1. Vorüberlegungen
Ordensmänner, die zum Papst gewählt wurden, und die Reform der Kirche – besteht hier ein Zusammenhang? Man könnte auch allgemeiner fragen: Hat es irgendeine Auswirkung auf die Leitung der Kirche gehabt, dass bestimmte Inhaber dieses höchsten Amtes dem Ordensstand entstammten? Hat sich ihr spezifisches Ordenscharisma auf die Weise ihrer Amtsausübung ausgewirkt? Wurde die Erneuerung der Kirche in besonderem Maße getragen von Ordenspäpsten?
Das Ordensleben in der lateinischen Kirche zeichnet sich durch eine große Vielfalt aus. Während das «monastische Zeitalter» der abendländischen Kirchengeschichte, das mit dem heiligen Benedikt († 547) beginnt, quasi durch ein Monopol benediktinischen Mönchtums gekennzeichnet war, ist das zweite Jahrtausend von einer zunehmenden Differenzierung und Pluralisierung des Ordenslebens gekennzeichnet. Waren die im 11. Jahrhundert gegründeten Zisterzienser und Kartäuser noch stark am Überkommenen orientiert, kamen nun mit den Prämonstratensern und Augustinerchorherren auch Mischformen zwischen Mönchtum und Seelsorgeklerus auf. Die Bettelorden des frühen 13. Jahrhunderts brachten einen wirklichen Neuansatz: Die einzelne Person tritt nicht mehr in ein bestimmtes Kloster ein, sondern wird Teil eines Personalverbandes und ist in diesem nach den Anforderungen der Gemeinschaft und der Seelsorge versetzbar. Die Bettelorden sind zentralistisch aufgebaut und haben durch die Wahl der Oberen zugleich ein demokratisches Strukturelement. Damit war ein Grundmodell für die Zukunft gefunden. Die Neugründungen der Gegenreformationszeit schließlich kennzeichnet eine zunehmende Spezialisierung und Professionalisierung, was die übernommenen Aufgaben angeht. Es handelt sich in der Mehrzahl um apostolische Orden, in denen die Sendung im Vordergrund steht. Diese Tendenz setzte sich in der Neuzeit fort und gewann mit den oftmals hochspezialisierten Ordensgründungen des 19. Jahrhunderts weiter an Dynamik.
Jeder Orden hat ein spezifisches Ordenscharisma, eine bestimmte Prägung und Grundausrichtung, die das Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft bestimmen soll. Heute würde man vielleicht von der «DNA» eines Ordens sprechen, die diesen innerlich prägt. Das Zweite Vatikanische Konzil und der Kodex des kanonischen Rechtes von 1983, das allgemeine Gesetzbuch der Kirche, haben diesen Aspekt erneut stark gemacht.1 Man wird die eingangs gestellte Frage also nicht nur allgemein beantworten können, in dem Sinne, ob die Zugehörigkeit zu einem Orden Auswirkungen auf die jeweiligen Pontifikate gehabt hat, sondern wird zu fragen haben, inwiefern ein bestimmtes Ordenscharisma kirchenpolitisch wirksam geworden ist.
Eine weitere Vorbemerkung ist vonnöten, und zwar aus ökumenischer und konfessionskundlicher Perspektive. Man muss sich bewusst sein, dass die Ausgangsfrage nur im Blick auf die katholische Kirche sinnvoll ist. In den verschiedenen protestantischen Gemeinschaften gibt es seit der Reformation kein Ordensleben mehr, das den drei evangelischen Räten folgt (sieht man von einigen wenigen, jedoch nur marginalen Neugründungen ab). In der Ostkirche dagegen entstammen die Bischöfe seit dem sechsten Jahrhundert im Allgemeinen den Mönchsstand (sie gehören also zumindest der untersten Rangstufe des dreistufigen Mönchtums an). Sie leben im Unterschied zum niederen Klerus von Anfang an zölibatär oder sind Witwer. Dementsprechend sind auch die Patriarchen und die anderen Oberhäupter der autokephalen Kirchen ehemalige Mönche. Im Blick auf den Osten müsste man die Frage also anders stellen: Welche Auswirkung hat es auf das Amtsverständnis, die Kirchenverfassung und die Organisation des kirchlichen Lebens an sich, dass das Führungsamt in der Kirche monastischen Personen vorbehalten ist? Gleichwohl wird man zu berücksichtigen haben, dass die meisten orthodoxen Kirchen heute eine synodal-episkopale Verfassung haben, das Bischofsamt also nicht die allein bestimmende Größe ist.
