Zukunft der FamilieGefährliche Romantisierung

Das muss sich ändern.

Junge Familie
© Alexandra H. / pixelio.de

Paare trennen sich selten, weil sie sich zu wenig lieben! Viel gefährlicher für die Stabilität von Familien sind die Idealisierungsprozesse, mit denen die Liebe immer romantischer und das Familienglück immer unerschöpflicher gedacht werden. Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt in seinem Buch „Resonanz“ die Sehnsucht des Menschen, der Welt intensiv zu begegnen (Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin 2016). Resonanz meint dabei eine Beziehung, bei der sich „Subjekt und Welt gegenseitig berühren und zugleich transformieren“ (298). Resonanz ermöglicht Mitschwingen und Austausch.

Die Familie wird in der Moderne zum „Resonanzhafen“ par excellence. In einer von Entfremdung, Beschleunigung und Wettbewerb geprägten Welt soll sie der „Anker für Empathie, Hingabe, Zuwendung, Sinn (und) Bedeutung“ sein (342). Sie zieht diese Sehnsüchte auf sich, weil sich in familialen Räumen zwei Resonanzachsen treffen: die Hoffnung auf „reine, bedingungslose, romantische Liebe“ (345) und jene auf eine Kindheit, in der sich „Kinder geliebt, gemeint, getragen und geborgen fühlen“ (350). Beide Achsen sind heute durch Idealisierungsprozesse bedroht.

Eine der wichtigen Veränderungen auf dem Weg zu unserem modernen Familienverständnis passierte schleichend. Am Ende waren Sachgründe, die für eine Eheschließung sprachen, durch romantisches Begehren als einzig akzeptabler Grundlage familiären Zusammenlebens ersetzt. Paare sollten und wollten allein aus Liebe zusammen sein. In den sozialwissenschaftlichen Diskussionen über die moderne Liebe herrscht heute Einigkeit darüber, dass dieser Versuch, romantische Passion zum Fundament einer tragenden gesellschaftlichen Institution zu machen, „höchst problematisch“ ist, weil Alltag, Gewöhnung und Routine zwangsläufig in einen inneren Widerspruch zur Sehnsucht nach Sinnlichkeit und Leidenschaft geraten (347). Auf welche strukturelle Überforderung diese Sichtweise hinauslaufen muss, liegt auf der Hand. Potenziert werden diese Idealisierungsprozesse dadurch, dass sie in den Medien und der Werbung immer und immer wieder beschworen werden. Die dort propagierten konfliktfreien, stets glücklichen Vorzeigefamilien gibt es in der Realität aber nicht.

Ein narzisstisches System reproduziert sich

Eine zweite Quelle der Überforderung der Familie wird seit den Siebzigerjahren unter der Chiffre der narzisstischen Familiendynamik diskutiert. Diese Dynamik entfaltet sich zwischen Idealisierung und Entwertung, Größenfantasien und Beschämung. Nach dem internationalen Klassifikationsschema der Weltgesundheitsorganisation (WHO) fördert die narzisstische Prägung ein „grandioses Verständnis der eigenen Wichtigkeit“, „Fantasien grenzenlosen Erfolgs“ und das Streben nach „exzessiver Bewunderung“, aber auch einen ausbeuterischen Umgang mit Beziehungspartnern, „Mangel an Empathie“, Neid und Arroganz. In einem gesellschaftlichen Klima, das narzisstischen Themen Vorschub leistet, entfaltet sich diese Dynamik auch in den Familiensystemen.

Kern der Problematik ist hier, dass sich unerfüllte Größenwünsche der Eltern auf ihre Kinder richten und dort um jeden Preis erfüllt werden sollen. Die Kinder werden zum Projekt der Eltern, das nicht scheitern darf. Die Sehnsüchte der Eltern, die sich in ihren Kindern verwirklichen wollen, wirken sich viel zu häufig fordernd, übergriffig und destruktiv aus, wenn sie enttäuscht werden.

Die Konsequenzen für das Kind sind fatal. Die Eltern pflanzen ihm das verzweifelte Streben nach Perfektion ein, und die Gefahr ist groß, dass das Kind selbst zu einem Narzisst wird, der auf seine Bedürfnisse fixiert ist, süchtig nach Aufmerksamkeit und kaum fähig, Beziehungen zu leben. Außerdem wird das Kind der Wahrnehmung seiner eigenen Wünsche beraubt. Wer die Größenfantasien seiner Eltern erfüllen muss, lernt nicht, die eigenen Herzenswünsche zu erspüren. Der Imperativ, das Potenzial der Kinder optimal ausschöpfen zu müssen, ist längst in der Gesellschaft angekommen. Kinder sind gesellschaftliches Humankapital. Deshalb müssen sie optimiert, bestmöglich investiert und genutzt werden.

