Wege, um dem Geist Gottes zu begegnenAnregungen, wie Seelsorger sich spirituell erneuern können

Am ersten Fastensonntag dieses Jahres mahnte Papst Franziskus alle Christgläubigen zur Umkehr gemäß Mk 1,15. Wörtlich sagte er: „In der Tat, wir sind niemals ausreichend auf Gott hin ausgerichtet und müssen unseren Geist und unser Herz stets aufs Neue auf ihn ausrichten. Um das zu tun, müssen wir den Mut haben, alles das abzustoßen, was uns vom Weg abbringt, die falschen Werte, die uns täuschen, indem sie auf hinterlistige Weise unseren Egoismus anziehen.“ Im Folgenden möchte ich Wege aufzeigen, wie Seelsorger heute neu dem Geist Gottes begegnen können und so von ihm berührt werden.

Die Einladung von Papst Franziskus gilt allen, auch den Seelsorgern und   Seelsorgerinnen, seien es Bischöfe, Priester, hauptamtliche Laien, aber ebenso auch Religionslehrern, Psychologinnen, Ärzten, Krankenschwestern, Altenpflegern, auch Eltern – kurzum:
Menschen, die in der Sorge für andere stehen, sind besonders zu einer geistlichen Erneuerung herausgerufen. Nun ist spirituelle Erneuerung nicht einfach machbar oder gar herstellbar. Im Tiefsten können wir uns nicht selbst erneuern. Erneuerung ist ein Geschenk des Geistes Gottes. Erneuerung will empfangen werden. Sie ist ein Ereignis.

Seelsorge im Zeichen von Abbruch und zartem Neubeginn

Ein von Gotthard Fuchs zitiertes Wort des Straßburger Dominikaners Johannes Tauler ist in diesem Zusammenhang richtungweisend:
„Nun wollen wir sehen, was wir tun müssen zum Empfang dieses überaus herrlichen Heiligen Geistes. Die nächste und allerhöchste Bereitung muss er selbst in dem Menschen vornehmen und wirken. Er muss sich in ihm selbst eine Stätte bereiten und sich im Menschen selbst empfangen ... Er wirkt zweierlei im Menschen, das eine: er entleert ihn, das andere: er füllt das Leere, soweit und so viel er es leer findet. Der Mensch muss sich ergreifen lassen, leer machen lassen, und bearbeiten lassen. Er muss alles loslassen und sich ins reine Nichts fallenlassen.“ Johannes Tauler kann uns den Weg weisen, damit eine spirituelle Erneuerung die Tiefe des Einzelnen und der Gemeinschaft ergreift, wenn wir zulassen können, dass der Geist einreißt und aufbaut.

Wo geschieht es heute, dass wir Abriss, Abbruch erleben?

Wie sieht die Leere aus, die Tauler anspricht? Es sind manche christlichen Eltern, die heute von dieser Leere berichten, da sie die eigenen Kinder nicht zur Freundschaft mit Christus führen können.
Es sind die christlichen Religionslehrer, die sich Tag um Tag in den Schulen redlich mühen, junge Menschen mit den Schätzen des Glaubens vertraut zu machen und doch oft erfahren, dass nur wenige in der jungen Generation den inneren Zugang zum Glauben finden. Es sind die christlichen Pflegekräfte und Ärzte, die nicht selten erleben müssen, dass sie Menschen begegnen, Sterbenden und deren Angehörigen, die im Angesicht des bevorstehenden Todes keine Hoffnung haben und nicht zu einem Vertrauen finden können, das der christliche Glaube schenkt – eine Leere, die ausgehalten werden will.
Vielen Priestern stockt heute der Atem, wenn sie in halbleere Kirchen beim Sonntagsgottesdienst schauen, wenn sie erleben, wie Gemeinden wegsterben, die vor Jahrzehnten so lebendig waren. Sie erleben diese Leere oft besonders hart. Sie sehen, wie das überkommene kirchliche Leben bei uns wegbricht. All dies verursacht in den Seelsorgern heftigen Stress, immer wieder auch gesundheitliche Krisen, die in einen Burnout münden oder auch in Glaubensund Berufungskrisen. Die innere Leere erfasst selbst die Seelsorger.

Kann in dieser Leere ein Ansatz für spirituelle Erneuerung liegen?

