Neue Gedichte von Michael KrügerWenn der Apfelbaum nicht wär

Gedichte sind Zeichen einer nie versiegenden Suche nach dem Ewigen. Neue Lyrik von Michael Krüger.

In seiner 2014 gehaltenen „Münchner Rede zur Poesie“ griff Michael Krüger eine Begebenheit aus dem Leben des großen polnischen Dichters Tadeusz Różewicz (1921–2014) auf. Als dieser beim Ausfüllen des Anmeldeformulars eines Münchner Hotels in die Spalte „Beruf“ so treuherzig wie wahrheitsgemäß „Dichter“ eintrug, habe der Portier barsch auf Vorkasse bestanden. „Einem Dichter ist nicht zu trauen“, so lautete für Krüger der Kern dieser Anekdote. Kaum vorstellbar, führte er an, dass sich, in welcher Stadt auch immer, ein Rezeptionist für einen Dichter so erwärmen könnte wie für einen zweitklassigen Schauspieler oder Fußballer, etwa mit dem Ausruf: „Ah, ein Dichter, herzlich willkommen! Ich gebe Ihnen gleich das beste Zimmer, und die ersten fünf Flaschen Wein gehen selbstverständlich aufs Haus.“

Nun, Michael Krüger gehört selbst zu den merkwürdigen Menschen, die einen gehörigen Teil ihres Lebens mit Versen zugebracht haben, wenngleich er in die betreffende Anmeldespalte in Hotelformularen (die es so nicht mehr gibt) auch „Verleger“ eintragen müsste und sich zudem über einen Mangel an Ehrungen und Preisen nicht beschweren kann. 1943 im sachsen-anhaltinischen Wittgendorf geboren, war er von 1968 bis 2013 für den Münchener Carl Hanser Verlag tätig, zunächst als Lektor, dann als literarischer Leiter und Geschäftsführer. Daneben veröffentlichte er eigene Gedichtbände und Romane.

Den Tag retten

„In diesem Haus ist Platz für vieles“, diese beinahe johanneische Eröffnung aus seinem ersten Gedichtband „Reginapoly“ (1976) kann man heute als Programm sehen. Denn ein Poet darf sich keine Grenzen setzen, darf sich keinen Deut um Ideologien oder (Gedicht-)Theorien scheren, schon gar nicht um das, was gerade schick ist und angesagt. Die einzige Grenzziehung gilt dem Mittelmäßigen. Lyrik müsse „exorbitant sein oder gar nicht“, stellte Gottfried Benn (1886–1956), einer der eindrücklichsten Poeten der Moderne, fest. Ein kühner Maßstab. Gleichwohl oder gerade deswegen tritt Krüger seit Jahren dafür ein, dass ein Tag ohne die Lektüre wenigstens eines Gedichts ein „verlorener“ sei. Können seine eigenen Gedichte den Tag retten?

„Einmal einfach“, Krügers fünfter Gedichtband in einer schön gestalteten Suhrkamp-Reihe, setzt mit einem „Nachtrag zur Poetik“ ein. Es sind acht Fragmente, die sich dem „Lebensmittel“ Gedicht nähern. Mit den Anfangszeilen scheint der Autor denen beizupflichten, die Poesie als karg und undurchlässig wahrnehmen:

Gedichte sind mißtrauisch,

sie behalten für sich, was gesagt werden muß.

Sie gehen durch geschlossene Türen

ins Freie und reden mit den Steinen.

Wenn das so ist, wenn Gedichte tatsächlich Wesentliches für sich behalten – muss man sich dann wundern, wenn das Gros der Leser zu den literarischen Erzeugnissen greift, die offenherzig sind und sich behaglich anfühlen? Zu den immer umfangreicheren Romanen etwa, die so viel Lesezeit verschlingen, die aber eine ganze Welt entwerfen, dem Leser „alles“ mitzuteilen scheinen. Ein Gedicht mit seinen knappen Andeutungen und Metaphern kann da nicht mithalten. Aber natürlich ist diese Entgegensetzung nicht wirklich stimmig. Eine Mazurka von Frédéric Chopin bildet auch keine Antithese zu Richard Wagners „Ring“. Beide sind „exorbitant“ und meisterhaft. Beide erfordern freilich eine eigene Weise des Hörens.