Auch die Kirche trägt durch ihre Verkündigung zur Überhöhung der Liebe bei

Papst Franziskus verweist in seinem apostolischen Schreiben „Amoris laetitia“ (AL) darauf, dass auch die kirchliche Verkündigung Anteil an der Konstruktion uneinlösbarer Beziehungsbilder hat. Die Überhöhung der Liebe in der Verkündigung hatte ähnliche Konsequenzen wie die Romantisierung. Franziskus merkt an, dass die Kirche „ein allzu abstraktes theologisches Ideal der Ehe vorgestellt (hat), das fast künstlich konstruiert und weit von der konkreten Situation und den tatsächlichen Möglichkeiten der realen Familien entfernt ist. Diese übertriebene Idealisierung (…) hat die Ehe nicht erstrebenswerter und attraktiver gemacht, sondern das völlige Gegenteil bewirkt“ (AL 36). Franziskus warnt davor, die Ebene der Bildhaftigkeit und die Ebene der Alltagsrealität zu vermischen und die Ehe damit heillos zu überfordern. Die Analogie zwischen dem Liebespaar und dem Verhältnis Christus-Kirche ist nicht dafür geeignet, normative Schlüsse für ein reales Paar und seinen Beziehungsalltag abzuleiten. „Man soll nicht zwei begrenzten Menschen die gewaltige Last aufladen, in vollkommener Weise die Vereinigung nachzubilden, die zwischen Christus und seiner Kirche besteht“ (AL 122).

Es ist wichtig, dass wir realistische Familienbilder propagieren. Die normierte Idealfamilie gibt es nicht. Besser wäre es, von familialen Lebensformen zu sprechen. Was in ihnen passiert, muss zwischen den Betroffenen ausgehandelt werden. Auch die Familiensynode wirbt für einen unverstellten Blick auf Familie. „Das Ergebnis der Überlegungen der Synode ist nicht ein Stereotyp der Idealfamilie, sondern eine herausfordernde Collage aus vielen unterschiedlichen Wirklichkeiten voller Freuden, Dramen und Träume“ (AL 57). Sieht man die einzelne Familie freundlich an, so versteht man, dass auch die Krisenzeiten „Teil ihrer dramatischen Schönheit sind“ (AL 232). In diesem Sinne rät Franziskus Paaren nicht nur zu großem Vertrauen, in der Krise auch wachsen zu können, sondern auch zur Akzeptanz, „dass wir alle eine vielschichtige Kombination aus Licht und Schatten sind“, denn die eheliche Liebe ist stets „begrenzt und irdisch“ (AL 113).

Der Druck, unter dem Familien heute stehen, hat nicht nur mit Wertungen und Ansprüchen zu tun. Ebenso schwer wiegen bedrängende, allen voran ökonomische Rahmenbedingungen. Auch durch unser Land geht eine immer größer werdende Kluft, die Menschen, die große Möglichkeiten haben, ihre Lebenschancen zu verwirklichen, von solchen trennt, denen Chancen verbaut sind. Sie ist weithin sichtbar und schlicht nicht zu dementieren. Die Spaltung bezieht sich nicht nur auf die Verteilung von Löhnen und Gehältern, sondern setzt sich im Bereich der Vermögensungleichheit verschärft fort und trennt Erben von Nicht-Erben.

Diese Ungleichheit in Bezug auf Familien zu thematisieren, ist nicht nur deshalb wichtig, weil sie faktische Benachteiligung schafft, sondern auch, weil sie ein großes Angstpotenzial erzeugt. Die Angst abzurutschen ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen (vgl. Martina Kreidler-Kos und Christoph Hutter, Mit Lust und Liebe glauben. „Amoris laetitia“ als Impuls für Gemeinde, Partnerschaft und Familie, Ostfildern 2017, 89–92).

Armut und soziale Ungleichheit betreffen Familien mit Kindern in besonderem Maße. In der Studie „Reiche, kluge, glückliche Kinder?“ dokumentiert das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen die ökonomische Lage von Kindern in Deutschland. Obgleich Deutschland eines der reichsten Länder der Welt ist, wird Kinderarmut hier nicht einmal annähernd vermieden. „Zwischen 2000 und 2010 (haben) rund 8,6 Prozent der deutschen Kinder und Jugendlichen langfristige Armutserfahrungen gemacht“ (Reiche, kluge, glückliche Kinder? Der Unicef-Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland 2013).

