García Jiménez de Cisneros: "Exerzitien des geistlichen Lebens"Inspiration für Ignatius

Die berühmten Exerzitien des Ignatius von Loyola sind nicht vom Himmel gefallen. Eine seiner Vorlagen liegt jetzt auf Deutsch vor.

Vor 400 Jahren wurde Ignatius von Loyola heiliggesprochen, zusammen mit seinem Gefährten und Freund Franz Xaver sowie mit Teresa von Ávila, Isidor von Madrid und Filippo Neri, dem Gründer des Römischen Oratoriums (den Ignatius liebend gern als Jesuit gesehen hätte). Papst Franziskus kam deswegen im März zu seinen Mitbrüdern in die Jesuitenkirche Il Gesù in Rom, wo er eine Predigt hielt. Er konzelebrierte nicht, sondern wohnte dem Festgottesdienst aufgrund gesundheitlicher Probleme sitzend bei.

Der Jahrestag der Heiligsprechung fiel mitten in das nun bald zu Ende gehende ignatianische Jahr. Dies hatte bereits im Mai 2021 begonnen, am 500. Jahrestag der schweren Verwundung des baskischen Edelmannes und Offiziers Iñigo López de Oñaz y Loyola bei der Verteidigung der Festung von Pamplona. Während der mehrmonatigen Genesung auf dem heimatlichen Schloss widmete sich der Patient, nachdem alle Ritterromane ausgelesen waren, dem Leben Jesu des Kartäusers Ludolf von Sachsen und einer Sammlung von Heiligenleben des Dominikanermönchs Jacobus de Voragine, dem späteren Erzbischof von Genua. Das erfuhr die Nachwelt aus dem Bericht des Pilgers, der seinem Sekretär diktierten Autobiographie.

In der katalonischen Benediktinerabtei auf dem Montserrat („Zersägter Berg“) bei Barcelona, wo sich Iñigo de Loyola einige Zeit aufhielt und eine drei Tage dauernde Lebensbeichte ablegte, bevor er sich für Monate in Manresa – später seine „Urkirche“ genannt – niederließ, kam er in Kontakt mit dem Exercitatorio de la vida espiritual des Reformabtes García Jiménez de Cisneros, einem Neffen des Großinquisitors von Spanien und Kardinals Francisco Jiménez de Cisneros. Dieses Kloster war ein bekannter Wallfahrtsort und ein Zentrum der geistlichen Erneuerung. García Jiménez de Cisneros hatte über Frankreich die Frömmigkeitsbewegung der Devotio moderna kennengelernt, deren Spuren im Exercitatorio espiritual zu finden sind. In seinem Übungsbuch stellt er Hilfen zur Unterstützung des geistlichen Lebens zusammen. Durch methodisches Betrachten einzelner Bibeltexte sollen die Weisungen der Heiligen Schrift derart verinnerlicht werden, dass die Nachfolge Jesu zum Lebensvollzug wird. Ignatius lernte die Schrift kennen und wurde davon inspiriert. Eine Reihe von Ideen daraus flossen in sein eigenes Exerzitienbuch ein. Dass dieses nicht vom Himmel gefallen ist, dass Ignatius verschiedene Quellen konsultierte, weiß, wer sich näher mit seinem Lebensweg beschäftigt hat. Ob er dabei „abgeschaut“ hat, war lange Gegenstand einer Debatte.

Ignatius – ein Plagiator?

