Tiergestützte PädagogikIhre Bedeutung für die Entwicklung von Kindern

Viele Fachkräfte wollen durch Tierbesuchsprojekte oder die Tierhaltung in der Kita die Entwicklung der Kinder ganzheitlich unterstützen. Der Einsatz von Tieren erfordert, dass die Rahmenbedingungen so gestaltet werden, dass sich Mensch und Tier wohlfühlen.

Der Beitrag in 150 Wörtern

Im pädagogischen Arbeitsalltag spielen Tiere eine immer größer werdende Rolle. Denn mit Unterstützung dieser Co-Pädagogen können Kinder grundlegende Fähigkeiten und Fertigkeiten erwerben, in ihrer Persönlichkeitsentwicklung gefördert werden und sich Werthaltungen und Überzeugungen aneignen, die für das weitere Leben bedeutsam sind.

Kinder erleben Tiere als Spielgefährten, als Freunde, Beschützer und Trostspender. Doch viele Kinder wachsen ohne ein Heimtier auf,1 sodass ihnen die Erfahrung einer positiven Mensch-Tier-Beziehung fehlt. Und da Nutztiere nur noch selten Teil des Landschaftsbildes sind, sind ihnen diese Tiere oftmals nur noch aus den Medien bekannt. „Ersatz“ aus Plastik bietet die Spielwarenindustrie an.2

Auch in der Fachliteratur für Kita- Fachkräfte zur Umsetzung der frühen naturwissenschaftlichen Bildung spielen Tiere eine Rolle. Die persönlichen Erfahrungen eines Kindes basieren hier auf der Beschäftigung mit Wildtieren wie Schnecke und Wurm, die es sammelt und „kurzzeitig in kleinen Gläsern mit Luftlöchern im Deckel“ 3 beobachtet. Das soll Kindern helfen, eventuell vorhandene negative Emotionen gegenüber diesen Lebewesen abzubauen, denn sie lernen, „welche Tiere gefährlich sind und welche nicht“4.

Zunehmend mehr Bildungseinrichtungen des Elementarbereichs nutzen ihren pädagogischen Gestaltungsspielraum allerdings dahingehend, dass sie Haustiere anschaffen, die das kindliche Grundbedürfnis nach Naturerfahrung in gewisser Weise befriedigen und in ihrer Funktion als „Miterzieher“5 frühkindliche Bildungs- und Entwicklungsprozesse bestmöglich unterstützen sollen. Mithilfe des motivierenden Co-Pädagogen Tier, so hofft man, können Kinder Fähigkeiten und Fertigkeiten erwerben, in ihrer Persönlichkeitsentwicklung gefördert werden und sich Werthaltungen und Überzeugungen aneignen, die ein Leben lang unverzichtbar sind.

Tiere im Kindergarten

Eine erfolgreiche tiergestützte Arbeit basiert auf der positiven Haltung der am Lernprozess Beteiligten gegenüber den eingesetzten Tieren. Welche Arten zum Einsatz kommen, hängt einerseits von den räumlichen Gegebenheiten vor Ort, andererseits von den artspezifischen Eigenschaften der Tiere, ihrer Wesensart, ihrer Trainierbarkeit und der Passung – also der sich zwischen einem Kind und einem Tier entwickelnden Beziehung – ab. Damit ein Tier als Co-Pädagoge eingesetzt werden kann, „muss das Tier von seiner Sozialisation, physischen Konstitution, charakterlichen Veranlagung und Ausbildung her seiner Aufgabe gewachsen sein, damit körperliche Beeinträchtigungen für Menschen und Tiere vermieden werden“6.

Die für pädagogische Zwecke gehaltenen Tiere müssen hinsichtlich ihres Erscheinungsbildes nicht Rassestandards entsprechen. Gerade von Tieren, die diese Vorgaben nicht erfüllen und vielleicht sogar ein Handicap haben, können wertvolle Anstöße für das Lernen ausgehen. Die Beachtung der folgenden Grundsätze ist wichtig, um das Wohlergehen der Tiere sicherzustellen7:

