Ist es mitten in den laufenden Enthüllungen über den Jesuiten Marko Ivan Rupnik schon möglich, einen Bericht zu den Vorgängen zu verfassen? Seit Dezember 2022 wird der 1954 in Slowenien geborene und heute in Rom lebende Ordensmann öffentlich von mehreren (ehemaligen) Ordensfrauen der „Comunità Loyola“ des emotionalen, spirituellen und sexuellen Missbrauchs sowie des Machtmissbrauchs bezichtigt. Sie beschuldigen einen renommierten und bestens vernetzten Künstler: Rupnik hat nicht nur für Papst Johannes PaulII. große Teile der im Apostolischen Palast gelegenen Kapelle Redemptoris Mater ausgestaltet, sondern auch unter Papst Franziskus beispielsweise das Logo für das Jahr der Barmherzigkeit entworfen. Seine mit dem „Centro Aletti“ realisierten Mosaiken prägen heute über 200 Sakralgebäude, darunter die Rosenkranzbasilika in Lourdes, der „St John PaulII National Shrine“ in Washington und die brasilianische Basilika „Nostra Signora di Aparecida“. In römischen Kirchen, Kollegien und Ordenskapellen begegnen die Werke zuhauf – zuletzt hat Rupnik 1700 Quadratmeter der Kapelle des Päpstlichen Priesterseminars in kräftige, psychedelisch anmutende Farben gehüllt.
Rupnik ist das Gesicht des „Atelier dell’arte spirituale“ am römischen „Centro Aletti“, dessen Direktor er bis Anfang Juni 2020 war. Zum Centro gehören außerdem ein Verlagshaus und das „Atelier di Teologia Cardinale Špidlík“, das Rupnik ab 2008 leitete. Auf seiner Homepage präsentiert sich das „Centro Aletti“ als „Gemeinschaft“, deren Nukleus eine „Equipe“ von acht Priestern vorwiegend aus dem Jesuitenorden sowie neun Ordensfrauen bildet, bei denen jedoch keine Kongregationszugehörigkeit angegeben ist. Mehrere Mitglieder der Equipe lehren an der Päpstlichen Universität Gregoriana oder sind Konsultorinnen und Konsultoren einzelner Dikasterien des Vatikans. Das Centro richtet sich an Wissenschaftler und Künstler aus Mittel- und Osteuropa. Inhaltlicher Schwerpunkt, so die Selbstauskunft, ist es, eine neue, „christlich-spirituelle Physiognomie“ Europas zu suchen, die östliche und westliche Theologie ins Gespräch bringt und die Wechselwirkungen zwischen christlichem Glauben und gegenwärtigen kulturellen Dynamiken untersucht. Im Sommer 2019 hat sich das Centro aus der Verantwortung des Jesuitenordens gelöst und ist nun ein öffentlicher Verein von Gläubigen (CIC can. 312–321), der der Autorität des Bischofs von Rom respektive seines Kardinalvikars unterstellt ist.
Die Homepage des „Centro Aletti“ lässt mehr Fragen offen, als sie beantwortet. Völlig unklar bleiben die Art des Gemeinschaftslebens oder der angebotenen Programme für interessierte Wissenschaftler und Künstler. Dagegen fallen immer wieder integralistische Perspektiven und mit großem Pathos verwendete Begriffe wie Leben, Liebe und Gemeinschaft auf.
Eine erste Analyse trotz immer neuer Entwicklungen – sie drängt sich auf angesichts der inzwischen zahlreichen Berichte betroffener Frauen, die nicht nur Missbrauchs-, sondern ebenso Vertuschungsmuster offenbaren. Wer den Frauen zuhört und ihnen glaubt, kann, ja muss Ende Januar über die Causa Rupnik schreiben, auch wenn der Februar bereits neue Erkenntnisse bringen wird. Die Anerkennung des geschehenen Unrechts ist eine Frage der Gerechtigkeit.
