Pandemie, Krieg und InflationDie neue Armut

Auf eine lang anhaltende Krise mit hohen Preisen hat Bundeskanzler Olaf Scholz die Bürgerinnen und Bürger eingestimmt. Was macht das mit den Menschen? Was sagt uns Not spirituell?

In unserer katholischen Sankt-Paulus-Schule in Billstedt haben wir kürzlich die Zehntklässler verabschiedet. Ein Schüler fehlte. Als ich diesem Absolventen nach der Feier sein Zeugnis nach Hause brachte, erfuhr ich den Grund für sein Fernbleiben: Seine Familie kann sich keinen Anzug leisten. Weil sich der Schüler schämte, als Einziger ohne Festtagskleidung zu erscheinen, verpasste er diesen wichtigen Moment. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich genau darüber gepredigt: Nicht Kleider machen Leute, Gott schaut auf das Herz!

Im Hamburger Abendblatt konnte man schon mehr als einmal lesen, dass Mümmelmannsberg so etwas wie ein Schandfleck sei. Im Herbst 1970 hatte Helmut Schmidt, damals als Innensenator, den Grundstein für diese Neubausiedlung im Hamburger Osten gelegt. Mit Bewohnern aus mehr als 70 Nationen ist es heute ein Schmelztiegel kultureller und religiöser Vielfalt. Die meisten Menschen hier sind arm. Viele sehen ihr Quartier aber trotzdem nicht als sozialen Brennpunkt, sondern als Heimatort „Mümmel“. Unsere Kirche ist integriert in einen Wohn- und Gemeindekomplex. Der Außenbau ist bescheiden und unauffällig. Gott wohnt mitten unter den Menschen. Wider jeden Prunk erleben wir sonntags eine Zimmerkirche, den Aposteln vergleichbar.

Die immer schon vorhandene Armut verschärft sich derzeit dramatisch im Zuge der zeitgleichen Zumutungen Pandemie, Krieg und Inflation. Viele (Patchwork-)Familien haben bereits nach dem halben Monat ihr Geld verbraucht. Die Scham, nun regelrecht zum Bettler geworden zu sein, ist übermächtig, so dass viele nicht um fremde Hilfe bitten. Nach dem Prinzip „Wer hat, der gibt. Wer braucht, der nimmt“ agiert deshalb „Klaras Küche“, eine unserer Antworten auf die grassierende Armut.

Die Tora fordert, dass im Gericht das „Recht des Armen“ nicht gebeugt werden soll (Ex 23,6). Propheten begründen das angekündigte Strafgericht damit, dass in Israel die Armen unterdrückt werden (vgl. Jer 5,26–28). Und schließlich preist der Psalmist Gott selbst als Beschützer der Armen (Ps 35,10). Wie theologisch zentral die Option für die Armen ist, malt Psalm 82 in mythischen Bildern aus: Die Götter sollen ihr Gottsein verlieren, weil sie nicht in der Lage sind, die Armen zu retten.

Im Matthäusevangelium (19,21f.) ist zu lesen: „Willst du vollkommen sein, so geh hin, verkaufe, was du hast, und gib es den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; komm, folge mir nach!“. Genau dies ist die Bedeutung des jährlich wiederkehrenden Advents: Der König und Richter am Ende der (Lebens-)Zeiten entäußert sich all seiner Gewalt, wird niedrig und gering, um uns bettelarme Menschen himmelreich zu machen. Das ist der göttliche Tausch zu Weihnachten. Zu Epiphanie, dem Höhepunkt der Weihnachtszeit, ziehen Kinder als Sternsinger, in Königsgewänder gekleidet und mit Kronen auf dem Haupt, von Haus zu Haus und offenbaren jedem Zeitgenossen, worum es in der Taufe geht: Gott wird unseretwegen arm, um jedem Kind dieser Erde seine Königswürde zu schenken. Jedes Kind, gerade auch aus ärmsten Verhältnissen, ist König, Priester und Prophet.

So schwer es auch sein mag: Wir brauchen uns unserer Armut nicht zu schämen; in der Armut finden wir (neu) zum Kind aus Betlehem und zum bettelarmen Mann am Kreuz.

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