2. Zahlen
Man muss das Phänomen Ordensleute als Päpste zunächst zahlenmäßig umschreiben. Es hat in der Geschichte 266 Päpste gegeben. Davon kamen 36 aus einem Kloster oder entstammten einem Orden.2 Statistisch gesehen sind das knapp 14% aller Päpste. Streng genommen muss man die ersten fünf Jahrhunderte der Kirchengeschichte bis zum Wirken des Heiligen Benedikt ausnehmen, da es in jenen Jahrhunderten im Westen nur Ansätze monastischen Lebens gegeben hat. Außerdem fällt auf, dass zwischen 1831 und 2013 kein einziger Ordensmann zum Papst gewählt worden ist. Das mag zum Teil daran liegen, dass die Päpste im Zeitraum von 1878–1978 eine ausgesprochen diplomatisch-politische Prägung hatten, sodass man vom «Zeitalter der Diplomatenpäpste» sprechen kann. Bis auf Pius X. standen alle Amtsinhaber in enger Verbindung zur Päpstlichen Diplomatenakademie, waren im diplomatischen Dienst der Kirche oder im Staatssekretariat tätig gewesen. Ein stärker theologisches, spirituelles oder pastorales Profil konnte sich angesichts der Herausforderungen jener Epoche (der antiklerikalen liberalen Regierungen des späten 19. Jahrhunderts, des Totalitarismus und des Ost-West-Konflikts) nicht durchsetzen.
Dass in den vergangenen bald 500 Jahren nur ein einziger Jesuit Papst geworden ist, obwohl der Orden stets zu den größten Gemeinschaften der Kirche gezählt und kirchenpolitisch eine große Rolle gespielt hat, muss nicht weiter verwundern, wenn man die strengen Bestimmungen des Ordensgründers bezüglich der Annahme höherer geistlicher Ämter berücksichtigt. Auf diesen Aspekt wird noch zurückzukommen sein.
Sehr ungewöhnlich erscheint auch, dass bis zu Papst Franziskus kein einziges Mitglied eines neuzeitlichen Ordens zum Nachfolger Petri gewählt wurde. Dieses Faktum fällt umso mehr auf, als viele moderne Gründungen die vorneuzeitlichen Ordensgemeinschaften mittlerweile zahlenmäßig weit überrundet haben. So zählte man Ende des Jahres 2017 nach Ausweis des Annuario Pontificio 15.842 Jesuiten, 14.795 Salesianer, 10.495 Kapuziner. Allein diesen drei größten in der Neuzeit gegründeten Ordensgemeinschaften, die zusammen 41.132 Personen umfassen, stehen aber nur 7.158 Benediktiner gegenüber.3 Mit anderen Worten: die überwiegende Mehrheit der knapp 200.000 männlichen Ordensmitglieder weltweit gehört zu Ordensgemeinschaften, die noch nie einen Papst gestellt haben. Dass mit Papst Franziskus erstmals ein Mitglied der neuzeitlichen apostolischen Orden zum Papst gewählt wurde, scheint von daher eine noch weitreichendere Weichenstellung zu sein, als dass mit seiner Person zum ersten Mal ein Jesuit dieses Amt innehat.
3. Personen
Kein anderer Orden hat so viele Päpste hervorgebracht wie die Benediktiner, insgesamt 17.4 Unter diesen waren bedeutende Päpste, was vor allem für das Mittelalter gilt.5 Man denke an Gregor den Großen (590–604), der zugleich ein hervorragender Hirte, geistlich-theologischer Autor und politischer Führer in schwierigen Zeiten war. Letzteres gilt auch für Leo IV. (847–855), wie Gregor ein Stadtrömer, der die Sarazenengefahr abwenden konnte und den Vatikan mit der noch heute existierenden Mauer befestigte. Die bedeutendsten Reformpäpste des 11. Jahrhunderts, der Zeit der Gregorianischen Reform und des Investiturstreits, waren Benediktiner: die Heiligen Leo IX. (1049–1054) und Gregor VII. (1073–1085).6 Ersterer, der die ganze Bewegung angestoßen hatte, entstammte der Lothringischen Klosterreform. Der Cluniazenser Urban II. (1088–1099), der die Früchte dieser Erneuerung ernten konnte, rief den ersten Kreuzzug aus und stellte sich damit sichtbar an die Spitze der abendländischen Christenheit.7 Eine beeindruckende Gestalt, wenngleich ein Solitär in der Papstgeschichte ist der hl. Coelestin V.8 Der Benediktiner, der eine an der Benediktsregel orientierte Einsiedlerkongregation gegründet hatte, trat 1294 nach einem halben Jahr auf dem Papstthron freiwillig von seinem Amt zurück.
