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Der Papst ist ein Liebling der Medien – nicht ohne Risiko.

Die letzten Wochen waren ziemlich anstrengend für jeden, der der katholischen Kirche, aus welchen Gründen auch immer, lieber aus dem Wege geht. Erst der spektakuläre Rücktritt von Papst Benedikt XVI., die überbordenden Spekulationen über seinen möglichen Nachfolger, das Konklave mit seinen geheimnisvollen, scheinbar aus aller Zeit gefallenen Riten und Regeln.

Dann der in so vielerlei Hinsicht überraschende Papst Franziskus, herangewählt „vom Ende der Welt“. Schon mit einem seiner ersten Worte, einem schlichten „Guten Abend“ vor der denkbar großartigsten Kulisse der Erde hat er offenbar die Herzen der Weltöffentlichkeit erobert. Seine ersten Auftritte (menschennah und auch an unerwarteten Orten), die Premieren-Gottesdienste, bei der Aufwartung aller Wichtigen und Bedeutungsvollen dieser Welt, Franziskus blieb bei seiner Linie, die Sympathie wuchs.

All das löste einen Medien-Hype aus, dem man sich vermutlich nur mit totaler Medienabstinenz entziehen konnte. Zuletzt hatte die Welt einen solchen Medienhype exakt beim letzten Pontifikatswechsel im Jahr 2005 erlebt.

Die Ursachen und Gründe, warum ein solcher Pontifikatswechsel und der Papst überhaupt auch in unserer säkularen und (religions-)pluralen Gesellschaft und in ihrer ja keineswegs immer kirchenfreundlich gesinnten Medienöffentlichkeit nach wie vor oder womöglich immer mehr solche Aufmerksamkeit erlangen kann, sind vielfältig und viel beschrieben: Zu einem Teil hat das kaum mit den konkreten Personen auf dem Stuhl Petri zu tun, sondern eher mit dem Personenkult und Starrummel, den unsere Mediengesellschaften insgesamt treiben.

Und welches Amt ist weltweit gesehen in puncto Ansehen, Würde und Bekanntheit dem Papst vergleichbar? Das Mantra der Weltjournaille der letzten Woche lautete: der Papst, das Oberhaupt von über 1,3 Milliarden Katholiken. Manchen von ihnen hätte man gerne gefragt, was er sich darunter eigentlich vorstellt.

Selbstredend hat die Begeisterung der Medien aber auch mit konkreten Personen zu tun: Auch wenn schon seine Vorgänger die jeweilig neuesten Entwicklungen der Medientechnik selbstbewusst und geschickt zu nutzen wussten, gleichwie sie sonst zur „modernen Welt“ und deren Errungenschaften standen (vgl. dieses Heft, 181) – als der erste und eigentliche Medienstar auf dem Stuhle Petri gilt und galt Johannes Paul II.: Schon kurz nach seiner Wahl sprachen die Medien selbst von einer „Popemania“, Medienwissenschaftler vom meistfotografierten und gefilmten Menschen der Geschichte – 27 Dienstjahre und die unzähligen Reisen taten dazu ihr übriges.

Selbst das Leiden des Papstes am Ende des Lebens sowie sein Sterben stellten ein beispielloses Medienereignis dar. Im Rückblick war gar vom „Medienpontifikat“ die Rede. Für Johannes Paul II. selbst waren die Massenmedien erklärtermaßen stets ein hervorragendes Instrument, um möglichst viele Menschen mit der Frohen Botschaft zu erreichen.

Sein Nachfolger Benedikt XVI. wollte von Anfang an und deutlich spürbar das Erbe dieses Medienstars nicht antreten – entziehen konnte er sich der Medienaufmerksamkeit dennoch nicht. Spätestens die Medienresonanz auf seinen Auftritt beim „deutschen“ Weltjugendtag in Köln wenige Monate nach Amtsantritt musste ihn darüber unmissverständlich belehrt haben.

Auch Benedikt XVI., der fleißige Buchautor unter den Päpsten, nutzte selbstverständlich auch die Möglichkeiten der neuesten Medienentwicklung und „twitterte“ beispielsweise gegen Ende des Pontifikates sogar seine Botschaft.

Im Rückblick auf das Pontifikat Benedikts XVI. war schließlich aber auch von einigen „Medienpannen“ die Rede. Der gelernte Professor habe die Medienöffentlichkeit gelegentlich mit Studierzimmer und Katheder verwechselt, der erste „Fauxpas“ die so berühmt gewordene „Regensburger Rede“. Hohn und Spott ernteten Papst und Vatikan dagegen, als nach einigem Zögern und ungeschickten Verteidigungsversuchen erklärte wurde: Man habe wohl vergessen, im Internet zu recherchieren, dass einer der vier Bischöfe der traditionellen Pius-Priesterbruderschaft, dem man gerade die Hand zur Versöhnung gereicht habe, ein notorischer Leugner des Holocaust ist.

Immer wieder hatte sich Benedikt XVI. aber selbst auch beklagt über den Umgang der Medien mit ihm, zuletzt im Kontext der so genannten „Vatileaks-Affäre“: Die Medien hätten mit unbegründeten Vermutungen und grundlosen Gerüchten ein Bild des Heiligen Stuhls gezeichnet, das mit der Realität nichts zu tun habe.

Der direkte Erstkontakt von Papst Franziskus mit Tausenden Journalisten, Fotografen und Kameraleuten scheint dagegen nahezulegen, dass auch er das Zeug zum „Medienpapst hat. Mit einem Augenzwinkern dankte er den Medienleuten für die anstrengende Arbeit der vergangen Tage, belohnte ihr Interesse mit einer „spontanen“ Abweichung vom Redemanuskript, mit etwas „Plauderei“ aus dem Nähkästchen: wie er denn zu seinem Namen Franziskus gekommen sei … Nichts lieben Journalisten mehr. Seine Rede, in der er die hohe Bedeutung der Medien für unsere Zeit unterstrich, wurde mehrfach mit Applaus unterbrochen.

Zugleich aber klagte der Vatikan auch schon am ersten Arbeitstag von Franziskus über eine grundlose, unfaire und ungerechte „Medienkampagne“ gegen den neuen Papst: In den argentinischen Medien hatten sich einige Journalisten unmittelbar nach der Wahl des Erzbischofs von Buenos Aires daran gemacht, die Rolle Jorge Mario Bergoglios als Jesuitenprovinzial in der Zeit der argentinischen Militärdiktatur zu durchleuchten. Es gebe den Verdacht, der Provinzial habe sich nicht ausreichend für inhaftierte Mitbrüder eingesetzt.

Die potenzielle Fallhöhe eines Medienlieblings ist in jedem Fall gewaltig, Personenkult gibt es auch unter negativen Vorzeichen. Darüber sollte sich niemand in der Kirche falsche Illusionen machen. 

Noch größer ist nur noch das Risiko, die gewaltige Aufmerksamkeit der Medienöffentlichkeit für den Papst mit einer Begeisterung für die Kirche und ihre Botschaft zu verwechseln.

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