Das Abu Dhabi DokumentEine katholische Lesehilfe

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The Abu Dhabi Document on Human Fraternity: Catholic Annotations. If the representatives of two world religions, which differ in the essential content of the image of God, meet: can they speak together «in the name of God»? Is there a risk in the Abu Dhabi document of relativizing the confession of Christ and the universality of salvation? Does the growing distancing of the world from religious values necessitate a shared responsibility for an interreligious dialogue that puts the belief in a creator back in the center? The Abu Dhabi document speaks not of a dogmatic or an ethical relativism that would dispense the question of truth.

Während seiner Apostolischen Reise in die Vereinigten Arabischen Emirate unterzeichnete Papst Franziskus am 4. Februar 2019 zusammen mit dem Groß-Imam von Al-Azahr Ahmad Al-Tayyeb das «Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt».

Sensationell ist es, dass zum ersten Mal in der wechselvollen und konfliktreichen Geschichte der beiden größten Glaubensgemeinschaften der Welt mit zusammen drei Milliarden Menschen die höchste Autorität der katholischen Kirche und eine hohe religiöse und akademische Autorität der islamischen Welt einen gemeinsamen Text vorlegen, der von den Angehörigen der beiden Religionen eine Zustimmung beansprucht, die sie in ihrem Gewissen verpflichtet. Für den Katholiken stellt das Dokument zwar keinen Akt des Lehramtes dar, der die geoffenbarten Glaubens- und Sittenlehren betrifft, die er mit «göttlichen und katholischen Glauben» annehmen müsste (LG 25; DV 10). Aber der Papst wird von ihm auch als die höchste Autorität in der Auslegung des natürlichen Sittengesetzes akzeptiert. Deshalb gibt der Text nicht eine Privatmeinung des Papstes wieder, die den Katholiken in seinem Welt- und Selbstverständnis aus dem katholischen Glauben heraus nichts anginge. Deshalb erwarten die Katholiken und auch Christen anderer Konfessionen zurecht eine theologische Einordnung dieses ungewöhnlichen Vorgangs. Folgende Überlegungen sollen eine Lesehilfe sein für jeden Menschen, der im Leben und Sterben seine Hoffnung allein auf Jesus Christus setzt, den «Sohn des lebendigen Gottes» (Mt 16, 16).

Das «Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen» – so betonen die beiden Autoren – sei entstanden «aus der Begegnung voller Hoffnung auf eine strahlende Zukunft für alle Menschen.» Es «soll eine gemeinsame Erklärung guten und aufrichtigen Willens sein, so dass es alle, die in ihren Herzen den Glauben an Gott und den Glauben an die Brüderlichkeit aller Menschen tragen, einlädt, sich zusammenzutun und gemeinsam daran zu arbeiten; und dass das Dokument so für die jungen Generationen zu einem Leitfaden einer Kultur des gegenseitigen Respekts wird, im Verständnis der großen göttlichen Gnade, die alle Menschen zu Brüdern (und Schwestern) macht.» Die beiden tragenden Säulen der Erklärung sind der Glauben an Gott und seine Gnade, Im Übrigen entspricht das Dokument in seiner Intention der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte durch die Vereinten Nationen (1948). Der erste Artikel dort lautet: «Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.»

Papst und Groß-Imam berufen sich auf ihre «religiöse und moralische Verantwortung», um an alle Menschen guten Willens und an die einflussreichen Eliten in Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien zu appellieren, «die Werte des Friedens, der Gerechtigkeit, des Guten, der Schönheit, der menschlichen Brüderlichkeit und des gemeinsamen Zusammenlebens wiederzuentdecken, um die Bedeutung dieser Werte als Rettungsanker für alle deutlich zu machen und sie möglichst überall zu verbreiten.»

Nur im Glauben an den gütigen und barmherzigen Gott, den allmächtigen Schöpfer der Welt, vor dessen Gericht am Ende sich alle Menschen zu verantworten haben, kann der trostlose Nihilismus der materialistischen Philosophien mit ihrer zum Scheitern verurteilten Selbstvergötzung des Menschen überwunden werden. Dieser Materialismus besteht nicht in der gerechten Bewertung der materiellen Güter für ein menschenwürdiges Leben (GS 19-22), sondern im Verlust oder gar in der Leugnung der Verwiesenheit des Menschen auf die Transzendenz, die ihn dem Machtanspruch des Stärkeren ausliefert.

Aus dem Glauben an Gott im Sinne der christlichen wie der islamischen Tradition entspringt aber die Brüderlichkeit als Berufung und Beanspruchung des Menschen im Gewissen. Darin zeigt sich der Gegensatz zu dem sozialdarwinistischen Prinzip des «Rechtes des Stärkeren» (in falscher Übertragung des biologisch-evolutionären Prinzips survival of the fittest auf die politische Ethik), mit dem die politischen Totalitarismen und ersatzreligiösen Ideologien des 20. Jahrhunderts unendlich viele Leiden über die Menschheit gebracht haben. In ihrer Fortsetzung heute könne man die Anzeichen eines «stückweisen Dritten Weltkriegs» erkennen, also eine Art globalen Vernichtungswillens aller gegen alle, der am Ende die Existenz der Menschheit überhaupt auf unserem Planeten in Frage stellen könnte. Dieser Selbstzerstörung der Menschheit müssen die an Gott den allmächtigen und allgütigen Schöpfer Glaubenden das Prinzip der universalen Brüderlichkeit entgegenstellen.

Schon die Philosophie der Stoa entwickelte in vorchristlicher Zeit den Gedanken der Brüderlichkeit aller Menschen aufgrund der gemeinsamen Natur. Dahinter stand zwar noch der mythische Gedanke, dass wir alle von der Mutter-Erde und dem Himmel-Vater «gezeugt» sind, wobei aber im Begriff Gottes als Vater nicht (auch nicht bei Platon) Gott als personales Gegenüber des Menschen erkannt wurde. Bemerkenswert aber ist, dass hier überhaupt die fundamentale anthropologische Wahrheit der Brüderlichkeit aller Menschen entdeckte wurde. Denn die Offenbarung fügt den durch die Vernunft prinzipiell erkennbaren Wahrheiten nichts hinzu, sondern baut auf ihnen auf, klärt und vollendet sie. Deshalb ist die universale Brüderlichkeit zugleich Vernunft- und Glaubenswahrheit. Die Offenbarung zeigt nur seine innerste Tiefe auf und weist auf seine Vollendung in der übernatürlichen Gnade und der zu erhoffenden Gottesschau hin.

