Interview mit der Bundesfamilienministerin Franziska Giffey„Das hat schon was von Familie“

Im Gespräch mit „Kleinstkinder“ äußert sich die Bundesfamilienministerin Franziska Giffey zur Bedeutung der Kindertagespflege und erläutert, wie sie diese im Laufe ihrer Amtszeit fördern will.

Das hat schon was von Familie
© Bundesregierung, Jesco Denzel

Frau Bundesministerin, zur frühen Bildung haben Sie sich im vergangenen April folgendermaßen geäußert: „Wir müssen (...) so früh wie möglich ansetzen, um ungleiche Startchancen der Kinder auszugleichen – damit es jedes Kind packt!“ Welchen Beitrag kann bzw. sollte die Kindertagespflege Ihrer Ansicht nach dafür leisten?

Tagesmütter und Tagesväter leisten einen wichtigen Beitrag für die Zukunft unserer Kinder. Die Kindertagespflege ist ein fester Bestandteil der Kindertagesbetreuung. Bei maximal fünf Kindern pro Tagesmutter oder Tagesvater kann sehr gut auf die Bedürfnisse der Tageskinder und ihrer Eltern eingegangen werden. Zum Beispiel die Hol- und Bringzeiten oder auch ein individuelles Lieblingsessen. Durch die kleinen Gruppen bauen die Kinder gute, stabile Bindungen auf. Das hat schon was von Familie. Es schafft Geborgenheit.
Es ist mein Anliegen, dass wir die Qualität der Kinderbetreuung weiterentwickeln, in Kitas und in der Kindertagespflege, damit es jedes Kind packt, egal, ob aus einem armen oder reichen Elternhaus.

In Deutschland betreuen rund 44.000 Tagesmütter und Tagesväter über 160.000 Kinder. Die Tagespflege ist mittlerweile zu einem unverzichtbaren Standbein der frühpädagogischen Betreuung geworden. Durch welche konkreten Maßnahmen möchten Sie die Tageseltern in ihrer Arbeit unterstützen?

Wir werden demnächst das Gute-Ki- Ta-Gesetz ins Kabinett bringen. Damit wollen wir die Qualität in der Kita und Kindertagespflege verbessern – das große T im Titel des Gesetzes steht übrigens für „Tagespfle ge“. Der Bund stellt 5.500 Millionen Euro in den kommenden vier Jahren für mehr Qualität und weniger Gebühren zur Verfügung. Und dabei haben wir Tagesmütter und Tagesväter genau wie Kitas im Blick.
Die Qualität der Kindertagespflege fördern wir auch mit dem Bundesprogramm „Kindertagespflege: Weil die Kleinsten große Nähe brauchen“. Mit den Geldern können Kommunen zum Beispiel Kooperationen zwischen Kitas und der Kindertagespflege fördern. Einer der zentralen Punkte des Programms ist aber die Qualifizierung und Weiterbildung. Mit dem Geld aus dem Bundesprogramm unterstützen wir Kommunen, Kindertagespflegepersonen zu qualifizieren. Das „Qualifizierungshandbuch Kindertagespflege“ ist dabei ein wichtiges Werkzeug. Es geht auf die gestiegenen Anforderungen an die Tagesmütter und Tagesväter ein und bereitet angehende Tageseltern auf ihre Arbeit vor. Ich will, dass dieses Thema in Zukunft einen höheren Stellenwert bekommt.
Ein anderes Thema, das mich umtreibt, sind die Arbeitsbedingungen. Dazu gehört auch die Bezahlung. Kindertagespflege ist eine wunderbare Aufgabe, aber nicht immer einfach. Kindertagespflegepersonen übernehmen große Verantwortung. Dafür müssen sie mehr Wertschätzung erfahren. Nur so können wir den Beruf auch langfristig attraktiver machen.

Der Staat stellt bis 2022 5,5 Milliarden Euro mehr für Kitas und Tagespflege bereit. Wie und nach welchen Kriterien wird dieses Geld zwischen Kita und Tagespflege aufgeteilt?

Die Situation in den verschiedenen Bundesländern ist sehr unterschiedlich. Jedes Land hat an der einen oder anderen Stelle mal einen Vorsprung oder mit besonderen Herausforderungen zu kämpfen. Also haben wir bewusst gesagt: Wir geben den Ländern möglichst viel Spielraum, um dort Qualitätsmaßnahmen umzusetzen, wo sie Bedarf sehen. Das Ziel ist klar – die Mittel sollen in bessere Kinderbetreuung fließen und dafür gibt es verschiedene Instrumente –, aber wie das im Einzelnen erreicht wird, sollen die Länder für sich entscheiden. Die Landesministerien sind dazu in Kontakt mit den wichtigsten Akteuren und Trägern, auch die Kindertagespflege wird dabei sein. Die Kindertagespflege hat sich als eine familiennahe und individuelle Betreuungsform bewährt. Was sie jetzt braucht, um sich weiter zu verbessern, sollten ihre Vertreterinnen und Vertreter deutlich formulieren und dafür gegenüber den Ländern eintreten.

Als ehemalige Bezirksoberbürgermeisterin von Neukölln kennen Sie die Lebensrealitäten von Menschen aus prekären Verhältnissen und sozial schwachen Milieus. Wie prägt diese Erfahrung Ihre jetzige Arbeit, verändert sie Ihren Blick speziell auf die Frühpädagogik oder beeinflusst sie evtl. auch manche Entscheidung?

Gute frühkindliche Bildung ist der Grundstein für den weiteren Lebensverlauf. Das weiß ich auch aus meiner Zeit als Bezirksbürgermeisterin in Berlin-Neukölln und darum liegt mir das Thema in meinem neuen Amt als Bundesfamilienministerin besonders am Herzen. Mein Ziel ist es, dass es vielen Kindern, die jetzt in Armut leben, am Ende dieser Legislatur besser geht.
Ich habe es als Bildungsstadträtin und Bezirksbürgermeisterin in Neukölln erlebt, was es heißt, wenn 80 bis 90 Prozent der Kinder in sozial schwierigen und bildungsfernen Verhältnissen leben. Sie zu fördern, ist eine wirklich große Aufgabe. Jeder Vorschlag und jedes Gesetz des Bundesfamilienministeriums muss einen Beitrag dazu leisten, dass es jedes Kind in Deutschland packt, egal, ob es in einer reichen oder armen Familie lebt. Was ich mir vorgenommen habe, lässt sich in zwei Bereiche aufteilen: zum einen die materiellen Hilfen, die jede Familie im Portemonnaie spürt, und zum anderen, dass wir starke Institutionen haben. Also gute Kitas, eine starke Kindertagespflege und eine gute Betreuung auch für Kinder im Grundschulalter. Darum will ich mit dem Gute-KiTa-Gesetz auch den Einstieg in die Gebührenfreiheit schaffen. Es kann nicht sein, dass gerade geringverdienende Eltern es sich wegen hoher Gebühren nicht leisten können, ihre Kinder in die für deren Entwicklung so wichtige Betreuung zu geben. All das gehört zu unserem Konzept gegen Kinderarmut.

Herzlichen Dank für das Gespräch.  

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