Das Aufwachsen in prekären Verhältnissen hat fatale Auswirkungen für die betroffenen Kinder: Sie leiden unter geringerer Lebenszufriedenheit und Perspektivlosigkeit, sie haben schlechtere Bildungschancen und eine beeinträchtigte Gesundheit, sie zeigen erhöhtes Risikoverhalten und sind anfälliger für delinquentes Verhalten.

Aber nicht nur arme Familien stehen unter ökonomischem Druck. Familien und Kinder werden dadurch belastet, dass sie sich im Visier privatwirtschaftlicher Interessen wiederfinden und unter Einsatz massiver Forschungs- und Werbemittel als „Markt“ erschlossen werden.

Dabei ist eigentlich schon die Behauptung, Kinder würden beworben, juristisch anstößig, weil geltendes deutsches Recht ist, dass sich Werbung nicht direkt an Minderjährige richten darf. Und doch werden Kinder längst als dreifacher Markt „bewirtschaftet“. Sie bilden einen „Gegenwartsmarkt“, auf dem ihre direkte Kaufkraft abgeschöpft wird, die sie durch Taschengeld und Geldgeschenke besitzen. Kinder haben großen Einfluss auf die Kaufentscheidungen ihrer Eltern oder anderer nahestehender Personen. Diesen Sektor nennt man den „Multiplikatorenmarkt“. Schließlich bilden Kinder einen „Zukunftsmarkt“, auf dem es darum geht, möglichst frühzeitig Kundenbindung aufzubauen und so langfristig die „zukünftige Kaufkraft“ der Kinder zu realisieren (Christine Feil, Mythen und Fakten zur Kommerzialisierung der Kindheit, in: Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation 24 [2004] 41).

Viele Bereiche mit eigener Dynamik regieren in die Familie hinein

Die Ökonomie ist nicht das einzige System, das auf Familien einwirkt und eigene Interessen über die der Familien stellt. Jürgen Habermas hat schon in den Achtzigerjahren darauf hingewiesen, dass Lebenswelten wie Familien, die so konzipiert sind, dass Entscheidungen durch direkte Kommunikation getroffen werden, immer weiter unter den Einfluss gesellschaftlicher Systeme geraten, die gänzlich anders funktionieren (Theorie des kommunikativen Handelns. Suhrkamp 1981, Band II, 489–547). Insbesondere benannte er neben dem ökonomischen System das Rechtssystem, das bürokratische Verwaltungssystem und das Mediensystem. In diesen Systemen werden Prozesse durch Rechtsspruch, bürokratische Macht oder mediale Inszenierung gelenkt.

Es ist kaum zu überschätzen, wie massiv die Logik dieser Bereiche Familien heute prägt. Der medialen Normierung von Familienrollen können sich Familien nicht entziehen. Die psychometrische Vermessung hat, angefangen mit Fragen nach dem sexuellen Erleben, längst den Paar- und Familienalltag erreicht. Und die juristische Parteienlogik prägt nicht wenigen familiären Aushandlungsprozessen ihren Stempel auf. Neben diesen großen Systemen finden sich Familien mit einer Vielzahl von Institutionen konfrontiert, die eigentlich zu ihrer Unterstützung etabliert wurden, die aber de facto immer auch eigene Interessen verfolgen. Beispielhaft sei hier das Bildungssystem benannt. In Diskussionen wie denen um Krippenplätze, das achtjährige Gymnasium oder die Inklusion wird immer wieder deutlich, dass Bildungspolitik nicht die Interessen von Familien in den Mittelpunkt stellt, sondern eine eigene machtvolle Agenda hat, der es oftmals um ökonomische Ziele wie Kostenersparnis oder die Rekrutierung von Arbeitskräften geht.

Über Familien wird nachgedacht, wenn die Rahmenbedingungen es zulassen oder wenn andere Ressorts Familienthemen auf die Tagesordnung setzen. Kinderbetreuung, die vor allem den Mangel an Facharbeitskräften im Blick hat, nützt Familien aber nicht. Wo die ökonomische Perspektive bei der Erörterung von Familienbelangen als wichtiger erachtet wird als die Familienperspektive, werden Familien aufs Spiel gesetzt. Damit die Familie wieder ernsthaft und mit ihren ureigenen Bedürfnissen in den Blick genommen werden kann, muss die Wirtschaft in ihre Schranken gewiesen werden.