Erst der biblische Glaube an die Erschaffung des Menschen nach Gottes Bild und Gleichnis durch das Wort Gottes und die Gabe des Lebens durch Gottes Geist-Hauch öffnet die menschliche Existenz für ein personal-dialogisches Verhältnis zu Gott. Im Gang der Bundesgeschichte Gottes mit seinem auserwählten Volk ergeht die Verheißung für den Messias und sein endzeitliches, ewiges Königtum: «Ich werde für ihn Vater sein, und er wird für mich Sohn sein» (2 Sam 7, 14). Allein in der Offenbarung der ewigen Sohnschaft des wesenseinen Wortes Gottes in der Relation des Menschen Jesus zu Gott (der hypostatischen Union, d.h. der Einheit seiner göttlichen und menschlichen Natur in der Zweiten Person der Trinität) haben wir Zugang zu den Mysterien der Trinität, der Inkarnation und der übernatürlichen Gotteskindschaft jedes Getauften. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass die Gotteskindschaft des Christen schon in der natürlichen Gotteskindschaft und natürlichen Brüderlichkeit aller Menschen mit dem Akt des Geschaffen-Werdens beginnt. Denn «der Gott und Vater unseres Herrn…hat uns in ihm erwählt vor der Grundlegung der Welt… und uns in Liebe im Voraus dazu bestimmt, seine Söhne zu werden durch Jesus Christus und zu ihm zu gelangen nach seinem gnädigen Willen zum Lob seiner herrlichen Gnade» (Eph 1, 3ff ).

Bedeutsam ist, dass Papst und Groß-Imam aus dem Glauben an Gott sowohl im christlichen Bekenntnis als auch in der islamischen Religion die Folgerung ziehen, die Benedikt XVI. in seiner Regensburger Vorlesung (2006) schon als Erkenntnis-Prinzip des interreligiösen Dialogs formuliert hatte: Mit dem Glauben an Gott, der die Würde jedes Menschen im Akt der Schöpfung als Anteilgabe am Sein und als Mitteilung seiner Gnade und Güte grundlegt und damit die Menschenrechte in unserer leiblich-geistigen Natur verankert, ist jede Gewalt und jeder Zwang gerade in Glaubensfragen absolut unvereinbar. «Denn nicht vernunftgemäß zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider.» Darum ist es entweder eine falsche Interpretation der Quellen sowohl einerseits des katholischen wie auch andererseits des islamischen Glaubens oder ihr ideologischer und politischer Missbrauch, wenn im Namen Gottes physische oder seelische Gewalt gegen Andersgläubige angewendet werden oder wenn – mit welcher Begründung auch immer – die fundamentalen Menschenrechte in Frage gestellt werden, weil niemand anderer als Gott ihr Urheber und Garant ist. Denn die Menschenrechte sind in der Würde begründet, die Gott selbst jedem Menschen verliehen hat. Und er allein ist jetzt und am Ende der Richter, der die Gedanken der Herzen kennt und der allein die innersten Motive unseres Handelns beurteilen kann. Jede Art von Verfolgung Andersgläubiger im Namen Gottes ist darum eine Lästerung seines heiligen Namens. Eine frühchristliche Schrift aus dem 2. Jahrhundert begründet die Gewaltlosigkeit in Glaubensfragen mit dem Wesen Gottes, das in seinem ewigen Wort offenbart wurde, durch das er die Welt erschuf und das – als sein Sohn in diese Welt gesandt – die Menschen zur Freiheit befreit hat: «Gott hat den Sohn zu den Menschen geschickt,[…] als einer, der rettet […] als einer, der überzeugt, nicht Gewalt ausübt. Denn Gewalt ist nicht Gottes Art. Er hat ihn geschickt als einer, der beruft, nicht verfolgt. Er hat ihn gesandt als einer, der liebt, nicht richtet.» (Brief an Diognet 7,4f ).

Die feste Überzeugung von der Wahrheit des eigenen, frei angenommenen Glaubens, die bürgerliche Toleranz gegenüber Andersgläubigen und die Zusammenarbeit für das Gemeinwohl des Staates und der Völkergemeinschaft schließen sich daher nicht aus. Aber die Unmittelbarkeit des Gewissens zu Gott, die jede religiöse und zivile Autorität als das fundamentale überstaatliche Menschenrecht der Religionsfreiheit anerkennen muss, erzwingt auch keinen Relativismus gegenüber der geoffenbarten Wahrheit.

Dieser Zwang wäre eine Karikatur des christlichen oder islamischen Glaubens an den lebendigen Gott und weisen Schöpfer und Erhalter der Welt. Darum ist die Brüderlichkeit aller Menschen nicht nur wie im säkularistischen Denken ein unerreichbares Ideal und schöne Illusion des Glaubens an den Menschen, sondern eine Wirklichkeit, die ihn unmittelbar beansprucht. Der Christ oder Muslim, der unmenschlich gegen seinen Bruder handelt, widerspricht nicht nur einer schönen menschlichen Idee, sondern Gott, dessen Wille das Maß seines ethischen Handelns sein muss.

Weder Papst noch Groß-Imam haben in ihrer Erklärung ihr je eigenes und inhaltlich sich in wesentlichen Fragen widersprechendes Glaubensbekenntnis aufgegeben. Das Dokument wurzelt ebenso wenig im Relativismus gegenüber der Wahrheitsanspruch Gottes wie er in die Richtung einer Einheitsreligion weist. Galt den Marxisten die Religion als Opium für das Volk, das mit Wissenschaft und Fortschritt seine Bedeutung einbüßt, so betrachten die materialistisch eingestellten Sozio-Kapitalisten im Westen und im Osten die Religion als nützliches Mittel, um die Massen ruhig zu halten. Es ist das Konzept einer von jeder Glaubenssubstanz entkernten Zivilreligion. Gaube ohne Wahrheit ist so tragfähig wie eine Brücke, die in der Luft verankert wird.