  • tiergerechte Haltung, Pflege, Ernährung sowie tägliche Kontrolle des Wohlbefindens
  • regelmäßige Kontrolluntersuchungen durch einen fachkundigen Tierarzt
  • Rückzugsmöglichkeiten für die Tiere schaffen
  • Beachtung der lautlichen und körpersprachlichen Äußerungen der Tiere, um Stress- und/oder Krankheitssymptome zu erkennen
  • stets einen Ausgleich zu tiergestützten Einheiten anbieten
  • Kontakt zu Artgenossen muss für bestimmte Tierarten möglich sein
  • Vorhandensein einer stabilen Bezugsperson für die Tiere

Eine Pädagogik mit Tieren eröffnet neue Lernchancen

Zunächst verknüpft ein Kind den Kontakt zum Tier nicht bewusst mit einer Lernabsicht. Das Handeln des Kindes, zum Beispiel das Anlocken eines Tieres, um es zu füttern, dient also nicht dem Erwerb biologischen Wissens.8 Dennoch sind die den Kindergartenalltag bereichernden Erlebnisse mit Tieren sowie das erwachende Interesse der Kinder an diesen Lebewesen von den Erzieherinnen für die Vermittlung von Wissen über das Mensch-Natur-Verhältnis zu nutzen. In der intensiven Auseinandersetzung mit einem Tier und durch entsprechende Anmerkungen der Fachkraft unterstützt, entdeckt ein Kind, dass Mensch und Tier miteinander kommunizieren können. Die Körpersprache eines Tieres folgt Mustern, die zum Teil bereits Kinder schon lesen können. Gleichbleibend konstante pädagogische Angebote ermutigen Kinder (insbesondere bei erhöhtem Förderbedarf), sich intensiver mit einem Tier zu befassen. Ein Wiederholen des bereits Gelernten wird die Wissensaneignung wirkungsvoll unterstützen. Die Übernahme einer Tierpatenschaft, die den konstanten Aufbau einer engen Beziehung zu einem Tier begünstigt, lässt Rücksichtnahme und Wertschätzung gegenüber Mitlebewesen konkret erfahrbar werden.

Zuwachs an Wissen und Entwicklung von Handlungsmotivation

 Die Verknüpfung von Emotionen und Kognition ist unabdingbar für den Lernerfolg, weshalb die Versorgung und Pflege der Tiere mit kognitiv aktivierenden Inhalten anzureichern ist, um Kinder zugleich in ihrer Denkentwicklung zu fördern. Zusätzliche Wissensangebote ermöglichen es bereits Kindergartenkindern, ein spezifisches Wissen zum Beispiel über die Notwendigkeit einer tiergerechten Haltung zu erwerben. Bereits im Alter von vier Jahren sind Kinder in der Lage, Hypothesen aufzustellen und zu überprüfen. Tiergestützt arbeitende Erzieherinnen können diese Denkprozesse, die auf handlungsgebundenen Erfahrungen des Kindes basieren, in besonderer Weise unterstützen, wenn es etwa darum geht, naturwissenschaftlichen Phänomenen auf die Spur zu kommen, die auf Kinder eine Faszination ausüben (z. B. Woran erkennt man, ob ein Ei schon gekocht ist?). Auch das antizipierende Denken, das Überdenken von erlebten Situationen (Warum leben diese Tiere im Tierheim?) bzw. des eigenen Tuns (Kümmere ich mich gut um mein Heimtier?) sowie die Suche nach Antworten auf spannende Fragen (Können Tiere sprechen?) gehören hierzu.

Förderung des Konzentrationsvermögens

 Eine der Grundfähigkeiten, die in der vorschulischen Phase des Kindes anzubahnen ist, ist die Konzentrationsfähigkeit. Tiergestützt arbeitende Fachkräfte fordern die Kinder daher zum Beobachten auf. Studien, die sich mit dem Einfluss von Hunden auf die Aufmerksamkeits-, Konzentrations- und Gedächtnisleistung von Kindern befassen, belegen die positiven psychophysiologischen Effekte der Tiere auf diese menschlichen Teilleistungsbereiche: „In mehreren Studien mit Kindergartenkindern mit und ohne speziellen Förderbedarf konnte gezeigt werden, dass in Anwesenheit und bei Beteiligung eines Hundes verschiedene Aufgaben schneller, konzentrierter und mit weniger Fehlern ausgeführt wurden […]. Zugrunde liegt diesem Phänomen wohl eine erhöhte Motivation durch die Beteiligung des Hundes. Zum anderen fördert die Entspannung bzw. Reduktion von Stress durch den anwesenden Hund die exekutiven Funktionen (Miyake et al. 2009) wie Impulskontrolle, Konzentrationsfähigkeit und Gedächtnis.“9

