Sicherheit & SofortmaßnahmenUnfälle im Kita-Alltag

Stürze, Verbrennungen oder Verschlucken – das passiert im Umgang mit Kleinstkindern immer wieder. Damit sie ihre Welt sicher entdecken können, braucht es eine vorausschauende Planung sowie eine gezielte Prävention.

Ein Mädchen auf einer blauen Wippe.
© Radomir Jovanovic - GettyImages

Um für Unfallsituationen in der Kita gewappnet zu sein, sollten Betreuungspersonen gezielt Risiken minimieren und ihr Wissen über mögliche Vorsorgemaßnahmen regelmäßig auffrischen. Denn nur wer alle Gefahrenquellen kennt, ist ausreichend vorbereitet. Prävention funktioniert nicht nur durch Gitter, Absperrungen und Erste-Hilfe-Kurse, sondern erfordert auch eine entsprechende Kommunikation im Team (s. INFO).

INFO

Kommunikation im Notfall

In Notfallsituationen ist eine klare und deutliche Sprache von entscheidender Bedeutung. Die konkrete Ansprache von Personen und Problemen ist dabei besonders wichtig, denn bei Wörtern wie „jemand“, „man“ oder „etwas“ schaltet das Gehirn i.d.R. sofort ab. Besser ist es, sich direkt an die jeweilige Person zu richten: „Helena, bitte ruf die Polizei an“ oder „Sie in der roten Jacke, helfen Sie mir!“ Konkrete Ansprachen nimmt das Gehirn besser wahr.
Außerdem sollte in solchen Situationen nicht jedes Wort auf die Goldwaage gelegt werden. Subjektive Emotionen sind hier fehl am Platz. Im Rahmen eines sog. Debriefings kann in der Einrichtung nach einem Zwischenfall eine Nachbesprechung stattfinden. Alle Beteiligten können hier noch einmal ihre Wünsche und Anmerkungen äußern. Sinnvoll ist es außerdem, solche Szenarien vorher zu üben, ein Merkblatt zu erstellen und sich bewusst zu machen, dass im Ernstfall die eigenen Emotionen zurückgehalten werden müssen.

Konzentriertes Handeln bei einem Unfall ist vor allem dann möglich, wenn die pädagogischen Fachkräfte der Einrichtung gut vorbereitet sind und über die erforderlichen Kenntnisse darüber verfügen, was in einem Notfall zu tun ist. Deshalb sollten sich Fachkräfte regelmäßig über notfallmedizinische Themen informieren und Erste-Hilfe-Kurse auffrischen.

Stürze

Die Risiken für Verletzungen im Kleinkindalter sind mannigfaltig. An erster Stelle steht hier die Sturzgefahr (s. INFO). Vor allem Laufanfänger, aber auch Krabbelkinder neigen aufgrund ihres versetzten Schwerpunktes am Kopf dazu, nach vorne auf ebendiesen zu fallen. Daher ist es wichtig, das Risiko von Stürzen aus großer Höhe zu minimieren. Die Größe des Kindes ist dabei immer ein guter Anhaltspunkt: Alles über der eigenen Körpergröße kann gravierende Unfallfolgen haben. Ein Sturz vom Wickeltisch ist z.B. mit dem eines Erwachsenen aus drei Metern Höhe gleichzusetzen. Ein sicherer Wickelplatz ist daher unerlässlich und die Fachkraft sollte alle notwendigen Utensilien griffbereit haben, damit sie das Kind wickeln kann, ohne den Platz verlassen zu müssen.
Kinderwagen, Hochstühle oder Lauflernhilfen stellen eine weitere potenzielle Gefahrenquelle für die Jüngsten dar. Insbesondere wenn die Einrichtung über mehrere Etagen oder Ebenen verfügt, sind auch Treppen und Absätze eine Gefahr und sollten daher mit Treppenschutzgittern oder Absperrungen versehen werden. Balkone und Terrassen, die den Kindern den Zugang zum Außengelände der Kindertagesstätte ermöglichen, müssen ebenfalls gesichert, abgeschlossen oder eingezäunt sein. Selbst kleinste Stufen können zu schweren Unfällen führen, wenn das Kind bspw. mit dem Genick auf eine Kante oder einen spitzen Gegenstand fällt. Nach Möglichkeit sind alle Treppen mit Gittern und sämtliche Kanten mit einem Kantenschutz zu versehen.
Im Außengelände der Einrichtung sollten alle Spielgeräte immer entsprechend den Anleitungen und Vorschriften sicher und fest im Boden verankert sein und nur die für das entsprechende Alter geeignete Höhe haben. Als Faustregel gilt: Geräte, die von den Kindern selbst erklommen werden können, sind auch in etwa altersgerecht.