Mit den Steinen reden

Wer Michael Krügers Zeilen lauscht, darf „misstrauisch“ als „verschwiegen“ oder „intim“ verstehen und vermuten, dass diese Diskretion eine Voraussetzung dafür ist, dass Gedichte „durch geschlossene Türen“ gehen, dass sie „mit den Steinen reden“ können. Gedichte wären dann wie Ostern: nicht zu fassen und doch Zeichen einer nie versiegenden Suche nach dem alles entscheidenden Wort, nach dem ewigen Augenblick.

In Krakau kürzlich, zur Erinnerung

an Czesław Miłosz, kam das Böse zur Sprache,

wie es sich heute zeigt, im Gedicht oder

in anderer Verkleidung.

Auch diese Verse finden sich im „Nachtrag zur Poetik“. Bekanntlich wurden dem „Bösen“ schon ganze Bibliotheken gewidmet. Die Ergebnisse fallen in der Regel so gelehrt aus wie trostlos. Auch der polnische Poet und Nobelpreisträger Czesław Miłosz (1911–2004) wurde zeitlebens nicht müde, den Riss in unserer Existenz, das Zweideutige der Natur und des menschlichen Handelns zu beschreiben. Sein Blick galt den Großkatastrophen des 20. Jahrhunderts genauso wie dem traurigen Schicksal der buckligen Bibliothekarin Jadwiga oder dem Ehepaar, das Selbstmord beging „aus Abscheu vor der alltäglichen Lüge“. Krüger fängt den Ball auf, wenn er jemanden aus „Gdańsk, vormals Danzig“ zitiert, der das Böse „im Sterben einer Frau, in ihrem Schmerz“ erblickte. Eine Banalität eigentlich – oder doch der harte Kern, der Skandal aller Skandale? Denn der historische Terror, zumeist durch wahnhafte Ideologien angezettelt, lässt sich vielfältig analysieren und deuten. Was aber hat es mit dem langen, qualvollen Sterben eines Menschen auf sich? Ein natürlicher Prozess, für die Geschichtsbücher wahrhaft ohne Bedeutung!

Ein Gedicht bewahrt das Ungeheuerliche dieser „Normalität“ auf. Auf wortreiche Theorien kann es verzichten:

Das Böse war anwesend, das stand fest,

aber immer, wenn man es greifen wollte,

hatte man den Ärmel der Jacke eines Dichters

am Wickel, also nichts in der Hand.

Was der Dichter üblicherweise in der Hand hält, als einen großen Schatz wie als einen nie verwundenen Verlust, ist seine Kindheit. Das trifft ebenfalls auf Michael Krüger zu, der die ersten sechs Jahre bei seinen naturverbundenen Großeltern in Wittgendorf verbrachte, dann nach Berlin umziehen musste. Natur oder Stadt? „Wiesenkümmel“ und „prächtige Saubohnen“ oder die Trümmerstadt, die deutsche Metropole, die sich bis heute selbst im Wege zu stehen scheint? Man brauche lange, stellt Krüger fest, um die Kindheit zu verstehen. Vielleicht gelingt das nie, und auch eine Rückkehr an die alten Stätten vertreibt nicht allen Zweifel. „Ich soll hier aufgewachsen sein, / zwischen unserer Kirche und dem Kleist-Grab“, heißt es skeptisch in „Nikolassee, Februar 2015“. Und in „Berlin, Stadt der Kindheit“ sieht der Dichter einen alten Hund,

der offenbar nicht weiß,

wie er nach Hause kommt.

Mir geht es ähnlich.

Ich war mir ganz sicher,

daß ich hier einmal gelebt habe.

Im Haus gegenüber

wurde damals eine Bombe entschärft.

Das klingt lakonisch, meilenweit entfernt von den so häufig verklärenden „Kindheitserinnerungen“. Gleichwohl hallen die rätselhaften Novalis-Zeilen aus „Heinrich von Ofterdingen“ (verfasst um 1800) nach: „Wo gehn wir denn hin? Immer nach Hause.“

Auch der schöne Titel der Gedichtsammlung „Einmal einfach“ lässt den immerwährenden Aufbruch anklingen. Zunächst gemahnt er an die klassische Szene am Fahrkartenschalter, an den Kauf eines Fahrscheins „nur hin“. Diese Lesart wird dem beharrlichen Bahnfahrer Krüger gerecht, in dessen Werk ein „Halt auf freier Strecke“ oder auch nur die Zugfahrt „von Krefeld nach Köln“ zu wunderlichen Verwicklungen und Einsichten führt.

