Interview mit Pfarrer Rainer Maria Schießler„Anscheinend traut sich da keiner“

Zur Fastenzeit gehört auch, mehr und packender vom Glauben zu sprechen. Aber wie? Antworten gibt Rainer Maria Schießler, Tausendsassa und wohl bekanntester Priester Deutschlands.

© © picture alliance / SZ Photo | Stephan Rumpf

CHRIST IN DER GEGENWART: Herr Schießler, wie soll man fasten in der ohnehin schon entbehrungsreichen Corona-Zeit? Was raten Sie Ihrer Gemeinde?

Rainer Maria Schießler: Das, was uns schon der Prophet Jesaja vor tausenden von Jahren geraten hat: Löst die Fesseln der Menschen, die man zu Unrecht gefangen hält, befreit sie vom drückenden Joch der Sklaverei und gebt ihnen ihre Freiheit wieder! Schafft jede Art von Unterdrückung ab! (vgl. Jes 58,6; d. Red.). Nichts hat sich geändert, im Gegenteil, die Herausforderungen werden immer größer.

Die digitalen Medien sind in der Pandemie sicher noch wichtiger geworden. Auch Sie sind dort ja sehr präsent. Bleibt da eigentlich noch Zeit für die Seelsorge?

Alles, was ich mache, ist Seelsorge. Nichts wird ausgeschlossen und nichts stellt das andere in Frage. Mit meinen Beiträgen zum Sonntagsevangelium erreiche ich auf Facebook regelmäßig 13000 Leute. So viele bekomme ich in keine Kirche! Meine Arbeit ist nicht nur auf den sakralen Kirchenraum begrenzt, das wäre viel zu kurz gesprungen.

Das klingt, als wären Sie immer im Dienst…

Ich würde es anders sagen: Seelsorger sein ist nicht nur ein 24-Stunden-Job, sondern eine Lebenseinstellung, die einem auf den Leib geschrieben ist. Zu unserem Interview heute war ich etwas zu früh da. Also habe ich noch schnell einen Hausbesuch gemacht. Ich war bei einem Ladenbesitzer, der wegen Corona gerade um seine wirtschaftliche Existenz bangt.

Aus Sicht der Gläubigen ist das natürlich schön, wenn ein Pfarrer so aktiv ist. Aber sollten Sie als Geistlicher nicht auch Ihre Innerlichkeit pflegen?

Unbedingt. Ich versuche, mich am brennenden Dornbusch aus der Bibel zu orientieren (vgl. Ex 3,2; d. Red.): Für die Sache brennen, aber nicht verbrennen. Ich gehe also zu Menschen, die mir Kraft geben und Stütze sind. Und man muss einen Sinn dafür haben, wie viel Positives um einen herum stattfindet. Das übersieht man in der ganzen Hektik schnell.

Wollen Sie nie allein sein?

Doch, ich suche Ruhe und Einsamkeit in mir selbst.

Gibt es einen Ort, an dem Sie gar nicht erreichbar sind?

Wenn ich auf dem stillen Örtchen bin. (lacht)

Die kirchliche Medien-Präsenz geht ja meist über die institutionelle Ebene. Die Bistümer haben ihre Pressesprecher und eine gut ausgestattete Öffentlichkeitsarbeit. Regelmäßig kommen Stellungnahmen und Appelle zu allen möglichen Themen, zum Beispiel zum Umweltschutz.

Ja, die Kirche wird da auch angefragt. Aber ich finde es erstaunlich, dass sich die offizielle Ebene immer sehr schnell zurückzieht, wenn es konkret wird. Ich bekomme viele Medien-Anfragen, ob ich nicht zum Gespräch bereit bin. Die Begründung ist dann: Wir haben keinen von der kirchlichen Leitungsebene vors Mikro gekriegt. Anscheinend traut sich da keiner.

Wovor hat man da Angst?

Dass man festgenagelt wird. Heute im medialen Zeitalter gilt: Was du einmal von dir gibst, das ist da. Und was einmal im Internet steht, bleibt im Internet. Wenn Kirchenleute nur auf ihre Karriere schauen, haben sie natürlich Angst, dass das ihren Aufstieg behindern könnte. Jemand könnte ja sagen, du hast doch damals dieses und jenes gesagt. Es ist also immer auch ein Risiko, wenn man sich öffentlich äußert.