Sofortmaßnahmen bei Stürzen

Ist es trotz aller Vorsichtsmaßnahmen zu einem Sturz gekommen, ist es ein gutes Zeichen, wenn das Kind sofort schreit oder weint, also noch bei Bewusstsein ist. Wirkt es unmittelbar nach dem Sturz schläfrig, abwesend, apathisch oder bewegt es sich nicht mehr, ist sofort die Notrufnummer 112 zu wählen. Eine ärztliche Abklärung sollte außerdem sofort erfolgen, wenn das Kind direkt erbricht oder Blut aus Nase, Ohren oder Mund austritt. Auch für die erste Zeit danach gilt, dass Schläfrigkeit und Veränderungen im Wesen kritische Anzeichen sind, die auf ein Schädel-Hirn-Trauma hinweisen können. Am Telefon mit den Eltern, dem Kinderarzt oder der Notrufzentrale 112 sollten Fachkräfte direkt die folgenden Fragen beantworten können:

  • Wie hoch war die Fallhöhe?
  • Gibt es Verletzungsfolgen?

Um den Zustand eines verunfallten Kindes einschätzen zu können, ist der Body Check hilfreich. Er zeigt schnell und direkt im Überblick an, ob es schwerere Verletzungsfolgen, wie z.B. Knochenbrüche, gibt. Daher lohnt sich eine strukturierte Vorbereitung, um das konkrete Vorgehen nach einem Sturz zu kennen. Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) schreibt vor, dass Betreuungspersonen regelmäßig die Möglichkeit zu Fortbildungen in Erster Hilfe haben müssen. Es wird empfohlen, diese noch häufiger als vorgeschrieben in Anspruch zu nehmen, da Stürze bei Kleinkindern sehr oft vorkommen.

INFO

Häufung von Unfällen bei Kindern

0 - 6 Monate: Sturzunfälle, Transportunfälle, Ersticken 
 ca. 7 Monate bis
etwa 4 Jahre:
Verschlucken von Gegenständen, Vergiftungen/Verätzungen, Verbrühungen/Verbrennungen, Stürze, Ertrinken 
 ca. 5 Jahre: Stürze und Zusammenstöße, Verkehrsunfälle 

 

Unfälle im Kleinkindalter pro Jahr

163
tödlich verunfallte Kinder
 167.419
verletzte Kinder mit Krankenhausaufenthalt
 ca. 1.900.000
ärztlich behandelte Kinder und Jugendliche

 

* Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder e.V., Unfallstatistiken, Quellen der Grafik: Todesursachenstatistik und Krankenhausdiagnosestatistik (2021) des Statistischen Bundesamtes sowie eigene Hochrechnungen auf Basis der KIGGS-Studie (2015).Unter: https://www.kindersicherheit.de/ fachinformation/unfallstatistiken (Abrufdatum: 22.07.2024).

Quelle: Rehme-Röhrl, J.: Die Notarztmami. Freiburg: Verlag Herder 2024.

