Selbstständig werdenDas kann ich schon!

Kinder etwas selbst machen zu lassen müssen Eltern auch erst lernen

Das kann ich schon!
Je öfter ein Kind etwas ausprobieren darf, desto schneller wird es selbstständig © scaliger - iStock

Die einjährige Paula schiebt sich Bananenstücke in den Mund. Der dreijährige Paul schmiert Butter auf sein Brot. Die sechsjährige Lina geht alleine zu Schule. Mit zunehmendem Alter werden Kinder immer selbstständiger. Schritt für Schritt werden sie sicherer und unabhängiger und sind weniger auf die Hilfe und Unterstützung der Erwachsenen angewiesen. Die Entwicklung zur Selbstständigkeit ist ein wichtiger Prozess, der nicht immer glatt verläuft und den Eltern und ErzieherInnen bewusst unterstützen können. Die wichtigste Methode: Möglichst wenig tun. Und das ist durchaus harte Erziehungsarbeit.

Alltägliche Fähigkeiten

Kinder werden autonom, indem sie immer mehr praktische Tätigkeiten alleine bewältigen. Zum Beispiel sich die Schuhe anziehen oder ein Glas Wasser einschenken. Die Entwicklung zur Selbstständigkeit umfasst aber auch soziale Aspekte, etwa die Fähigkeit, einen Streit zu schlichten, ohne bei den Erwachsenen zu „petzen“. Auch die Erweiterung des Orientierungsvermögens macht Kinder unabhängiger, denn sie ermöglicht ihnen, sich in ihrem Wohnumfeld sicher zu bewegen. In welchem Maß sie das können, hängt natürlich stark vom Alter ab. Auf Knopfdruck funktioniert bei Kindern gar nichts. „Die Entwicklung zur Selbstständigkeit ist ein stetiger Prozess“, sagt Lea Nikov, Erzieherin im Montessori-Kinderhaus Kriftel.

„Alleine machen!“

Etwa mit einem Jahr zeigt das Kind oft zum ersten Mal den Drang, Dinge alleine zu tun. Es greift mit den Händen nach dem Teller und will selbst essen, statt gefüttert zu werden. Eltern sollten dieses Streben unbedingt unterstützen, indem sie gut greifbares, aber weiches Essen anbieten, etwa Nudeln, gekochtes Gemüse oder Brot. Mitzuerleben, wie das Kind mit allen Sinnen neue Erfahrungen macht, kann großartig sein – auch wenn man hinterher den Essplatz putzen muss. Wer beschließt, dass es praktischer ist und schneller geht, das Kind zu füttern, vergibt die erste Chance, seine Selbstständigkeit zu unterstützen. Wann, was und wie viel das Kind von den angebotenen Speisen isst, entscheidet es dann allerdings selbst. Und das bleibt auch so – manchmal zum Leidwesen der Eltern.

Die nächste wichtige Etappe: Wenn Kinder körperlich so gereift sind, dass sie ihre Ausscheidungen kontrollieren können, bestimmen sie selbst, wann und wo sie ihr Geschäft erledigen. Noch ein Schritt: Das Kind Wege alleine zurücklegen lassen. Zwar spart es manchmal Zeit und Nerven, es in den Buggy zu setzen, doch wer sein Kind so früh wie möglich daran gewöhnt, selbst zu laufen, investiert in die Zukunft. Kindergartenausflüge, Familienwanderungen und schulischer Sportunterricht, all das klappt besser, wenn Kinder gar nicht erst lernen, sich auf das stets bereite „Mama-Taxi“ zu verlassen.

Weniger ist mehr

Der Drang nach Selbstständigkeit ist oft mit einem starken Willen gepaart und für Eltern manchmal vor allem eines: anstrengend. Warum will der Sprössling ausgerechnet heute, wenn man wirklich pünktlich bei der Arbeit sein muss, seine Schnürsenkel selbst binden? Kinder lernen durch Ausprobieren und Wiederholung. „Man muss aushalten können, dass Dinge nicht gleich funktionieren und länger dauern“, sagt Lea Nikov. Die beste Unterstützung, die Eltern ihrem Kind geben können, besteht darin, ihm Zeit zu geben und geduldig zu sein. Und darin, seinen Frust auszuhalten und es die Konsequenzen tragen zu lassen, ohne es dabei allein zu lassen. Darf man zulassen, dass es bei Regen Sandalen tragen will? Die (zeitlich begrenzte) Erfahrung nasser Füße kann viele weitere, kraftraubende Diskussionen ersparen.