Der Geist lädt heute ein, diese Leere zuzulassen, sich in dieses Nichts fallen zu lassen, mit allen Konsequenzen. Das schließt ein, auch wahrzunehmen und bewusst zu akzeptieren, dass die so wichtigen Berufungen zum besonderen oder allgemeinen Priestertum zum Dienst in der Gemeinde, zur sakramentalen Ehe als Baustein der Kirche, zu den Orden und Geistlichen Gemeinschaften so stark abnehmen.Die leergewordene Kirche – ein Ort des Geistes Gottes?
Genau in eine solche Situation hinein hat der Prophet Ezechiel im Auftrag des Geistes Gottes gesprochen: „Ich gieße reines Wasser über euch aus, dann werdet ihr rein. Ich reinige euch von aller Unreinheit und von allen euren Götzen [ich reiße nieder]. Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch [ich baue auf]. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust [ich reiße nieder] und gebe euch ein Herz von Fleisch [ich baue auf]. Ich lege meinen Geist in euch und bewirke, dass ihr meinen Gesetzen folgt und auf meine Gebote achtet und sie erfüllt [innere Stimme]. Dann werdet ihr in dem Land wohnen, das ich euren Vätern gab. Ihr werdet mein Volk sein, und ich werde euer Gott sein.“ (Ez 35,25ff.)
Der Heilige Geist lehrt uns, dass dem Niederreißen ein Aufbauen folgen kann, wenn wir uns hineinfallen lassen in das Nichts, das wir erleben.
Wenn wir die so verstandene Situation der Kirche im Heiligen Geist mitleben, dann könnte bei uns eine spirituelle Erneuerung geschehen.
Ob wir uns etwa diesen Fragen stellen können?
Wo wurde/wird in meinem Leben etwas zerstört,
wo wurde/wird in meinem Leben aufgebaut?
Was nehme ich in der Kirche, in meiner Gemeinde, an meinem „Lebensplatz“ wahr?

Das tatsächliche Handeln des Geistes heute erkennen

Die Biographien von Menschen, in denen erkennbar wird, dass der Geist Gottes sie ansprach, werfen ein besonderes Licht auf unsere Situation. Es braucht eine vertiefte Wahrnehmung. Der Jesuit Jan Nota, der sich schon sehr früh mit dem Leben von Edith Stein beschäftigte, nennt in seinen biographischen Hinweisen einige Situationen, in denen Edith Stein sich vom Geist Gottes angesprochen erfuhr. Ich liste diese hier auf: Begegnung mit der Frau ihres 1917 gefallenen Kollegen und Mitassistenten bei Professor Edmund Husserl; die Frau, die Edith Stein 1921 im Frankfurter Dom beten sieht; die Begegnung mit dem Werk
„Die innere Burg“ von Theresa von Avila 1922 und der Eintritt in den Karmel. Nota zitiert sie selbst, als sie 1933 nach dem Eintritt in den Karmel von Köln schreibt: „Unter dem Kreuz verstand ich das Schicksal des Volkes Gottes, das sich damals schon anzukündigen begann  ...“.  Nota  stellt  dann fest:
„Sie ist für mich in einer Welt  der Abwesenheit Gottes eine Zeugin der Anwesenheit Gottes.“
Ein vergleichbares Beispiel für das Wirken  des  Geistes  Gottes in äußerster Not findet sich bei François-Xavier Van Thuan, dessen Exerzitien ein eindringliches Zeugnis sind (François-Xavier Nguyen Van Thuan, Hoffnung, die uns trägt – die Exerzitien des Papstes, Freiburg 2001). In dieser Reihe sehe ich auch Papst Franziskus „mit seinen prophetischen Aussagen zur Kirche von morgen“. Der Papst spricht von einer neuen
„Mystik“ des Zusammenlebens mit allen Menschen. Er ruft die Kirche auf, neu aufzubrechen in Richtung Peripherie. Er sieht die Kirche wie eine solidarische Karawane, die sich auf den Schrei der Armen einlässt: „Heute, da die Netze und die Mittel menschlicher Kommunikation unglaubliche Entwicklungen erreicht haben, spüren wir die Herausforderung, die  ‚Mystik‘ zu entdecken und weiterzugeben, die darin liegt, zusammen zu leben, uns unter die anderen zu mischen, einander zu begegnen, uns in den Armen zu halten, uns anzulehnen, teilzuhaben an dieser etwas chaotischen Menge, die sich in eine wahre Erfahrung von Brüderlichkeit verwandeln kann, in eine solidarische Karawane, in eine heilige Wallfahrt.“