Die Neuzeit hat noch einmal einen bedeutenden Benediktinerpapst hervorgebracht. Pius VII. (1800–1823) war zugleich ein Schöngeist und ein politisch denkender Kopf, der zusammen mit seinem klugen Staatssekretär Ercole Consalvi die Kirche sicher durch die napoleonischen Wirren führte.9 Im Vergleich mit ihm fällt Gregor XVI. (1831–1846), ein Angehöriger des Kamaldulenserordens (einer benediktinischen Reformrichtung) als eher mediokre Gestalt deutlich ab.10 Zwar ließ er sich die Pflege der päpstlichen Kunstsammlungen angelegen sein, war aber im Übrigen ein äußerst schlechter Landesherr im Kirchenstaat.
Zwei Päpste waren Zisterzienser: Eugen III. (1145–1153), ein Schüler des heiligen Bernhard von Clairvaux, verwandte einen Großteil seiner Energie auf den zweiten Kreuzzug.11 Benedikt XII. (1334–1342) setzte unter den schwierigen Bedingungen des Exils der Päpste in Avignon eine Reform der großen Orden ins Werk.12
Sieben Päpste waren Kanoniker (zumeist Augustiner Chorherren). Unter ihnen kann der Humanist Eugen IV. (1431–1447) als die bedeutendste Gestalt gelten. In die Regierungszeit des entschiedenen Gegners des Konziliarismus fällt die wichtige, theologisch fundierte Union mit der Ostkirche auf dem Konzil von Florenz, die er gewollt und gefördert hat.13
Fünf Päpste waren Franziskaner: drei Konventualen (die man im deutschen Sprachraum allgemein als Minoriten bezeichnet) und zwei Observanten (die beiden Zweige haben sich 1517 getrennt). Bemerkenswert scheint, dass mit Nikolaus IV. (1288–1292) bereits 1288 erstmals ein Franziskaner Papst wurde, nur 62 Jahre nach dem Tod des heiligen Franziskus, der die Armutsbewegung in die katholische Kirche heimgeholt und die Demut zum geistlichen Ideal erhoben hatte.14 Der Mann aus Assisi hatte selbst auf geistliche Würden verzichtet und sich nur auf Drängen Innozenz’ III. bereiterklärt, sich zum Diakon weihen zu lassen. In den Häusern seiner Gemeinschaft sollte es nur so viele Priester geben, wie eben für den liturgischen Dienst nötig waren. Gerade bei den Franziskanerpäpsten scheint der Gegensatz zwischen Ordenscharisma und päpstlicher Amtsführung am eklatantesten zu sein. Es lohnt sich daher, die Reihe dieser schillernden Gestalten durchzugehen. Nikolaus IV. war eine kraftvolle Gestalt, insgesamt eher ein Homo politicus als ein geistlicher Führer. Im Königreich Neapel hielt er eisern an den verhassten, nach dem Ende der Stauferherrschaft belehnten Anjou fest und versuchte – auch durch das Mittel der Exkommunikation – eine Machtübernahme des Hauses Aragon zu verhindern. Während seiner Regierungszeit fiel der letzte Brückenkopf im Heiligen Land. Seine Bemühungen, einen neuen Kreuzzug zu organisieren, scheiterten. Hellsichtig erkannte er die Chancen der Mission seines Ordens in Fernost. Auch als Mäzen trat er hervor, namentlich durch die Restaurierung des Apsismosaiks der Lateranbasilika, in das er nicht nur Franz von Assisi und Antonius von Padua, sondern auch sich selbst als kleine Gestalt einfügen ließ. Insgesamt unterschied sich dieser Papst in Gebaren und politischer Haltung wenig von den Päpsten seines Zeitalters.