„Kann ich nicht“

Aber nicht alle Kinder sind forsch und fordern ihre Autonomie selbstbewusst ein. Es gibt auch stille und schüchterne Naturen, die mehr Unterstützung und Ermunterung benötigen. Dann kommt es auf den Weg der kleinen Schritte an. Vielleicht schafft es das Kind beim ersten Mal nicht, alleine bei einem Freund zu spielen. Aber wenn Papa erst noch auf einen Kaffee bleibt, geht es leichter. Ängstliche Kinder brauchen immer wieder Zuspruch: „Du schaffst das. Du kannst das selbst. Aber ich bleibe bei dir und gehe nicht weg.“ Und niemand ist stolzer und gefühlt größer als ein Kind, das sich selbst überwunden hat. Auch die richtigen Anreize helfen: „Du willst mit mir einen Kuchen backen? Aber die Eier sind alle und ich muss das Mittagessen vorbereiten. Wenn du alleine zum Laden an der Ecke gehst und Eier einkaufst, können wir anschließend backen.“

Fördern und fordern

Die meisten Kinder wollen nachahmen, was sie bei Erwachsenen sehen. Wenn Kinder „mitlaufen“ dürfen, lassen sich Alltagskompetenzen leichter vermitteln: Während Mama die Kartoffeln schält, kann der Sohn eine Frühlingszwiebel schneiden. Während Papa die Wäsche aufhängt, kann die Tochter lernen, wie man Socken zusammenrollt.

Die Grundlage, selbstständig Konflikte zu lösen, wird ebenso im Sandkasten gelegt. Wir müssen nicht sofort herbeieilen und eingreifen, wenn unser Kind einem anderen die Schaufel wegnimmt. Besser wäre es, abzuwarten und zu beobachten, ob der Streit wirklich eskaliert – und die bösen Blicke der anderen Eltern selbstbewusst an sich abperlen zu lassen.

Auch der Orientierungssinn erweitert sich während der Kindergartenzeit. Bereits mit vier oder fünf Jahren kann man mit dem Kind üben, wie man zu Fuß eine Straße überquert. Am Ende der Kindergartenzeit sollte das Kind kurze Wege alleine bewältigen können, zum Beispiel zum Bäcker oder zur Eisdiele.

Die Fähigkeit zur Selbstorganisation ist ein weiterer wichtiger Baustein. Auch hier werden die Weichen früh gestellt: Wer sucht verlorenes Spielzeug, vermisste Sandalen oder kümmert sich ums Einpacken des Kuscheltiers? Wer ruft bei der Freundin an, um sich zu verabreden? Natürlich das Kind – mit Hilfestellung der Eltern.

Wenn es Eltern „aushalten“ können, solche Kompetenzen früh zu fördern, werden sie spätestens in der Schulzeit belohnt, denn die Dramen um verlorene Jacken oder vergessene Hausaufgaben sind deutlich seltener. Ihr Kind ist nicht das letzte beim Umziehen zum Sportunterricht. Es kann sich selbst verabreden und den Schulweg alleine bewältigen. Und wenn es so viel Stärke und Selbstbewusstsein entwickelt hat, schafft noch etwas ganz Wichtiges: um Hilfe zu bitten, wenn es alleine nicht mehr weiterkommt.

Drei Fragen an ...

… Lea Nikov, Erzieherin im Montessori-Kinderhaus Kriftel

Wie viel Selbstständigkeit sollte ein Kind in den Kindergarten mitbringen?

Im Alter von drei Jahren kann man erwarten, dass ein normal entwickeltes Kind seine Jacke selbst überziehen kann, beim Reißverschluss helfen wir. Auch sollte es wissen, wie sein Rucksack und seine Hausschuhe aussehen. Es sollte sich die Hände waschen können und nicht darauf warten, dass sie ein Erwachsener unter den Wasserstrahl schiebt. Es sollte schon einmal echtes Glas und Porzellan benutzt und Messer und Gabel in der Hand gehalten haben – es muss aber noch nicht koordiniert damit essen können.

Wie führt man Kinder in die Selbstständigkeit?

Am besten nach dem Montessori-Prinzip: „Hilf mir, es selbst zu tun.“ Wenn ein Kind nicht an seine Jacke reicht, zeige ich ihm, wo es einen Hocker findet und halte – wenn es sein muss – auch die Hand beim Hochklettern. Man braucht viel Selbstdisziplin, um dem Kind nicht einfach die Jacke zu geben.

Was ist Ihr Ratschlag an uns Eltern?

Vertrauen Sie Ihrem Kind! Es hilft, im Alltag mehr zu beobachten und weniger zu tun. Wer sein Kind richtig sieht, traut ihm oft mehr zu.

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