Was ist der größte Fehler, den man in den Medien machen kann?

Wenn man zu schnell ist und dabei zu wenig nachdenkt. Man muss sich klarmachen, dass es immer irgendwelche Leute gibt, die man vielleicht vor den Kopf stößt.

Was Ihnen vermutlich niemals passiert…

Doch! Besonders krass war es einmal, als ich mit einem Video das bayerische Volksbegehren „Rettet die Bienen“ unterstützt habe. Da geht es um Artenvielfalt und ein strengeres Naturschutzgesetz. Als ich darüber gesprochen habe, dass mir das wichtig ist, da habe ich nicht den Bereich der Landwirtschaft im Kopf gehabt. Ich habe die Wörter „Landwirtschaft“ und „Bauern“ nicht einmal erwähnt. Diese Gruppen haben sich von mir total angegriffen gefühlt, geradezu an den Pranger gestellt. Da lecke ich bis heute meine Wunden.

Sind Sie deshalb jetzt vorsichtiger mit öffentlichen Äußerungen?

Man muss immer Stellung beziehen und manchmal anecken. Ich will mich nicht jedem anpassen. Aber ich denke vorher nach: Könnte der Schuss nach hinten losgehen?

Bei Predigten treffen Sie den Ton ja ganz gut. Es heißt, Sie sprechen gern sehr lange, und trotzdem klatschen die Kirchenbesucher danach. Was ist Ihr Geheimnis?

Ich bin ich selbst. Wenn man echt ist und wenn einen das Thema fesselt, und das merken die Zuhörer, dann gehen sie mit. Zum Beispiel gehört bei mir mein bayerischer Dialekt zur Predigt, weil der ein Teil von mir ist. Das ist nicht gespielt, sondern echt.

Kann es nicht sein, dass der Glaube kaum noch provoziert, wenn man zu leutselig wird? Das Wort Gottes ist schließlich immer auch Kritik an den bestehenden Verhältnissen.

Glaube ist immer provokant. Ich weiß, dass meine Kritiker mir vorwerfen, ich würde das Wort Gottes banalisieren, weil ich mit einfachen Worten rede.

Der Papst schafft es auch immer wieder in die Medien. Welchen Rat würden Sie ihm geben?

Ich würde mit Franziskus über seinen Auftritt vor ziemlich genau einem Jahr im ersten Corona-Lockdown reden. Da hat er in den Abendstunden vor dem Petersdom eine Ansprache gehalten. Die Bilder waren schon mal toll. Der Papst ganz allein auf dem leeren Petersplatz. Das war so ausdrucksstark. Aber warum muss er dann eine halbe Stunde etwas vorlesen? Er hätte frei aus dem Herzen reden können.

Es kann doch nicht schaden, wenn man sich seine Worte vorher zurechtlegt. Immerhin haben wohl Millionen Menschen am Fernsehen und im Internet zugeschaut.

Papst Franziskus hat als alter Priester mit 84 Jahren so viel zu sagen, so viel zu erzählen. Er hätte sich hinstellen können und aus sich heraus der Welt Mut machen können, mit spontanen Worten. Dann hätten ihm alle zugehört, ob Christen oder nicht.

Nach seiner Ansprache hat der Papst noch eine eucharistische Anbetung gehalten.

Ja, mit Chor, mit Paramenten. War das wirklich nötig, dass er dann noch sozusagen das ganze katholische Equipment ausgepackt hat? Ich habe da abgeschaltet, da war ich raus. Ich wollte es nicht mehr sehen. Ich glaube, eine gute Manöverkritik würde auch dem Papst ab und zu nicht schaden.

Vielen Dank für das Interview, Pfarrer Schießler. Oder hören Sie lieber Herr Schießler?

Das ist mir völlig egal.

Interview: Jonas Mieves

Rainer Maria Schießler wurde 1960 geboren und ist katholischer Priester an Sankt Maximilian im Münchener Glockenbachviertel. Seinen Podcast „Schießlers Woche – Hier spricht der Pfarrer!“ gibt es etwa auf Spotify oder in der Apple Mediathek.

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