Diese Bedürfnisse sind vor allem gelebte Bindung, gemeinsam verbrachte Zeit und unverzweckte Gestaltungsspielräume. Die Priorisierung von Familienleben, präsenter Elternschaft und bindungsorientierter Erziehung werden betriebliche Abläufe aber immer wieder empfindlich stören, zum Beispiel wenn Kinder krank sind, Pubertätskrisen die Eltern fordern oder die Pflege der Eltern Zeit und Energie bedarf. Theologisch formuliert geht es darum, aus der Einsicht heraus, dass das „Wohl der Familie (…) entscheidend für die Zukunft der Welt“ ist (AL 31), eine entschiedene Parteilichkeit für Familien zu entwickeln.

Die Beratungsarbeit belegt, dass die alltägliche Überlastung Familien zermürbt. Ein zentraler Grund, dass dieses Gefühl in so vielen Familien entsteht, ist, dass familiale Lebensformen unter immensem Rechtfertigungsdruck stehen. Die früher gängigen Antworten auf die Frage, wie Partnerschaft und Familie lebbar sind, stehen heute entweder nicht mehr zur Verfügung oder sie können keinerlei Verbindlichkeit mehr beanspruchen. Wie geht Beziehung? Die Antworten auf diese Frage variieren von Beziehung zu Beziehung, und sie müssen für alle Details verhandelt, abgesprochen und begründet werden. Liebe und Familie sind zu „Leerformeln“ geworden, die die Liebenden füllen müssen (Ulrich Beck und Elisabet Beck-Gernsheim, Das ganz normale Chaos der Liebe, Frankfurt am Main 1990, 13). Die Konsequenz dieser Individualisierung ist, dass die Familie, in der man lebt, die ist, die man gewählt hat. Man hätte in jedem Detail anders entscheiden können. Entsprechend groß wird der Druck, dass die gewählte Familie auch die Traumfamilie sein muss. Ob die eigene Wahl richtig war, bleibt eine Frage, die sich zwangsläufig immer wieder stellt.”

Moderne Erziehung kann sehr anstrengend sein

Auch in Erziehungsfragen sind die Auswirkungen der Aushandlungsorientierung deutlich zu spüren. Zweifellos wird heute in deutschen Familien im Schnitt beziehungsorientierter erzogen, als dies vor fünfzig Jahren der Fall war. Martin Dornes hat in seinem Buch „Die Modernisierung der Seele“ unzählige Befunde beigebracht, wie positiv diese Veränderung zu bewerten ist (Frankfurt 2012). Viele Kinder schätzen die Art, wie ihre Eltern mit ihnen umgehen. Entgegen aller gefühlten Werte bezüglich moderner Erziehungskrisen hat ein demokratischer Erziehungsstil nicht zu einem Erziehungsnotstand geführt, sondern zu einer höheren Zufriedenheit von Kindern und Eltern.

Die Freude über diese Entwicklung darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein autoritativer Erziehungsstil anstrengender ist als die autoritäre Durchsetzung klarer Regeln. Viele Eltern befinden sich heute in einer ständigen Suchbewegung, um die eigenen Erziehungsmaßstäbe immer wieder zu klären. Im Konfliktfall stehen ihnen keine Basta-Strategien zur Verfügung, sondern sie sind darauf angewiesen, sich verständlich zu machen und gemeinsam mit ihren Kindern Lösungen zu finden.

Familien hätten genug damit zu tun, ihre eigenen Konflikte auszubalancieren. Darüber hinaus sind sie mit den ungelösten Widersprüchen der Gesellschaft konfrontiert, die in alle Formen familiären Zusammenlebens hineingetragen werden. Die besten Beispiele dafür sind Fragen der Geschlechter- und Generationengerechtigkeit. Diese Themen zeichnen sich dadurch aus, dass sie gesamtgesellschaftlich ungelöst sind.

Gesellschaftliche Probleme werden in der Beziehung privatisiert

Wie aber sollen dann tragfähige private Lösungen aussehen? Verständlicherweise interpretieren die meisten Partnerinnen und Partner ihre Streitigkeiten als Beziehungsphänomene. Gesellschaftliche Konflikte zeigen in der Beziehung stets ihr privates Gesicht. Es ist ja mein konkreter Partner, der mich im Alltag zu wenig entlastet oder mir mit seiner Unzufriedenheit die Laune verdirbt. In der Beratung ist gut zu sehen, dass ein Bewusstsein für den Entstehungskontext der allermeisten angeblichen „Familien“-Probleme kaum vorhanden ist. Statt gemeinsam den gesellschaftlichen Rahmen zu kritisieren, werden die Schwierigkeiten zu Beziehungsproblemen verkürzt und in dieser Verzerrung endgültig unlösbar.

