Menschwerdung biblischGottes riskanter Kontakt

Jeder Mensch braucht Nähe, jeder lebt von der Zuwendung anderer – taktvoll. Die Menschwerdung des göttlichen Logos wahrt den rechten Takt, weil es dem Menschen überlassen bleibt, ob er diese Kundgabe als bedeutsam wahrnimmt und wie er das Heilsgeschehen deutet.

Die Erfahrung, dass Weihnachten 2020 nicht so ist wie sonst, werden alle machen – unabhängig davon, ob sie das Fest religiös begehen oder nicht. Die Pandemie fordert in sämtlichen Lebensbereichen Umstellungen, Kreativität und Flexibilität. Das politische Ringen um verhältnismäßige und wirksame Schutzmaßnahmen an den Feiertagen zeigt, wie sensibel diese Zeit ist.

Weihnachten ist emotional so aufgeladen wie kaum ein anderes Fest. Der Wunsch nach liturgischer Feierlichkeit und entspannter Geselligkeit im Familien- und Freundeskreis gehört für die meisten dazu. Doch genau hier sind empfindliche Einschränkungen sowie die Sorge um Eltern und Großeltern zu verkraften. Das ist nach langen Monaten, in denen unser aller Leben durch die Pandemie irritiert wurde, noch einmal eine eigene Herausforderung. Es könnte aber auch eine Chance sein zu klären, was einem Weihnachten eigentlich bedeutet und ob 2020 auch in anderen als den gewohnten Formen Weihnachten werden kann. Dieser katalysatorische Effekt könnte bis 2021 und weiter reichen, stellt sich doch in vielen Lebensbereichen die Frage, ob es „nach Corona“ genauso weitergehen soll wie „vor Corona“ – oder ob sich mit den Menschen, die aus der Pandemie verändert hervorgehen werden, auch ihre Lebens- und Glaubensformen ändern können.

Ein „Knuffelcontact“

Aus der Erfahrung, dass Wichtiges fehlt, steht das Weihnachtsfest 2020 in einem besonderen Licht, das seine Bedeutung neu erschließen kann. Denn jetzt wird bewusst verringert, was für die christliche und ebenso für eine säkulare Deutung von Weihnachten konstitutiv ist: das Erleben von Nähe, Kontakt und Gemeinschaft. Das hat viel mit dem Festgeheimnis zu tun.

Als Christen feiern wir am 25. Dezember einen Gott, der Fühlung aufnimmt mit der Welt und der Kontakt mit den Menschen seines Wohlgefallens sucht (Lk 2,14). Was Nähe zwischen Menschen bedeuten kann und was fehlt, wenn sie fehlt, haben wir alle in diesem Jahr schmerzlich erlebt. Jeder Kontakt, der nicht zustande kommt, ist zurzeit ein guter Kontakt. Jeder Eintrag ins Corona-Kontakt-Tagebuch, der nicht getätigt werden muss, ist aus epidemiologischer Sicht zu begrüßen. Sich freiwillig zu isolieren gereicht, virologisch betrachtet, derzeit allen Beteiligten zum Segen. Das läuft grundmenschlichen Bedürfnissen, unserem Glücks- und Heilsempfinden, zuwider, so sehr man sich als verständiger Mensch auch verantwortlich verhält.

Wie wichtig Berührung und Nähe sind, um an Leib und Seele gesund zu bleiben, haben die Belgier mit einer landesspezifischen Kontaktregel erfasst, die über die Landes- und Sprachgrenzen hinaus verständlich ist. Sie zählten in den harten Ausgangsbeschränkungen, die nach besorgniserregenden Infektionszahlen im Herbst unausweichlich geworden waren, nicht einfach Haushalte und Personen, die zusammentreffen dürfen. Sie ließen einen „Knuffelcontact“ zu. Denn jeder braucht einen anderen zum Gernhaben. Einsamkeit ist auch bei uns, in einer Gesellschaft, in der ein Fünftel der Erwachsenen allein lebt, keineswegs nur eine Erfahrung der älteren Generation. Als Großbritannien 2018 ein Ministerium für – besser gesagt: gegen – Einsamkeit einrichtete, spotteten viele. Doch aus heutiger, pandemisch geschulter Perspektive erscheint es geradezu hellsichtig, als Gesellschaft darauf zu achten, dass kein Mensch vereinsamt, und sich bewusst zu machen, dass es nicht nur familiäre Bande, sondern auch andere soziale Beziehungen sind, die für menschliches Wohlergehen sorgen.

