Religionsphilosophie

Die Grundfragen der Religionsphilosophie sind seit der Antike unvermindert aktuell: Gibt es eine Macht, die größer ist als die der Menschen und die unser Leben mitbestimmt? Hat die Schöpfung, hat das Leben einen übergreifenden Sinn? Hat der Mensch eine Seele? Was können wir glauben, was dürfen wir hoffen?

Theologie und Religionsphilosophie im Spannungsverhältnis

Im Gegensatz zur Theologie gibt es die Religionsphilosophie als eigenständige philosophische Disziplin im engeren Sinne erst seit dem 18. Jahrhundert. Dass sich die Frage nach „Gott“ wie in der antiken und mittelalterlichen Theologie und Philosophie seit der Neuzeit nicht mehr zwangsläufig mit der Frage nach dem höchsten Grund des Seienden deckt, ist die entscheidende geistesgeschichtliche Vorbedingung für das Entstehen der Religionsphilosophie.

In der Religionsphilosophie ist im Unterschied zur Theologie „Gott“ als bloßer Gegenstand des Glaubens zu sehen, dessen offenbartem Wort man nicht verpflichtet ist. Dennoch geht es der Religionsphilosophie um Religion als Ort des Glaubens und der Offenbarung von Wahrheit, nicht bloß um ein kulturwissenschaftliches oder soziologisches Phänomen.

Zentrale Frage der Religionsphilosophie, zu der auch die Religionskritik gehört, ist die nach dem Verhältnis von Glauben und Wissen bzw. nach einer eigenen Form von Wahrheit in der Religion. Daraus abgeleitet stellt sich das Problem, ob und wie man adäquat über Gegenstände des Glaubens wie Gott, Jenseits oder Unsterblichkeit reden oder wie man diese beweisen kann.

Religionsphilosophie bei Kant und Hegel

Die beiden entscheidenden Werke zur Begründung der Religionsphilosophie sind Immanuel Kants „Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ (1793/94) und G.W.F. Hegels „Vorlesungen über die Philosophie der Religion“ (1832).

Kants Religionsphilosophie entspringt konsequent aus dessen Lehre zu Moral und Ethik. Einerseits verwirft Kant alle Versuche, durch die theoretische Vernunft religiöse Glaubensinhalte wie die Existenz Gottes oder die Unsterblichkeit der Seele beweisen zu können. Andererseits sind diese Annahmen aus der Perspektive des sittlichen Handelns Postulate eines „Vernunftglaubens“, ohne die alle Sittengesetze keinen Sinn hätten. Dies wäre etwa der Fall, wenn sich mit dem Tod alle Anstrengungen des Menschen nach sittlicher Vervollkommnung als absurd und ziellos erweisen würden. Demnach ist die Religion in Kants Argumentation ein Glaube, der sich aus der Verfolgung der Frage „Was soll ich tun?“ mit den Mitteln der Vernunft herleitet.

Hegel versteht Religion nicht nur als eine Hervorbringung des Menschen, sondern ebenso als ein „Erzeugnis des göttlichen Geistes“. In der Religion vollzieht sich das Verhältnis des Menschen zu Gott – und umgekehrt.

Im Mensch ist nach Hegel der göttliche Geist wirksam, der sich in einem Stufenprozess von einer rein gefühlsmäßigen Gottesgewissheit zum reflektierten Denken entwickelt. Am Ende dieses Prozesses steht die Einsicht des Menschen, dass alle Existenz aus Gott empfangen wird und demnach eine „Befreiung“ aus der eigenen Subjektivität und Vereinzelung vollzogen werden muss. Dieser Bewegung des Menschen hin zu Gott korrespondiert die Hinwendung Gottes in das endliche Bewusstsein, um sich im Menschen seiner selbst bewusst zu werden.

"Religionsphilosophie heißt die philosophische Reflexion auf Religion als wesentliches Hingeordnetsein des Menschen auf das Heilige, als menschliche Antwort auf das Angesprochensein durch das Unbedingte (P. Tillich †1965) oder als Offenheit für die Möglichkeit des annehmenden Hörens einer Offenbarung (K. Rahner †1984). Beim Aufkommen des Begriffs Religionsphilosophie in der Zeit der Aufklärung Ende des 18. Jh. bedeutete Religionsphilosophie die Bemühungen um eine vor dem Forum der Vernunft bestehen könnende »natürliche Religiosität «. Zu einer wissenschaftlichen Disziplin ausgestaltet, befaßte sich Religionsphilosophie im 20. Jh. auch mit dem religiösen Akt, mit Weltanschauungstypen, Analysen des religiösen Bewußtseins und der religiösen Sprache, Aporien unbeantworteter religiöser Fragen usw. Die Methodenunterschiede erklären sich aus der Verschiedenheit des jeweiligen »Vorbegriffs« von Religion."

Herbert Vorgrimler: Neues Theologisches Wörterbuch, Neuausgabe 2008 (6. Aufl. des Gesamtwerkes), Verlag Herder

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