Begegnung mit dem Dreifaltigen Gott

Im christlichen Glauben sind die Mysterien der Trinität, der Inkarnation, der realen Erlösung aller Menschen durch das Kreuzesopfer Christi und die leibliche Auferstehung der Toten nicht zeitbedingte Zusätze zu einem natürlichen Glauben an den einen und einzigen Gott des philosophischen Theismus, die man ohne Schaden für das christliche Menschenbild und die Ethik auch weglassen oder höchstens als internes Sondergut pflegen sollte. Diese Glaubensinhalte sind vielmehr die Substanz unserer Beziehung zu Gott, dem Vater Jesu Christi, zu dem wir durch seinen einziggeborenen Sohn im Heiligen Geist Zugang haben, da «wir Kinder Gottes heißen und sind» (1 Joh 3, 1). Die Erklärung, die Christen hätten die Bibel gefälscht und die orthodoxe Formulierung der Glaubenslehre bei den Kirchenvätern und auf den ersten Konzilien sei ein zeitbedingtes Missverständnis, können wir nicht akzeptieren. Wir müssen sie vielmehr als Zweifel an der Wahrhaftigkeit unserer Gewissenüberzeugung zurückweisen. Ein interreligiöser Dialog ist nicht ohne Respekt vor der Gewissensüberzeugung und inneren Wahrhaftigkeit des Partners möglich, über die allein Gott entscheidet.

Wenn Katholiken, die ihren Glauben auf einen bloßen Humanismus reduzieren und die Kirche des dreifaltigen Gottes (LG 4) zu einem weltlichen Hilfswerk profanieren in der Meinung, sie in einer säkularisierten Welt zukunftsfähig zu machen, in diesem Sinne die Abu Dhabi-Erklärung begrüßen, spenden sie Papst Franziskus nur ein vergiftetes Lob. Denn der Papst ist nicht die zufällig an die Spitze einer von Menschen gemachten Religionsgemeinschaft gelangte Führungsfigur. Als Nachfolger Petri ist er insofern «der Fels, auf den Christus seine Kirche bauen wollte», als er für die ganze katholische und apostolische Kirche das Bekenntnis zu Person und Sendung Jesu ausspricht: «Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes» (Mt 16, 16). Und vor jeder religiösen und zivilen Autorität dieser Welt wird er furchtlos feststellen wie einst Petrus vor dem Hohen Rat, der den Aposteln verbieten wollte «jemals wieder im Namen Jesu zu verkünden und lehren» (Apg 4, 18): «Dieser Jesus ist der Stein, der von euch Bauleuten verworfen wurde, der aber zum Eckstein geworden ist. Und in keinem andern Namen ist das Heil zu finden. Denn es ist uns kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen» (Apg 4, 11f ).

Im Namen Gottes?

Kann es aber sein, dass der Papst mit einem hohen Vertreter des Islam, der zwar wie die Christen an die Existenz Gottes als Schöpfer und Richter der Welt glaubt, aber wesentliche Glaubensinhalte der katholischen Kirche leugnet und als Widerspruch zu der Mohammed, dem «Gesandten Allahs und Siegel der Propheten» (Koran, Sure 33, 40) geoffenbarten Wahrheit ansehen muss, eine gemeinsame Erklärung abgibt «im Namen Gottes»?

Was bedeutet der Name Gottes im christlichen Bekenntnis? Im biblischen Sprachgebrauch ist der Name die Person selbst in ihrem Wesen und Handeln. Gott offenbart sich selbst in seinem Namen: «Ich bin der Ich bin […] Der Herr, der Gott der Väter. Das ist mein Name für immer und so wie man mich anrufen wird von Geschlecht zu Geschlecht» (Ex 3, 14f ). Und schließlich ist es das Fleisch gewordenen Wort selbst, Jesus Christus, der zu seinem Vater sagt: «Ich habe deinen Namen den Menschen geoffenbart […] Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir» ( Joh 17, 6.11).

Schön und ergreifend beginnt der Koran: «Im Namen Allahs, des sich Erbarmenden, des Barmherzigen […], dem Herrscher am Tage des Gerichts. Dir allein dienen wir und Dich allein bitten wir um Hilfe: Führe uns den geraden Weg, den Weg derer, denen Du Gnade erwiesen hast» (Koran, Sure 1,1.4–7). Aber die Gottessohnschaft Christi, die Trinität und die Inkarnation und damit das Wesentliche des christlichen Glaubens werden schroff als Rückfall in grob anthropomorphes Denken und in den Polytheismus zurückgewiesen (Koran, Suren 2, 116; 4,171; 10,68; 19,35; 21,26; 43,81f; 112,3).

Dagegen erfreuen sich die Jünger Jesu «der Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes» (Röm 8, 21), wenn sie den Glauben an Gott den Schöpfer, Erlöser und Versöhner bekennen, indem sie getauft werden auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes (Mt 28, 19). Aufgrund des Trinitätsglaubens ist im christlichen Verständnis die Transzendenz Gottes nicht von seiner Immanenz in der Welt und seiner In-Existenz in den Herzen der Menschen zu trennen.

Die wahre Intention oder: die Vermeidung von Missverständnissen

Wegen der Nichterwähnung des dreifaltigen Gottes und der Fleischwerdung des Wortes ( Joh 1, 14–18; Röm 8, 3; Hebr 1, 2f ) in einem vom Papst unterzeichneten Dokument haben nicht wenige Christen, darunter Bischöfe und gelehrte Theologen, hier eine Verleugnung Christi und einen Abfall vom christlichen Glauben erkennen wollen. Den Beleg für diese These von enormer Sprengkraft für die Einheit der Kirche in der Wahrheit des Evangeliums (DV 7) wollen sie in der Formulierung gefunden haben, wonach «der Pluralismus und die Verschiedenheit in Bezug auf Religion, Hautfarbe, Geschlecht, Ethnie und Sprache einem weisen göttlichen Willen entsprechen, mit dem Gott die Menschen erschaffen hat.»

Die interreligiösen Dialogtexte mit ihren Absichtserklärungen und Appellen an den guten Willen, die durch viele Hände gehen und bei der radikalen Verschiedenheit des christlichen und islamischen Verständnisses kaum auf eine ausgeglichene Hermeneutik und Terminologie zurückgreifen können, müssen aber eher von der guten Intention ihrer Autoren her interpretiert werden als von der wissenschaftlichen Präzision im Ausdruck her. Man wollte offenbar das positiv und mit Verweis auf die Autorität Gottes formulieren, was sonst negativ formuliert wird, dass nämlich niemand wegen seiner Religion, Hauptfarbe etc. diskriminiert werden darf.

