Theologie für die Gegenwart

Was beschäftigt Lehrerinnen und Lehrer der Theologie? Dieses Mal im Interview: Kristina Kieslinger.

Foto: Ringwald
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Was ist Ihr Lieblingsort?

Die Terrasse des St. Benedict’s Monastery Retreat House in Snowmass, Colorado, mitten in den Rocky Mountains.

Woran forschen Sie gerade?

Derzeit bin ich vor allem mit der Konzeption von Lehre beschäftigt. Ich versuche, stärker als bisher (Theologische) Ethik von den Zielgruppen sozialprofessionellen Handelns her zu denken. Vor allem ins Spannungsfeld von Sozialer Arbeit, sozial-ökologischer Transformation und Ethik möchte ich mich weiter vertiefen.

Mit welcher Person aus Gegenwart oder Geschichte würden Sie gern einmal diskutieren? Und worüber?

Mit Ruth C. Cohn, der Begründerin der Themen- zentrierten Interaktion. Sie war zeit ihres Lebens eine Suchende und mit ihrem Glauben Ringende. Zu gerne würde ich mich mit ihr über ihre These von der Gleichursprünglichkeit von Autonomie und Interdependenz unterhalten.

Meine aufregendste Bibelstelle…

„Was willst du, dass ich dir tue?“ (Mk 10,51). In diesem radikalen Perspektivwechsel steckt für mich immer wieder eine Provokation, (Theologische) Ethik konsequent vom Anderen her zu denken.

Mein „Herzens“-Gebet…

Das Centering Prayer von Thomas Keating OCSO: Ein Sitzen in Stille, das dem Betenden nur ein „Heiliges Wort“ (Abba, Ja, Liebe …) an die Hand gibt. Mit diesem Wort soll die Hingabe an den Augenblick, in dem Gott gegenwärtig ist, zum Ausdruck kommen. Die Auseinandersetzung mit den Gedanken Keatings hat mich nicht nur persönlich, sondern auch denkerisch im Rahmen meiner Promotion unheimlich bereichert.

Was ist für Sie das drängendste theologische Problem der Gegenwart?

Natürlich könnte ich eine lange Liste an Reformthemen aufzählen, doch es liegen viele wunderbare Theologien vor, sodass die Lösung für mich weniger auf der materialen Ebene liegt. Es geht eher um eine Kulturfrage: Hören wir einander wirklich zu? Trauen wir auch der Gegenposition einen Funken an Wahrheit zu? Das würde eine Haltung der Nichtidentifikation mit den eigenen Konzepten und ein Bewusstwerden des dahinterstehenden (kirchenpolitischen) Interesses verlangen. Und für mein eigenes Fach frage ich mich, ob es nicht eine „Ethik des Dazwischen“ bräuchte.

Welchen Atheisten schätzen Sie?

Den britischen Comedian Ricky Gervais. Er setzt sich auf unheimlich scharfsinnige Weise mit Glauben auseinander, ohne sich selbst dabei zu ernst zu nehmen. Seine Serie Afterlife finde ich genial.

Wann waren Sie zuletzt im Kino? In welchem Film?

Irgendwann „vor Corona“ und Elternzeit in Die Känguru-Chroniken.

Und im Theater?

Vor langer Zeit in Fjodor Dostojewskis Traum eines lächerlichen Menschen.

Wer ist Ihr Lieblingsdichter oder -schriftsteller?

Elif Shafak, eine britisch-türkische Autorin, welche zauberhafte und gleichzeitig bis an die Substanz gehende Romane schreibt. Die Vierzig Geheimnisse der Liebe waren ein Augenöffner. Es handelt von der Begegnung des Gelehrten Rūmī mit Shams-e Tabrizi, der ihn eigentlich erst zum Mystiker machte.

Welche Musik hören Sie gern?

Je nach Stimmung ist von Pop bis Heavy Metal alles dabei.

Welches nicht-theologische Buch lesen Sie zurzeit?

Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritarismus von Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey. Das darin analysierte Autonomieverständnis finde ich hochspannend.

Und welches theologische Werk?

Vom Stilleren Leben – ein Briefwechsel zwischen Romano Guardini und Eduard Spanger. Durch die Guardini-Professur möchte ich sein Denken noch tiefer durchdringen.

Wer ist Ihr theologisches Vorbild?

Karl Rahner. Mein Religionslehrer in der Oberstufe hat uns die Rede Rahners zu seinem 80. Geburtstag vorgespielt – da hat etwas in mir Feuer gefangen und mich seitdem nicht mehr losgelassen.

Welche Kirche gefällt Ihnen am besten?

Ich bin leider kein sehr visuell veranlagter Mensch, weswegen ich mich bei Kirchen eher an die Atmosphäre erinnere: Habe ich das Gefühl, ein Museum zu betreten oder einen Ort, der zum Loslassen einlädt?

Was und wo war Ihr schönstes Gottesdiensterlebnis?

Die kirchliche Trauung mit meinem Mann.

Wovor haben Sie Angst?

Meinen – fast – unerschütterlichen Optimismus und den Glauben an das Gute im Menschen zu verlieren.

Worauf freuen Sie sich?

Meine Tochter weiter ins Leben und „meine“ Studierenden in ihr Berufsleben begleiten zu dürfen.

Vielen Dank für Ihre Antworten.

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