Rechte Nähe, rechter Abstand

Kontakt kommt vom lateinischen tangere: berühren. Contactus bedeutet Berührung, aber auch Ansteckung. Die aktuellen Kontaktbeschränkungen sind von daher sogar sprachwissenschaftlich gut begründet. Intakt und integer ist, wer unberührt und unversehrt ist: wem der andere vom Leib blieb. Wenn wir im Deutschen von Takt sprechen, ist nicht nur körperliche Berührung gemeint. Es schwingen auch Feinfühligkeit und Respekt mit. Sich einem anderen gegenüber con-tactus, also taktvoll, zu verhalten, bedeutet, sensibel zu sein für diejenige Form von Nähe, die angemessen ist und in der jeweiligen Situation und Konstellation guttut. Das kann mit oder ohne Berührung der Fall sein und umgreift viele Dimensionen. Physische Nähe tangiert nicht nur äußerlich. Sie kann im Innersten berühren, aber auch versehren und traumatisieren. Ebenso können Worte zu Herzen gehen, aber auch verletzen und zerstören. Taktvoll handelt, wer die körperliche, seelische und geistliche Integrität des anderen wahrt und in Wort und Tat den rechten Abstand hält. Taktlos benimmt sich, wer Leib, Seele und Gedanken eines anderen angreift und dessen Grenzen überschreitet. Körperlicher, psychischer oder spiritueller Missbrauch lässt sich in diesem Sinne auch als gewaltsame Verkehrung eines Kontakts beschreiben, der unter allen Umständen taktvoll erfolgen sollte.

Weihnachten feiert Gott, der Fühlung aufnimmt in einer Weise, die wohltut und allen zum Heil gereichen will. Dessen Kontakt in einer guten Weise ansteckt, auf dass Menschen, innerlich berührt, einander zum Segen werden können. Der sich selbst berührbar und verwundbar macht, weil er durch die Art, wie er Kontakt aufnimmt, seine eigene Eindeutigkeit riskiert. Die Medien seiner Kundgabe – Worte, Zeichen und Wunder und erst recht ein Menschenleben – tangieren behutsam und bleiben mehrdeutig. Gott wahrt den rechten Takt, weil er es den Menschen überlässt, ob sie seine Kundgabe als bedeutsam wahrnehmen und welche Bedeutung sie ihr zumessen. Gott, dessen Menschwerdung wir Weihnachten feiern, riskiert so seine eigene Interpretation. Er gibt sich der Vielstimmigkeit und Komplexität seiner Aufnahme und Wirkung preis. Das zeugt von echter Größe. Weihnachten: Gottes riskanter Kontakt.

Riskant ist es von Anfang an. Sich auf eine Welt freier Menschen, eine freie Gesellschaft einzulassen, ist schon nach menschlichem Ermessen gewagt. Nicht von ungefähr sind es allüberall die Freiheitsrechte, welche die Machthaber dieser Welt als erstes einschränken. Gott riskiert seine eigene Offenbarung, indem er einer Jugendlichen, dem Mädchen Maria, ankündigen lässt, sie werde die Mutter dessen werden, der „groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden“ (Lk 1,32) wird. Die Kirche wird ihr deshalb später den Ehrentitel Theotokos, Gottesgebärerin, verleihen. Und die Theologie wird Marias Fiat („Mir geschehe…“) zum Inbegriff intakter – von der Erbsünde nicht berührter – menschlicher Freiheit erklären, was das Risiko ihres Nein freilich nachträglich entschärft. Doch ob es nun eine echte Frage war, die sie auch abschlägig hätte beantworten können, oder eine Verheißung, die sie in Demut annahm: Es war eine schier unglaubliche Botschaft, die an dieses Mädchen erging. Maria reagierte, folgt man dem Evangelisten Lukas, ganz schlicht und ergreifend. Sie gab dem Verkündigungsengel Gabriel ihr Ja und Amen: „Mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lk 1,38). Die hochbetagte Sara, deren Geschichte hier durchscheint, hatte angesichts einer ähnlich unbegreiflichen Verheißung ganz anders reagiert: Sie hat gelacht (Gen 18,12) und danach ihren Sohn benannt: Isaak, denn „Gott ließ mich lachen; jeder, der davon hört, wird mir zulachen“ (Gen 21,6). Marias Sohn Jesus trägt nicht die Reaktion seiner Mutter, sondern Gottes vorgängiges Versprechen im Namen: JHWH rettet.

