Kein Plastik mehr im Meer!Kinder suchen sich Verbündete im Kampf gegen die Verschmutzung der Erde

Meere voller Verpackungsmüll und leidende Tiere – das wollen die Kinder der WABE-Kita „Trabrennbahn“ nicht länger hinnehmen. Sie wenden sich an die Nachbarschaft, Supermärkte und den Bürgermeister, um Mitstreiter*innen für den Verzicht auf Plastik zu gewinnen. Ihr Ziel: eine plastikfreie Kita und Welt.

Kein Plastik mehr im Meer
© Ewa Frackowiak, Hamburg

Angestoßen wurde das Thema nach der Rückkehr der Kinder aus dem Urlaub. In der Kinderkonferenz berichtete eines der Kinder vom vielen Müll, der am Strand lag; Ähnliches gab es von anderen Orten zu erzählen. Das machte die Kinder stutzig und traurig. Sie wollten etwas gegen die Vermüllung tun. Nicht nur die Kita sollte möglichst frei von Plastik sein, sondern auch die Nachbarschaft aufmerksam werden. Da unsere Kita den Schwerpunkt „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ hat, entschieden wir uns, den „Kampf gegen Plastik“ in alle Bildungsbereiche aufzunehmen.

Eine Schule für Plastik-Detektiv*innen

Am Anfang ging es darum, den Kindern das Thema „Plastik“ näher zu bringen. Dabei begleitete uns das Buch „Plastian, der kleine Fisch“1. Der kleine Fisch bekommt Bauchschmerzen, weil er versehentlich Plastikteile anstatt Plankton gefressen hat. In regelmäßigen Lesekreisen haben wir mit den Kindern über die abenteuerliche Reise von Plastian und seinen Freunden philosophiert. Uns war wichtig, dass die Kinder Plastik erkennen und benennen können. Zu diesem Zweck haben wir eine Detektiv-Schule gegründet. Die Kinder haben in der Kita und zu Hause nach Plastik gesucht, alles zusammengetragen und überprüft, ob es sich bei dem Gesammelten um Plastik handelt. Nach erfolgreicher Detektivarbeit wurden die Kinder für den nächsten Einkauf mit einem Detektiv- Ausweis ausgestattet – natürlich nicht aus Plastik. Kann man denn überhaupt Unverpacktes einkaufen? Das ist gar nicht so einfach,  wie die Kinder im Supermarkt feststellen mussten, denn selbst Obst und Gemüse sind meist in Folie verpackt. Ihren Unmut und ihr Wissen über die Auswirkungen gaben sie an den Marktleiter weiter. Sie appellierten an ihn, Plastikverpackungen zu vermeiden. Die unverpackten Lebensmittel wurden von den Kindern in der Kita verarbeitet. Dabei wurde bewusst auf die Vermeidung von Kochutensilien aus Kunststoff geachtet. Den Kindern fiel auf, dass die meisten aus Plastik sind. Da sie inzwischen die Erkenntnis hatten, dass Plastik aus der Welt nie verschwinden wird, gingen sie schonend damit um und nutzten Gegenstände länger, bevor sie im Mülleimer landeten. Als Ersatz wurden Löffel aus Holz oder Gefäße aus Glas angeschafft. So konnten die Kinder Alternativen kennenlernen und erfahren, dass man als Verbraucher* in die Wahl hat.

Aus Müll etwas Neues machen

Wie klingt eine PET-Flasche? Woher kommt das Geräusch? Aus gesammelten Recyclingmaterialien bauten die Kinder Instrumente und verwerteten kreativ vermeintlichen Müll zu etwas Neuem. Gemeinsam mit unserer Musikpädagogin testeten die Kinder spielerisch den Klang von Instrumenten aus Plastik, Holz und Metall. Dann schrieben sie mit ihr ein Lied, in dem es um die verschiedenen Müllarten geht, und begleiteten die Melodie dazu mit ihren selbst gebauten Instrumenten. Die Kinder lernten dabei auf spielerische Weise den Begriff „Upcycling“ kennen. Aber eigentlich muss es auch darum gehen, überhaupt keinen Abfall zu produzieren. Kaputte (Plastik-)Spielsachen werden deshalb in unserer Reparaturwerkstatt, die wir neu ins Leben gerufen haben, von den Kindern entweder repariert oder zu kreativen Werken umfunktioniert, anstatt sie wegzuwerfen.

