KommentarAmbivalent

Am verstorbenen Pariser Kardinal Jean-Marie Lustiger schieden sich die Geister.

Es hätte nicht der besonderen Umstände der Beerdigung von Kardinal Jean-Marie Lustiger, des früheren Erzbischofs von Paris (1981–2005), bedurft, um zu wissen, dass es sich bei diesem Mann um eine Persönlichkeit ganz eigener Art gehandelt hat. Wann wird im Rahmen des Requiem für einen Bischof schon einmal ein jüdisches Totengebet, das Kaddisch, verlesen? In diesem Fall vom Cousin Arno Lustiger aus Frankfurt. Und Staatspräsident Nicolas Sarkozy unterbrach – Laizismus hin oder her – eigens für das Requiem in der Kathedrale Notre Dame seinen Urlaub an der US-amerikanischen Ostküste. Die breitere Öffentlichkeit denkt beim Namen Jean-Marie Lustiger zunächst an dessen Biografie. Als Sohn polnischjüdischer Einwanderer – seine Mutter starb in Auschwitz – war Aaron Jean-Marie Lustiger nicht nur ein konvertierter Jude, er trat selbstbewusst dafür ein, dass sein Judesein mit seiner Taufe (als Jugendlicher) nicht aufhörte. Für traditionell bis traditionalistisch eingestellte Katholiken machte ihn diese Seite an ihm schwer erträglich. Nicht weniger als für manchen Juden, verstand er seine Konversion zum christlichen Glauben doch als „Erfüllung“ seiner jüdischen Identität. Andererseits war er schon allein dadurch wie kaum eine zweite Person innerhalb der katholischen Kirche dazu geeignet, die gegenseitige Annäherung von Judentum und katholischer Kirche der letzten Jahrzehnte zu verkörpern.

Trotz seiner ungewöhnlichen Biografie und seiner intellektuellen Brillanz – das Bild dieses bemerkenswerten Kirchenmannes ist ambivalenter, als es in den letzten Wochen in der medialen Berichterstattung wieder einmal erschien. Die Ernennung des früheren Studentenpfarrers zum Erzbischof von Paris als Nachfolger des volksnahen und des ebenso konziliaren wie konzilianten Erzbischofs François Marty markierte einen bedeutenden Einschnitt im französischen Katholizismus. In einer Kirche, die auf Grund ihres laizistischen Umfelds traditionell dazu neigte, sich unsichtbar zu machen, brachte dieser Konvertit immer wieder seine originelle und vernehmbare Stimme zu Gehör, auch wenn sie nicht von jedermann geteilt wurde. Ihn als Konservativen zu bezeichnen, wäre zu einfach. In mancherlei Hinsicht war er ein ausgesprochen moderner Vertreter des Bischofsamtes – auch wenn dieser Bischof mit einem Bischofsstab aus grobem Holz zugleich einer der notorisch schärfsten Kritiker der Moderne war. Theologisch war er von dem geprägt, mit dem er zusammen das Kardinalsbirett aus der Hand von Johannes Paul II. entgegennahm: Henri de Lubac. Letztlich kennzeichnete ihn ein ausgesprochen pessimistisches Weltbild – von der Aufklärung führte für ihn ein direkter Weg in die Vernichtungslager Nazideutschlands und den Gulag der Sowjetunion, wie er es in seinem Interviewbuch „Choix de Dieu“ zum Ausdruck brachte.

Pastoral und kirchenpolitisch ging Lustiger über weite Strecken eigene Wege; auf verschiedenen Gebieten bildete er schlicht Parallelstrukturen. Den Grundstein für diesen Weg legte er mit seiner Rückkehr zu einem eigenen diözesanen Priesterseminar. Damit setzte er sich von den damaligen überdiözesanen Seminaren ab, auf die er weniger Einfluss gehabt hätte. Als Einwandererkind selbst in der republikanischen und damit laizistischen französischen Schule aufgewachsen, führte er in den 80-er Jahren eine der größten Demonstrationen zu Gunsten der kirchlichen, der „freien“ Schule an. Und bei der Überführung der sterblichen Überreste von Abbé Grégoire ins Panthéon war Lustiger sich nicht zu schade, mit dem laizistischen Frankreich die Märtyrer der Revolution zu feiern, während seine Bischofskollegen betreten beiseite standen.

Mit der Einladung an Kardinal Joseph Ratzinger zu seiner berühmten Pariser Rede von 1983 läutete Lustiger frontal eine Infragestellung des in Frankreichs Kirche bis dahin liebgewonnenen Katechesekonzeptes ein. Seine Radiostation „Radio Notre Dame“ hält sich bis heute außerhalb des ansonsten ökumenisch aufgezogenen Netzes der religiösen Radios Frankreichs. Mit seinem Fernsehprogramm KTO baute er – wenn auch auf finanziell wackligen Beinen – eine Alternative zum „Jour du Seigneur“ auf, einer Sendung, die in der Verantwortung der Dominikaner produziert und innerhalb des Programms von France 2 ausgestrahlt wird.

Neben dem Institut Catholique und dem Centre Sèvres (der Jesuiten) gründete Lustiger eine dritte theologische Fakultät in Paris. Und dass es ihm gelang, den Weltjugendtag 1997 nach Paris zu holen, lag auch nicht nur an den Vorzügen der Weltstadt Paris, sondern entsprang einem ganz persönlichen Anliegen von ihm und seiner großen Nähe zu Johannes Paul II. Kennzeichnend für Lustiger war die Tatsache, dass er in der außerkirchlichen Öffentlichkeit brillierte – sich innerkirchlich und mit seinen theologischen wie kirchenpolitischen Kritikern aber sehr viel schwerer tat. Entweder war man für Lustiger oder gegen ihn, dazwischen gab es wenig. Lustiger polarisierte. Unter seinen Mitbrüdern galt er zeitweise wegen seines Engagements bei Bischofsernennungen als umstrittener „Königsmacher“. Trotz seiner aktiven Einflussnahme auf zahlreiche Bischofsernennungen gelang es ihm dennoch nie, Vorsitzender der Französischen Bischofskonferenz zu werden. Zwanzig Jahre lang fanden seine Bischofskollegen immer jemanden, den sie ihm als Sprecher vorgezogen haben – als Erzbischof von Paris war Lustiger sich selbst ansonsten immer Sprecher genug. Dafür aber zog er in den Kreis der „Unsterblichen“ der „Académie Française“ ein, obwohl dafür im kirchlichen Raum auch andere Kandidaten zur Verfügung gestanden hätten.

Jean-Marie Lustiger war ein Mann, dessen Leben sich nicht leicht auf einen Nenner bringen lässt. So sehr er Gewissheiten predigte, war er doch zugleich jemand, der wie wenige andere an den Ungewissheiten der Moderne litt. Er prangerte den Hochmut eines Menschen ohne Gott an und verleugnete doch nicht die Kultur des Laizismus, in der er groß geworden war. Was von dem, das er angestoßen hat, überleben wird, wird man abwarten müssen. Dies wird nicht allein vom Nachfolger abhängen, den er selbst bestimmte, sondern von der Entwicklung, die Kirche und Christentum insgesamt in Frankreich nehmen werden, und davon, inwieweit es ihm gelungen ist, von dieser Entwicklung etwas auf seine Art vorwegzunehmen.

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