„Können Sie Ihre Öffnungszeiten nicht erweitern?“Eltern fragen – Kita-Leitung antwortet:

Zunächst gilt es, das Anliegen der Eltern genauer zu ergründen: Gibt es Schwierigkeiten mit deren Arbeitgeber? Hat sich die Situation in der Familie verändert? Besteht eine Belastungs- oder Überforderungssituation? Ihr Verständnis für das Anliegen der Eltern ist Voraussetzung für alles Weitere. Nehmen Sie sich deshalb Zeit für ein Gespräch in einem geschützten Rahmen.

Geht es um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, so verlangt der Arbeitsmarkt heutzutage von Arbeitnehmern eine hohe Flexibilität. Wollen Eltern ihre Aufgaben in Familie und Beruf unter einen Hut bringen, geraten sie oft in einen Konflikt. So kommen sie z.B. in Not, wenn sie um Punkt 16.30 Uhr die Arbeit beenden müssen, weil um 17.00 Uhr die Kita schließt. Kollegen reagieren mit Unverständnis und evtl. konnte man das Tagesgeschäft nicht zum Abschluss bringen. Aus vielerlei Gründen macht sich Unzufriedenheit breit. Die emotionale Ebene der Eltern zu betrachten ist wichtig: Sie wollen weder abgehetzt in die Kita kommen, um unzufrieden ihr Kind abzuholen, noch ein schlechtes Gewissen haben müssen, weil sie ihr Kind in die Kita bringen, oder immer zu früh Feierabend machen müssen und dadurch Angst haben, ihren Job zu verlieren. Weitere Gründe für die Anfrage der Eltern können persönlicher Natur sein: eine Trennung und damit eine Veränderung der beruflichen und familiären Situation oder die Geburt eines weiteren Kindes. Eltern brauchen in persönlichen Belangen manchmal Unterstützung und Hilfe von außen.

Erziehungs- und Bildungspartnerschaft mit den Eltern.

Vergegenwärtigen Sie sich als Leitung und zusammen mit Ihrem Team das Verständnis Ihrer Einrichtung von der Erziehungs- und Bildungspartnerschaft. Wie wird diese Partnerschaft im Alltag umgesetzt? In welchem Umfang werden Eltern beteiligt und welche Möglichkeiten haben sie, Wünsche und Bedürfnisse zu äußern? Und wie wird dann damit umgegangen? Versteht sich Ihr Träger als Dienstleistungsunternehmen, so ist eine andere Situation gegeben. In diesem Fall hat der Wunsch des Kunden Priorität und es wird unter ökonomischen Gesichtspunkten entschieden, ob ihm entsprochen werden kann oder nicht. Je nach Struktur des Trägers wird unter Einbeziehung einer pädagogischen Fachberatung beurteilt, ob es aus pädagogischer Sicht vertretbar ist, wenn Eltern für ihr Kind tatsächlich 14 Stunden Betreuungszeit in Anspruch nehmen. Entsprechende Regelungen können festgelegt werden (Höchststundenzahl für Betreuung o.Ä.). Die gemeinsame Linie sollten Ihr Träger, Sie als Leitung und das Team selbstbewusst nach außen vertreten, aber auch umsetzen.

Vom Kind her gedacht und argumentiert.

Veranschaulichen Sie den Eltern die Bedeutung der Familie für das Kind. Als dessen Hauptbezugspunkt muss es sich in ihr geborgen fühlen können, geliebt, beschützt und umsorgt werden. Es soll sich sicher und aufgehoben fühlen, um in diesem Rahmen wachsen und sich entwickeln zu können. Dazu braucht es aber Zeit, gemeinsame Zeit mit Mutter und Vater, auch mit den Geschwistern und anderen Verwandten. Die wichtigsten und grundlegendsten Dinge in der Entwicklung eines Kindes finden im Rahmen von Familie und der dortigen Erziehung statt. Kinder brauchen das Gefühl, dass ihre Eltern jederzeit für sie da sind. Sie brauchen gemeinsame Erlebnisse, die das Kennenlernen der Welt in jeder Form ermöglichen.

