Orthodoxer oder Muezzin? Spuren der Ostkirche im Islam

Um die komplizierte Beziehung zwischen Christen und Muslimen zu verstehen, darf man sich nicht nur auf das westliche abendländische Christentum stützen, sondern muss orthodoxe Traditionen auf sich wirken lassen. Davon ist die Koranforscherin Angelika Neuwirth überzeugt. Sie geht davon aus, dass Mohammed und sein Gefolge in den Hymnengesängen der Orthodoxie zum ersten Mal auf biblische Erzählungen stießen. „Zumal viele Hörer im Milieu des Propheten wahrscheinlich gar nicht lesen und schreiben konnten“, so Angelika Neuwirth in der „Herder Korrespondenz“. Deren Glaubenswelt nähert man sich daher eher durch die jahrhundertealten Rituale der Ostkirche an als durch westliche Bibelexegese. Und die ursprünglichen gemeinsamen Wurzeln prägen bis heute, ist Angelika Neuwirth überzeugt: Glaubenspraktiken wie regelmäßiges Fasten und rituelle Gebete, die westlichen Menschen oft fremd erscheinen, finden sich sowohl in der Orthodoxie als auch im Islam.

Die Gemeinsamkeiten zeigen ein enges „Verwandtschaftsverhältnis“ der Religionen. „Man könnte sagen, Muslime und Angehörige der Ostkirche sind beide in der Spätantike stehen geblieben. Besser sollte es aber heißen: Sie sind der Spätantike treu geblieben.“ Die Historiker seien sich nicht mal sicher, ob Mohammed wirklich eine neue Religion ins Leben rufen wollte. „Deutlich ist, dass die ersten Muslime ganz einfach Frömmigkeitspflichten wahrnahmen“, erklärt Angelika Neuwirth. „Im Gegensatz zu ihren heidnischen Zeitgenossen waren sie von Liturgie fasziniert. Von Gotteslob.“ Die Koranwissenschaftlerin, die in Jerusalem forscht, macht die enge Beziehung zwischen Ostkirche und Islam dabei auch an ihrem Alltag fest: „Vor allem nachts kann man oft gar nicht spontan unterscheiden, wer denn nun gerade singt: Sind es Sänger aus der orthodoxen Kirche, ist es ein Muezzin, der dem Gebetsruf eine Koranrezitation vorgeschaltet hat?“

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