Aktuelle StudieFachkräfte und ihre Werte

Wie stehen pädagogische Fachkräfte zur Berufstätigkeit von Eltern junger Kinder? Und wie beeinflusst dies ihre professionelle Haltung? Eine Studie gibt Antworten.

Fachkräfte und ihre Werte
© Harald Neumann

Qualität und Relevanz der U3- Betreuung rücken zunehmend in den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Fokus. Es besteht heute weitgehend Konsens darüber, dass die pädagogische Begleitung und Bildung der Jüngsten bedeutsam ist und professionelle Kompetenzen erfordert. Das notwendige Rüstzeug einer pädagogischen Fachkraft geht dabei weit über Fachwissen oder Methodenvielfalt hinaus. Denn die konkrete Arbeit in Kita, Krippe und Tagespflege wird nicht zuletzt von persönlichen Wertvorstellungen geprägt, die oft unbewusst in die professionelle Haltung der Fachkräfte einfließen. Diese im Laufe eines Lebens entwickelten Einstellungen gelten als nicht kurzfristig veränderbar, sind aber häufig die Grundlage für den Umgang mit Kindern und Eltern. Eigene Einstellungen wahrzunehmen und zu reflektieren ist also gerade in der U3- Praxis eine wesentliche Kompetenz, wie die KiWa-Studie der PH und Uni Heidelberg verdeutlicht (s. INFO). Die Heidelberger Wissenschaftlerinnen befragten Fachkräfte zu ihrer Haltung bzgl. der Berufstätigkeit von Eltern. Der Hintergrund: Zu welcher Zeit und in welchem Umfang Väter und Mütter arbeiten, steht i. d. R. in direktem Zusammenhang mit der außerfamiliären Betreuung ihres Nachwuchses.
Die Fachkräfte beantworteten diese Frage bezogen auf mehrere Altersgruppen (s. ÜBERSICHT). Es zeigt sich: Sind die Kinder unter einem Jahr alt, hält es fast die Hälfte der Befragten für sinnvoll, dass Mütter – nicht aber Väter – zu Hause bleiben. Knapp 40 Prozent befürworten, dass die ersten 12 Monate beide Eltern zu Hause bleiben. Ab dem zweiten Lebensjahr eines Kindes findet die Teilzeitarbeit von Müttern größere Zustimmung: Nur noch ein Drittel der Fachkräfte findet es dann optimal, wenn Mütter nicht berufstätig sind. Ebenso viele befürworten es, wenn beide Elternteile im gleichen zeitlichen Umfang einer Teilzeitbeschäftigung nachgehen. Im dritten Lebensjahr verstärkt sich dieser Trend zugunsten einer Teilzeitbeschäftigung von Müttern. Innovativere familiäre Varianten, bei denen etwa Väter die häusliche Kinderbetreuung ganz übernehmen, werden von den Fachkräften kaum bevorzugt.

Welche Faktoren beeinflussen die persönliche Einstellung?

Tendenziell bevorzugen Fachkräfte unter 40 Jahren eher traditionelle Geschlechterrollen als ältere Fachkräfte. Fachkräfte aus Großstädten befürworten wesentlich häufiger als ihre Kollegen aus kleineren Gemeinden, dass auch Mütter von Säuglingen einem Beruf nachgehen. Auch beim Ost-West-Vergleich zeigen sich Unterschiede: Während Fachkräfte in den neuen Bundesländern eine gleichberechtigte Rollenverteilung überwiegend begrüßen, lässt sich in den alten Bundesländern eine mehrheitlich traditionell geprägte Sichtweise beobachten. Einstellungsmuster werden also sowohl von milieuspezifischen Faktoren, z. B. der Größe des Wohnortes, als auch von der individuellen Biografie geprägt.
Ob innovativ, gleichberechtigt oder traditionell: Mit ihren Haltungen zum Thema Geschlechterrollen/Berufstätigkeit treffen Fachkräfte auf Eltern, die wiederum persönliche Modelle der Rollen- und Berufsaufteilung gewählt haben. Sind den Fachkräften ihre eigenen Einstellungen dann nicht bewusst zugänglich und sie somit nicht reflexionsfähig, können diese Werte die Umsetzung von Fachwissen oder Interaktionsgestaltung steuern. So könnte bspw. eine Fachkraft, die davon überzeugt ist, dass ein Säugling zu Hause betreut werden sollte, Mitleid mit dem Kind entwickeln, gepaart mit einem übergroßen Verantwortungsgefühl. Dies wiederum könnte dazu führen, dass sich die Fachkraft bald überfordert fühlt. Gleichzeitig würde dies den Umgang mit den Eltern evtl. verschlechtern, deren Entscheidung, ihr Kind früh in einer Krippe unterzubringen, von der Fachkraft nicht gutgeheißen wird.
Unbewusste Werte tangieren also den Umgang mit Kindern und Eltern. Umso bedeutsamer ist es, Fachkräfte im Rahmen von Aus- und Weiterbildungen bei der Entwicklung selbstreflexiver Kompetenzen zu unterstützen. Um eine tolerante Haltung gegenüber vielfältigen familiären Modellen einnehmen zu können, sollten sie u. a. die eigene Haltung und das berufliche Selbstverständnis fortlaufend reflektieren, kontrollieren und bei Bedarf modifizieren. Dabei kann etwa die Beantwortung folgender Fragen helfen, die sich auf die Berufstätigkeit von Eltern unter Dreijähriger beziehen:

  • Inwieweit kenne ich die (berufliche) Rollenaufteilung von Eltern der Kleinkinder, die ich betreue?
  • Welche positiven und negativen Erfahrungen habe ich im Zusammenhang mit elterlicher Berufstätigkeit gemacht?
  • Wie gut gelingt es mir, mich in die Perspektive der Eltern hineinzuversetzen?
  • Welche Art von Betreuung halte ich am besten für ein Kind im Alter von unter einem Jahr, unter zwei Jahren und unter drei Jahren?
  • Wie sind meine persönlichen Erfahrungen mit außerfamiliärer Betreuung und inwieweit haben sie meine Ansichten geprägt?
  • Wie beeinflusst meine eigene Haltung zu Berufstätigkeit und Geschlechterrollen meinen Umgang mit Kindern und Eltern?
  • Wie kann ich meine Einstellung verändern und eine professionelle Haltung entwickeln?
  • Welche Haltung vermitteln wir als Team, Kita, Träger den Kindern und ihren Eltern?
  • Was könnten wir verändern, um eine professionelle, offene und von Akzeptanz getragene Haltung zu stärken?

INFO

KiWa-Studie: professionelle Haltung pädagogischer Fachkräfte

Welche ethisch-moralischen Wertvorstellungen haben pädagogische Fachkräfte in Bezug auf familienergänzende Bildung, Erziehung und Betreuung von Kleinkindern? Worauf legen Fachkräfte in ihrer Beziehungsgestaltung Wert und welche Rolle spielt dabei ihre Biografie? Hierzu befragten Wissenschaftlerinnen der Pädagogischen Hochschule und Universität Heidelberg 320 pädagogische Fachkräfte. www.marsilius-kolleg.uni-heidel berg.de/projekte/kiwa/   

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