Die Missdeutung lässt sich leicht aufklären. Weder der Papst noch der Groß-Imam vertreten die den beiden Glaubensbekenntnissen zuwiderlaufende Theorie des Religionspluralismus. Für die vom Relativismus in der Wahrheitsfrage hergeleitete Toleranz wird neuerdings wieder Quintus Aurelius Symmachus (342–403) zitiert, der im Streit um den Victoria-Altar im römischen Senatsgebäude so argumentierte: «Es ist gerecht, das Ziel der individuellen Religionsausübung als Einheit zu verstehen. Zu denselben Sternen blicken wir empor, der Himmel ist uns gemeinsam, dasselbe Weltall umgibt uns. Was liegt daran, unter welchem System ein jeder die Wahrheit erforscht? Zum Herzen eines solch erhabenen Mysterium kann nie vordringen, wer nur einen einzigen Weg einschlägt.» (Arnold Toynbee, Wie stehen wir zur Religion? Die Antwort eines Historikers, Zürich 1956, 310, 363)

Wahrheit: Beansprucht vom Christentum und vom Islam

Hier geht es aber um eine gemeinsame Erklärung von zwei Religionen, die für sich nicht nur Teilwahrheiten oder begrenzte Perspektiven auf sie in Anspruch nehmen, sondern welche die eine und ganze von Gott empfangene Wahrheit darstellen, bekennen und leben wollen. Kann es hier Gemeinsamkeiten geben oder nur einen diametralen Widerspruch?

In einem theologischen Kontext ist der sehr unbestimmte Terminus «Religion» nicht phänomenologisch und komparatistisch zu verwenden, sondern philosophisch-anthropologisch. «Religion» bezeichnet die moralische Tugend, in der der Mensch frei seine sittliche und geistige Hinordnung auf Gott aktiviert und so «das erste und wichtigste Ziel» aller konkret existierenden Religionen verwirklicht, nämlich: «an Gott zu glauben, ihn zu ehren und alle Menschen dazu aufzurufen zu glauben, dass dieses Universum von einem Gott abhängig ist, der es führt, der der Schöpfer ist, der uns mit seiner göttlichen Weisheit geformt hat und uns die Gabe des Lebens geschenkt hat, um sie zu behüten.» Diese generelle Definition von «Religion» im Dokument des Papstes und Groß-Imams entspricht in etwa der Definition von «religio als virtus moralis» bei Thomas von Aquin (S.th. II-II q. 81) und liegt auch der Erklärung des II. Vatikanums über das «Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen» zugrunde liegt (NA 1). Nach dem katholischen Glauben ist ein Dialog mit philosophischen und andersreligiösen Wahrheitsansprüchen möglich, weil schon die natürliche Vernunft allgemein zugängliche Wahrheiten erkennt (praeambula fidei) und weil Gott in seiner Vorsehung Menschen durch ihre angestammten Religionen zur Erkenntnis Christi hinführen (praeparatio evangelica) will, ohne den eschatologischen Wahrheitsanspruch Gottes in Christus zu relativieren, den zu verkünden und zu bezeugen der katholischen Kirche aufgetragen ist (LG 8; 14).

In den Religionen und Philosophien sprechen die Menschen nicht nur ihre existentiellen Grundfragen aus nach dem Sinn vom Sein und der kollektiven und individuellen Existenz des Menschen (GS 10). Die konkreten Religionen haben – trotz all ihrer Mängel im einzelnen – im Ganzen des universalen Heilsplans Gottes ihre Funktion, in dem Gott sich als der Ursprung und das Ziel der ganzen Schöpfung kundgibt und der die Menschheit am Ende in der Gemeinschaft mit ihm vereinen will (NA 1). Es gibt das natürliche Streben der Vernunft, Gott zu erkennen (im Licht des Glaubens) und (erhoben durch die Gnade) von Angesicht zu Angesicht zu schauen (im Licht der Glorie) als Ursprung und Ziel alles Seienden. Es gibt die Sehnsucht nach der Glückseligkeit des Menschen, sonst wären seine Vernunft und sein Willen totaliter frustriert und er wäre definitiv gescheitert. Das kann aber um Gottes willen nicht sein, weil das natürliche Verlangen (desiderium) der geistigen Natur, nämlich, dass der geschaffene Verstand die erste und universale Ursache aller Dinge erkennt, nicht unerfüllt bleiben kann (Thomas v. Aquin, S.th. I q.12 a.1).

Die Freiheit zu glauben

Die Kirche Christi versteht sich nicht als eine Religionsgemeinschaft, die um sich selbst kreist und alle anderen in sich hinein auflösen will. Der universale Missionsauftrag ist Vollzug des universalen Heilswillens, der sich nur in der freien Annahme des Glaubens geschichtlich durchsetzt (DV 5). Er unterscheidet sich aber von einem Programm, die ganze Welt der Herrschaft Gottes in der Form einer konkreten historischen Religion und in einer politischen Struktur zu unterwerfen. Das endgültige Heil vollendet sich aber nicht in der Geschichte und kann darum auch nicht von unten nach oben gebaut werden wie es die Idee eines «Paradieses auf Erden» vorspiegelt. Die Geschichte und damit auch die Mitwirkung des Menschen beim Aufbau des Reiches Gottes wird erst in der Ewigkeit der neuen Schöpfung vollendet (Offb 21, 1f ). Die katholische Kirche ist dafür in Christus Zeichen und Werkzeug des universalen Heilswillens (LG 1). Gemeint ist aus christlicher Sicht nicht, dass in allen Religionen nur ein Aspekt des ansonsten unzugänglichen Mysteriums aufleuchtet und es neben Christus noch andere Wege zum Vater geben könnte, sondern dass Gott weise die Begegnung mit ihm in Jesus Christus vorbereitet (Apg 14, 15ff; 17, 22–31; Röm 1, 19;16) und die Annahme seines Evangeliums in Freiheit ermöglicht. Wir bitten (!) im Vaterunser: «Dein Reich komme, dein Wille geschehe!» (Mt 6, 10).

Der oben angeführte Satz des gemeinsamen Dokumentes müsste irritieren, wenn man an den (absoluten) Willen Gottes als solchen zu denken hätte, wie er mit seiner ewigen Vernunft zum Wesen Gottes gehört (Thomas von Aquin, S.th. I, q.19; S.c.g. I cap. 89–96), und nicht an seinem geschichtlich sich verwirklichenden (geordneten) universalen Heilswillen (1 Tim 2, 4), in welchem er seinen Heilsplan in Christus offenbart, «um alle Heiden zum Gehorsam des Glaubens zu führen» (Röm 16, 25ff ). Spekulationen über den Wesenswillen Gottes jenseits seines geschichtlichen Heilswillens sind hier unangebracht. Der zulassende Wille Gottes bezieht sich sogar auf das Übel als Defekt der Natur oder auf das Böse als Widerspruch zum gesollten Guten: Gott verhindert nicht immer und sofort die Übel der Welt, um das höhere Gut der Vollendung der Freiheit in der Liebe nicht unerreichbar zu machen; denn er lässt Weizen und Unkraut zugleich wachsen bis zur Ernte (Mt 13, 36–43); wie sollte dann der Islam ausgenommen sein, den die Kirche doch dem Zweiten Vatikanischen Konzil zufolge «mit Hochachtung» betrachtet (NA 3)?