Anstößiger Jesus

Riskant war die Verheißung, riskant ist auch die Geburt des Gotteskinds: Ob es nun, wie es die davidische Verheißung will, in Bethlehem oder doch in Nazareth war – heute würde man Jesu Geburt mit Fug und Recht eine Risikogeburt nennen: eine minderjährige Erstgebärende, die abseits zivilisatorischer Strukturen unter erbärmlichen hygienischen Bedingungen ihr Kind zur Welt bringt. Der Ehemann dürfte wie die Hirten auf den Feldern mit den Bedürfnissen einer jungen Mutter so unvertraut und überfordert gewesen sein wie mit denen eines Neugeborenen.

Riskant und mehrdeutig bleibt es im Leben dieses Gotteskinds. Jesus wird Anstoß erregen, wo immer er auftaucht. Die einen fasziniert er, die anderen verfluchen ihn. Dem typischen Mannsbild seiner Zeit entspricht er nicht. Er entzieht sich seiner Herkunftsfamilie und brüskiert sie öffentlich (Mk 3,31–35). Als „Bruder und Schwester und Mutter“ gelten ihm stattdessen Gleichgesinnte, die dem Willen seines himmlischen Vaters folgen: Freundinnen und Freunde (Joh 15,15), denen er diesen Willen anvertraut. Darunter sind alleinstehende Frauen und Männer genauso wie Väter, die ihre Familien allein lassen, um mit ihm zu ziehen. Andere bieten ihm ihr Zuhause an, wenn er in der Nähe ist. Er nimmt ihre Gastfreundschaft gern an. Als begnadeter Lehrer und Erzähler bietet Jesus landauf, landab den Menschen einen Schlüssel zum Leben und Glauben. Als einer, der zutiefst aus den heiligen Schriften Israels lebt, fordert er Schriftgelehrte mit den Deutungen der Texte heraus, lässt sich von ihnen aber theologisch nicht aufs Glatteis führen. Er setzt ihrem Urteil Grenzen, indem er zeigt, wo sie in Wort und Tat Gottes Wort und Gebot außer Kraft setzen (Mk 7,13). Zur Schau gestellte Frömmigkeit derer, die sich besonders heilig wähnen, entlarvt er (Mt 23,5–7), und heiliger Zorn überkommt ihn, wo er Gottes Heiligtum entehrt sieht (Joh 2,15).

Berührbar ist er in vielerlei Hinsicht: mit Leib und Seele, Geist und Sinn, gegenüber Freunden und Fremden, privat und politisch. Er ergreift Partei für die Kleinen und Armen (Mt 18,6.10). Er lässt zu, dass die Tränen einer Prostituierten seine Füße benetzen und ihre Küsse sein Haar bedecken (Lk 7,38). Er berührt einen Aussätzigen (Mk 1,41–42) und lässt zu, dass eine blutende Frau ihn berührt (Mk 5,25–34). Er scheut nicht den Kontakt zu Zöllnern, sondern kehrt bei ihnen zuhause ein und isst mit ihnen (Mt 9,10). Er nimmt Kinder in die Arme (Mk 10,16). Er fasst Kranke an, die er heilt, und Tote, die er zum Leben erweckt (Mk 5,41). Als sein Freund stirbt, erschüttert ihn das im Inneren (Joh 11,33). Solche Empathie und solches Engagement bergen wohl zu allen Zeiten ein tödliches Risiko. Aber es ist genau diese Kontaktfähigkeit Jesu, in der Gott offenbart, wer er ist und als wer er geglaubt werden will.

Mensch-, nicht Mannwerdung

Doch noch in der Auferweckung des zu Tode gefolterten Gekreuzigten riskiert Gott seine Deutung: Wer kann das glauben? Nicht einmal an diesem für die Christenheit entscheidenden Punkt wird es eindeutig. Auch hier geht es um Kontakt, jedoch eher innerlich als äußerlich. Als die Emmaus-Jünger ihren Weggefährten endlich als den identifizieren, den sie kannten, entzieht er sich ihren Blicken (Lk 24,31). Maria Magdalena darf ihn nicht festhalten: Noli me tangere! (Joh 20,17). Jesus berührt sie stattdessen im Inneren und setzt sie so instand, zur Apostelin der Apostel zu werden. Und Thomas, dem es mangels körperlichen Kontakts mit dem Auferstandenen an Eindeutigkeit fehlt, darf ihn zwar anfassen (Joh 20,27). Aber glücklich schätzen sollen sich die, „die nicht sehen und doch glauben“ (20,29).

