Interview zur aktuellen miniKIM-StudieMedien entspannt integrieren

Die miniKIM-Studie legt neue Zahlen zum Medienverhalten von Kindern ab zwei Jahren vor. Die repräsentative Befragung von 623 Eltern zeigt unter anderem: Digitale Medien sind mittlerweile ein fester Bestandteil der kindlichen Alltagswelt. Wir haben Studienleiterin Sabine Feierabend gefragt, welche Konsequenzen sich daraus für Kita und Tagespflege ergeben.

Medien entspannt integrieren
© Pixabay

Frau Feierabend, Ihre Studie zeigt, dass viele Eltern und auch Fachkräfte nach der Devise verfahren: gutes Buch, böses Tablet. Werden sie Kleinkindern damit gerecht?

Das Buch hat viele Vorteile, der Tablet-PC aber auch. Es kommt darauf an, wie und mit welchem Ziel ein Medium eingesetzt wird. Eines der zentralen Kriterien aus Kindersicht ist vermutlich: Welches Medium kann ich mit anderen zusammen nutzen? Also sollten auch Erwachsene Medien für Kleinkinder u. a. nach diesem Kriterium beurteilen. Die gemeinsame Bildbetrachtung kann sowohl mittels digitaler als auch traditioneller Bilderbücher erfolgen. Die Bezugsperson liest dem Kind eine Geschichte vor, diese wird besprochen, das Kind kann Rückfragen stellen. Bei einer digitalen Geschichte können Bilder sogar größer gezogen werden, um Kinderfragen zu beantworten. Bei einem Hörspiel hingegen steht die Interaktion weniger im Vordergrund, die Stimme ist nicht die der vertrauten Bezugsperson, die Möglichkeit, zwischendurch nachzufragen, fehlt.

Angenommen, Kinder hätten die freie Wahl: Würden sie sich nicht immer für ein interaktives Medium und gegen das „echte“ Buch entscheiden?

Sicher, das Tischfeuerwerk ist immer aufregender als das Kaminfeuer. Interaktive Medien bieten einfach mehr Reize. Ob Kinder aber das Tablet dem Bilderbuch vorziehen, hängt nicht zuletzt davon ab, wie viele Angebote wir ihnen auf dem Gerät machen. Wenn sie ein bestimmtes Medium z. B. nur mit einem einzigen Spiel verbinden, werden sie seltener danach verlangen, als wenn sie bereits zahlreiche digitale Spielmöglichkeiten auf diesem kennen. Das Transportmedium ist in diesem Alter noch weniger wichtig als der Inhalt: Kindern ist es egal, ob sie Musik von einem Smartphone oder einem CDSpieler hören.

Inwieweit kommen Kleinkinder heutzutage überhaupt mit digitalen Medien in Kontakt?

In allen Haushalten mit kleinen Kindern sind heute Smartphones vorhanden, ebenso Computer bzw. Laptops. Die Kinder kennen all diese Medien also, auch wenn sie selbst noch kaum damit hantieren.

Obwohl Kleinkinder digitale Medien noch wenig nutzen, befürworten Sie die Vermittlung einer Medienkompetenz schon ab dem dritten Lebensjahr. Warum?

Weil Kitas den Anspruch haben, an der Lebenswelt von Kindern anzuknüpfen. Kleinkinder sehen ihre Bezugspersonen im Umgang mit Handy und Computer. So, wie sie andere Tätigkeiten von Erwachsenen nachahmen, wollen sie dies auch in diesem Fall.

Anders als in den Elternhäusern sind in pädagogischen Einrichtungen aber bislang überwiegend analoge Audiomedien im Einsatz …

Das hat einerseits mit Geld zu tun. Eine digitale Ausstattung ist teuer. Andererseits spielt die kindliche Medienkompetenz in der Ausbildung von Fachkräften bislang keine große Rolle. Im Moment liegt es überwiegend in der Eigenverantwortung der Fachkräfte bzw. Kitaleitungen, sich zum Thema „Medienkompetenz“ fortzubilden bzw. das Thema überhaupt als wichtig zu erachten. Das erfordert hohes Engagement. Auch die Vorbehalte vieler Eltern bremsen die Kitas oft aus: Sie haben oft Bedenken, wenn digitale Medien zum Einsatz kommen. Um aber zu verhindern, dass Kinder Medien im späteren Leben nur mit passiver Berieselung verbinden, müssen sie früh lernen, wie vielfältig deren Nutzungsmöglichkeiten sind.

Welche Schlüsse lassen sich nun aus den Ergebnissen Ihrer Studie für die Kita-Praxis ziehen?

Es geht beim Erwerb von Medienkompetenz im Kleinkindalter nicht um eine möglichst frühe Vermittlung technischer Fertigkeiten, sondern um eine erste spielerische Annäherung an Medien. Durch Tippen, Reinsprechen, Bilder-Großziehen lernen Kinder deren Vielfältigkeit kennen. Gemeinschaftliche Mediennutzung kann außerdem soziale Kompetenzen stärken und Kinder zum Reden animieren. Gerade ganz junge Kinder, die noch keinen großen Wortschatz haben, profitieren oft von Tablet-PCs, z. B. beim „Geräuscheraten“: Sie hören Alltagsgeräusche, etwa von einem Staubsauger oder einem Fön und deuten auf die jeweils passenden Bilder – die Namen der abgebildeten Dinge können sie meist noch nicht aktiv abrufen. Nicht zuletzt unterstützen digitale Medien auch die kindliche Selbstwahrnehmung: Die Mädchen und Jungen werden fotografiert und gefilmt – und schauen sich die Ergebnisse sofort an! Bei all dem gilt, dass der Einsatz digitaler Medien nur eine Möglichkeit unter vielen ist, um die Alltagswelt der Kinder widerzuspiegeln – und nur manchmal die beste: Sie sollen entspannt an den passenden Stellen in den Kita-Alltag integriert werden, ohne ihnen einen zentralen Stellenwert zuzuschreiben.

43 Prozent der Eltern nennen die Kita als zentrale Anlaufstelle bei Medienfragen. Wie können Fachkräfte die Medienkompetenz von Vätern und Müttern stärken?

Wenn Kinder älter werden, ist ihre digitale Welt für viele Erwachsene fremd und unheimlich. Ein Ansatz könnte deshalb sein, Eltern zu ermutigen, sich auf Apps und digitale Kinderspiele einzulassen, sie selbst auszuprobieren. So können Eltern am besten verstehen, was Kinder daran fasziniert. Fachkräfte sollten Familien mit hohem Medienkonsum außerdem nicht von vorneherein problematisieren, sondern mit den Gegebenheiten produktiv umgehen und sich fragen: Wie können wir der Medienaffinität eines Kindes eine positive Wendung geben? Wobei das andererseits direkt zur Problematik führt, dass an Kita-Fachkräfte immer mehr Anforderungen gestellt werden. Auch die Anspruchshaltung der Eltern ist hoch. Man muss auf der Hut sein, dass Väter und Mütter nicht zu viel Verantwortung an die Einrichtungen abgeben!

Wie können Eltern bezüglich der Medienerziehung aktiv ins Boot geholt werden?

Zum Beispiel, indem Fachkräfte den Eltern anbieten, ein paar Stunden zu hospitieren. Bei einem solchen Kitabesuch können sich Eltern Anregungen für eine kreative, soziale und aktive Mediennutzung holen. Zu erleben, wie etwa ein Tablet-PC altersgerecht und spielerisch einzusetzen ist, kann sehr medienkritischen Eltern vielleicht auch die Angst davor nehmen, dass ihr Kind zu früh mit solchen Geräten in Berührung kommt.

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