Liturgisches GerätLeben Jesu – Leib Christi

Dieses kostbare Hostiengefäß aus Elfenbein verweist auf seinen Inhalt: den Leib Christi als Kind, als Gegeißelter, Gekreuzigter, ins Grab Gelegter.

Ziborium, Dose für konsekrierte Hostien (14,3 cm hoch, Durchmesser oben 10,1, unten 10,9 cm). Foto: Diözesanmuseum Freising / Christoph Schalasky
Ziborium, Dose für konsekrierte Hostien (14,3 cm hoch, Durchmesser oben 10,1, unten 10,9 cm). Foto: Diözesanmuseum Freising / Christoph Schalasky

Elefantenbein, verkürzt Elfenbein genannt, gehörte im Mittelalter zu den kostbarsten Werkstoffen in kirchlichen und königlichen Schatzkammern. Seine Herkunft aus Afrika, lange vor Last-minute-Urlaubsflügen, sein warmes Weiß, seine Haltbarkeit, seine Dichte und Härte, die sich aber, wie unsere Zähne, der Bearbeitung mit feinem Werkzeug nicht widersetzt, machten es zu einem hoch geschätzten Material.

Die ältesten Kunstwerke aus Elfenbein wurden vor etwa 40000 Jahren geschaffen. Gefunden hat man sie auf der Schwäbischen Alb: die sogenannte Venus von Hohlefels und den Löwenmenschen, heute im Museum in Ulm, beide geschnitzt aus den Stoßzähnen von Mammuts. Im alten Ägypten schnitzte man Reliefs aus den Zähnen afrikanischer Elefanten. Für die Tempel in Olympia und Athen baute der Bildhauer Phidias (um 500–um 430) überlebensgroße Götterbilder aus Elfenbein und Gold über einem Metallgerüst. Für die Römer, zu deren Weltreich Nordafrika gehörte, war Elfenbein ein Kolonialprodukt, geadelt durch jahrtausendealten Gebrauch. Erhalten sind vor allem Konsulardiptychen, Notizbücher, die auf dem Einband Reliefportraits der Konsuln zeigten. Sie wurden zum Vorbild für christliche Andachtsbilder in Byzanz.

Als die muslimischen Araber Nordafrika, Palästina und Syrien eroberten, wurden die Handelswege zwischen Afrika und Europa abgeschnitten, der Nachschub an Elfenbein unterbrochen. Im 11. Jahrhundert musste man deshalb ältere Elfenbeintafeln entweder wenden und die Rückseiten beschnitzen oder abhobeln und neu beschnitzen. Auf mittelalterlichen Bucheinbänden sind solche Elfenbeintafeln erhalten. Erst im 13. Jahrhundert konnte aus Westafrika wieder Elfenbein in größeren Mengen nach Frankreich eingeführt werden. In Dieppe an der Mündung der Seine und in Paris entstanden Werkstätten der Ivoiriers, der Elfenbeinschnitzer, die Höfe und Kirchen in Westeuropa belieferten. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts führten die Kolonialmächte Belgien, Frankreich, England derartige Mengen an afrikanischem Elfenbein ein, dass man alle Klaviertasten damit bekleben konnte und das Überleben der Tiere gefährdet war. Heute ist der Handel mit Elfenbein weltweit verboten.

Die Stoßzähne von Elefanten sind hohl, gebogen und laufen spitz zu. Das macht die Herstellung größerer Objekte schwierig. Doch die Höhlung konnte auch genutzt werden zur Herstellung runder Dosen. Eine solche zeigt unsere Abbildung aus dem Diözesanmuseum in Freising. Die Dose war ursprünglich mit einem Fuß, einer Bodenplatte und einem Deckel verschlossen, die ein Goldschmied daran befestigt hatte. So bildete sie ein Ziborium, ein Behältnis für konsekrierte Hostien. Im unteren Falz sind noch Nagellöcher von der Befestigung auf der Basis, vermutlich einer Art Kelchfuß, zu erkennen.

Das Gefäß zeigt seinen Inhalt – den Leib Christi –, aber nicht als Hostie, sondern als Kind und als Gegeißelter, Gekreuzigter, ins Grab Gelegter. Dargestellt ist dies in zwei übereinanderliegenden Reihen geschnitzter Reliefs, gegliedert durch Arkaden; die oberen elf sind mit Krabben besetzt, die unteren neun glatt belassen. Oben sind drei größere Szenen, die Geburt Jesu, die Anbetung der Magier und die Flucht nach Ägypten in mehreren Arkaden zusammengefasst. Das Relief der Flucht ist nicht ganz erhalten; am rechten Rand ist ein ausgebrochenes Stück durch ein glattes Stück Elfenbein ersetzt. Im unteren Register stehen jeweils zwei oder drei Figuren in einer Arkade nahe beieinander, beginnend mit der Verkündigung, Heimsuchung und Darbringung im Tempel bis hin zur Gefangennahme, der Geißelung, Kreuztragung, Kreuzigung, Kreuzabnahme und Grablegung.