Der Plastikfresser-Fisch muss auf Diät

Was zu viel Plastik bisher in der Umwelt ausgelöst hat und wie sich dies auf die Verschmutzung der Ozeane auswirkt, erarbeiteten wir kreativ im Atelier. Dort entstand die Idee, aus zwei ausrangierten Styroporblöcken einen riesigen Fisch zu bauen, der anschaulich zeigen soll, wie der Plastikabfall den Lebensraum der Tiere im Meer und unsere Gesundheit bedroht. Die Kinder begriffen: Plastik wird ins Meer entsorgt, die Fische verwechseln es mit Futter, wir essen Fisch, also essen auch wir Plastik. Der Bauch des Fisches wurde mit einem großen Netz bespannt, in das die Kinder jeden Tag gesammelten Plastikmüll hineinwarfen. Die Schuppen wurden aus geschmolzenen Joghurtbechern hergestellt. Während eine Kindergruppe baute, eine andere Lieder über Müll komponierte, Plastik-Detektiv*innen die Kita nach Plastik durchsuchten und kennzeichneten, beschäftigte sich eine weitere Gruppe mit Warnplakaten und Plastik-Skulpturen zur Ermahnung für die Nachbarschaft. Vom Plastikmüll in den Ozeanen bleibt nur der kleinste Teil an der Oberfläche. Die weit größere Menge verteilt sich so, dass der Müll nicht mehr zu sehen ist. Um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Problematik zu lenken, nahmen wir den Plastikfresser- Fisch mit auf die „WABE-Experimenta“, einem Kinder- und Familienfest, das unser Träger WABE e. V. alle zwei Jahre in „Planten un Bloomen“, mitten in Hamburgs grüner Parkanlage, veranstaltet. Das Fest wird jedes Mal von mehreren Tausend Besucher*innen frequentiert. Passant* innen konnten eine Schuppe aus alten Plastikbechern anfertigen, diese mit ihrem Namen versehen und am Plastikfresser-Fisch befestigen. Wir hoffen, dass diese kreative Aktion viele Menschen erreicht und eine Reflexion über das eigene Konsumverhalten ausgelöst hat. Mit der Aktion wollten wir „wachrütteln“ und Veränderungen zum Schutz der (Um-)Welt anstoßen.

Bitte die Plastikpolitikändern

Nach der „WABE-Experimenta“ wurde unsere Bildungsarbeit für nachhaltige Entwicklung mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Aus diesem Grund ist Greenpeace auf uns aufmerksam geworden und lud die Kinder ein, eine Umweltausstellung zu besuchen. Dem Plastikfresser-Fisch ist es derweil zur Aufgabe geworden, das Thema Plastikmüll in die Öffentlichkeit zu tragen. Seit August 2018 ist er in den Ausstellungsräumen von Greenpeace in der Hamburger Hafencity zu bewundern. Die Übergabe des Fisches sowie ein Interview mit Kindern und einer Pädagogin der Kita „Trabrenn bahn“ wurde vor Ort gefilmt und im Fernsehen ausgestrahlt. Zudem wurden wir zum Umweltstiftungsforum der Hamburger Buhck-Stiftung2 eingeladen, um dort einen Vortrag über unser Plastik- Projekt zu halten.
Wer trägt die Verantwortung für das Plastik-Desaster? Was können wir unternehmen? Die Kinder hatten großartige Vorschläge. Gemeinsam entschieden wir, Supermärkte anzuschreiben und die Leitenden dazu aufzufordern, auf Plastik zu verzichten. Der Hamburger Erste Bürgermeister wurde von den Kindern schriftlich gebeten, die „Plastikpolitik“ zu ändern. Als wir Antwortbriefe erhielten mit dem Versprechen, Plastik zu reduzieren, sowie Lob für den Einsatz, war die Freude riesig. Das hat allen Hoffnung gegeben und stolz gemacht. Wir stellten fest, dass das Projekt in vielerlei Hinsicht positiven Einfluss auf alle Beteiligten hatte und sie zu „Plastikbekämpfer*innen“ wurden. Auch auf emotionaler Ebene bewegte uns das Thema stark. Insbesondere, wenn wir Bilder von den Ozeanen voller Müll anschauten und über die Zukunft der Erde und nachfolgender Generationen nachdachten. Bereits Kinder dafür zu sensibilisieren, dass jede und jeder individuelle Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten hat und etwas bewirken kann, ist wichtig für die Zukunft der (Um-)Welt und uns alle.  

