Papst Franziskus in KasachstanReise an die Peripherie?

Papst Franziskus besuchte den Kongress der Welt- und traditionellen Religionen in Kasachstans Hauptstadt Nur-Sultan, um als Bote des Friedens den Einsatz der Religionen für Versöhnung und Konflikttransformation zu unterstützen. Die Reise war mit Hoffnung und Bangen erwartet worden.

Die Hoffnung verspürten vor allem diejenigen, die sich einen Durchbruch zu Friedensvermittlungen in Russlands Krieg gegen die Ukraine durch die Reise des Papstes wünschten. Der Vatikan selbst hatte auf ein Treffen mit dem russischen Patriarchen Kyrill am Rande des Kongresses gehofft. Dieser hat bisher die Ideologie des Krieges als Verteidigung gegen böse Mächte in einem „metaphysischen Kampf“ legitimiert, die russische Armee ermutigt und die Wahrheit über die Zerstörung und Verbrechen in der Ukraine konsequent ignoriert. Alle bisherigen Versuche des Papstes, Kyrill ins Gewissen zu reden, waren gescheitert, schlimmer noch: Moskau ließ keine Gelegenheit ungenutzt, den Vatikan als Verbündeten darzustellen, der die eigene Sicht auf die „Situation“ teile.

Diese Lage führte auch zum Bangen im Vorlauf des Religionskongresses. Denn ein weiterer Tiefpunkt in den diplomatischen Bemühungen des Papstes mit Moskau wäre in erster Linie für die Ukraine schwer zu ertragen gewesen. Franziskus hatte mehrfach die Schuld Russlands an dem Krieg relativiert: etwa mit einer Kritik an angeblichen Provokationen der NATO genauso wie mit unsensiblen Symbolhandlungen wie der Weihe Russlands und der Ukraine an das unbefleckte Herz der Gottesmutter Maria (nebenbei eine ökumenisch sehr problematische Tradition), der Kreuzwegstation, bei der eine ukrainische und eine russische Frau gemeinsam das Kreuz trugen oder mit dem Gedenken an eine kremltreue Propagandistin als unschuldiges Mädchen. Zurecht musste man fürchten, dass auch in Nur-Sultan das Leid der (nicht anwesenden) Ukrainerinnen und Ukraine gegen leere Worthülsen von Frieden und christlichen Werten eingetauscht werden würde.

Patriarch Kyrill selbst machte dem Hoffen und Bangen ein Ende: Er sagte seine Teilnahme an dem Kongress wenige Tage vorher ab. Ebenso wie Wladimir Putin in diesen Tagen aller Welt deutlich machte, dass Russland kein Interesse an Verhandlungen habe, tat dies nun auch Patriarch Kyrill. Aus der großen Friedensreise des Papstes wurde so eine seiner Reisen an die Peripherie des Christentums – in ein Land, in dem nicht nur die katholische Kirche, sondern das Christentum insgesamt eine Minderheit ist. Vor allem wurde es aber auch eine Reise an die Peripherie der Friedensoptionen für die Ukraine. Mit durchaus starken Ansprachen wertete der Papst das sonst kaum beachtete Treffen auf. Er sprach vom Respekt für Menschenrechte, über die Wertschätzung von Frauen in politischen Prozessen (wenn auch mit dem alten Stereotyp der fürsorgenden Frau) – Themen, die auf diesem Kongress bisher kaum vorkamen. Und Franziskus warnte vor dem Missbrauch Gottes für Kriege. Die Deutungshoheit hatte auf dieser Bühne allerdings nicht er, sondern die Vertreter von traditionellen Werten und Zivilisationskampf.

Niemand von den Anwesenden hat einen tatsächlichen Einfluss auf das Kriegsgeschehen. Fraglos könnte Patriarch Kyrill die Deklaration des Kongresses ohne Gewissensbisse unterzeichnen. Der Ukraine ist damit – wieder einmal – nicht geholfen.

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