Stimmen aus der PraxisWas hat Corona mit uns gemacht?

Ängste und Isolation, Kreativität und Zusammenhalt: Wir haben vier pädagogische Fachkräfte befragt, wie es ihnen während der Pandemie ergangen ist und wie diese die Arbeit im Team beeinflusst hat.

Entschleunigte Zeit ohne viel Austausch.

Als die Berliner Kitas in die Notbetreuung wechselten, stellte sich ein Gefühl der Verunsicherung ein, einzelne Mitarbeiter machten sich Sorgen um die Zukunft. Gleichzeitig versetzte die Notbetreuung das Team aber auch in eine Phase der Entschleunigung: Plötzlich hatten die Fachkräfte mehr Zeit für Projekte und Fortbildungen und konnten Dinge, die immer liegengeblieben waren, im Homeoffice aufarbeiten. Leider gab es in dieser Zeit jedoch wenig persönliche Kontakte zu anderen Team-Mitgliedern, was allgemein vermisst wurde. Durch die Notbetreuung bzw. der damit einhergehenden kleineren Gruppen wurde der Tagesablauf für die Fachkräfte entspannter. Übliche Belastungen durch Personalwechsel, Hektik, Lärm und Unruhe konnten deutlich gemildert werden. Gleichzeitig erzeugten lange Arbeitswege mit öffentlichen Verkehrsmitteln bei den Kolleginnen und Kollegen Angst vor Ansteckung. Für sie war es ein Balanceakt, sowohl der eigenen Familie als auch ihrer Arbeit in der Kita gerecht zu werden. Andere Fachkräfte hatten in dieser Zeit oft keinen Kontakt zu ihrer Herkunftsfamilie und fühlten sich einsam. Ein positiver Effekt: Der Kontakt zwischen Belegschaft und Kita-Träger ist während der Pandemie intensiver geworden und das Verständnis füreinander sowie die gegenseitige Wertschätzung sind gewachsen.

Die Online-Sitzungen haben uns nicht gutgetan.

Die Pandemie hat nicht nur den Kita-Alltag der Kinder, sondern auch unsere Teamarbeit stark verändert. Die Meinungen der Kolleginnen und Kollegen zum Thema Corona gingen zum Teil weit auseinander. Einige hatten Angst sich anzustecken, andere gingen ganz locker mit der Situation um. Unabhängig von diesen persönlichen Einstelllungen war es aber für uns alle zunächst eine sehr ungewohnte Situation. Die Kita wurde im März 2020 geschlossen und anfangs kamen nur wenige Kinder in die Notbetreuung. Es gab immer wieder kurzfristige Änderungen im Dienstplan und Tagesablauf. Die größte Umstellung war aber wohl, dass die Teamsitzungen plötzlich online stattfanden. Dabei zeigte sich immer wieder, dass keine echten Diskussionen zustande kamen: Die meisten Tagesordnungspunkte wurden vom Team kopfnickend abgesegnet, ohne dass ein richtiges Gespräch stattgefunden hatte. Ich denke, dass das unserem Team nicht gutgetan tat. Ich kann in diesem ganzen Chaos und der ganzen Unsicherheit des vergangenen Jahres nur einen positiven Aspekt erkennen: Wir haben im Eingangsbereich der Kita eine große Stellwand errichtet, auf der wir den Familien mit Fotos und kurzen Texten über den Alltag der Kinder berichten. Somit wird Eltern, die ihr Kind aufgrund der Lage schon im Eingangsbereich verabschieden, ein lebendiger Einblick in den Kita-Alltag zu Corona-Zeiten ermöglicht. Dies finde ich schön und wir werden diese Stellwand auch in Zukunft beibehalten. Alles andere, hoffe ich, wird bald wieder wie früher sein!

Aus anfänglichen Ängsten wurden gute Erfahrungen.

Die Corona-Schutzmaßnahmen beeinflussen bis heute unser pädagogisches Konzept und unseren Zusammenhalt im Team. Einige Richtlinien bestimmen nach wie vor unseren Kita-Alltag. Mindestabstand, Mund- und Nasenschutz oder auch digitale Team-Besprechungen sind mittlerweile feste Bestandteile unserer Arbeit. Isoliert von den anderen Gruppen und Fachkräften meistern wir seit März 2020 unseren Alltag und versuchen dabei, die Freude an unserer Tätigkeit zu erhalten. Fröhliche Kinder motivieren uns in dieser ungewöhnlichen Zeit besonders. Wir wurden in den vergangenen Monaten immer wieder mit neuen Herausforderungen, Konflikten und auch Sorgen konfrontiert. Sehr geholfen hat uns in dieser Zeit unsere motivierte Leitung, die uns als Team auch in der Pandemiezeit zusammengehalten und uns immer wieder in unserer Arbeit bestärkt hat. Durch abwechslungsreiche und kreative Methoden waren unsere digitalen Teambesprechungen sehr produktiv und haben sogar Spaß gemacht! Durch sie war es uns möglich, weiterhin zusammenzuarbeiten, gemeinsam nach Problemlösungen zu suchen und Strategien zu entwickeln. Diese besondere Zeit ließ uns kreativ werden und so führen wir mittlerweile auch Elterngespräche, -abende oder auch Arbeitskreise digital durch. Die vergangenen Monate haben gezeigt, dass wir in Krisenzeiten als Team sogar noch besser funktionieren. So führten Sorgen und Ängste, die uns anfangs begleitet haben, am Ende auch zu positiven Veränderungen.

Das kollegiale Miteinander hat gelitten.

Während des ersten Lockdowns zeigte das Team großes Engagement und entwickelte Wege, um den Kontakt zu den Kindern aufrechtzuerhalten. Durch die weiteren Einschränkungen, den andauernden Personalmangel und die steigenden Infektionszahlen kam es dann leider ab dem zweiten Lockdown bei manchen Fachkräften zu Verunsicherung und Unmut. Die frühere Leichtigkeit und Offenheit litten unter der angespannten Situation. Viele Kolleginnen und Kollegen hatten große Angst vor Ansteckung, da sie oder ihre Angehörigen zu einer Risikogruppe gehören. Einigen kam der Rückzug in die Stammgruppen gelegen, da sie lieber in festen Gruppen arbeiten als gruppenübergreifend. Für andere war dies eine ungewohnte Arbeitsweise, die sie pädagogisch nicht erfüllte. Auf Dauer litten die Zusammenarbeit und das kollegiale Miteinander. Während der Pandemie steht die Bewältigung eines erschwerten Alltags im Vordergrund. Die Verwaltung und der reibungslose Ablauf müssen organisiert werden, was für eine Kita-Leitung schon ohne Corona zeitaufwendig ist. Inzwischen kamen zwei Mal pro Woche die Testungen der Kinder und Mitarbeitenden dazu. Für die konzeptionelle und fachliche Weiterentwicklung ist keine Zeit mehr. Überbelastung und ein noch größeres Maß an Verantwortung gehen nicht spurlos an Team und Leitung vorbei, das wirkt sich wiederum auf die Qualität der gesamten Einrichtung aus. Nach der Pandemie müssen die Konzepte überarbeitet werden, damit wieder ein offenes Miteinander entsteht.

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