Es war kein christlicher Geistlicher zur Trauerfeier eingeladen, vielmehr stand eine junge Trauerrednerin gleich zu Beginn der Trauerfeier am Ambo. Die Urne war großartig geschmückt. Schlager, die z.B. von der Hoffnung auf ein Verbleiben bei den Sternen sprachen, wurden gespielt. Die Rednerin ging sehr intensiv auf das Leben der Verstorbenen, ihren Charakter und letztlich auf die Hoffnung ein, dass die liebe Verstorbene auf einem Stern zu finden ist, der am Nachthimmel leuchtet.
Flächen von etwa 10x10 Metern bergen unter einer Jahreszahl und gepflegten Rosenstöcken eine Vielzahl an Urnen, die ohne Angehörige bestattet wurden. Nur der Friedhof weiß, wo sich welche Urne befindet. Zu persönlichen Gedenktagen oder zum Totensonntag kommen die Angehörigen und bringen Blumen, die dann irgendwo auf die Fläche oder an den Rand gelegt werden. Die Anonymität der Bestattung, die von den Angehörigen entschieden oder von den Verstorbenen gewünscht wurde, weil «man keine Umstände» machen will, wird dadurch irgendwie aufgebrochen. Was macht man als christlicher Seelsorger in einer Stadt, in der die Menschen hilflos sind angesichts der Tatsache des Todes? Sie finden keine Worte, die passen. Sie kennen das Wort «kondolieren» nicht und sagen lieber nichts zum Thema «Sterben», weil sie nicht als Unwissende dastehen wollen. Ich denke, dass wir als Christen hier eine Aufgabe haben, mit dem Kult eine Sterbe- und Begräbniskultur zu den Menschen zu bringen, um ihnen aus der Sprachlosigkeit zu helfen.
Monatliches Totengedenken in Erfurt
Am 1.3.2002 wurde erstmalig ein Gedächtnisgottesdienst für Verstorbene gefeiert. Anlass war die Tatsache, dass nicht mehr für alle Verstorbene ein Gedenkgottesdienst oder eine Gedenkfeier geplant wird, ja sogar persönliche Begräbnisstätten nicht mehr gewünscht werden und anonyme Beisetzungen zunehmen. Die Bestatter berichten, dass vielfach wenige Wochen nach einer anonymen Bestattung die Angehörigen bei ihnen oder auf dem Friedhof nachfragen, wo denn die anonyme Bestattung stattgefunden hat. Aufgrund der vertraglichen Regelung ist eine Ortsangabe jedoch nicht statthaft. Im «Monatlichen Totengedenken» – so wurde der oben genannte Gedächtnisgottesdienst genannt – sollen nun alle Angehörigen die Möglichkeit erhalten, den Namen ihrer Verstorbenen in einem Totenbuch einzutragen, das danach in der Allerheiligenkirche einen ständigen Aufbewahrungsort hat, an dem auch Kerzen entzündet werden können. Ein kostbarer Bucheinband aus dem Ende des 16. Jahrhunderts wurde dafür restauriert. Darin ist ein Buch eingelegt, in das die Namen eingetragen werden. 62 Eintragungen erfolgten schon gleich am 1.3.2002 und jeweils ca. 10 Eintragungen folgen bis heute bei jedem weiteren Gottesdienst. Als Termin für die Feiern wurde von Beginn an jeder 1. Freitag im Monat, 15.00 Uhr, entschieden – die Todesstunde Jesu, zu der schon immer die Totenglocke des Domes läutet, ohne dass viele Bewohner Erfurts den Grund dafür kennen.
Kolumbarien in der Allerheiligenkirche und in der Magdalenenkapelle
Im Zusammenhang mit der Entscheidung, die Trockenlegung und Sicherung der Außenwände und des Dachstuhls der Allerheiligenkirche in der Markstraße von Erfurt vorzubereiten, wurde auch der Auftrag an das Domkapitel gegeben, über eine zukünftige Nutzung der Allerheiligenkirche nachzudenken, die dann ggf. bei der weiteren Sanierung zu berücksichtigen wäre. Die geschätzten Sanierungskosten betrugen € 1,2 Mio. Bei einer solchen Summe war es naheliegend, nach weiteren Nutzungen der Kirche zu suchen. Angeregt durch Präsentationen im Internet, die von der Nutzung der Kirchen als Kolumbarien berichten, wurde das Konzept für eine partielle Nutzung der Allerheiligenkirche als Kolumbarium erarbeitet und durch die zuständigen Ämter der Kirche, der Stadt und des Landes genehmigt. Die Allerheiligenkirche schien dem Domkapitel aufgrund ihrer Lage und ihres Grundrisses geeignet für eine Begräbnisstätte zu sein. Da sie, erkennbar an den Grabsteinen hinter und in der Kirche, schon immer eine Grablege war und das neue Thüringer Bestattungsgesetz Urnenbestattungen in Kirchen zulässt, stellte eine Genehmigung kein großes Problem dar.
