SchicksalSelbst schuld?

Wem ein Unglück geschieht, der hat es wahrscheinlich auch verdient – so dachte man in der Antike. Jesus bricht mit diesem Schuldverständnis.

Pilgergruppe in Tempel niedergemetzelt. Achtzehn Menschen von einstürzendem Turm erschlagen. Zwei Beispiele, wie Menschen von jetzt auf gleich ihr Leben verlieren. Zwei Schlagzeilen, wie sie heute in der Zeitung stehen könnten. Wir finden sie ohne Details oder weitere Erklärung im Lukasevangelium (13,19): „Zu jener Zeit kamen einige Leute und berichteten Jesus von den Galiläern, deren Blut Pilatus mit dem ihrer Opfertiere vermischt hatte.“ Eine Freveltat von Besatzern unter skandalösen Umständen von Machtmissbrauch, Gewaltherrschaft und absoluter Respektlosigkeit vor der Heiligkeit eines Ortes – so können wir den Befehl des römischen Statthalters Pontius Pilatus in Judäa verstehen.

„Oder jene achtzehn Menschen, die beim Einsturz des Turms am Schilóach erschlagen wurden.“ Ein Unfall, geschuldet vielleicht der Fahrlässigkeit, Nachlässigkeit oder Unwissenheit der Turmbauer. Heute würden wir die Verantwortung in jedem Fall beim Befehlsgeber oder Bauleiter suchen, es allenfalls noch als Unglück oder Zufall, jedenfalls nicht mehr als „Schicksal“ bezeichnen. Meist ist von „unschuldigen Opfern“ die Rede, im Krieg auch von „unschuldigen Opfern in der Zivilbevölkerung“. Kaum jemand käme auf die Idee, die getöteten Menschen selbst für ihr Ende verantwortlich zu machen. Sie waren nur zur falschen Zeit am falschen Ort.

In Israel galt zur Zeit Jesu jedoch die gegenteilige Vorstellung. Wer ein solches Schicksal erlitt, musste eine entsprechend große Sünde begangen haben. Denn Gottes Gerechtigkeit zeigt sich bereits im irdischen Leben. Jesus greift dies in seiner Antwort auf die Berichte auf: „Meint ihr, dass diese Galiläer größere Sünder waren als alle anderen Galiläer, weil das mit ihnen geschehen ist?“ „Meint ihr, dass sie größere Schuld auf sich geladen hatten als alle anderen Einwohner von Jerusalem?“ Und nun übersteigt er diese Idee und führt sie in eine neue Dimension: „Nein, sage ich euch, vielmehr werdet ihr alle genauso umkommen, wenn ihr nicht umkehrt.“ Es ist ein deutliches Nein dazu, dass Gott uns umgehend für unsere Taten straft. Aber die neue Sicht auf die Dinge ist keineswegs einfacher: Auch ihr werdet euer Leben verlieren, wenn ihr nicht umkehrt und Buße tut. Für „Umkehr“ und „Buße“ steht hier das griechische Wort metanoia. Darin sind Reflexion, Reue, Buße und Wandlung enthalten.

Die Verantwortung für unser Handeln liegt bei uns, aber Gott straft nicht, sondern wartet mit unendlicher Geduld, bis wir selbst erkennen und nach Möglichkeit wiedergutmachen, was wir angerichtet haben. Das folgende Gleichnis vom Feigenbaum lässt uns das hoffen. Der Baum, der schon drei Jahre keine Früchte getragen hat, und mehr noch den anderen Bäumen die Nahrung wegnimmt, wird nicht umgehauen, sondern bekommt eine Gnadenfrist, wird sogar gepflegt und gehegt, bis sich zeigt, ob sich nicht doch etwas ändert. Wir sind also nicht allein gelassen, sondern haben in Jesus einen Gärtner, der sich um uns bemüht.

Aber was hat es nun auf sich mit der Umkehr? Wir halten ja unsere Realität und unsere Meinung selbstverständlich für die richtige. Wir glauben uns im Recht, und dumm, verblendet oder böse sind die Anderen. Oder wir betrachten uns in einer Art Verkehrung der Dinge für alles verantwortlich und schuldig und gefallen uns noch in der Pose dessen, der das Leid und die Last der Welt auf sich nimmt.

Wo ist nun der Weg zwischen all diesen Abgründen von Opferhaltung und Hybris, zwischen Ohnmacht und Machtbesessenheit? Die Fastenzeit ist eine gute Zeit, einmal Bilanz zu ziehen. Sich zu fragen: Ist meine Sicht der Welt richtig? Ist sie richtig für mich? Ist sie auch richtig für andere? Sich zu fragen: Was kann ich selbst tun, und was muss ich in Gottes Hand geben? Wo habe ich eine Verantwortung und wo endet sie? Wenn wir denken, wir hätten eine Situation oder eine Person begriffen – denken wir noch einmal darüber nach. Vielleicht überrascht uns ein Sinneswandel.

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