Koranlektüre, Theologie, Lehre: Wie reformiert sich der Islam?

Nach dem Besuch von Papst Franziskus in Abu Dhabi und seinem Dialog mit hochrangigen muslimischen Geistlichen (CIG Nr. 6, S. 68) müssen jetzt „praktische Schritte“ vonseiten des Islam folgen. Das fordert der Münsteraner Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide. Als konkrete Themen nannte er, dass sich der Islam für Religionsfreiheit öffnet und dass der Koran historisch-kritisch gelesen wird.

Franziskus I. und der Großscheich der Al-Azhar-Universität, Ahmad Mohammad al-Tayyeb, hatten eine „Erklärung der Brüderlichkeit“ unterzeichnet, in der sie sich zu gleichen Rechten und Pflichten für alle Menschen bekannten. Nimmt man dies ernst, so Khorchide im Interview mit österreichischen Kirchenzeitungen, „dann müsste das zur Folge haben, dass auch in islamischen Ländern zum Beispiel an öffentlichen Schulen Religionsunterricht angeboten werden soll auch für Nichtmuslime; dass in islamischen Ländern Religionsfreiheit gewährt wird und der Bau nicht nur von Moscheen, sondern auch von Kirchen und anderen Gotteshäusern unterstützt werden sollte“. Außerdem nannte Khorchide das nach wie vor bestehende Heiratsverbot muslimischer Frauen mit nichtmuslimischen Männern sowie das Zutrittsverbot für Nichtmuslime in Mekka und Medina „mit dem Argument, sie seien unrein“. Solche Positionen stünden „im völligen Widerspruch zur Rede von der Gleichheit der Menschen“.

Mit Blick auf die Koranlektüre sprach sich der islamische Theologe dafür aus, sich von der wortwörtlichen Lesart zu verabschieden. Vielmehr müsse der Text in seinen geschichtlichen Zusammenhang eingeordnet werden, wie es christlich seit gut hundert Jahren üblich ist. „Wenn der Koran nur so gelesen wird, wie es die Menschen im 7. Jahrhundert getan haben, dann ist er lebensfremd“, so Khorchide.

Erfahrungen aus der Schulpraxis unterstreichen die Dringlichkeit des islamischen Reformbedarfs. In einem Interview mit der „Welt“ beschrieb die ehemalige Leiterin einer Frankfurter „Brennpunkt“-Grundschule die wachsenden Schwierigkeiten bei der Integration muslimischer Schüler. Es gebe „Eltern, die gar nicht in der Lage sind, ihr Kind zu erziehen“. Als Beispiel nannte sie eine Mutter, die in einem Dorf in Pakistan aufgewachsen ist. „Sie kann nicht lesen und nicht schreiben und geht nicht aus dem Haus. Schon der Gang ins Treppenhaus überfordert sie. Wie soll sie das Leben ihrer Kinder gestalten?“ Grundsätzlich sei „vielen Eltern“ wichtiger, dass ihre Kinder einen festen muslimischen Glauben entwickeln, als dass sie Erfolg in der Schule haben.

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