Antisemitismusvorwürfe im WahlkampfBaerbocks Zehn Gebote

Ein mächtiger Arbeitgeberverband zeigt die grüne Kanzlerkandidatin als prophetische Verkünderin der zehn Klimaverbote. Ist das antisemitisch – oder einfach nur gedankenlos?

Annalena Baerbock trägt ein altertümliches grünes Gewand und ein verkniffenes Lächeln zur Schau. In den Armen hält sie zwei Steintafeln mit Geboten wie „Du darfst nicht fliegen“ und „Du darfst kein Verbrenner-Auto fahren“. Wer regelmäßig Zeitung liest, kam an diesem bizarren Bild kaum vorbei. Es wurde als großformatige Anzeige in Tageszeitungen wie der „Frankfurter Allgemeinen“ und der „Süddeutschen“ abgedruckt, digital fand man es etwa bei „Zeit online“.

Aus Marketing-Sicht ist die Kampagne wohl ein voller Erfolg. Denn auf einmal sprach das ganze Land über Baerbock als grünen Klima-Mose. Allerdings weniger über inhaltliche Fragen, sondern darüber, ob die Lobbyorganisation „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ (INSM), die hinter der Anzeige steht, mit der Darstellung zu weit gegangen sei. Und schnell stand ein Vorwurf im Raum: Antisemitismus.

Nur falsch verstanden?

Tatsächlich kann man sich fragen, ob es – gerade in Deutschland – angemessen ist, einen politischen Gegner, den man lächerlich machen oder vor dem man warnen will, ausgerechnet als zentrale Figur des Judentums darzustellen. Noch dazu unter dem Slogan „Wir brauchen keine Staatsreligion“ – als hätte irgendjemand das gefordert. Dazu kommt noch der bemerkenswert unpassende Satz am unteren Rand der Anzeige: „Verbote haben noch nie ins gelobte Land geführt.“

Der Antisemitismusbeauftragte des Landes Baden-Württemberg, Michael Blume, warnte kurz nach Erscheinen der Bildmontage davor, „Verschwörungsmythen“ zu bedienen, nach denen eine als jüdisch gedachte Elite im Hintergrund alle Fäden ziehe und den Bürgern ihre Freiheiten nehmen wolle. In Foren wurde debattiert, ob Mose überhaupt als Jude wahrgenommen wird oder nicht auch symbolisch für das Christentum stehen könne. Andere brachten das seit Jahrzehnten überstrapazierte Tucholsky-Zitat „Was darf Satire?“. Und von der INSM hieß es verdruckst, die Kampagne werde falsch verstanden.

Wenn die Argumente ausgehen

Ist es glaubwürdig, dass in der langen Entwicklung hinter einer so großen Werbemaßnahme niemand auf die Idee gekommen ist, dass man sie auch falsch verstehen könnte? Nicht mal der Grafiker, der auf einer der Steintafeln die Aufschrift „Du darfst noch weniger von deinem Geld behalten, obwohl du jetzt schon hohe Steuern zahlst“ angebracht hat? Selbst wenn es so war: Wer religiöse Symbole gedankenlos im Wahlkampf benutzt, zeigt vor allem, dass ihm die echten Argumente ausgegangen sind. Vielleicht bringt es Charlotte Knobloch am besten auf den Punkt. Während auf Twitter die Emotionen hochkochten, bemerkte die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland schlicht: „Die INSM wäre gut beraten, das Thema Religion, von dem sie offensichtlich nichts versteht, anderen zu überlassen.“

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