Autorität und Autorisation

Die wichtigste Frage im Abu Dhabi-Dokument besteht aus katholischer Sicht in der «Autorität und Autorisation», die es dem Papst und dem Groß-Imam ermöglichen und erlauben, gemeinsam «im Namen Gottes» zu sprechen.

Dass sie zu Recht ihre religiöse Autorität einsetzen, um im Namen der Leidenden, Verfolgten, Ausgebeuteten, Armen und Entrechteten zu sprechen und die Mächtigen der Welt eindringlichst bitten, der Jugend eine menschenwürdige Zukunft auf unserer Erde zu ermöglichen, liegt auf der Hand. Dies wird von keinem Menschen guten Willens bestritten. Meinen Papst und Groß-Imam aber dasselbe, wenn wir uns auf Gott berufen und entweder das Wort «seines Gesandten und Propheten Mohammed» predigen oder als «Diener des Wortes» (Lk 1, 2) vor die Welt hintreten und im Namen des gekreuzigten und auferstandenen Christus «allen Völkern Umkehr zu verkünden, damit ihre Sünden vergeben werden» (Lk 24, 47)?

Der frühchristliche Autor unterscheidet schon im 2. Jahrhundert: «Wahrhaftig hat der allmächtige, allschaffende und unsichtbare Gott selbst vom Himmel her die Wahrheit und das heilige und den Menschen unbegreifliche Wort in ihre Herzen eingepflanzt und darin befestigt. Das tat er nicht, wie einer vermuten könnte, indem er den Menschen irgendeinen Diener schickte, einen Engel…, sondern ihn selbst, den Baumeister und Urheber des Alls, durch den er auch den Himmel geschaffen…: seinen Sohn.» (Diognetbrief 7,2f )

Wer in der Stimme der Apostel Christus hört, hört den, der ihn gesandt hat (Lk 10, 16). Es ist der Vater Jesu, «der Herr des Himmels und der Erde», von dem Jesus als der endzeitliche und endgültige Prophet, der alles Prophetentum in sich umgreift und überbietet, sagt: «Niemand erkennt, wer der Sohn ist, nur der Vater, und niemand erkennt, wer der Vater ist, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will.» (Lk 10, 22)

Gewiss wird im Koran die immanente Trinität und die ökonomische Trinität abgelehnt in der Weise, wie sie – aus christlicher Sicht – falsch verstanden ist. Das bedeutet aber nicht, dass sie bei Richtigstellung in den islamischen Glauben integriert werden könnten. Da zwischen der subsistierenden Natur Gottes und den nur aufgrund der Offenbarung zugänglichen Erkenntnis der relationalen Opposition der göttlichen Personen nicht unterschieden werden kann, bleibt als spekulative Erfassung des islamischen Gottesbegriffs nur ein unitarischer Monotheismus. Dieser unterscheidet sich aber m.E. vom spekulativen Theismus im Gefolge des Deutschen Idealismus (Fichte, Weiße), weil es im Islam nicht um die philosophische Denkbarkeit des Absoluten geht, sondern um den das ganze Leben prägenden Gehorsam gegenüber dem seinen gnädigen Willen kundgebenden, aber in sich absolut unbegreiflichen Gott.

Jede Rede von dem einen Wesen in drei Personen als subsistente Relationen, die aber die Einzigkeit des Wesens nicht tritheistisch aufsprengen, muss in muslimischen Ohren schrill wie eine blasphemische Wortspielerei klingen (Koran, 4,171; 5,73.116). Dem Islam ist die Gottessohnschaft Jesu zu denken unmöglich – nicht nur im Missverständnis nach Analogie einer biologischen Zeugung, sondern auch im richtigen christlichen Verständnis der Inkarnation, dass aus dem Vater der ihm ewig wesensgleiche Sohn hervorgeht. Deshalb kann im Islam auch nicht umgekehrt von der ökonomischen Trinität, d.h. von der Sendung des Sohnes und des Heiligen Geistes, zurückgeschlossen werden auf den innergöttlichen Hervorgang des Sohnes und des Geistes aus dem Vater (durch die geistige generatio und spiratio). Somit ist a limine der Zugang zu den drei christlichen Hauptmysterien verschlossen: die Trinität, die Inkarnation und die Gotteskindschaft der Erlösten.

Trotz der Unvermittelbarkeit der Überzeugungen hinsichtlich des Wesens und Wirkens Gottes und seiner Offenbarung als bloße Kundgabe seines Willens oder als Mitteilung seines dreifaltigen Lebens, können aber trotzdem gemeinsam die Menschenwürde und die Menschenrechte in der Transzendenz und Majestät Gottes begründet werden. Darin gehen sowohl der christliche als auch der islamische Glaube weit über die Begründung der universalen Brüderlichkeit in einer humanistischen Gesinnung und einer sich selbst bewundernden Philanthropie hinaus.

Von Gott sprechen «remoto Christi»?

Bleibt die Frage: Kann der Papst in der Amtsnachfolge Petri als der erste und für die Einheit der katholischen Kirche wichtigste Zeuge der wahren Gottheit und Menschheit Christi remoto Christo, d.h. von Gott sprechen ohne Christus – und zwar gerade mit dem Vertreter einer Religion, die die Gottheit Christi explizit leugnet und als Widerspruch zur Einzigkeit Gottes empfinden muss? Kann ein solcher Dialog über den Austausch von menschlichen Freundlichkeiten hinaus von Gott selbst sprechen?

Gewiss vermögen wir nicht gemeinsam zu Gott sprechen im Gebet, das der Christ nur und immer an den Vater durch Christus im Heiligen Geist richten kann.