Ein neuer Takt in der Spiritualität

Die klassischen Mittel spiritueller Erneuerung behalten ihre wichtige Bedeutung: geistliche Begleitung, neue Zugänge zur Meditation, zum Bibellesen, zur Feier des Wortes Gottes, zur Mitfeier der Eucharistie und der Empfang des Bußsakramentes. Aber es braucht mehr. Heute ist von einer besonderen Dringlichkeit, dass der individuelle Rahmen auf das Gemeinsame hin geöffnet wird. Viele Seelsorger bleiben mit ihrer Spiritualität allein. Hier ist ein neuer Raum des Hörens nötig, der nicht von oben organisiert werden, wohl aber freigehalten werden kann. Die einzelnen Seelsorger und die ganze Kirche brauchen neue Formen des Austauschens, der geistlichen Kommunikation. Es braucht Orte, in denen Christen gemeinsam auf den Geist hören und verstehen lernen, was der Geist den Gemeinden sagt: „Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt“ (Offb 3,6).

Eine persönliche Erfahrung

Eine Erfahrung des Austauschens hat sich bei uns im Zentrum der Spiritualität in Ökumenischen Lebenszentrum Ottmaring entwickelt. Der Vorstand dieses 2009 gegründeten und dem Priesterzweig der Fokolar-Bewegung anvertrauten Zentrums verwandelte sich in den letzten Jahren immer mehr  zu einem Trägerkreis, der intensiv danach fragte, was der Geist heute den Gemeinden sagt. Die Sitzungen, die wir unter das Wort Gottes des jeweiligen Sonntagsevangeliums stellen, beginnen mit einem Hörkreis. Es geht darum, dass jeder und jede Einzelne sich innerlich öffnet und hinschaut, was sie oder er vom Geist Gottes erfährt an Unterstützung oder Infragestellung, an Freude oder Leiden, an Licht oder Dunkel. Wir nehmen uns die Zeit zur Stille. Dann berichtet ein jeder von uns, was sich in ihm oder ihr tut oder nicht tut. Wir sorgen gemeinsam für Diskretion, verhindern falsche Neugier, öffnen uns aber gemeinsam dem, was der andere oder die andere einbringt. Die Beiträge bleiben zunächst unkommentiert. Dann schauen wir gemeinsam hin und versuchen zu verstehen, was uns der Geist Gottes jetzt in dieser Stunde sagt. Daraus entwickeln sich dann Gedanken, kleine Projekte, größere Vorhaben. Für viele von uns – wir sind meist zehn bis zwölf Personen, Priester und Laien – sind diese Zusammenkünfte die fruchtbarsten Stunden des Monats. Sie sind eine persönlich erfahrene Quelle des Geistes Gottes in dieser Zeit.
Oft kommt es zu einer Weitung des eigenen Denkens, persönliche Einstellungen verändern sich und werden geschwisterlicher, tendieren hin zum Dialog und vor allem ereignen sich immer wieder Vergebung, Versöhnung, Neuanfang von Beziehungen, die schlaff und lahm geworden sind.
In diesen Stunden erlebe ich, was es heißt, heute Kirche zu sein, Wir sagen uns manches Mal, dass es eine verborgene Gegenwart des Herrn gab, er in unserer Mitte (Mt 18,20; Joh 21,7). Mich freut, dass es an verschiedenen Orten der weltweiten Ökumene ähnliche Erfahrungen gibt. Ich erinnere an Sant’ Egidio, Taizé, Schönstatt, die Jesusbruderschaft, aber auch an viele Orden und Klöster.
Wir brauchen weitere Erfahrungen in diese Richtung, wo der „Sprung“ von der individuellen Gottesbegegnung, die ja die Voraussetzung allen geistlichen Tuns ist, zu einer gemeinsamen Suchbewegung gewagt wird.
Dann kann sich realisieren, was Papst Franziskus in dem schon zitierten Abschnitt von Evangelii gaudium für die ganze Christenheit und darüber hinaus prophetisch beschreibt:
„Auf diese Weise werden sich die größeren Möglichkeiten der Kommunikation als größere Möglichkeiten der Begegnung und der Solidarität zwischen allen erweisen. Wenn wir diesen Weg verfolgen könnten, wäre das etwas sehr Gutes, sehr Heilsames, sehr Befreiendes, eine große Quelle der Hoffnung! Aus sich selbst herausgehen, um sich mit den anderen zusammenzuschließen, tut gut.“ Es ging in diesem Beitrag um Anregungen für die spirituelle Erneuerung der Seelsorger. Weiten wir unsere Herzen, dass Gottes Geist die Menschen erreicht und viele entdecken: Jesu Worte sind Geist und Leben (vgl. Joh 6,63). 

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