Chronologie eines Skandals
Am 1. Dezember 2022 brachte der konservativ-katholische Blog „silere non possum“ („ich kann nicht schweigen“) den journalistischen Stein ins Rollen. Der Artikel beruft sich auf eine nicht namentlich genannte „geweihte Frau“, die Rupnik bereits 1995 der Manipulation und des psychischen, physischen und spirituellen Missbrauchs beschuldigt hatte. Sie sei seitdem mehrfach gebeten worden, ihre Aussage zu wiederholen. Zwischen den Zeilen ist zu lesen, dass die jüngste Aufforderung zur Zeugenaussage in Zusammenhang mit einer vatikanischen Untersuchung der „Comunità Loyola“ und daraus resultierenden Beschuldigungen gegen Rupnik stehen könnte.
Die Gemeinschaft wurde Mitte der Achtzigerjahre in Slowenien gegründet und war bis zu einem Bruch Anfang der Neunzigerjahre, vermutlich aufgrund von Missbrauchsvorwürfen, engstens mit Rupnik als Freund der Gründerin und Spiritual respektive Beichtvater der Schwestern verbunden. Sie ist diözesanen Rechts und untersteht der Jurisdiktion des Erzbischofs von Ljubljana. Dieser hatte sich nach einer kanonischen Visitation (2019) an die Religiosenkongregation gewandt, weil dabei Machtmissbrauch durch die Gründerin und Generaloberin Ivanka Hosta sowie die extreme Abhängigkeit der Schwestern von ihr aufgefallen waren. Seit Dezember 2020 fungiert der römische Weihbischof Daniele Libanori als Sonderbeauftragter für die Gemeinschaft. Anders als in vergleichbaren Fällen hat der Vatikan dies nicht öffentlich gemacht.
Erst aufgrund dieser Untersuchung ist den Betroffenen selbst deutlich geworden, wie viele Schwestern durch Rupnik Missbrauch in verschiedenen Formen erlitten haben. Auch die Whistleblowerin von „silere non possum“ konnte sich zuvor „nicht vorstellen, dass so viele andere Schwestern in die Missbräuche involviert waren“. Die Täterstrategien des Isolierens und der Schweigegebote waren demnach noch Jahrzehnte nach den Taten wirksam. Die Frau suchte die Öffentlichkeit, weil der Jesuit trotz der Untersuchung gegen ihn weiterhin öffentlich auftrat, Exerzitien hielt und regelmäßig Katechesen zum Sonntagsevangelium auf Youtube postete – wurde ihr und den anderen Betroffenen also nicht geglaubt? Hinzu kam, dass die Betroffenen, wie so oft, nicht über den Verlauf des Verfahrens unterrichtet wurden.
Schon am 2. Dezember griff die „einem neuen Denken der Linken“ verpflichtete Monatszeitschrift „Left“ den Faden auf und mutmaßte, dass Rupnik durch höchste Stellen protegiert werde. Für dieses Journal betreibt der Journalist Federico Tulli die Datenbank „Spotlight Italia – Indagine permanente sui crimini nella Chiesa cattolica“ („Fortlaufende Untersuchung über die Verbrechen in der katholischen Kirche“). Betroffene können über eine E-Mail-Adresse Kontakt aufnehmen.
Ein erstes Opfer von Rupnik hatte sich auf diesem Weg bereits im November 2022 an „Left“ gewandt und von kanonischen Untersuchungen gegen Rupnik sowohl im Jesuitenorden wie auch durch die Glaubenskongregation berichtet. Einen Tag später, am 3.Dezember, berichtete „Left“, dass man verschiedene Zeugnisse erhalten habe, darunter auch den (bis heute unbeantworteten) Brief eines Mitglieds der „Comunità Loyola“ an Papst Franziskus vom 3. August 2021, der auf der Webseite dokumentiert ist.
Die Kunst als Anbahnungsreservoir
Eine neue Qualität erreichte die Berichterstattung durch ausführliche Interviews mit (ehemaligen) Mitgliedern der „Comunità Loyola“, die von der Journalistin Federica Tourn geführt und seit dem 18. Dezember 2022 in der Tageszeitung „Domani“ veröffentlicht werden. Sie zeigen einen hochmanipulativen Täter und eine Gemeinschaft, die die Schwestern nicht schützte. Rupnik verschaffte sich innerhalb der Kommunität eine Autoritätsposition, indem er sich als Interpret von Ivanka Hosta inszenierte: Sie habe das Charisma, könne es aber nicht kommunizieren. Wie eine „Mauer“ habe sich Rupnik zwischen die Schwestern und ihre Oberin gestellt, aber auch Freundschaften unter den Schwestern verboten oder den Kontaktabbruch mit den Herkunftsfamilien herbeigeführt.