Aber wir können den Dialog und die Zusammenarbeit beginnen und uns der fundamentalsten Gemeinsamkeiten versichern, dass Gott existiert, dass er einer ist (Deum esse unum), dass er in seiner Güte die Welt geschaffen hat und dass die Menschen aufgrund ihrer Freiheit sich für ihre Taten vor ihm zu verantworten haben. Das schließt jeden polytheistisch inszenierten mythischen und magischen Bezug zum Weltgrund und auch die pantheistische Identifizierung Gottes mit der Welt aus (Deus sive substantia sive natura).

Wer schon an die Einzigkeit Gottes als Schöpfer der Welt und Ziel des Menschen glaubt, kann leichter zum Mysterium der Trinität hingeführt werden als derjenige, der an viele Götter, d.h. an die Göttlichkeit der Welt, glaubt und damit die Transzendenz Gottes radikal verfehlt. Nur wenn Gott ontologisch transzendent ist, kann er auch frei durch die Menschwerdung der Welt immanent werden und seinen Geist ins Herz des Menschen ausgießen.

In diesem Sinn können Papst und Groß-Iman ihren Appell für ein friedliches Zusammenleben der Menschen wir Brüder und Schwestern in der Menschheitsfamilie zurecht beginnen: Im Namen Gottes.

Der theologische Ansatz des Dialogs

Der hl. Thomas von Aquin hat die Methode der katholischen Theologie, mit anderen Glaubensrichtungen wissenschaftlich zu diskutieren in der Summa contra gentiles gültig so beschrieben: Mit den Juden diskutieren wir aufgrund der Autorität des gemeinsamen Alten Testaments; mit den christlichen Häretikern und Schismatikern darüber hinaus auf der Grundlage des Neuen Testaments und den von ihnen anerkannten Kirchenlehrern und Konzilien; mit den Heiden und den Muslimen (=Mahumetistae) auf der Basis der natürlichen Vernunft (S.c.G., cap.2). Und mit den Muslim können wir zusätzlich sprechen in Bezug auf ihre Offenbarungsurkunde, was Thomas aber nicht unmittelbar auf den Koran bezieht, sondern mehr auf die Reflexion seiner Grundprinzipien in der arabisch-islamischen Philosophie (Avicenna, Algazel, Averroes). Mit Hilfe der Vernunft gelangen wir aber zur vernünftigen Erkenntnis der Existenz Gottes und den Eigenschaften, die zu seiner Geist- und Willens-Natur gehören. Insofern könnten die arabischen Philosophen die Gotteslehre des Thomas bis zum Einsatz der Trinitätslehre im Wesentlichen mit vollziehen (S. th. I q. 2–26). Im Unterschied zur vorchristlichen Philosophie, die nur bis zur Erkenntnis des absoluten Seins des ersten Bewegers, seiner Ewigkeit, Unendlichkeit, Güte etc. gelangte, aber die Schöpfung (über den Demiurgen hinaus) nicht denken konnte, kennen die Muslime aufgrund ihrer Offenbarungsurkunde im Koran auch die Hervorbringung des ganzen endlichen Seins durch den einzigen, unteilbaren und wahren Gott und damit auch die personale Freiheit, in der der Mensch sich auf Gott zurückbezieht mit Anbetung, Dank und Bitte. In diesem Sinn sagt das II. Vatikanum, dass Gottes Heilswille auch besonders die Muslim umfasst, insofern sie den Schöpfer anerkennen […] und mit uns den einen Gott anbeten, den barmherzigen, der die Menschen am Jüngsten Tag richten wird.» (LG 16; vgl. NA 3). Das ist die Erkenntnis Gottes aus der Vernunft und darüber hinaus auch die Gott geschuldete Anbetung Gottes in seinem Gott-Sein und die Dankbarkeit ihm gegenüber als unserem Schöpfer (Röm 1, 19f ) mit dem Hinweis, dass sie einen Gott kennen, der zu den Menschen gesprochen hat, wenn auch nur durch Geschöpfe und durch sein Wort, das Fleisch/Mensch geworden ist (vgl. NA 3).

Natürlich steht aufgrund der Einheit der Heilsgeschichte im Alten und Neuen Bund dem christlichen Glauben der Glaube Israels an Gott nicht nur nahe, sondern gehört zu seinem Wesen. Die Einheit der Schriften des Alten und Neuen Testaments liegt nicht nur empirisch in ihrem literarischen Ausdruck und inneren Ideengehalt, sondern präexistiert in der transzendenten Einheit des dreifaltigen Gottes. Der Gott Abrahams und Moses ist der Gott und Vater Jesu Christi, den – gemäß der Lehre des Sohnes vom Vater – die Jünger Jesu als Vater (Lk 11, 1) an-sprechen und an-beten.

Der Christ erkennt den einen und dreieinen Gott (Deum unum et trinum) nur Kraft der Selbstoffenbarung Gottes im subsistent-relationalen Wort seiner wesenhaften Vernunft und im subsistent-relationalen Willen seiner wesenhaften Liebe. So glaubt er nicht nur mit den Muslimen, dass Gott ist (credere Deum esse) und vertraut ihm vorbehaltlos (Deo credere), sondern er glaubt mit dem eingegossenen Licht des Heiligen Geistes an Gott in seiner Selbstmitteilung als Wahrheit und Leben (credere in Deum unum et trinum). Nur im Lichte des geoffenbarten und des unserem Verstand eingegossenen Glaubens erkennen wir, dass Gott die Einzigkeit seines ewigen Seins, Wesens und Lebens in den immanenten subsistierenden Relationen vollzieht, die in der Beziehung Jesu zu seinem Vater im Heiligen Geist uns kund gegeben und mit-geteilt sind. In der Offenbarung des innersten trinitarischen Geheimnisses Gottes wird aber Gott nichts real hinzugefügt (etwa im dialektischen Widerspiel mit sich selbst) oder der Schöpfung sein Einssein im Wesen verdreifacht oder seine Natur in drei Teile gegliedert. In der Offenbarung wird uns jedoch nach und nach kundgemacht, was Gott an sich und gerade darin für uns ist. Darum ist Gott der Seinsordnung nach immer schon der drei-eine Gott, dessen Sein sein Wesen ist. Aber der Erkenntnisordnung nach wird er erst im Höhepunkt der geschichtlichen Selbstmitteilung als der eine Gott in den personalen Relationen von Vater und Sohn im Heiligen Geist erkannt.