Auch Sixtus IV. (1471–1484) war Franziskaner und hatte wie Nikolaus IV. den Orden als Generalminister geleitet.15 Unter diesem gebildeten Renaissancepapst erlebte der Nepotismus einen ersten Höhepunkt. Zahlreiche Verwandte ernannte er zu Kardinälen, so auch seinen Neffen Giuliano, den späteren Julius II., oder übertrug ihnen andere ertragreiche Ämter. Die Förderung von Familienmitgliedern mit dem Ziel, eine territoriale Herrschaft zu errichten, führte wiederholt zu kriegerischen Konflikten mit dem mächtigen Nachbarn Florenz. Seine Bündnispolitik in Italien kann man insgesamt als schwankend bezeichnen; regionale Kriege waren die Folge. Er selbst erlebte noch die Fertigstellung der nach ihm benannten Sixtinischen Kapelle. Mit den folgenden Renaissancepäpsten hatte er gemeinsam, dass sein persönlicher Lebenswandel höchst fragwürdig war (um es euphemistisch auszudrücken).
Als Franziskaner hatte auch sein Neffe Julius II. (1503–1513), ein Renaissancepapst par excellence, begonnen.16 Die genannten Züge seines Onkels führte er fort und steigerte sie noch. Neben der Kriegführung wurde das Mäzenatentum zum entscheidenden Faktor des Pontifikates. Der selbstbewusste Mann ließ den konstantinischen Petersdom abreißen und durch Bramante einen Neubau beginnen. Das ambitionierte Projekt sollte die Päpste mehr als anderthalb Jahrhunderte mit Beschlag belegen. Raffael begann unter Julius II. die Ausmalung der Stanzen, Michelangelo der Decke der Sixtinischen Kapelle. Ausdruck der Hybris sind die Pläne für Julius’ Grabmal, das in der Apsis der neuen Basilika seine Aufstellung finden und ihn als einen zweiten Moses feiern sollte. Es wurde fragmentarisch in San Pietro in Montorio verwirklicht.
Der erste von drei Minoriten auf den Stuhl Petri war Sixtus V. (1585–1590), der selbst aus einfachsten Verhältnissen stammte. Auch seine Amtsführung zeigt nicht unbedingt ein franziskanisches Profil. Er sollte in die Annalen Roms als Erneuerer der städtischen Topographie eingehen. So schuf er ein Netz schnurgerader Straßen, dessen Mittelpunkt die Kirche Santa Maria Maggiore bildet. An markanten Punkten des von ihm geschaffenen Straßensystems ließ er Obelisken als Wegmarken errichten. Auf ihn geht auch der Neubau des Lateranpalastes zurück. An die genannte Marienkirche ließ er eine äußerst prachtvolle, nach ihm benannte Grabkapelle errichten. Mit äußerster Härte bekämpfte er eine Plage die schon seit langem im Kirchenstaat grassierte, das mafiaartige Banditenwesen. Hier schreckte er auch nicht vor Schauprozessen und öffentlichen Hinrichtungen zurück, um deutlcieh Exempel zu statuieren. Auf ihn geht schließlich die Neuordnung der vatikanischen Zentralverwaltung zurück. Die von ihm geschaffene Kurie blieb bis ins 20. Jahrhundert kaum verändert bestehen.
Wenig franziskanisch wirkt auch Clemens XIV. (1769–1774). Vom Habitus her ein Gelehrter, hätte er sich persönlich wohl lieber um die päpstlichen Kunstsammlungen gekümmert, die er durch Neuerwerbungen griechischer und römischer Plastiken erweiterte und mit den bestehenden Sammlungen vereinte. Sein Nachfolger Pius VI. führte das Begonnene fort. So heißt die Sammlung nach den beiden Päpsten Museo Pio-Clementino und ist heute Bestandteil der Vatikanischen Museen. Wie kaum ein anderer Pontifex wurde Clemens zum Spielball der internationalen Politik. Auf Drängen vor allem der bourbonischen Mächte hob er die Gesellschaft Jesu auf. Das entsprechende Breve, das scharfe Anklagen gegen die Jesuiten erhebt, ist nicht gerade ein Ruhmesblatt der Papstgeschichte. All die genannten Franziskanerpäpste verkörpern nicht unbedingt den Geist der Demut und schlichten Frömmigkeit, wie er von dem Ordensgründer ausging.
Die Bilanz der Päpste aus dem Franziskanerorden fällt ein wenig versöhnlicher aus, wenn man einen Papst hinzunimmt, der vor seiner Wahl dem Dritten Orden angehörte: Leo XIII. (1878–1903). Dieser war stark franziskanisch geprägt, legte auf die Mitgliedschaft bei den Tertiaren stets großen Wert und verfasste sogar als Bischof für seine Seminaristen eine kleine Schrift über die Demut, die franziskanischen Geist atmet. Als Papst vereinte er die verschiedenen Zweige der Franziskanerobservanten zu einem einzigen Orden, um dessen Ausstrahlung und Schlagkraft in der Gesellschaft zu stärken.17
Die Kirchengeschichte hat vier Dominikanerpäpste gesehen. Innozenz V., vor seiner Wahl ein anerkannter Theologieprofessor in Paris, war im Jahr 1276 für wenige Monate Papst – ein halbes Jahrhundert nach der Gründung dieses Bettelordens durch den heiligen Dominikus, der wohl alles andere vorausgesehen hatte, als dass ein Mitglied die Kirche leiten sollte.18 Benedikt XI. saß 1303–1304 weniger als ein Jahr auf dem Stuhl Petri und hinterließ keine bleibenden Spuren.