Weihnachten feiert Gott, der sich vom Anfang bis zum Ende dem Risiko aussetzt, dass seine Fühlungnahme mit der Welt der Menschen übersehen, missverstanden, kleingeglaubt, zurechtgebogen oder ausgeschlagen wird. Weihnachten feiert Gott, der Kontakt aufnimmt, indem er Fakten schafft, aber das Risiko seiner Deutung nicht scheut. Denn noch diese Fakten sind mehrdeutig, unterschiedlich deutbar, verschieden bedeutsam: In der Fülle der Zeit wird das ewige Wort als Kind einer jüdischen Mutter Mensch (Gal 4,4). Dass dieses Kind männlich war, ist Tatsache. Was dieses Faktum allerdings bedeutet, ist Interpretation. Heilsbedeutsamkeit sollte der Männlichkeit dieses Gotteskinds im Unterschied zu seiner Menschlichkeit schon deshalb nicht zugedacht werden, weil nur das, was angenommen wurde, auch erlöst wird. Ob dem Faktum der Männlichkeit Jesu in anderen Fragen, deren Beantwortung nicht heilsbedeutsam ist, irgendeine Normativität zugemessen werden soll, ist umstritten. Doch bei Inkarnation und Erlösung ist der Streit der Interpretationen von alters her klar entschieden: Es geht nicht um die Mannwerdung, sondern um die Menschwerdung des Logos: Homo factus est.

Zum Segen

Erlösungsbedürftig ist seit Adam und Eva das ganze Menschengeschlecht. Wer im Kind von Bethlehem vor allem den Geschlechtsgenossen erkennt, der die eigene Männlichkeit adelt, mag sich daran erinnern lassen, wie unverblümt und drastisch man in der Alten Kirche jegliche männliche Potenz ausschloss, um die göttliche Herkunft des Menschensohns auszudrücken: sine semine virili, ohne männliches Sperma, wurde er gezeugt und ist er aus Maria, der Jungfrau, geboren. Das schreibt der Evangelist Johannes im übertragenen Sinn auch denen zu, die das Mensch gewordene göttliche Wort erkennen und aufnehmen und die es ermächtigt, „Kinder Gottes zu werden“ (1,12): Sie stammen nicht aus männlicher Leidenschaft oder Übermacht, sondern sind „aus Gott geboren“ (1,13).

Diese Metaphorik verstehen auch wir Heutigen, deren Kenntnis vom Werden und Wachsen eines Menschenkinds gegenüber der biblischen und kirchlichen Tradition weiter fortgeschritten ist. Wenn jemand „aus Gott geboren ist“, geht es nicht um Biologie, sondern darum, was sie oder ihn zuinnerst prägt und motiviert. Auch die Zusammenhänge, in denen wir uns heute über das Geheimnis der Menschwerdung verständigen, sind andere. In diesem Jahr ist es – allerdings aus sehr unterschiedlichen Gründen – das thematische Feld von Kontakt, Empathie und Nähe, das uns bewegt und bedeutsam erscheint. Da ist auf der einen Seite die fehlende, vermisste Nähe lieber Menschen an den Weihnachtstagen, die aufgrund der Corona-bedingten Kontaktbeschränkungen nötig ist, um Leben zu schützen. Das Feld von Nähe und Kontakt wird aber auch da aufgerufen, wo Woche um Woche weitere Missbrauchstaten von Priestern aufgedeckt werden und ungezählte verletzende, traumatisierende Grenzüberschreitungen körperlicher und seelischer Art zutage treten. In diesem Zusammenhang werden zudem Empathie und Kontaktfähigkeit derer zum Thema, die in der Kirche für die Aufarbeitung und Ahndung solcher Untaten verantwortlich sind: ob sie sich berühren lassen vom Leid der Opfer dieser Kirche, ob ihnen das versehrte Leben dieser Kinder und Erwachsenen an die Seele geht oder ob andere Motivationen ihr institutionelles Handeln bestimmen.

Weihnachten feiert Gott, der Fühlung aufnimmt und Kontakt sucht in einer Weise, die Menschen nicht übermächtigt, sondern berührt und ihnen zum Segen gereicht. Er offenbart sich in einem verletzlichen, schutzbedürftigen Menschenkind. Ihm war im Leben nichts Menschliches fremd. Es lernte lieben und leiden. Am Ende seines Menschenlebens erlag es brutaler Gewalt, bevor es aus dem tödlichen Abgrund menschlicher Schuld zum Leben auferstand. Dieses Kind von Bethlehem ist, so glauben wir, der verheißene Immanuel: „Gott mit uns“ (Mt 1,23), Gottes Nähe in Person. Der Jubel der himmlischen Chöre, der in jeder Weihnachtszeit im Herzen erklingen soll, richtet sich genau darauf: „Sehet doch da, Gott will so freundlich und nah zu den Verlor’nen sich kehren.“ An dieser göttlichen Nahbarkeit müssen sich kirchliche, christliche und menschliche Glaubwürdigkeit orientieren. Dann kann auch 2020 Weihnachten werden.

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