Die Bindungstheorie kennt den „sicher gebundenen Typ“. Sicher gebundene Kinder erleben den Besuch einer Kita als Bereicherung und können den Aufenthalt außerhalb der Familie daher gut kompensieren. Hat ein Kind jedoch eine weniger gute Bindung zu seinen Eltern, wird es mit einer gewissen Vulnerabilität (Verletzlichkeit) in eine Kita gehen und somit andere Voraussetzungen mitbringen.Speziell bei diesen Kindern bedarf es einer guten Eingewöhnung mit einer konstant anwesenden Bezugserzieherin, die dem Kind Bindung und Beziehung und so die nötige Stabilität bietet. Wenn Kinder viele Stunden in einer Kita verbringen, kann die Beziehung zu den Eltern im Rahmen des Familienlebens nicht intensiviert oder ausgebaut werden, es fehlt die Zeit dazu. Kommt von den Rahmenbedingungen der Kita noch hinzu, dass die Bezugserzieherin nicht immer anwesend ist und das Kind mit wechselnden Erzieherinnen zu tun hat, so wird sich dies auf das emotionale Empfinden des Kindes und damit auf seine Entwicklung auswirken. Umgekehrt bedeutet das jedoch nicht automatisch, dass jedes Kind, das viele Stunden in einer Kita verbringt, sich nicht oder schlecht entwickelt. Vielmehr kommt es dabei immer auf vielerlei Faktoren an, weshalb auch jedes Kind individuell zu betrachten ist.

Familienzeit = Qualitätszeit.

Kinder können den Besuch in einer Kita gut für sich nutzen, wenn die Zeit, in der die Familie zusammen ist, „qualitativ gut genutzt“ wird. In dem Fall bedeutet das, dass die Dauer tatsächlich in den Hintergrund rückt. Dennoch ist diese Erkenntnis kein pauschaler Freibrief für eine Kita-Betreuung über viele Stunden.

Fragen Sie die Eltern, wie die gemeinsame Familienzeit verbracht wird. Was geschieht abends, was geschieht am Wochenende? Kommen Sie mit den Eltern über die Wichtigkeit einer qualitativ guten Familienzeit ins Gespräch. Legen Sie bei der Gelegenheit auch dar, dass sich die Kita als familienergänzende Institution versteht: dass sie dem Kind zwar vielfältige Beziehungs-, Bildungs- und Lernmöglichkeiten bietet, dass sie jedoch nicht den Erziehungsauftrag an die Eltern ersetzen kann. Wenn es von den Eltern gewünscht ist, überlegen Sie gemeinsam mit ihnen konkrete Möglichkeiten zur Gestaltung der Familienzeit: Mahlzeiten, Rituale, Mithilfe im Haushalt, Ausflüge - also Anlässe, bei denen die Beziehungspflege im Vordergrund steht. Denn Erlebnisse, die das Kind in der Kita hat, unterscheiden sich immer von denen, die es in der Familie hat.

Welche Lösungen sind denkbar?

Konkrete Lösungsmöglichkeiten mit den Eltern zu erarbeiten, ist eine wertschätzende Art, ihrer Frage zu begegnen. Aus der Situation der Eltern, die Sie zu Beginn des Gespräches in Erfahrung gebracht haben, lassen sich zielführende Fragen ableiten: Welche Kompromisse könnten Einrichtung und Eltern eingehen, wenn verlängerte Öffnungszeiten als Option entfallen? Bestünde eine Möglichkeit, dass die Eltern ihren Tagesablauf umstrukturieren? Wäre ein Gespräch mit dem Arbeitgeber denkbar, um für mehr Verständnis für die familiäre Situation zu werben? Könnte die Kita eine Tagesmutter vermitteln? Könnten ein Babysitter oder Verwandte bei Betreuungsengpässen einspringen? Vorsicht jedoch vor einer Situation mit ständig wechselnden Bezugspersonen! Welche Hilfestellung könnte die Einrichtung den Eltern sonst noch bieten?

Kommunizieren Sie darüber hinaus die Inhalte des Elterngesprächs auch gegenüber dem Team, damit Ihre Mitarbeiterinnen das nötige Verständnis für die Situation der Familie haben und in Tür- und Angelgesprächen entsprechend agieren können. Eine mögliche Verhaltensänderung beim Kind aufgrund der Umstände kann von den Mitarbeiterinnen so besser aufgefangen werden. Sofern sich aber der Großteil Ihrer Elternschaft verlängerte Öffnungszeiten wünscht und Ihr Träger bereit ist, sich über die weitere Planung der Betreuungszeiten Gedanken zu machen, sollten Sie im Gespräch mit ihm die pädagogischen Argumente des Für und Wider einer Verlängerung nicht außen vor lassen und diese auch entsprechend der Elternschaft vermitteln.

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