Erzähltheater KamishibaiLiteratur zum Leben erwecken

Das aus Japan stammende Kamishibai lädt zum gemeinsamen Betrachten und Zuhören ein und bietet Kleinstkindern reichlich Spielraum für einen eigenen Zugang zu Geschichten, Lyrik und Literatur.

Literatur zum Leben erwecken
© Sylvia Näger

Kamishibai bedeutet so viel wie Papiertheater (jap. kami – Papier; shibai – Theater) und bezeichnet eine besondere Art der Erzählkunst. In einen aufstellbaren Holzrahmen mit zwei aufklappbaren Türen werden passende Bildkarten gesteckt. Damit lassen sich Geschichten, Lieder oder Lyrik besonders lebendig vortragen. Auch Sachinformationen oder selbst gestaltete Bilder und Texte können damit anschaulich präsentiert werden. Von dieser Form des bildgestützten, interaktiven Erzählens profitieren bereits unter Dreijährige. Pädagogische Fachkräfte sollten anfänglich nur ein einzelnes Bildmotiv (Tier, Spielzeug, Nahrungsmittel) zeigen und gemeinsam mit den Kindern Form, Farbe und weitere Besonderheiten des Motivs beschreiben. Diese Methode erweitert spielerisch den Wortschatz der Mädchen und Jungen. Als Bildkarten umgesetzte Gedichte wie „Die drei Spatzen“ von Christian Morgenstern oder Reime wie „Morgens früh um sechs, kommt die kleine Hex“ bieten den Kindern weitere, dem Alter angemessene Text- und Bilderlebnisse.

Rituale einführen

Das Kamishibai wird auf einen niedrigen, mit einem dunklen Tuch abgedeckten Tisch gestellt. Die Kinder sitzen auf Kissen davor. Beginnen Sie das Erzählritual, indem Sie eine Klangschale anschlagen. Solang die Türen des Kamishibai noch geschlossen sind, sprechen Sie zum Einstieg den Satz: „Alle, alle sind dabei, eins zwei drei. Jetzt reisen wir zu den Geschichten im Kamishibai.“ Anschließend bitten Sie die Kinder, Ihnen mit imaginären Gesten beim Öffnen der Türen zu helfen, und klappen diese auf. Das Ende der Erzählsituation ritualisieren Sie ebenfalls mit einem Klang und Gesten des Türenschließens.
Meist werden im Kamishibai Geschichten anhand von käuflichen Bildkartensets präsentiert. Mit eigenen Geschichten und selbst hergestellten Bildkarten lassen sich Themen aber auch individuell gestalten (s. PRAXISTIPP).

Beispiel des Siebenschläfers

Lernen ist im Kleinkindalter stark an Gefühle gekoppelt. Kinder lassen sich emotional auf Geschichten ein, wenn diese ihre handlungsleitenden Themen aufgreifen. Das Thema Freundschaft kennen sie aus dem Alltag. So finden sie sich z. B. leicht in der „Geschichte vom kleinen Siebenschläfer, der seine Schnuffeldecke nicht hergeben wollte“ wieder (s. TIPPS). Der Siebenschläfer liebt seine Decke über alles und leiht sie nur ungern dem Eichhörnchen aus, das Nüsse darin transportieren möchte. Auch andere Tiere brauchen seine Decke, die vor allem eins ist: eine wunderbare „Alle-Freunde-unter-einer-Decke- Decke“. Diese Geschichte lebt von ihren gefühlsstarken Bildern. Die Tatsache, dass der Siebenschläfer auch als greifbares Stofftier existiert, ermöglicht Kleinkindern einen zusätzlichen sinnlichen Zugang zur Erzählung und unterstützt sie beim Erkennen eines dreidimensionalen Objekts in seiner zweidimensionalen Abbildung.

Kinder aktiv begleiten

Lassen Sie die Kinder den Siebenschläfer anfassen und sein weiches Fell fühlen, stellen Sie ihn vor und beginnen Sie mit dem Eröffnungsritual. Zeigen Sie zunächst nur die ersten fünf Bildtafeln, die die Geschichte einleiten. In den folgenden Präsentationen lassen Sie die Bildkarten mit der Haselmaus, dem Maulwurf, der Schnecke und der Fledermaus dazustoßen. Was diese in der Geschichte mit der Decke anstellen, wird von den Mädchen und Jungen nachgespielt. Diese sukzessiv erlebte Abfolge erleichtert es ihnen, sich auf die Geschichte zu konzentrieren und sie zu verstehen. Gerne sprechen sie auch die immer wiederkehrende Frage „Wo ist meine schnufflige, knufflige, wuschelige Schmusedecke?“ nach und sind so sprachaktiv in die Geschichte eingebunden. Bereiten Sie eine Decke vor, in die sich die Kinder am Ende der Geschichte zum Kuscheln einmummeln können, genauso wie die Tiere es mit ihrer „Alle-Freundeunter- einer-Decke-Decke“ tun.

Interaktive Geschichten

Wenn Kleinkinder „lesen“, wollen sie die Seiten eines Buches vor- und zurückblättern und mit dem ganzen Körper aktiv werden. Integrieren Sie deshalb Bewegungen in die Erlebnisse mit dem Kamishibai. Zeigen und Deuten sind wichtige Elemente beim Geschichtenerzählen. Durch Augenkontakt und Mimik ermuntern Sie die Jüngsten zum Mit- und Selbersprechen. Das Kamishibai wird so zum magischen Anziehungspunkt für das Text- und Bilderleben und bietet Kleinkindern reichlich Spielraum für einen eigenen Zugang zu Geschichten, Lyrik und Literatur. 

PRAXISTIPP

Kamishibai-Bildkarten selbst gestalten

Für die Karten benötigen Sie 190 oder 250 g/m² starken Karton in unterschiedlichen Farben im DIN-A3-Format. Bekleben Sie diesen mit Kinderzeichnungen, Fotografien, bunten Papierschnipseln oder Naturmaterialien. Anschließend erzählen Sie eine Geschichte: „Das ist das Blatt, das Leon gefunden hat. Es ist von ganz oben im Baum auf den Boden gesegelt. Dabei ist es an einem leeren Vogelnest vorbeigeschwebt, dann an einer grünen Raupe und sogar an einem Eichhörnchen.“ Begleiten Sie Ihre Geschichte mit Gesten. Wenn Sie diese später noch einmal erzählen, helfen Ihre Bewegungen den Kindern, sich an Einzelheiten zu erinnern.

Unter www.herder.de/kindergarten-paedagogik/kindergartenalltag/kamishibai/ finden Sie weitere Anregungen für die Beschäftigung mit dem Kamishibai.  

Kleinstkinder-Newsletter

Ja, ich möchte den kostenlosen Kleinstkinder-Newsletter abonnieren und willige somit in die Verwendung meiner Kontaktdaten zum Zwecke des eMail-Marketings des Verlag Herders ein. Dieses Einverständnis kann ich jederzeit widerrufen.