Nachdem der Erzbischof von Ljubljana Rupnik im Jahr 1993 den Kontakt zur Gemeinschaft untersagt hatte, umgab dort eine Kultur der „Omertà“ (Schweigepflicht) die Taten Rupniks, der nun dauerhaft in Rom lebte. „Ester“ (alle Namen der Betroffenen sind Pseudonyme) schildert, wie dieses Tabu in der Folge durch eine totalitäre Kontrolle der Schwestern geschützt werden sollte: Gegen jede kirchenrechtliche Vorschrift mussten sie in der Gemeinschaft den Inhalt ihrer Beichten öffentlich machen und durften geistliche Begleitung nur durch die Oberin oder Schwestern der Gemeinschaft haben. „Roberta“ spricht von einem „Klima des Terrors“, in dem nicht nur das, was man tat, sondern auch das, was man dachte, kontrolliert wurde.
„Anna“ erzählte ihre Geschichte erstmals 1994, als sie beim Diözesanbischof von Ljubljana einen Antrag auf Dispens von den Ordensgelübden stellte, und öffentlich am 18.Dezember 2022 im Interview mit Federica Tourn. Dazwischen hatte es, und darin stimmen die Zeugnisse aller Frauen überein, mehrfach vergebliche Versuche gegeben, über den Missbrauch zu sprechen und so Verantwortliche zum Handeln zu bewegen. Die Frauen wurden nicht gehört, ihnen wurde nicht geglaubt, Zuständigkeiten wurden negiert, sie wurden vertröstet.
Anna war eine an der Kunst interessierte Medizinstudentin, als sie Rupnik erstmals Mitte der Achtzigerjahre in seinem Atelier in Rom begegnete und ihn als geistlichen Begleiter wählte. Ein Anbahnungsreservoir bot also die Kunst: Rupnik, der damals schon als Star galt, bewog Anna dazu, für das Schlüsselbein Jesu (!) Modell zu sitzen, wofür er Knöpfe ihrer Bluse öffnete. Vor allem aber wählte Rupnik das geistliche Setting, um den sexuellen Missbrauch anzubahnen – symbolisch aufgeladene Gesten wie etwa ein flüchtiger Kuss, den er mit dem Altarkuss bei der Eucharistiefeier verglich, oder nach der Beichte ein erotisches Spielen in Anlehnung an die biblische Figur der Weisheit. Immer wieder verpflichtete Rupnik Anna und weitere Opfer, ihre „Weiblichkeit“ expressiv – im Klartext: nach seinem Diktat – zu verkörpern. Rupnik versicherte Anna, dass er nur mit ihr die Zugehörigkeit zu Gott auch körperlich leben könne, denn Sexualität dürfe nicht besitzergreifend sein, sondern müsse nach dem Vorbild der trinitarischen Liebe frei sein. Mit dieser Theorie begründete Rupnik schließlich auch die Forderung nach Sex zu dritt.
Als ein letzter Punkt muss hier die „Unterscheidung der Geister“ in der ignatianischen Spiritualität erwähnt werden – im Italienischen „discernimento“ genannt und eines der wichtigsten spirituellen Konzepte von Papst Franziskus. Nach Annas damaligen Verständnis beinhaltet sie eine „völlige Verfügbarkeit und Öffnung“ seitens der begleiteten Person, während es an dem geistlichen Begleiter ist, zu entscheiden, was für die begleitete Person gut oder schlecht ist. Ist sie „ungehorsam“, dann stellt sie sich gegen den Willen Gottes. Mit diesem Zerrbild geistlicher Unterscheidung und Begleitung ist der Manipulation Tür und Tor geöffnet – bis hin zur Veränderung der Identität und dem Verlust der eigenen Person, von dem Anna spricht.
