Offene Arbeit in der U3-PraxisVom Nest in die weite Welt

Wie Offene Arbeit die spezifischen Bedürfnisse der Jüngsten bei der Eingewöhnung, in Pflegesituationen, beim Essen und Spielen im Blick behält.

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© Harald Neumann

Für das Gelingen Offener Arbeit ist die erfolgreiche Eingewöhnung der Kleinkinder eine wesentliche Voraussetzung. Da die Jüngsten in diesem pädagogischen Konzept zunehmend autonom agieren, ihre Bezugsgruppen selbst wählen und an frei ausgesuchten Orten eigene Themen bearbeiten, ist es notwendig, dass sie sich in der Einrichtung wohl und sicher fühlen.
Die Eingewöhnung sollte in den ersten drei Wochen nach einem verbindlichen Konzept (z.B. Mienert/ Vorholz 2016) durchgeführt werden. Dies beinhaltet, unabhängig vom gewählten Modell, die Anwesenheit der Eltern in diesem Zeitraum. Diese ist für das Gelingen der weiteren pädagogischen Arbeit aus zwei Gründen erforderlich: Zum einen sind Mütter und Väter die primären Bindungspersonen und ermöglichen den Brückenschlag zu den Fachkräften, zum anderen ist gerade im Offenen Konzept die Eingewöhnung der Kinder auch zugleich eine Eingewöhnung der Eltern. Viele Erziehungsberechtigte stehen der Offenen Arbeit zunächst skeptisch gegenüber und fürchten, ihr Kind könnte im Trubel des Geschehens untergehen. Die Eingewöhnungszeit kann ihnen wichtige Einblicke in die pädagogische Praxis geben, ihr Vertrauen in das Konzept stärken und aufzeigen, welch große Bedeutung die Fachkräfte einer guten kindlichen Bindung beimessen.

Patenschaften mit den Älteren

Viele Kitas haben gute Erfahrungen mit Patenschaften zwischen älteren und jüngeren Kindern gemacht. Bereits während der Eingewöhnung zeigt eines der älteren Kinder dem Neuankömmling die Einrichtung, und auch später kann dieser Kontakt immer wieder von außen neu angeregt werden, wenn sich Krippen- und Kitakind gut verstehen.

Nesträume

Viele Kita-Teams entscheiden sich für das Nestprinzip (Haug-Schnabel/ Bensel 2017b): Die Räume der Krippenkinder sind Rückzugsorte, werden aber von jenen der älteren Mädchen und Jungen nicht abgetrennt. Da die klassische Werkstattarbeit der älteren Kinder für die Jüngsten noch nicht geeignet ist, verfügen Nesträume über grundlegende Funktionen: Sie sind Spiel-, Tobe- und Ruheraum zugleich – und falls es kein gemeinsames Kinderrestaurant mit den Älteren gibt, kann hier zusätzlich ein Bereich für die Mahlzeiten eingerichtet werden.

Pflege gestalten

Pflegesituationen werden nach Möglichkeit in den Spielalltag der Kinder integriert. Wünschenswert ist, dass auch das Wickeln räumlich und zeitlich Teil des Alltagsgeschehens ist. So müssen die Jüngsten für die Pflege nicht aus den gemeinsamen Abläufen herausgenommen werden. Pflegerisches Handeln ist dabei immer Beziehungsarbeit, es geschieht freiwillig und die Kinder können sich dafür eine Fachkraft auswählen. Alle Handlungen mit Körperkontakt geschehen ruhig, ohne Zeitdruck und werden sprachlich begleitet.

Der Ruheraum

Sinnvoll kann das zusätzliche Einrichten eines eigenen Ruheraums für Kleinkinder sein. Dieser verfügt idealerweise über eine Vielfalt an gemütlichen Möbeln; neben Betten werden Matratzen, Körbe, Sofas und Schaukelstühle angeboten.
Entsprechend dem Prinzip der Vorbildwirkung schläft eine Fachkraft ebenfalls in diesem Raum, sie ist „Mittagsschlaf-Fachkraft“. Kinder, die nicht schlafen wollen, können in dieser Zeit draußen spielen. Der Außenraum sollte den Jüngsten wie auch den älteren Kleinkindern jederzeit zur Verfügung stehen und deshalb auch durchgehend von Fachkräften beaufsichtigt werden.

Selbstbestimmung

Die Grundprinzipien Wahlfreiheit und Selbstbestimmung werden in allen Alltagshandlungen mit unter Dreijährigen respektiert. So sollten die Kinder immer zunächst gefragt werden, wenn eine Fachkraft sie berühren möchte. Signalisiert ein Kind, dass es das nicht möchte, wird das respektiert. Eine andere Fachkraft kann erneut versuchen, Kontakt aufzunehmen, um das Kind z.B. zu wickeln oder zu füttern.
Zur Förderung ihrer Selbstbestimmung werden Kinder frühzeitig dazu ermuntert, selbstständig zu essen. Die Zuhilfenahme der Hände ist dabei ausdrücklich erwünscht; Nahrungsmittel sollten so vorbereitet werden, dass sie eigenständig mit den Händen gegessen werden können und die Fachkraft – auf Initiative des Kindes – zusätzlich mit dem Löffel Nahrung anbieten kann. Das Prinzip der Eigenständigkeit steht bei den Jüngsten immer vor dem Prinzip gesellschaftlicher Normen.

Im Zentrum steht das Spiel

Das freie Spiel der Kinder hat im Alltag Priorität. Es finden keine angeleiteten Angebote oder Beschäftigungen statt. Es gibt daher in der Offenen Krippe auch keine Produktausstellungen kindlicher Spielprozesse. Eingewöhnte Kleinkinder spielen ganztägig an frei gewählten Orten mit von ihnen ausgewählten Materialien. Sie werden dabei von Fachkräften beobachtet und sprachlich begleitet. Die Erwachsenen greifen dabei nicht aktiv ins Spiel ein, sondern reagieren auf Initiativen der Kinder. „Pädagogische Inszenierungen“ unterbleiben grundsätzlich. Auch Projektarbeit ist ungeeignet für die Altersgruppe der sensomotorisch Denkenden – laut Jean Piaget sind das Kinder zwischen null und zwei Jahren, die die Welt mit allen Sinnen und in Bewegung erkunden. Soziales Spiel oder Regelspiel sind entwicklungspsychologisch in dieser Altersgruppe noch nicht zu erwarten und daher auch nicht zu forcieren. Allein- und Parallelspiel zählen zu den vorherrschenden Spielvarianten von Kleinkindern; dafür sollte ihnen ausreichend Raum zur Verfügung stehen.
Auch auf Feierlichkeiten, die meist eher den Wünschen der Erwachsenen entsprechen, wird in der Offenen Krippe grundsätzlich verzichtet. Dem Wunsch der Jüngsten nach Kontinuität, Ruhe und Freispiel widersprechen solche Veranstaltungen. Insbesondere Verkleidungsfeste wie Fasching oder Halloween erleben die Mädchen und Jungen häufig als bedrohlich. Morgenkreise oder Gruppentreffen können von älteren Kindern initiiert werden, für die Nestgruppe eignen sie sich nicht.

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