SpiritualitätGeistlich reifen in den Ferien

In der sommerlichen Ruhe – so sie uns denn vergönnt ist – zeigt sich womöglich auch, was wir an uns sonst gern verdrängen. Wie können wir damit umgehen?

Erprobungen und Anfechtungen gehören zu unserem Leben, da helfen weder Klagen noch Bedauern. Versuchungen als Wegbegleiter wollen gesehen, angenommen und bestanden werden. Außerdem haben sie starke Verbündete in uns selbst: Es sind unser Glückshunger, unsere Traurigkeiten und die Melancholie des Lebens, die nach einer Betäubung gieren. Es sind unser Vertrauen auf das Greifbare und die erstaunliche und unheimliche Fertigkeit, das Gute böse und das Böse gut erscheinen zu lassen – und das nicht nur für andere, sondern auch für uns selbst. Deshalb brauchen wir Strategien im Umgang mit Versuchungen. Es geht um Klärungsprozesse, die in Gang kommen, wenn ein Mensch die von ihm erlebten inneren und äußeren Bewegungen und Antriebe daraufhin prüft, ob sie ihn mehr zu Gott, zu seinen Mitmenschen und zu seiner Identität führen – oder davon weg.

Schmerzhafte Entzauberung

Biblisch zeigen etwa die Prüfungen Jesu (vgl. Mt 4,1–11), dass es möglich ist, Versuchungen zu bestehen und an ihnen zu wachsen. Zuerst heißt es, die Regungen und Gedanken in uns wahrzunehmen. Das ist in lauten und stressigen Phasen gar nicht so einfach. Es gilt zu erkennen, dass Regung nicht gleich Regung und Gedanke nicht gleich Gedanke ist. Sie gehören differenziert und benannt. Damit ist für einen Unterscheidungsprozess schon viel gewonnen. So kann ich eine klare und entschiedene Haltung finden, ob ich eher diesem oder jenem Impuls meine Zustimmung gebe.

Die christliche Tradition empfiehlt darüber hinaus eine kluge Selbsteinschätzung der persönlichen Schwachpunkte. Es ist nicht leicht, diejenigen Aspekte anzunehmen, die sich nicht oder nur schwer mit unserem Selbstbild vereinen lassen. Sich damit zu konfrontieren, entzaubert und tut weh. Schließlich bleibt die Ungewissheit, ob unsere Mitmenschen uns noch akzeptieren, wenn sie unsere Schwachstellen kennen. Immerhin können wir vor den anderen nicht mehr die Besten, Liebsten und Größten sein – auch nicht vor uns selbst!

Gott ist größer

Ein letzter Hinweis: Lerne beten! Bitte um Klarheit! Sage nicht: „Ich kann nicht.“ Sage zu Gott: „Du kannst.“ Sage nicht: „Ohne dies oder das kann ich nicht leben.“ Sage zu Gott und sage es laut, immer wieder, geduldig und hartnäckig: „Nur ohne dich kann ich nicht sein!“ Bei aller Wichtigkeit, mit Versuchungen zu rechnen und ihnen klug zu begegnen, gibt es im Leben zudem Wichtigeres. Wenn ich scheitere und falle, mein Herz mich verurteilt, so darf ich davon ausgehen und vertrauen: „Gott ist größer als unser Herz, und er weiß alles“ (1 Joh 3,20). Er will, dass wir leben, nicht dass wir zugrunde gehen. Aber nicht, weil wir so gut sind, sondern weil es mit seiner Hilfe gelingen kann.

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