Die Erzählungen Annas, Esters, Robertas, Teresas und Klaras gleichen auf bedrückende Weise den autobiografischen Berichten von betroffenen Frauen aus dem französischen Sprachraum (zum Beispiel Sophie Ducrey, Anne Mardon oder Michèle-France Pesneau) oder in dem Band „Erzählen als Widerstand“ (Barbara Haslbeck, Regina Heyder, Ute Leimgruber und Dorothee Sandherr-Klemp [Hg.], Münster 2020): Junge Frauen, die auf der Suche nach einer intensiven Gottesbeziehung sind; eine durch den Missbrauch gespaltene Gemeinschaft, in der die Betroffenen isoliert und diffamiert werden; ein charismatischer, in diesem Fall auch als Künstler anerkannter Kleriker, der Kunst, Theologie und geistliche Begleitung in manipulativer Absicht nutzt. Der spirituelle Missbrauch dient als Anbahnungsstrategie für den sexuellen Missbrauch in einem Abhängigkeitsverhältnis; der Täter rekurriert auf seine Autorität als Kleriker und Repräsentant Christi beziehungsweise Gottes; er legitimiert sein Handeln durch symbolgeladene, begrifflich unscharfe und misogyne Theologien.
Diese Strategien funktionieren innerhalb spezifischer Plausibilitätserwartungen, und genau hier sind Kirche und Theologie zum Handeln verpflichtet. Es ist definitiv eine der drängendsten Zukunftsfragen für die Kirche, den manipulativen Missbrauch theologischer oder spiritueller Konzepte zu verhindern und jene Konzepte zu identifizieren, die Missbrauch systemisch begünstigen. Wann hat es ein Ende, dass kirchliche Hierarchen Frauen normativ erklären, was „Weiblichkeit“ ist?
Too big to fail?
Trotz der so offenkundigen Missbrauchsmuster (www.missbrauchsmuster.de) fanden die Frauen bis in die jüngste Zeit kein Gehör, gleich, an welche kirchliche Stelle sie sich wandten. Rupnik war, wie es in Rom heißt, „too big to fail“. Erst der öffentliche Druck führte zu Reaktionen. Drei sollen hier hervorgehoben werden – ein Statement des Jesuitenordens mit einer Chronologie der Untersuchungen gegen Rupnik; die Erklärung des deutschen Hilfswerks Renovabis und schließlich die Erklärung des Kardinalvikars von Rom.
Am 18. Dezember 2022 wandte sich der Höhere Obere für die Internationalen Häuser der Jesuiten, Johan Verschueren, an die Öffentlichkeit und lud Betroffene ein, sich bei einem von den Jesuiten etablierten Team zu melden – entweder um neue Beschwerden vorzubringen oder um bereits früher vorgetragene Beschwerden zu diskutieren. Die gleichzeitig präsentierte Timeline offenbarte, dass in der jüngeren Zeit nicht nur eine Causa Rupnik, sondern zwei verhandelt wurden. So hatte die Glaubenskongregation im Juni 2021 die Generalkurie der Jesuiten darüber informiert, dass Rupnik des „Fehlverhaltens“ gegenüber Mitgliedern der „Comunità Loyola“ bezichtigt werde.
Daraufhin beauftragte der Generalobere der Jesuiten eine kirchenrechtliche Voruntersuchung; Verschueren als Oberer verhängte gegenüber Rupnik zudem eine Beschränkung seiner Tätigkeiten, die bis Dezember 2022 mehrfach erneuert und verschärft wurde, allerdings ohne durch die notwendigen Kontrollen flankiert zu werden. Die Ergebnisse der Voruntersuchung leitete der Orden im Januar 2022 an die Glaubenskongregation weiter und empfahl die Durchführung eines kanonischen Strafprozesses. Genau dies lehnte die Behörde, die seit Juni 2022 als Dikasterium für die Glaubenslehre fungiert, jedoch im Oktober 2022 mit dem Hinweis auf Verjährung ab, obwohl in der Vergangenheit in anderen Fällen die Verjährung derogiert worden war.