Der bedeutendste Dominikanerpapst war sicher Pius V. (1566–1572).19 Persönlich bescheiden, ja geradezu asketisch, zeichnete er sich durch seine doktrinäre Strenge aus. Außenpolitisch war sein größter Erfolg die siegreiche Seeschlacht gegen die Türken bei Lepanto, in deren Vorfeld er eine katholische Liga geschmiedet hatte. Seine innerkirchliche Bedeutung liegt vor allem in der konsequenten Umsetzung der tridentinischen Reformbeschlüsse. Der heiliggesprochene Pontifex vollendete erst recht, was die große Synode gewollt hatte.
Der letzte Dominikaner auf dem Stuhl Petri, Benedikt XIII. (1724–1730), als Orsini ein Mann von altem Adel, lebte zwar persönlich untadelig, ja asketisch. Politisch war der greise und kränkliche Papst aber erfolglos.20
4. Franziskus
Historisch gesehen ist es höchst ungewöhnlich, dass ein Jesuit Papst wird. Man darf nicht vergessen, dass der Ordensgründer Ignatius von Loyola es seinen Professen verboten hat, ein höheres Kirchenamt anzustreben. Wenn Jesuiten zum Bischof ernannt werden, können sie ihr Amt nicht ohne Placet der Ordensoberen oder auf ausdrücklichen Befehl des Papstes annehmen.21 Eine Erwägung scheint es wert, ob und inwiefern es während des aktuellen Pontifikates spürbar ist, dass der Papst ein Jesuit ist. Schlägt seine ignatianische Prägung in der Art, wie er die Kirche lehrt und leitet, durch? Bergoglio hatte bereits eine 34 Jahre währende Ordenslaufbahn hinter sich, als er Bischof wurde. In der Gesellschaft Jesu hatte er wichtige Ämter inne, war unter anderem Novizenmeister und Provinzial gewesen. Man geht sicher nicht fehl in der Annahme, dass diese Lebensform seine Existenz geprägt hat und noch heute bestimmt. An dieser Stelle müssen einige Andeutungen genügen.
Papst Franziskus scheint nicht von der Institution, sondern von den Menschen und ihren religiösen Bedürfnissen her zu denken. «Den Seelen helfen», das Motto des heiligen Ignatius, scheint auch für ihn zentrale Bedeutung zu haben. Bisweilen grenzt er sich von Amtsträgern der Kirche ab und erinnert sie an ihren eigentlichen Auftrag, für das Heil der Menschen da zu sein. Das Amt steht im Dienst des Menschen, nicht umgekehrt. Nur so kann man auch die harsche Kritik verstehen, die er wiederholt in Richtung der vatikanischen Kurie formuliert hat.
Eine wichtige Kategorie für den Gründer der Gesellschaft Jesu ist die «Unterscheidung der Geister». Vor allem durch die Exerzitien soll der Mensch dazu befähigt werden, die eigenen Gedanken und Wünsche daraufhin zu prüfen, ob sie mehr dem Willen Gottes oder dem Eigenwillen entsprechen; ob sie also von außen oder aus dem Inneren des Menschen kommen. Kommen sie von außen, gehen sie entweder vom guten oder bösen Geist, letztlich von Gott oder vom Teufel aus. Dem guten Geist gilt es zu folgen und so die Ehre Gottes und die Liebe zu den Menschen zu verwirklichen. Vor diesem Hintergrund erklärt sich die Schärfe des – positiven oder negativen – Urteils, die diesen Papst prägt. Seine Äußerungen haben oft etwas Apodiktisches, sie laden nicht zur Diskussion oder gar zum Widerspruch ein. Vor dem Hintergrund der Unterscheidung der Geister wird auch die vielfach als verstörend empfundene Rede vom Teufel, der für den Pontifex hinter Fehlentwicklungen in der Kirche steht, verständlich.