Verbrennungen & Verbrühungen

Auch die Gefahr von Verbrennungen und Verbrühungen, die bei Kleinkindern häufig zu verzeichnen sind, kann durch wirksame Vorbeugung und Vorbereitung minimiert werden. Feuer übt immer eine magische Anziehungskraft auf die Jüngsten aus, sei es in der Advents- und Weihnachtszeit, zu St. Martin, im Sommer beim Grillen oder bei der Sommersonnenwende. Auch in der Küche der Betreuungseinrichtung sollte die Herdplatte immer abgesichert und für Kinder nicht frei zugänglich sein. Was selbstverständlich klingt, wird immer wieder vergessen, evtl. mit fatalen Folgen. Denn auch die Jüngsten können sich an vielen Gegenständen hochziehen und so kann schon der Griff einer Pfanne oder ein am Rand platziertes heißes Getränk zur Gefahrenquelle werden.
Zu unterscheiden sind Verbrennungen, die durch Feuer und heiße Gegenstände wie Töpfe und Metalle entstehen, und Verbrühungen, die immer durch heiße Flüssigkeiten verursacht werden. Das ist schnell passiert: ein Tee oder ein Brei, eine undichte Wärmflasche oder zu heißes Essen aus der Mikrowelle. Hier empfiehlt es sich, die Temperatur zunächst selbst zu testen und heiße Speisen immer außerhalb der Reichweite von Kindern aufzubewahren. Dies ist auch beim Baden im Sommer ein Thema: Wenn Fachkräfte im Außenbereich ein Planschbecken für die Kinder auffüllen, sollten sie bedenken, dass die Sonne eine enorme Kraft entwickeln kann. So kann auch ein Gartenschlauch kochend heißes Wasser enthalten. Was als lustige Aktion gedacht ist, kann sich somit zur Gefahr entwickeln. Es empfiehlt sich daher, die Temperatur des Wassers stets vorab zu testen und nie heißes/warmes Wasser nachzuschütten oder nachlaufen zu lassen, wenn sich Kinder schon in unmittelbarer Umgebung befinden. Eine weitere, nicht zu unterschätzende Gefahr geht im Sommer von Metallgegenständen aus, die sich in der Sonne aufheizen und so zu Verbrennungen führen können.

Sofortmaßnahmen bei Verbrennungen & Verbrühungen

Kommt es trotz aller Vorsichtsmaßnahmen zu einer Verbrühung oder Verbrennung, gibt es klare Anweisungen, wie Fachkräfte vorgehen sollten. Das Wichtigste ist, dass sie die verbrannte oder verbrühte Stelle ausreichend kühlen. Als Faustregel gilt: 20  Minuten lang mit 20 Grad handwarmem Wasser. In dieser Zeit sind aber auch bereits weitere Maßnahmen einzuleiten. So sollten dem Kind z.B. alle Kleidungsstücke an den betroffenen Körperstellen entfernt und vorhandene Brandblasen nicht geöffnet, sondern steril abgedeckt werden.
Hinweis: Auch ein Sonnenbrand ist eine echte Verbrennung der Haut und kann deshalb genauso schmerzhaft sein wie eine Verbrennung durch Feuer. Die Kinder deshalb immer mit Sonnenschutz eincremen!