Eine neue Information der Timeline war, dass es zuvor eine andere Anklage gegen Rupnik gegeben hatte. Die Jesuitenkurie erhielt im Oktober 2018 Kenntnis davon, dass Rupnik der absolutio complicis, also der sakramentalen Lossprechung einer Person, mit der er selbst eine sexuelle Sünde begangen hatte, beschuldigt wurde. Die absolutio complicis ist nicht nur unerlaubt, sondern – außer in Todesgefahr – auch ungültig. Der Priester zieht sich durch den Versuch der Absolution „die dem Apostolischen Stuhl vorbehaltene Exkommunikation als Tatstrafe zu“ (CIC can. 1384).
Das Ergebnis der kirchenrechtlichen Voruntersuchung leitete die Jesuitenkurie im Mai 2019 an die Glaubenskongregation weiter, die einen Strafprozess beauftragte. Aufgrund der Ergebnisse stellte die Glaubenskongregation schließlich im Mai 2020 die Exkommunikation Rupniks formal fest, die noch im selben Monat wieder aufgehoben wurde. Papst Franziskus hat im Interview mit Nicole Winfield von Associated Press (25. Januar 2023) bestritten, in diese Entscheidung involviert gewesen zu sein.
Renovabis: Proaktive Aufklärung
Überraschend veröffentlichte am 23.Dezember Renovabis, das Osteuropa-Hilfswerk der Katholischen Kirche in Deutschland, eine Pressemitteilung. Nach den genannten Medienberichten legte Renovabis offen, dass Rupnik von 1993 bis 1995 „Förderungen für Stipendien von jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Osteuropa zum Studium am dortigen Institut Aletti erhalten“ hatte. Ziel des Stipendienprogramms sei es gewesen, ein „gegenseitiges Verständnis unter Studierenden verschiedener Konfessionen und Riten (zu) fördern.“ Kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs musste ein solches Programm als Glücksfall gelten; heute ist auch die besondere Vulnerabilität dieser Stipendiatinnen und Stipendiaten bewusst. Eine weitere Förderung von Renovabis hatte das Exerzitienhaus der „Comunità Loyola“ erhalten, das inzwischen „als Ort des mutmaßlichen Missbrauchs“ gelten muss. Renovabis hat angekündigt, die ehemaligen Stipendiaten und Stipendiatinnen ausfindig machen zu wollen.
Eine solche proaktive Aufklärung wurde bislang weder vom „Centro Aletti“ angekündigt, das Ende Januar 2023 weiterhin beharrlich zu allen Vorwürfen schweigt, noch von der Päpstlichen Universität Gregoriana, die sich inzwischen zwar von Rupnik getrennt, aber dies nicht kommentiert hat.
Komplizenhaftes Schweigen und gezielte Desinformationen
Die Erklärung des Kardinalvikars der Diözese Rom, Angelo De Donatis, wurde ebenfalls einen Tag vor Heiligabend publiziert, wenige Tage nachdem es bei einer Sitzung des diözesanen Bischofsrates zu einem Eklat gekommen war. Einer der anwesenden Weihbischöfe hatte Informationen zu den Vorgängen eingefordert, woraufhin De Donatis von „Niederträchtigkeiten“ gegenüber Rupnik sprach.
Der Sonderbeauftragte des Papstes für die „Comunità Loyola“, Daniele Libanori, soll widersprochen und die Sitzung verlassen haben. Zwei Tage später wandte sich Libanori mit einem Brief an alle Priester in seinem römischen Zuständigkeitsbereich und stellte klar, dass nach dem jahrzehntelangen komplizenhaften Schweigen so vieler nun die Würde der Betroffenen auch öffentlich wiederhergestellt werden müsse. Libanori forderte unmissverständlich dazu auf, den Opfern zu glauben.
Vor diesem Hintergrund ist die Erklärung des Kardinalvikars absolut unzureichend. De Donatis präsentiert sich als kaum handlungsmächtiger Akteur in einer Konstellation, die determiniert ist von der „Unterscheidung (discernimento) des Höchsten Hirten der Diözese“ (also des Papstes), den Kompetenzen und Entscheidungen der rechtmäßigen Oberen aus dem Jesuitenorden sowie den Bestimmungen der beteiligten römischen Instanzen, insbesondere des Dikasteriums für die Glaubenslehre. Rupnik habe zwar eine „pastorale Beziehung zur Diözese auf verschiedenen Ebenen“ – was die Zuständigkeit des Kardinalvikars kirchenrechtlich definitiv begründet – und ihr „wertvolle Dienste“ erwiesen, sei jedoch als Ordensmann dem Kardinalvikar nicht hierarchisch unterstellt.