Die Unterscheidung der Geister setzt eine strenge und sorgfältige Prüfung der Umstände voraus, bevor eine klare Entscheidung gefällt werden kann. In diesem Geist geht Papst Franziskus vor. Er stößt Debatten an, verfolgt diese aufmerksam und behält sich am Ende eine Entscheidung vor. Diese Vorgehensweise lässt sich sehr gut im Hinblick auf die Bischofssynoden beobachten.
Die Gesellschaft Jesu ist straff zentralistisch aufgebaut. Das Grundgesetz, dass der ehemalige Soldat Ignatius seiner Gründung mitgegeben hat, ist der Gehorsam. Nicht von ungefähr hat man den Jesuiten in der Geschichte den «blinden Gehorsam» oder den «Kadavergehorsam» vorgeworfen. Der Pontifex scheint die Fäden in der Hand behalten zu wollen. Immer wieder trifft er Entscheidungen, die unerwartet sind und als einsame Entscheidungen erlebt werden. Das gilt auch für die Ernennung oder Entlassung von Mitarbeitern.
Das Denken des Ignatius kennzeichnet eine gewisse Indifferenz gegenüber äußeren Formen. Gebetsverpflichtungen sollen das Studium der jungen Jesuiten nicht beeinträchtigen. Ein eigenes Ordenskleid ist nicht vorgesehen, ebenso wenig wie ein verpflichtendes gemeinsames Chorgebet. Zwar fügt sich der gegenwärtige Papst insgesamt willig in das vatikanische Zeremoniell, doch weicht er immer wieder auch bewusst davon ab und relativiert es damit gewissermaßen. Dass er die Einfachheit eines Gästehauses den weitläufigen päpstlichen Amtsräumen vorzieht, ist vor dem Hintergrund erklärlich, dass ein Jesuit sich nicht «einrichten» soll, sondern stets bereit sein muss, sich neuen Aufgaben zuzuwenden. Eine benediktinische stabilitas loci (Ortsgebundenheit) widerspricht dem jesuitischen Denken. Die für den Orden zentralen Aufgaben des Kollegsrektors, Novizenmeisters oder Provinzials werden daher jeweils für drei, maximal sechs Jahre versehen.
Der Jesuitenorden ist der Prototyp des apostolischen Ordens der Neuzeit. Der Sendungsgedanke ist sein inneres Gesetz. Dies scheint Franziskus auf das Papstamt, die Römische Kurie ja vielleicht auf die ganze Kirche anzuwenden. Sie ist nicht um ihrer selbst willen da, sondern um den Seelen zu helfen und die größere Ehre Gottes zu wirken.
5. Resümee
Die eingangs gestellte Frage, ob zwischen Ordensleuten auf dem Stuhl Petri und der Kirchenreform ein Zusammenhang besteht, kann man nicht eindeutig beantworten. Unter den 36 Ordensleuten hat es gute und schlechte Päpste, Reformpäpste und reformferne Kirchenfürsten, Heilige und Sünder gegeben. Allein für die Gregorianische Reform, die im elften Jahrhundert für eine Erneuerung an Haupt und Gliedern gesorgt hat, kann man einen maßgeblichen Einfluss von Ordensmännern veranschlagen. In diesem Fall wurde die Reform wesentlich von Benediktinern initiiert, vorangetrieben und vollendet. Vielleicht kann man sagen, dass es unter den Ordensleuten die Benediktiner waren, die die besten Päpste hervorgebracht haben. Umgekehrt scheinen sich gerade die Franziskanerpäpste besonders weit von ihrem Ordenscharisma, dem Geist der Armut, der Demut und der selbstlosen Hingabe an den Nächsten, entfernt zu haben. Die Dominikaner haben in der Neuzeit mit Pius V. einen energischen Reformpapst hervorgebracht. Das vorsichtige Urteil schein erlaubt, dass unter den 36 Ordenspäpsten außergewöhnlich viele bedeutende Amtsinhaber waren. Aber dies nachzuweisen, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen.
Der gegenwärtige Pontifex ist der erste Vertreter eines apostolischen Ordens der Neuzeit. Für ein abschließendes Urteil über seine Amtsführung ist es sicher noch zu früh. Aber schon jetzt kann man festhalten, dass er auch als Papst erkennbar ein Ordensmann geblieben ist. Die ignatianische Spiritualität scheint sein Handeln zu bestimmen – in weitaus stärkerem Maße, als viele frühere Ordenspäpste von ihrer jeweiligen Spiritualität bestimmt wurden.