Eine Großmutter und eine Erzieherin im InterviewOma gewöhnt mich ein

Jonathan ist mit einem Jahr in die Kita gekommen. Die Eingewöhnung hat seine Großmutter übernommen. Wie die Eingewöhnung in dieser nicht alltäglichen Konstellation verlaufen ist, schildern uns Jonathans Bezugserzieherin und seine Oma.

Liebe Frau Fröhlich, werden Sie häufiger von Eltern gefragt, ob jemand anders die Eingewöhnung übernehmen kann? Und wie kam es im Falle von Jonathan zu dieser Entscheidung?

In den letzten fünf Jahren hatten wir zwei Mal eine Eingewöhnung mit einer Großmutter. Aus unserer Sicht spricht erst einmal nichts dagegen, wenn das Kind eine gute Beziehung zur eingewöhnenden Person und die betreffende Person ausreichend Zeit hat. In Jonathans Fall musste seine Mutter zum Zeitpunkt der Eingewöhnung schon wieder arbeiten und hat deswegen gefragt, ob jemand anders die Eingewöhnung übernehmen könnte. Wir hatten auch schon Fälle, in denen sich Mutter und Vater die Eingewöhnung aufgeteilt haben. Dann achten wir aber darauf, dass nicht zu oft gewechselt wird, weil das Unruhe reinbringt. Wir führen während der Eingewöhnungsphase begleitend viele Gespräche. Bei zu vielen Wechseln zwischen zwei Personen ist der Informationsfluss schwer zu gewährleisten.

Gab es im Vorfeld Bedenken oder besonderen Informationsbedarf zu diesem Vorgehen?

Die Eltern von Jonathan hatten von Anfang an großes Vertrauen, weil sie unsere Einrichtung schon von Freunden kannten. Nachdem sie abgeklärt hatten, ob es überhaupt möglich ist, waren sie einfach nur gespannt und neugierig, wie es laufen würde. Jonathans Großmutter war eher diejenige, die gezweifelt hat, ob er nicht noch zu jung sei. Tatsächlich hat seine Großmutter ihn zu Beginn der Eingewöhnung sehr eng begleitet. Wir haben gemerkt, dass das Loslassen noch ein Thema war.

Wie haben Sie reagiert? Wir haben ihr vorgeschlagen, ruhig auch mal zuzuschauen und uns übernehmen zu lassen. Z. B. auf der Couch sitzen bleiben und von Weitem zuschauen, was der Junge macht. Daraufhin hat sich das sehr schnell gelöst. Es war insgesamt eine sehr einfache Eingewöhnung. Das Kind fühlte sich wohl, und je wohler sich seine Oma fühlte, desto einfacher wurde es.

Hat es dabei eine Rolle gespielt, dass seine Großmutter, Frau Gut, selbst Pädagogin ist?

Sie konnte sich auf jeden Fall sehr gut einfühlen in das, was wir besprochen haben, hat schnell verstanden, worum es geht. Ihr fiel es vielleicht eher schwer, Jonathan nicht so eng zu begleiten, und als Oma wollte sie es vielleicht besonders gut machen und ist auch in ihre berufliche Rolle gerutscht. Darum ist es für uns Erzieherinnen so wichtig, während der Eingewöhnung mit allen Beteiligten viele Gespräche zu führen und Informationen einzuholen, weil so viele Dinge einen Einfluss auf den Verlauf der Eingewöhnung haben. Jonathans Großmutter holt ihn immer noch ab und zu ab, und es ist schön, dass wir bis heute ein sehr herzliches Verhältnis haben.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Liebe Frau Gut, wie kam es denn in Ihrer Familie zu der Entscheidung, dass Sie Jonathan eingewöhnen? Haben Sie sofort zugesagt oder brauchten Sie Bedenkzeit?

Meine Tochter wollte auf jeden Fall beruflich wieder einsteigen. Den Kita-Platz hat sie erst ab September bekommen, da musste sie aber schon wieder arbeiten. Daraufhin hat sie mich gefragt. Ich bin im Sommer in Rente gegangen und hatte also Zeit. Als Übergang in die Rente konnte ich mir diese Aufgabe ganz gut vorstellen. Ich habe von Jonathans Geburt an eine gute Beziehung zu ihm aufgebaut, weil wir nur 10 km entfernt wohnen. Also habe ich direkt zugesagt. Schon im Vorfeld hatte ich meiner Tochter grundsätzlich Unterstützung bei der Betreuung zugesichert. Ich fand es wichtig, dass sie als Frau bald wieder in den Beruf einsteigt. Anders als ich, ich war 16 Jahre wegen meiner Kinder zu Hause.

Wie liefen die weiteren Schritte ab? Haben Sie sich auf die Eingewöhnung in irgendeiner Form „vorbereitet“?

Meine Tochter hat mich einmal in die Kita mitgenommen, zu einem Gespräch mit der Bezugserzieherin. Ansonsten habe ich es auf mich zukommen lassen. Ich stand unter keinem Druck und wusste, dass ich Jonathan die Zeit geben konnte, die er brauchte. Trotzdem hatte ich auch Bedenken, dass ein so junges Kind schon in eine Einrichtung kommt. Aber hinterher habe ich nur positi ve Erfahrungen und Eindrücke aus dieser Phase mitgenommen.

Wie ist die Eingewöhnung denn aus Ihrer Sicht verlaufen?

Die Eingewöhnung war insgesamt problemlos. Die Aufnahme in die Gruppe war herzlich, die Erzieherinnen sehr zugewandt. In dieser Zeit war ich viel im Austausch mit den Erzieherinnen, auch während des Kita-Tags, z. B. auf dem Spielplatz. Sie haben mir auch klar signalisiert, dass ich mich mal zurückziehen darf. Diese Gespräche habe ich als sehr positiv erlebt.
Mein Mann und ich haben über die Entwicklung von Jonathan nur so gestaunt. Die Kinder sind in ihrem Sozialisierungsprozess viel schneller, wenn sie in einer Gruppe betreut werden und entsprechend gefordert sind, als wenn sie ausschließlich in der Familie aufwachsen.

Wie war diese Zeit rückblickend für Sie?

Ich habe sie sehr genossen. Allein schon der Weg von Jonathans Zuhause in die Kita! Wir sind immer zu Fuß gegangen. Zuerst als kleines Ritual zum Bäcker, dann am Bahnhof vorbei – er fand das so toll, wenn die Züge ankamen. Diese Momente, wenn er mit großen Augen dastand, wenn ein ICE hereinrauschte. Solche Situationen noch einmal mit den Au positigen eines Kindes zu sehen. Das war toll! Auf dem Rückweg war er manchmal müde und brauchte Ruhe, nach einem Tag voller Herausforderungen. Ich stand nie unter Zeitdruck und konnte mich voll und ganz ihm widmen.

Würden Sie sagen, die Eingewöhnung war für Sie leichter als für eine Mutter?

Ich denke schon. Wobei man das schwer verallgemeinern kann. Ich hatte das Gefühl, dass ich mit der Rolle gut zurechtkam. Ich konnte damit umgehen, als mir empfohlen wurde, ich solle mich ruhig mal zurücknehmen. Auch bei den ersten Trennungsversuchen bin ich klargekommen – auch wenn ich mal kurz schlucken musste: „Hoffentlich packt er das.“

Gibt es etwas, was Sie eingewöhnenden Großeltern raten würden?

Wenn Großeltern die Bereitschaft und Zeit dazu haben, ist das eine tolle Gelegenheit, die Beziehung zu ihren Enkelkindern zu vertiefen. In der Gruppe war ich bald die Oma für viele andere Kinder.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

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