Einer der besonders prekären Punkte, an denen Eltern erleben, wie sehr sie mit gesellschaftlichen Problemen allein gelassen werden, ist die Frage, wie ein befriedigendes Gleichgewicht zwischen Beruf und Familie gefunden werden kann. Dabei trifft das Schlagwort der „Work-life-balance“ die Herausforderung nicht, weil es den beruflichen Bereich abwertet und weil es noch mehr Lebensbereiche auszubalancieren gilt. Weitsichtiger ist hier der Vorschlag von Frigga Haug, die dafür plädiert, vier Bereichen Raum und Zeit einzuräumen. Es sind dies die Erwerbsarbeit, der Bereich der Care-Arbeit, Kulturarbeit, verstanden als Arbeit an sich selbst, durch die eigene Potenziale zur Entfaltung gebracht werden können, und das politische Engagement (Die Vier-in-einem-Perspektive. Politik von Frauen für eine neue Linke, Hamburg 2008, 20).

Es mehren sich die Stimmen, die darauf hinweisen, dass eine wirkliche Balance der unterschiedlichen Bereiche für Menschen in der aktiven Familienphase unmöglich ist. Als Ursachen dieser Unvereinbarkeit identifizieren Marc Brost und Heinrich Wefing primär überzogene Erwartungen an die familiären wie an die beruflichen Rollen und einen gesellschaftlichen Konsens, dass der wirtschaftlichen Entwicklung familiäre Interessen unterzuordnen seien. In der Summe führen solche Einflussfaktoren zu der Erschöpfung, die sich in unserer Gesellschaft ausbreitet und die einmal unter der Chiffre Depression, ein anderes Mal unter dem Label „Burnout“ diskutiert wird.

Doch statt diese kollektive Überforderungssituation zu beschreiben, halten öffentliche Diskurse an etwas fest, was Brost und Wefing die „Vereinbarkeitslüge“ nennen: Es wird weiter so getan, als könne man quer durch die Einkommensschichten volle Berufstätigkeit mit präsenter Elternschaft befriedigend verbinden. Was in der Realität dabei herauskommt, sind aber „nicht Ausgeglichenheit, Lebensfreude und Glück“, sondern „höchste Effizienz, optimierte Prozesse (und) maximale Nutzung der Ressourcen“ (Geht alles gar nicht. Warum wir Kinder, Liebe und Karriere nicht vereinbaren können, Reinbek bei Hamburg 2015, 104).

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken hat in einer gemeinsamen Tagung mit dem Bistum Osnabrück im März 2017 unter der Überschrift „Familien unter Druck“ die Frage erörtert, welche kirchlichen und gesellschaftlichen Druckpunkte Familien heute besonders zusetzen und welche Lösungsszenarien Entlastung schaffen können. Fragen der Kinderbetreuung, Armut, der Umgang mit Sozialen Medien und der Schulalltag der Kinder wurden bei der Tagung ebenso thematisiert wie kirchliche Vorgaben, die Familien unter Druck setzen. Letztlich, so könnte man die Tagung resümieren, ist es das Zusammenspiel von idealistischen Annahmen, ökonomischen und anderen gesellschaftlichen Zwängen und alltäglichen Dilemmata, das Familien das Leben schwer macht.

Vereinbarkeit kostet Geld und braucht Verzicht

Diese Überlastung der Familien ist weder von außen noch von innen allein aufzuheben. Um dringend notwendige Gestaltungsspielräume für Familien zu schaffen, muss die Gesellschaft Geld investieren und Humanressourcen zur Verfügung stellen. Wir werden als Gesellschaft aber auch nicht aus der Überforderungsfalle entkommen, ohne uns mit Fragen der Selbstbegrenzung zu beschäftigen. Unseren kapitalistisch geprägten Diskursen fehlt der Blick für die Grenzen, die wir ziehen wollen, um uns nicht permanenter Überforderung auszusetzen. Die evangelische Theologin Margot Käßmann hat für eine „Ethik des Genug“ geworben. Angesichts unübersehbarer Erschöpfungsphänomene ist es höchste Zeit zu fragen, wann Liebespaare, Eltern, Schüler und Kinder gut genug sind und nicht noch weiter optimiert werden müssen.

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