Unterstützung der kindlichen Sprachentwicklung

 Früh lernen Kinder bestimmte körpersprachliche Signale zu lesen – Mimik, Gestik und Körperausdruck. Nonverbale Kommunikation ist eine Grundvoraussetzung für erfolgreiche Kommunikationsprozesse im späteren Leben. Der Umgang mit Tieren bietet hierfür ein ideales Übungsfeld.10 „Kinder sprechen über das, was in ihrem unmittelbaren Interesse liegt und wozu sie kognitiv in der Lage sind.“11 Die Beschäftigung mit Tieren kann den komplexen Spracherwerbsprozess beflügeln, sofern das motivierende Sprachangebot seitens der verantwortlichen Erzieherinnen aufgegriffen und für das Sprachlernen genutzt wird. Dass konkrete Sinneswahrnehmungen zudem den Erwerb von Begriffen unterstützen, dafür sprechen neurowissenschaftliche Ergebnisse der Begriffsforschung. 12

Kinder erwerben Sprachkompetenz am erfolgreichsten im Zusammenhang mit Handlungen, die für sie selbst Sinn ergeben. So eignen sich Mädchen und Jungen, die tagtäglich in die Betreuung von Tieren eingebunden sind, einen gewissen Fachwortschatz an – von einer Tierfamilie (Stute, Fohlen, Hengst), von Gegenständen (Schubkarre, Trog, Sattel) sowie von Pflanzen(-teilen) und Futtermitteln (Löwenzahnblätter, Stroh, Heu). Hinzu kommen Fachbegriffe für bestimmte Tätigkeiten, z. B. ein Pferd „striegeln“. Interessieren sich zudem die Eltern für die Erlebnisse ihres Kindes, so ist das eine wesentliche Erfolgsvoraussetzung für die Wirksamkeit von Sprachfördermaßnahmen.

Soziale Kompetenz entwickeln

Tiere sind Impulsgeber für Lernprozesse, die auf die Beherrschung des „emotionalen Alphabets“ 13 zielen. Häufig werden Erstklässler, die einen Kindergarten mit tiergestütztpädagogischer Konzeption besuchten, von Grundschullehrkräften als sehr „sozialkompetent“ 14 wahrgenommen. Der Einfluss der tiergestützten Pädagogik auf die Entwicklung sozialer Kompetenzen von Heranwachsenden wird durch einige wissenschaftliche Studien zwar belegt15, dennoch ziehen Beetz und Kotrschal, basierend auf einer umfangreichen Literaturrecherche, folgendes Resümee: „Noch nicht gesichert ist ein positiver Einfluss des Lebens mit Tieren […] auf die Entwicklung von Empathie und sozialer Kompetenz im Kindesalter […]“16. Vieles spricht dafür, dass Tiere die Integration der sogenannten Außenseiter in die Gruppe der Gleichaltrigen positiv unterstützen, denn Tiere wirken als „sozialer Katalysator“.17