Der innere Grund des christlich-islamischen Dialogs: Die Einzigkeit Gottes

Wenn auch im Lichte der Trinität die ganze Tiefe der Schöpfung als Teilhabe am Sein Gottes und als Mitteilung seiner Güte und damit in der menschlichen Natur Christi, die in der Person des göttlichen Wortes subsistiert, als vermittelnde Rückkehr des Menschen aufscheint, so kann doch die Tatsache der Erschaffung der Welt aus dem Nichts und ihres einzigen Seins-Grundes in Gott anerkannt werden, auch wenn noch keine explizite Erkenntnis der Trinität Gottes gegeben ist. Aufgrund der Trinitätsoffenbarung wird die Einheit und Einzigkeit Gottes nicht in Frage gestellt, sondern im Gegenteil uns in ihrer höchsten Weise der Verwirklichung aufgezeigt (S.th. I a.11 a.4).

Dass Gott aber nur einer und eines ungeteilten Wesens ist, ergibt sich ontologisch und logisch aus seiner Einfachheit. Da Gottes Sein identisch ist mit seiner Natur (ipsum esse per se subsistens), ist es ein und dasselbe Prinzip, wodurch Gott Gott ist (quo est) und weshalb (quid est) er dieser einzige und wahre Gott ist. Das Glaubensbekenntnis der islamischen Schahada «Es gibt keinen Gott außer Gott» entspricht dem Schma Israels: «Höre Israel! Der Herr dein Gott ist einzig» (Dtn 6, 5) und von daher auch dem christlichen Glauben: «Einer ist Gott» (Röm 3, 30; 1 Tim 2, 5). Beim Menschen ist es ein anderes Prinzip, wodurch er Mensch ist (die Teilhabe an der allgemeinen, aber nicht subsistierenden menschlichen Natur) und wodurch er dieser Einzelmensch namens Jorge oder Ahmad ist. Gott ist aber kein Name für eine allgemeine Gattung, deren Exemplare durch ein anderes Prinzip der Individuation existieren, und darum gibt es nur einen Gott und nicht mehrere. Unser Begriff «Gott» ist also ein distinkter Name (personaliter sumptum) für dasjenige Seiende, das im vollkommenen und unendlichen und ewigen Besitz des Seins ist und damit als das in sich subsistierende Sein selbst wirklich ist.

Aus der Selbigkeit von Sein und Wesen Gottes folgt seine Vollkommenheit. Wenn es also mehrere Götter gäbe, müssten sie sich unterscheiden durch Vollkommenheiten, welche die einen besitzen und welche die anderen nicht besitzen. Schon die vorchristlichen Philosophen wussten deshalb, dass das erste Seinsprinzip nur eines sein kann und in seiner Vollkommenheit ungeteilt sein muss. Also ist Gott einer. Diese Vernunftwahrheit, dass Gott einer und einzig ist (unus et unicus), ist auch eine klar erfasste Glaubenswahrheit aufgrund der Selbst­offenbarung Gottes gegenüber Mose, dem Mittler des Alten Bundes: «Höre Israel! Der Herr, unser Gott, der Herr ist einzig.» (Dtn 6, 4) und «Gott ist der Eine» (Gal 3, 20) und «Einer ist Gott und einer der Mittler zwischen Gott und den Menschen: der Mensch Christus Jesus» (1 Tim 2, 5). Im Neuen Testament wird der Begriff «Gott» nicht zur Bezeichnung des Wesens Gottes genommen im Gegensatz zu den drei göttlichen Personen. Gott ist immer die Person des Vaters, der in der immanenten Trinität relational sein Gott-Sein vollzieht hin zu der Person des Sohnes und zur Person des Heiligen Geistes. Die Hervorgänge der Personen des Sohnes und des Heiligen Geistes aus dem Vater in der immanenten Trinität werden geoffenbart. In der ökonomischen Trinität, indem Gott den Sohn und den Geist in die Welt sendet, offenbart er sich, damit wir Menschen durch Christus im Heiligen Geist in eine Beziehungseinheit mit dem dreifaltigen Gott eintreten.

Der einzige Gott und die Frage «unde malum»?

Aber im Verhältnis zum islamischen Gottesverständnis ist aus der gemeinsamen Überzeugung von der Einheit und Einzigkeit Gottes noch ein weiterer Schluss von höchster Bedeutung. Wenn nur der einzige Gott der alleinige Schöpfer der Welt sein kann, dann folgt daraus auch die geordnete Vielfalt in der Welt. Die Schöpfung ist Kosmos, der die Vernunft Gottes widerspiegelt. Die Welt ist kein fürchterliches Chaos und kein heilloses Durcheinander ohne Herkunft und Ziel. «Alle Dinge sind aufeinander hin geordnet und die einen stehen im Dienste der anderen.» (S.th. I a.11 a.3). Gott ist ein Gott der Ordnung und der Theologe erfasst im Glauben die Logik dieser Ordnung. Im Blick auf Gottes Weisheit in Schöpfung und Heilsgeschichte zeigt sich die Aufgabe des Theologen und das Qualitätskriterium seiner Arbeit: «Sapientis est ordinare.» (S.c.g. I cap.1)

So zeigt sich, dass Gott die Welt nicht nur hervorgebracht hat, sondern alle Dinge und besonders die Menschen in weiser Vorsehung den rechten Weg lehrt und sie anleitet, das Gute zu tun, um durch ihn das Ziel zu erreichen (wie immer die Belohnungen des Himmels und die Strafen der Hölle aufgefasst und veranschaulicht sein mögen). Für das christliche Verständnis gibt es außer dem Bezug zu Gott als Ursprung und Ziel, die schon in der Schöpfung grundgelegte Inexistenz Gottes in allen Dingen und besonders im Menschen durch seine Wesenheit, Gegenwart und Macht (S.th. II. q.8). «In IHM leben wir, bewegen wir uns und sind wir.» (Apg 17, 28).

Und welcher Christ wüsste nicht, dass das Gebot der Gottesliebe und Nächstenliebe und seine Ausfaltung im Dekalog bis hin zur Feindesliebe nicht lediglich eine äußere, mechanisch zu erfüllende Vorschrift ist, an der wir uns ethisch zu bewähren hätten, sondern dass das Innewohnen des dreifaltigen Gottes in unseren Herzen das Umfangensein unseres ganzen Daseins, Lebens und Fühlens von Ihm bedeutet, von dem es heißt: «Gott ist Liebe» (1 Joh 4, 4.8.16). Mein Schöpfer und Erlöser «ist höher als mein Höchstes und mir innerlicher als mein Innerstes» (Augustinus, Conf. III, VI, 11).

