In der Einsamkeit

Ein christliches Leben führen heißt: in der Welt leben, ohne von ihr zu sein. Diese innere Freiheit kann vor allem in der Einsamkeit wachsen.

In einem Leben ohne einsamen Ort, das heißt, in einem Leben ohne einen stillen Mittelpunkt, wird leicht eine zerstörerische Kraft wirksam. Wenn wir uns an die Ergebnisse unserer Taten klammern, weil sie unser ganzes Selbstbewusstsein ausmachen, werden wir besitzgierig und schlagen nach allen Seiten um uns. Wir neigen dann dazu, die Mitmenschen eher als Feinde zu empfinden, die es sich vom Leib zu halten gilt, und nicht als Freunde, mit denen man die Gaben des Lebens teilen kann.

In der Einsamkeit können wir nach und nach entlarven, welche Illusion unsere Besitzgier darstellt. Wir können im Mittelpunkt unseres eigenen Wesens entdecken, dass wir nicht das sind, was wir erkämpfen, sondern das, was uns geschenkt wird. In der Einsamkeit können wir auf die Stimme dessen hören, der zu uns gesprochen hat, noch ehe wir imstande waren, ein einziges Wort zu sprechen; der uns geheilt hat, noch ehe wir Anstalten machen konnten, jemandem zu helfen.

Henri Nouwen (1932–1996) in: „Zeig mir den Weg“ (Herder, Freiburg 2015)

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