Plastik vermeiden und Alternativen entdecken

Die Eltern der Kita-Kinder unterstützten und begrüßten das Projekt von Beginn an. Gemeinsam suchten wir nach alternativen, alltagstauglichen Lösungen und verwendeten z. B. nur noch eine Plastiktüte anstelle von mehreren für die schmutzige Wäsche der Kinder oder feierten Kindergeburtstage fortan ohne Plastik. Unsere Vision, “Plastikfreie Kita“ zu werden, ist für uns sehr verlockend. Leider mussten wir feststellen, dass dies zurzeit nicht in Gänze realisierbar ist, da Plastik die Welt „erobert“ hat. Im „Kampf gegen Plastik“ bleiben wir aber wachsam und konsequent. Falls es vereinzelt vorkommt, dass Eltern verpackte Geburtstagsleckereien mitbringen, bitten wir sie freundlich, ihren Müll mitzunehmen. Die Idee „Feiern ohne Plastik-Müll“ setzten wir erfolgreich und mit Begeisterung bei unserem Sommerfest um. Die nächsten dieser Art werden folgen. Auf Anregung einer Mutter wird zurzeit über die Einführung von Textilwindeln diskutiert. 

„Irrsinnige Vermüllung“

Herr Meyer-Krotz, der Plastikfisch „Nomi“ der Kita „Trabrennbahn“ ist nun Teil der Ausstellung in der Greenpeace-Zentrale. Warum stellen Sie Plastik aus?
Mit Skulpturen wie Nomi oder unserem Plastikmüllstrudel zeigen wir den Besucher*innen die irrsinnige Plastikvermüllung von Land und Meer. Bei Müll gilt oft: „Aus den Augen – aus dem Sinn“. Nomi Plastikfresser zeigt, dass das ein Eigentor ist: Am Ende landet der Müll über die Nahrungskette wieder auf unseren Tellern.

Warum sollten sich Kinder mit dem Plastikproblem der Welt beschäftigen?
Es ist einfacher, frühzeitig einen ressourcenschonenden Umgang zu erlernen, als sich später umzugewöhnen. Als ich in den 1960er- Jahren Kind war, hatten wir gerade das Wirtschaftswunder. Es wurde mir vermittelt, Ressourcen seien unendlich verfügbar. Ich wurde später begeisterter Autofahrer. Mittlerweile ist es für mich selbstverständlich, kein Auto mehr zu besitzen und Fahrrad, Bus sowie Bahn zu nutzen. Der Umstieg ist geglückt – macht mich sogar froh heute –, war aber nicht einfach.

Was können erste Schritte für eine plastikfreie Kita sein?
Mehrweggefäße bei Milch oder Joghurt und Wassersprudler fürs Leitungswasser statt Sprudel aus Plastikflaschen. Und Holz- oder Metallspielzeug hält länger und ist robuster als Plastik. Es gibt viele, einfach umzusetzende Möglichkeiten für den Alltag.

Weitere Ideen unter: www.greenpeace.de/ themen/endlager-umwelt/plastikmuell/10- tipps-fuer-weniger-plastik

Mehr zur Ausstellung unter: www.green peace.de/ausstellung

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