Zur Verantwortungsverschleierung kommen gezielte Desinformationen hinzu. Irreführend ist, dass man „vor allem aus den Medien“ von den Anschuldigungen erfahren haben will, denn immerhin ist der Sonderbeauftragte für die „Comunità Loyola“ ein Weihbischof der Diözese Rom, und die Kurie der Jesuiten hat das Vikariat über die verhängten disziplinarischen Maßnahmen unterrichtet. Die Diözese Rom, so De Donatis, sichere „auch im Namen ihres Bischofs jede Unterstützung zu, die für die wünschenswerte positive Lösung des Falles notwendig ist, um die Wunden zu heilen, die den Einzelnen und dem Leib der Kirche zugefügt wurden“. Man wolle „den Schmerz und das Leid aller Personen, die in diese Angelegenheit verwickelt sind“, mit „tiefem Respekt“ aufnehmen. Das Wort „Opfer“ kommt De Donatis nicht über die Lippen, während sein Mitgefühl mit dem Beschuldigten deutlich aus diesen Zeilen spricht. Doch auch in diesem Fall wird es keine Heilung ohne Aufklärung geben können.
Im Zentrum des Statements stehen, hervorgehoben durch Fettdruck, die theologischen und juristischen Kriterien der Wahrheitssuche: „Es ist die Aufgabe der Kirche, die Kriterien der Wahrheit anzuwenden, die die Kriterien Gottes sind, mit denen er uns ansieht und beurteilt.“ Für den vorliegenden Fall empfehle es sich, einen „sicheren Weg“ einzuschlagen und nicht weniger rechtliche Garantien zu geben als ein säkularer Staat; eine Beschuldigung sei noch keine (bewiesene) Straftat. De Donatis spielt hier auf das Rechtsprinzip in dubio pro reo an, das selbstverständlich für Marko Rupnik gilt, ebenso wie das Recht auf mögliche Rehabilitation. Zu ergänzen wäre, dass ebenso die Opfervermutung gelten muss, die den betroffenen Frauen Jahrzehnte verwehrt wurde.
Noch vieles könnte zu dieser Erklärung gesagt werden, die in den Medien heftig kritisiert wurde. Mir persönlich fällt insbesondere ein Punkt auf – die unglaubliche Anmaßung, man könne „die Kriterien der Wahrheit, die die Kriterien Gottes sind, mit denen er uns ansieht und beurteilt“, kennen und anwenden. Das ist mit Sicherheit täter- und institutionenschützend intendiert und setzt den spirituellen Missbrauch durch Rupnik fort. Die Überlegung speist sich auf fatale Weise aus dessen Theologie und Kunst: Zum Logo des Jahrs der Barmherzigkeit, bei dem das rechte Auge Christi und das linke Auge Adams ein einziges Auge bilden, hatte Rupnik erklärt: „… der Mensch beginnt auf die Weise Gottes zu sehen.“
Es ist ermüdend, immer wieder die gleichen Geschichten vom Missbrauch an Frauen durch Kleriker und deren Komplizen und Komplizinnen zu hören und die gleichen Muster von der Tatanbahnung bis zu Vertuschung und Täterschutz zu identifizieren. Es ist ermüdend und bitter wahrzunehmen, dass nur öffentlicher Druck die Verantwortlichen zum Handeln bewegt.
Es erfüllt mit vorsichtiger Hoffnung, dass in der Erklärung von Renovabis Maßnahmen zu proaktiver Aufklärung genannt werden; dass die slowenischen Bischöfe weitgehend ohne frommen Weichspüler ihre Versäumnisse eingestehen; dass die Jesuiten der slowenischen Provinz versichern, den Betroffenen zu glauben und sie um Vergebung bitten, weil sie ihnen in der Vergangenheit nicht zugehört haben.
Es ist vor allem den Betroffenen zu danken, die heute ihre Geschichte erzählen, damit der Missbrauch aufhört. Wer immer in Kirche, Theologie und Gesellschaft dazu beitragen will, muss diese Geschichten hören und sich von ihnen bewegen lassen.