Verschlucken

Ein großes Thema bei Essanfängern ist das Verschlucken von Lebensmitteln. Wie bei den Stürzen gehört aber auch dieses Risiko in gewisser Weise zum Lernen dazu. Denn gerade am Anfang müssen die Kinder erst noch die Konsistenz verschiedener Speisen kennenlernen. Dies gilt nicht nur für das Essenlernen und den Beikoststart. Babys und Kleinkinder wissen sehr genau, dass ihr Mundraum und ihre Zunge sehr sensible Orte sind, mit denen sie Gegenstände und Konsistenzen erfahren und begreifen können. Das tun sie nicht nur mit den Händen, sondern erfahren auch vieles mit dem Mund. Sie können und sollen sich hierbei ausprobieren. Daher sollten Fachkräfte auch darauf achten, dass Dinge wie Bügelperlen, Beeren, Murmeln, Nüsse usw. nicht in der Nähe der Kinder aufbewahrt werden.
Ebenso spielen zwei Reflexe in diesem Alter noch eine große Rolle: der Zungenstoß- und der Würgereflex. Der Zungenstoßreflex stammt aus der Entwicklungsgeschichte der Menschen. Er soll Babys davor schützen, dass sie etwas zu sich nehmen, was noch nicht für sie geeignet ist. Mit anderen Worten: Babys sollen saugen und weiche Nahrung zu sich nehmen, aber nichts Hartes essen, da sie noch nicht kauen können. Erst wenn der Zungenstoßreflex wirklich verschwunden ist, können Betreuungspersonen ihnen feste Nahrung anbieten bzw. kann das Kind mit seiner Kaumuskulatur und den Kauleisten oder den teilweise schon vorhandenen Zähnen selbst anfangen zu mahlen und zu kauen. Zuvor sorgt der Zungenstoßreflex dafür, dass die Zunge alles, was in den Mund geschoben wird, bei Berührung sofort wieder herausschiebt. Ob dieser Reflex noch vorhanden ist, lässt sich leicht testen, indem man einen Löffel an die Lippen des Kindes hält. Wenn dann die Zunge direkt nach vorne kommt, ist das Kind noch mit einem ausgeprägten Zungenstoßreflex ausgestattet. Im Gegensatz dazu bleibt der Würgereflex das ganze Leben lang erhalten. Im Laufe der kindlichen Entwicklung verschiebt sich dieser jedoch in Bezug auf den Gaumen immer weiter nach hinten. Säuglinge und Kleinkinder beginnen bereits zu würgen, wenn härtere Gegenstände den vorderen Gaumen berühren. Ältere Kinder und Erwachsene erst bei Berührung des weichen hinteren Gaumens. Die beiden Reflexe und der Zeitpunkt, wann sie verschwinden bzw. sich entwickeln, sind jedoch individuell sehr verschieden.
Es gibt keine klaren Altersgrenzen, ab wann ein Kind Beikost zu sich nehmen kann und wann welcher Reflex wo ausgelöst wird. Dies kennen Erwachsene evtl. auch von sich selbst. Manche müssen bei einer ärztlichen Untersuchung schon würgen, wenn nur ihre Zunge berührt wird. Am anderen Ende der Skala stehen bspw. unempfindliche Messerschlucker. Hinzu kommt, dass Speise- und Luftröhre nah beieinander liegen und bei Kleinkindern noch einen sehr geringen Durchmesser haben (ein grobes Maß für den Durchmesser der Luftröhre ist der kleine Finger). All diese Faktoren führen dazu, dass sich die Jüngsten leicht verschlucken können.
Insbesondere bei unter Dreijährigen müssen Fachkräfte darauf achten, dass kleinteiliges Spielzeug und leicht verschluckbare Lebensmittel außerhalb der Reichweite der Jüngsten aufbewahrt werden. Darüber hinaus empfiehlt es sich, prall-elastische Lebensmittel und solche, die leicht verschluckt werden können, entweder ganz weich zu kochen, zu vierteln, zu mahlen oder ganz aus dem Speiseplan zu streichen. Dabei ist immer zu berücksichtigen, dass sich in der Betreuungseinrichtung Kinder unterschiedlichen Alters befinden können, die sich individuell in unterschiedlichen Entwicklungsstadien befinden. Es bedarf daher der ständigen Aufmerksamkeit der Fachkräfte, wenn verschluckbare Kleinteile und kleine Lebensmittel im Raum vorhanden sind. Sie können ggf. auch die Eltern einbeziehen und diese bitten, ihren Kindern bestimmte Lebensmittel und Spielsachen nicht mitzugeben. Das Wichtigste ist auch hier, dass Fachkräfte auf Notfallsituationen vorbereitet sind und wissen, welche Handgriffe notwendig sind, um ein Kind, das etwas verschluckt hat, effektiv zu unterstützen.

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