Zur Orientierung ein Rückblick mit Siebenmeilenstiefeln: Zwischen der Verwundung im Mai 1521 und der Priesterweihe in Venedig, im Juni 1537, liegen sechzehn Jahre, in denen er als Laie – für damalige Verhältnisse ungewöhnlich und stets im Visier der Inquisition – geistliche Gespräche führte. Bis zur päpstlichen Bestätigung der Gesellschaft Jesu durch Paul III. am 27. September 1540 vergingen mehr als drei weitere Jahre. Ihr vorangegangen waren die Gelübde der ersten Gefährten auf dem Montmartre in Paris im August 1534. Die Approbation der Geistlichen Übungen (Exerzitien) durch Papst Paul III. erfolgte erst 1548, also acht Jahre nach der Ordensgründung. Im Herbst 1522 hatte Iñigo mit einer ersten Niederschrift begonnen. In sie flossen die Erfahrungen auf dem Montserrat und in Manresa ein. Andere Teile gingen auf pastorale Erfahrungen in Alcalá de Henares und Salamanca (1526/27) und auf die Studien in Paris (1528–1535) zurück. Seit 1535 lag ein vollständiges Textkonvolut vor, das Ignatius in Rom immer wieder überarbeitete und ergänzte und selbst ins Lateinische übertrug.

Es ist keine Übertreibung, wenn der Benediktiner Ansgar Stüfe in seinem Nachwort in der deutschen Erstausgabe des spanischen Urtextes des Exercitatorio espiritual von Stephan Hecht „eine kleine Sensation“ sieht, zumal der Text einen (unterschätzten) „Einfluss auf die religiöse und spirituelle Geschichte der katholischen Kirche“ ausübte, „der bis in die Neuzeit nachwirkte und erst langsam erkannt wird“. Stüfe erinnert sich an eine Begegnung mit einem Mönch des heute noch bestehenden Klosters Montserrat: „Er wollte mir klarmachen, dass Ignatius alles nur von den Benediktinern ,gestohlen‘ habe. Die Benediktiner hätten die Exerzitien erfunden, nicht die Jesuiten.“ Neu sind solche Anschuldigungen nicht. Aber Behauptungen werden durch ständige Wiederholung nicht zu Tatsachen.

García Jiménez de Cisneros ging es mehr um die Formung des Charakters seiner Mönche und die Bewährung im Alltag, wie sie Benedikt gewünscht hatte – so, dass der Einzelne, wie Stüfe schreibt, „ein verträgliches Teil der Gesamtgesellschaft wird“. Das Übungsbuch sollte den einzelnen Mönch methodisch befähigen, ohne direkte Begleitung an sich selbst zu arbeiten. Ignatianische Exerzitien sind demgegenüber individualistischer angelegt: Die konsequente Ausrichtung der Meditation auf das Leben Jesu soll die Bereitschaft zu existenziellen Konsequenzen wecken.

In seiner Einleitung geht Stephan Hecht nach einem kurzen biographischen Abriss der Text- und der Wirkungsgeschichte des Exercitatorio espiritual nach, besonders auch seiner Einwirkung auf Ignatius und die ignatianische Spiritualität. Auffallendes Spezifikum sind die Betonung des mentalen Gebetes und der Menschlichkeit Jesu. Diese Exerzitien sind weit mehr „Weg“ als „Methode“ oder eine Regieanweisung. Die Christuszentriertheit deckt sich mit der Regula Benedicti, der zufolge „Christus nichts vorzuziehen“ ist. Hecht griff bei seiner Neuübersetzung auf eine erste Ausgabe aus dem Lateinischen von Maria Raphael Schlichtner OSB von 1923 zurück, orientierte sich aber hauptsächlich am spanischen Originaltext der zweibändigen Ausgabe von 1964. Auf Parallelen zwischen Cisneros und Ignatius, etwa was die Anzahl der Gebetshoren angeht, macht er unaufgeregt aufmerksam. Sich auf die Lektüre einzulassen lohnt – nicht nur, um Vergleiche mit dem ignatianischen Exerzitienbuch anzustellen, das auf Entscheidungsfindung in einer konkreten Lebenssituation abhebt. Man lernt einen wirkmächtigen spirituellen Longseller des 16. Jahrhunderts kennen, der als Grundlagenwerk der Spiritualitätsgeschichte gelten kann.

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