EditorialUrlaubsreif

Sicher, nach anderthalb Jahren Pandemie sind alle irgendwie urlaubsreif. Gerade Familien und junge Leute, denen das Virus besonders viel abverlangt hat. Aber dass es nun genauso weiterzugehen scheint wie vorher, wundert einen dann doch.

In sechs der sechzehn deutschen Bundesländer haben die Sommerferien begonnen. Die Leute verreisen wieder. Und wohin zieht es sie? Der Deutsche Reiseverband sieht eigentlich keine großen Veränderungen zu „normalen“ Jahren. Zwar werde Urlaub im Inland durchaus stärker nachgefragt. Aber gerade auch ans Mittelmeer wollen viele, Türkei und Ägypten eingeschlossen. Ausdrücklich erwähnt der Branchenverband, dass Kreuzfahrten wieder stärker gebucht werden. „Zahlreiche Urlauber“ zieht es laut Statistik sogar in die Dominikanische Republik und auf die Malediven.

Solche Meldungen lassen einen irritiert zurück. Sicher, nach anderthalb Jahren Pandemie sind alle irgendwie urlaubsreif. Gerade Familien und junge Leute, denen das Virus besonders viel abverlangt hat. Aber dass es nun genauso weiterzugehen scheint wie vorher, wundert einen dann doch. War da nicht was? Hatten die eindrücklichen Bilder von sich erholender Natur – weil etwa in Venedig die Touristen wegblieben – uns nicht gemahnt, dass wir auch bei unserem Reiseverhalten umsteuern müssen? Hieß es nicht, wir würden jetzt unseren persönlichen Overtourism reduzieren wollen? Nachhaltigkeit statt Massentourismus?

„Es erstaunt mich immer wieder, wie schnell und radikal die Menschen vergessen.“ Das hat der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann schon zu Beginn der Corona-Seuche im „Spiegel“ gesagt. Wenn es irgendwo eine Überschwemmung gibt, erläuterte er damals fast im Stil eines biblischen Gleichnisses, dann „schwören alle, so geht es nicht weiter …Aber wenn der Keller wieder sauber und aufgeräumt ist, werden ein halbes Jahr später schon die ersten Bauanträge in diesen Gebieten gestellt.“

Noch ist Gelegenheit zum Innehalten und Umdenken, zur Neuausrichtung. Wir sollten sie nicht verstreichen lassen. Das allgegenwärtige rasante Tempo in allen Lebensbereichen, die Oberflächlichkeit, auch die Häme und Gehässigkeit in unserem öffentlichen Miteinander … Sollten wir, wollten wir, ja müssen wir da nicht dringend dran? Und was ist mit den positiven Ansätzen, die in der Pandemie entstanden sind, etwa im Bereich der digitalen Kommunikation auch in den Kirchen? Droht das jetzt wieder in der „alten Normalität“ unterzugehen?

Was Hoffnung gibt: Wer christlich auf den Menschen blickt, der traut ihm etwas zu. Gerade auch, dass er umkehrt. Du sollst dir kein Bild machen ... Das heißt auch: Verharre nicht in der festgefügten, negativen Vorstellung, dass alles so bleibt, dass es nicht anders, nicht besser werden kann.

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