Nach einem Künstlerwettbewerb, an dem sich 2 Künstler und 3 Architekturbüros beteiligt hatten, wurde der prämierte Entwurf von Evelyn Körber gebaut. Es handelt sich um 15 Stelen, die aus geätztem Glas und hellem Langensalzaer Muschelkalk errichtet wurden. Die Urnenfächer wurden in 6 Etagen eingerichtet, wobei in jeder Etage 7 Urnen separat als Einzelgrabstätte oder mehrere Fächer für Familiengrabstätten gewählt werden können. 630 Grabplätze sind dadurch entstanden, die in kürzester Zeit vergeben waren. Die Liegezeit der Urnen beträgt wie auch auf dem Hauptfriedhof 20 Jahre ab der Erstbeisetzung. Eine Verlängerung ist z.B. bei Ehepaaren möglich, indem die Liegezeit des Erstverstorbenen auf die Liegezeit des zweitverstorbenen Partners verlängert wird. In der «Reservierungszeit» vorher fallen keine Kosten an. Nach Ablauf der Liegezeit erfolgt die Aufbewahrung der Asche in einem Karner hinter der Kirche, der am 1.4.2016 eingeweiht wurde. Die anfallenden Kosten für diese Beisetzungsform betragen derzeit € 1.100. In der Apsis des Nordschiffes, in dem das Kolumbarium eingerichtet wird, steht dann auf dem Altar das Totenbuch, in das beim Monatlichen Totengedenken die Namen der Verstorbenen eingetragen werden können. Das südliche Kirchenschiff steht für die Trauerfeierlichkeiten zur Verfügung. Es besteht die Möglichkeit für Christen und auch Nichtchristen, sich im Kolumbarium bestatten zu lassen. Derzeit gehören 50% der Plätze Katholiken, 30% evangelischen Christen und 20% ungetauften Bürgerinnen und Bürgern. Durch das Domkapitel als Träger des Kolumbariums wird diesen Nichtchristen, die ja keinen Pfarrer haben, die Gestaltung der Trauerfeier angeboten. Weltliche Redner erhalten keine Möglichkeit der Feiergestaltung.
In Thüringen ist die Urnenbestattung zur vorrangigen Bestattungsform geworden. Wenn auch das Erdbegräbnis der christlichen Tradition eher entspricht, so ist doch auch ein Ort der Beisetzung von Urnen eine denkwürdige Stätte, die an die Vergänglichkeit menschlichen Lebens erinnert und zugleich im Raum der Kirche den Blick für die Ewigkeit eröffnet. Gerade in einer Stadt, in der ca. 75% der Bevölkerung ohne Religion lebt, ist ein solches Zeichen des Glaubens an die Auferstehung von besonderem Gewicht. Eine entschiedene Gestaltung kann den Osterglauben nahelegen und ausdrücken. Das Domkapitel hat durch dieses Projekt große Aufmerksamkeit gefunden und kann den Glauben an Tod und Auferstehung Jesu inmitten der Stadt auf diese neue Weise verkünden.
Wegen der großen Nachfrage wurde 2014 ein weiteres Kolumbarium mit 420 Plätzen in der nahegelegenen gotischen Magdalenenkapelle eröffnet. Sie wurde um 1850 profaniert und danach unterschiedlich genutzt. Nun ist sie ein Begräbnisort, an dem neben den Stelen Kunstwerke des Domes zu sehen sind, die das Thema «Tod und Auferstehung» behandeln und darstellen.
«Muss ich das auch noch tun?»
Wenn von diesen Projekten mit Seelsorgern und Gemeindemitgliedern gesprochen wird, kommt recht schnell der Satz: «Muss ich das auch noch tun?» Wer es tut, wird durch die Erfahrungen mit Menschen ermutigt, die voller Dankbarkeit wahrnehmen, dass das Leben nach dem Tod einen Wert hat und die Nachfahren durch das Gedenken der Verstorbenen eine neue Sensibilität für ihr eigenes Leben erhalten. «Zum ersten Mal konnte ich mit meinem Mann über unsere Grabstelle und Bestattung reden, als das Angebot des Kolumbariums bekannt wurde», so die Reaktion einer Frau, die sich mit ihrem Mann für eine Grabstelle angemeldet hatte. «Dann können wir im Tod wieder alle hier zusammen sein», sagte ein Familienvater, der für sich, seine Frau und die Kinder Grabstellen gekauft hatte. «Es ist ein wunderbarer Gedanke, einmal in einer so schlichten Kirche inmitten der Stadt begraben zu sein», sagte eine Frau, die sehr lebenslustig wirkte. Auch Trauungen und Taufen erfolgen im Kolumbarium mit der Begründung, dass dann auch die verstorbenen Angehörigen nah sind. Die Wertschätzung unserer christlichen Bestattungskultur, die durch Riten hilft, den Durchgang vom Tod in das Leben festlich zu gestalten, erfolgt bisweilen stärker von «außen» als von «innen». Dann entdecken wir neu, mit welchen Kostbarkeiten wir umgehen, und das gemeinsame Tun in der Gottesdienstgemeinde, die stellvertretend für die momentan oder dauerhaft stummen Angehörigen das Credo betet und singt, zeigt den Wert einer Communio auf, die mancher leichtfertig aufgibt, weil er sich die Kirchensteuer sparen möchte, und dabei zugleich die Hilfe aufgibt, die das Evangelium an den Rändern des Lebens geben kann. Wir müssen und können über missionarische Konzepte nachdenken. Wir können aber auch versuchen, dort zu sein, wo die Menschen angesichts von Leben und Tod stumm geworden sind. Solche Stummheit kann aus Trauer ebenso wie aus Begeisterung resultieren, denn auch die Erfahrung von Liebe und neuem Leben kann verstummen lassen und bewirken, dass die Menschen am Pfarrhaus klingeln. Was geschieht dann?