Eine Herausforderung für Erzieherinnen

Damit tiergestützt arbeitende Fachkräfte die Anforderungen und Erwartungen, die an sie herangetragen werden, erfüllen können, ist eine Zusatzqualifikation unerlässlich, doch existieren hierzu bislang keine verbindlichen Vorgaben. Neben dem persönlichen Naturverständnis der Fachkräfte und dem Nachweis profunder Kenntnisse für die Arbeit mit Tieren spielt die berufliche Qualifikation und damit die Fähigkeit zur Beobachtung, Analyse, Dokumentation und Förderung kindlicher Entwicklungs- und Lernprozesse in unterschiedlichsten Bereichen eine entscheidende Rolle. Nicht die Tiere machen also die pädagogische Qualität einer vorschulischen Bildungseinrichtung aus, sondern die auf fachlich hohem Niveau mit Kindern arbeitenden Pädagogen, die es verstehen, das Tier als bereicherndes Element in Erziehungs- und Bildungsprozesse tiergerecht einzubinden. Die Schaffung einer positiven Arbeitsatmosphäre für Mensch und Tier ist dafür unerlässlich. Darunter können solche Faktoren subsumiert werden, die die Qualität der Interaktion von Fachkraft, Tier und Kind betreffen: Zuwendung, Empathie, Ermutigung, Toleranz, ein respektvoller und wertschätzender Umgang mit Mitlebewesen. Kinder brauchen für eine positive Entwicklung eine förderliche soziale Umwelt, wozu eine soziale Vertrautheit und Geborgenheit sowie sichere Beziehungen zu Bezugspersonen zählen.18 Dies gilt insbesondere dann, wenn Tiere den Kindergartenalltag mitprägen. Es ist daher Aufgabe der Erzieherinnen, Kindern in der Begegnung mit Tieren ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln, sodass positive Erlebnisse dominieren. Solch eine Ausgangsbasis ist grundlegend für die Umsetzung weiterführender Zielsetzungen, doch darf das Prinzip der Passung (Entwicklungsstand des Kindes – Lernangebot – Tier) dabei nicht aus dem Blick geraten. Es ist bekannt, dass Kinder bereits beim Eintritt in den Kindergarten über vielfältige Erfahrungen mit Tieren verfügen, die das kognitive Konzept „Tier“ prägen und den Aufbau von Kind-Tier-Beziehungen beeinflussen. Zudem haben Kinder in diesem Alter bereits „eigene Theorien in Bezug auf biologische Sachverhalte“ 19 entwickelt. Es gilt daher die Unterschiedlichkeit der Naturerfahrungen in einer Kindergruppe gezielt aufzugreifen und das vorhandene Potenzial dafür zu nutzen, die Kinder für ein umweltgerechtes, nachhaltiges Handeln zu sensibilisieren.

Kinder nehmen heute eine Subjektstellung im Bildungsgeschehen ein. Aus diesem Grund sollen sie altersgemäß aktiv an Entscheidungs- und Handlungsprozessen teilnehmen und Verantwortung für die eigene Person sowie für Mitlebewesen übernehmen. Sie müssen Gelegenheit zum sinnvollen, eigenständigen Tätigsein erhalten, aber auch Zeit zur Reflexion in der Gemeinschaft der Gleichaltrigen sowie für die Anwendung des Gelernten in neuen Situationen haben.

Mit der Anschaffung von Tieren eröffnet sich ein Handlungsfeld, das Kindern schon früh positive Selbstwirksamkeitserfahrungen ermöglicht, die Entwicklung von Problemlösungsstrategien fördert und aktive Mitgestaltung erlaubt, sodass gestaltungskompetentes Handeln und Entscheiden20 im Kindesalter erfahrbar wird.

Vorbilder, die den richtigen Umgang mit den Tieren kompetent vermitteln und zugleich den Aufbau moralischer Motivation im Kindesalter stützen, sind daher von besonderer Bedeutung.21 „Nur unter dem einfühlsamen Schutz und der kompetenten Anleitung durch erwachsene ‚Vorbilder‘ können Kinder vielfältige Gestaltungsangebote auch kreativ nutzen und dabei ihre eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten erkennen und weiterentwickeln. Nur so kann im Frontalhirn ein eigenes, inneres Bild von Selbstwirksamkeit stabilisiert und für die Selbstmotivation in allen nachfolgenden Lernprozessen genutzt werden.“22

Die Auswahl des Tieres, die Wahl geeigneter Methoden sowie die Gestaltung des gemeinsamen Erfahrungsraumes für Tier und Mensch unter methodisch-didaktischen Gesichtspunkten ist nicht nur im Hinblick auf die Erreichung der gesetzten Ziele zu treffen, sondern stets in der Verantwortung gegenüber dem Lernenden und dem Tier. Buchner-Fuhs und Rose schreiben: „Da Tiere nach dem Tierschutzgesetz keine Sachen sind, kann die berufliche Praxis nicht sachorientiert aus den pädagogischen Zielen abgeleitet werden, sondern muss zusätzlich die pädagogische Konsequenz für die Tiere, die Tierhaltung mit bedenken.“23 Der Idealfall wäre ein Erfahrungsraum, der möglichst „naturbelassen und authentisch“24 ist. Zahlreiche Untersuchungen zur Kleinkindentwicklung belegen, dass eine reizvielfältige Umwelt sowohl für die Hirnentwicklung als auch für psychische Entwicklungsschritte bedeutsam ist. Nach Zucchi (2002) erfüllt ein naturnahes Umfeld diese Bedingungen in besonderer Weise. Kinder können hier einen kleinen Ausschnitt der Welt entdecken, ihn gestalten und erfahren, dass ihr Handeln von Bedeutung ist.

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