Kreuzigung und Geburt sind genau übereinander angeordnet (unsere Ansicht). Maria, nach frühchristlicher Tradition erschöpft liegend, das gewickelte Kind betrachtend, darunter Ochs und Esel, dahinter sitzend Josef. Nach rechts ist die Szene erweitert durch einen nach oben blickenden Mann, vermutlich einen Hirten, der auf den Engel hört. Daneben sitzt ein Mann mit Krone, wahrscheinlich David als königlicher Vorfahr Jesu und Sänger der Psalmen. Darauf deutet die Harfe in seiner linken Hand, die allerdings abgegriffen und deshalb nur noch schwer zu erkennen ist.

Das Relief der Kreuzigung darunter zeigt Maria und Johannes in liturgischer Symmetrie mit ausdrucksvollen Gesten der Klage. Der Gekreuzigte in der Mitte ist, wie im 14. Jahrhundert üblich, als Verstorbener mit einem in der Hüfte geknickten, schwer durchhängenden Leib gebildet. Nach rechts schließen sich die Szenen der Abnahme vom Kreuz und der Grablegung an. Das folgende Relief zeigt links einen Mann, der zwei Gefäße trägt, eines mit Henkel (Korb oder Kessel) und eine turmartige Dose, daneben eine Frau, die ein Kind trägt. Damit können nur Josef und Maria gemeint sein, die ihren Erstgeborenen im Tempel darbringen (vgl. Lk 2,22). Es folgen die Verkündigung (Lk 1,26–38) und die Begrüßung von Maria durch ihre Base Elisabeth, die sogenannte Heimsuchung (Lk 1,39–56). Dann schließt mit dem Kuss des Judas am Ölberg (Mt 26,49) die Passionsgeschichte an. Das Relief der Darbringung ist vermutlich gegen die sonst übliche Leseordnung von links nach rechts vor der Verkündigung eingefügt, damit Geburt und Tod Jesu übereinanderstehen und mit einem Blick zu erfassen sind.

Das vom Engel verkündete, von Maria geborene, von den Magiern aus dem Osten verehrte und nach Ägypten geflüchtete Kind ist „Leib Christi“, ebenso wie der unter Pontius Pilatus Gegeißelte und am Kreuz Hingerichtete. Sakramentshäuser, eucharistische Monstranzen und Bauskulpturen an Kirchenportalen haben das immer wieder gezeigt. Beispiele sind in der Schlosskirche der Münchener Blutenburg, in Kirchenschätzen und Museen und an den fünf Portalen der Münchner Frauenkirche erhalten. Das Kind auf dem Arm der Mutter und der Gekreuzigte-Auferstandene, meist „Schmerzensmann“ genannt, stehen einander gegenüber oder übereinander – nicht als zwei Personen, Maria und Jesus, sondern als zwei Bilder des einen Leibes, der in der Eucharistie gefeiert wird.

Dieses Verständnis ist weithin verloren. Denn 1439 hat das Konzil von Basel den Satz angenommen, dass Maria niemals von der Erbsünde befleckt war. Diese 1854 von Papst Pius IX. zum Dogma erhobene Aussage bestimmte zunehmend die Verehrung Mariens. Sie führte zu Bildern und Visionen der Immaculata. Die Vorstellung der kinderlosen Jungfrau verbreitete sich in den katholischen Ländern und ersetzte vielfach das Bild der Mutter Gottes. Im inzwischen wieder weithin revidierten Bildersturm nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurden in vielen Kirchen statt abgebauter Seitenaltäre Tabernakelstelen errichtet und ihnen auf der anderen Seite eine Madonna gegenübergestellt – so als ob die Verehrung der Eucharistie und Mariens gegensätzliche Pole wären. Die Madonna wurde mit Blumen und Kerzen geschmückt, der Tabernakel blieb meist ohne Schmuck. Die Freisinger Hostiendose erinnert demgegenüber an eine alte Sinneinheit: Das Kind auf dem Schoß oder dem Arm Mariens ist der Mensch gewordene Gott, ist Leib Christi, der in jeder Eucharistiefeier und besonders am Fest des Herrenleibes, Fronleichnam, seit 1264 neun Tage nach Pfingsten gefeiert wird.

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