Zugleich könnte der Titel den Versuch meinen, im vorgerückten Alter, das Wichtige noch einmal zu sagen, aber eben „einfach“ – wenngleich sich der Autor an keiner Stelle als ein abgeklärter Weiser präsentiert: „Ich bin immer noch ein blutiger Laie, / wenn es darum geht, die Welt des Guten / von der Welt des Bösen zu unterscheiden.“ Und da wäre noch die existenzialistische Deutung des Titels. Unsere Lebensreise findet „einfach“ statt, ohne Rückfahrkarte.

Haltestellen einer Lebensreise

Eine bemerkenswerte Anzahl der neuen Gedichte verweist auf „die gefräßige Zeit“, auf das Alter und den Tod. In einer Erinnerung an ein Hotel in Skopje beispielsweise, in einer nächtlichen Grübelei:

Bin ich jetzt alt?

Die faltigen Arme, die zerfressene Hüfte

und überall Flecken auf der Haut,

sie ergeben ein Suchspiel:

Wenn du die Punkte richtig verbindest,

winkt dir als Hauptpreis ein Tod.

Wer hier nach Trost sucht, wird ihn kaum finden. Nicht nur des Nachts („Zeit des Herzstillstands“) ist der Tod ein düsterer Geselle. Nicht viel aufmunternder erscheint die Erkenntnis, dass der – jugendliche – Traum, „der Welt brüderlich in die Speichen zu greifen“, bestenfalls eine wolkige Illusion war: „Das Grab meiner Eltern ist schon im Angebot, / so schnell hat sich das Rad gedreht.“ Wenn Michael Krügers Gedichte dennoch von Lebenskunst zeugen, nicht von Verdüsterung oder dem berüchtigten Alterspessimismus, so hat das mit seinem wunderbaren Blick auf die Natur zu tun und auch mit seinen so knappen wie energiegeladenen Reisenotizen. Es wimmelt nur so von Bienen, Vögeln und dicken Hummeln, von Spinnen auch. Das Wasser, der Schnee, das Meer, „das wütende Schluchzen des Windes“ nähern sich auf ihre eigene, unsagbare Weise der „Wahrheit“ an. Und eine friedliche Armada von Bäumen – die Kiefer und der Bergahorn, der Nussbaum, die Linde und „der uralte Ölbaum“ – reiht sich auf, um den Dichter vor der Provinz des Menschseins zu retten. Der Apfelbaum insbesondere lädt ein und inspiriert. Müßig unter dem Apfelbaum sitzen, dem „Selbstgespräch der Zweige“ lauschen, das ist für Krüger eine zentrale Übung. Sie kann fast schon mystische Früchte zeitigen:

Wenn mich nicht alles täuscht,

hat Gott sich in meinem Apfelbaum versteckt.

Zum ersten Mal seit Jahren hat er sich

ausgerechnet diesen Baum ausgesucht,

nicht gerade einen aufrechten Vertreter

seiner Gattung, dessen Früchte holzig sind

und bitter schmecken. Aber die Bienen

lieben ihn.

Es wird immer sinnloser,

an einen Sinn zu glauben,

der schwerer wiegt als das Vermischte.

Wenn der Apfelbaum nicht wär

in meinem Garten, ich gäbe auf.

Mit jedem Ticket erhält man eine kleine Sanduhr

aus Plastik, die im Morgengrauen abgelaufen ist,

manche halten sie schräg, um die Zeit zu betrügen.

Am Ende des Lebens

wird dir ein Tag geschenkt,

den darfst du verprassen

am Bahnhofsbuffet

zusammen mit Tauben und Spatzen.

Wer Michael Krügers kleine, große Gedichte liest, erfährt nicht „alles“, wird sich wohl manchmal an einem allzu diskreten Vers reiben. Auch ein Liebesgedicht sucht er vergeblich. Und doch meditiert der Leser mit dem Dichter unter einem Apfelbaum, betrachtet wieder „mit dem Staunen des Kindes die Schattenseite der Welt“, sitzt auf dem Stuhl von Zbigniew Herbert (1924–1998) und hört, wie „Herr Cogito“, Herberts unbestechliches „anderes Ich“, „vom Verschwinden der Religion in der Theologie“ spricht. Solche wundersamen Momente und Reisen lindern unsere Schmerzen und lassen uns, fern vom wohlfeilen Trost, in uns hineinlächeln.

Michael Krüger: „Einmal einfach“. Gedichte (Suhrkamp, Berlin 2018, 136 S., 20 €)

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