Wenn also das Geheimnis der Dreifaltigkeit auf keine Weise durch die natürliche Vernunft erschlossen werden kann, so ist doch die Einheit und das Einer-Sein Gottes sowohl durch die Offenbarung (Dtn 6, 5) als auch durch die Vernunft erkennbar (Röm 1, 20). Das gilt auch für seine Wirkungen, durch die wir bis zu einem gewissen Maß (per analogiam) auf seine Eigenschaften schließen können. Wenn Gott einer ist, dann kann es keine zwei metaphysisch verschiedene Ursprünge der geschaffenen Welt geben. Weil er uns Dasein und Leben schenkt, gnädig und barmherzig ist als unser Herr, in seiner Güte uns Wohltaten erweist, darum ergibt sich der zwingende Schluss, dass gegen jeden ethischen Dualismus das Böse nicht von Gott kommt oder von einem von ihm verschiedenen bösen metphysischen Urprinzip verursacht wird, weil es dieses weder personal (als ein böser Gott oder als Böses in Gott) noch natural neben dem einzigen allmächtigen und allgütigen Gott geben kann. Das Böse kommt also nach der islamischen Religion und dem katholischen Glauben durch den Missbrauch der Freiheit in die Welt.

Auf die Frage, wie es angesichts der göttlichen Allmacht und der Tatsache, dass niemand und nichts seinem Willen widerstehen kann, Böses innerhalb der Schöpfung geben kann, gibt es nur die Antwort, dass Gott selbst den geistbegabten Geschöpfen einen freien Willen gegeben hat. Damit verfügt der Mensch über eine geschaffene Eigen-Ursächlichkeit, so dass der Mensch selbstverantwortlicher Urheber seiner freien Willensakte ist und ihre Wirkungen zu verantworten hat. Gott lenkt aber die kreatürliche Freiheitsakte als Mittelursachen, um seinen universalen Schöpferwillen und universalen Heilswillen geschichtlich zu verwirklichen. Mit Hilfe der Gnade kann der Mensch frei mitwirken an der Erfüllung des Willens Gottes in der Welt. «Wir sind Gottes Mitarbeiter» (1 Kor 3, 9). Aber der Mensch kann ihn durch den Missbrauch der menschlichen Freiheit, indem er Böses tut, nicht an der Durchsetzung des universalen Ziels der Rettung der Menschheit verhindern, sondern nur sich selbst vom Heil ausschließen.

Das Verständnis und die Hinnahme des Willens Gottes im Sinne des Fatalismus, weil der fürsorgliche und barmherzige Wille Gottes das Gegenteil eines blinden Fatums ist, wäre eine Beleidigung Gottes, der den Geschöpfen «die Würde der Ursächlichkeit» (S.th. I q. 23 a.8 ad 2) mitgeteilt hat. Der frühe Tod eines Kindes oder das Leiden des Unschuldigen und sogar der (geistliche) Tod des Sünders sind nicht unmittelbar das Ergebnis des Willens Gottes, sondern das Resultat der materiellen, affektiven, mentalen oder vom freien Willen gesetzten Zweitursachen, die aber den endgültigen Willen Gottes zum Heil der Menschheit nicht verhindern können. Im christlichen Sinne gibt es keinen wahren Glauben ohne eine starke Hoffnung für sich selbst, die nahestehenden und alle Menschen. «Die Hoffnung lässt nicht zugrunde gehen, denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.» (Röm 5, 5) Darum steht jeder Voluntarismus, der Gottes Willen als unerforschliche Willkür auslegt oder die Prädestination zum Bösen oder zur Hölle lehrt und damit den Menschen mit einem unerbittlichen Gott droht, statt sich und andere seiner Barmherzigkeit anzuvertrauen, im strikten Gegensatz zur Gotteserkenntnis sowohl aus der Vernunft als auch aus der Offenbarung (vgl. Röm 8, 28f ).

Grundlagen der Brüderlichkeit

Aus der Einheit der Schöpfung in der Vielfalt der aufeinander bezogenen Einzelwirklichkeiten ergibt sich sowohl für den Papst als auch den Groß-Iman zu Recht die Solidarität aller Menschen unabhängig von ihrem Glaubensbekenntnis und auch zu den Menschen, die Gott nicht kennen oder sogar theoretisch und praktisch leugnen. Die Grundlage der Brüderlichkeit ergibt sich aus der Einheit des Menschengeschlechtes (unabhängig von den biologischen Fragen um Monogenismus oder Polygenismus etc.). Alle Menschen sind «in Adam», dem Prototyp der Menschheit, von Gott geschaffen und darum Brüder und Schwestern. Darum fragt Gott, der Schöpfer des ganzen Menschengeschlechtes, den Kain, nachdem dieser seinen Bruder Abel ermordet hatte: «Wo ist dein Bruder Abel?… Das Blut deines Bruders erhebt seine Stimme und schreit zu mir vom Erdboden.» (Gen 4, 8ff ) Der Bruder ist nicht nur der Angehörige meiner Familie, meines Volkes und meiner Glaubensgemeinde. Auch beim Endgericht über alle Völker identifiziert sich Jesus mit jedem leidenden und hilfsbedürftigen Menschen. Ungeachtet der natürlichen Bande und der Religionszugehörigkeit macht er den Eingang der Gerechten ins ewige Leben oder die Verhängung der ewigen Strafe abhängig von der Feststellung: «Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan» (Mt 25, 40) bzw. «nicht getan» (Mt 25, 45).

Gott hat allen Menschen seine Güte mitgeteilt: Über ihren Glauben und Unglauben und ihre guten und bösen Taten ist er aber allein der Richter. Und er richtet uns nach unserem brüderlichen Handeln gegenüber unserem Nächsten. Das heißt aber nicht, dass man den Glauben als Hingabe des Verstandes und des Willens an den sich offenbarenden Gott auf Ethik und Mitmenschlichkeit reduzieren dürfte. Gott ist gemäß dem christlichen und islamischen Glauben gegenüber dem reuigen Sünder barmherzig und verweigert ihm nicht die Gnade der Versöhnung.

Die universale Brüderlichkeit ergibt sich also schon aus dem Glauben an Gott unsern Schöpfer und Richter, der nichts zu tun hat mit dem Demiurgen der Heiden und dem «Höchsten Wesen» der Deisten, die von einem undogmatischen, auf Ethik reduzierten Christentum träumen, und schon gar nichts mit einem «Humanismus ohne Gott» eines Marx, Comte, Nietzsche und Freud. Sie beginnt für den Christen aber nicht erst mit dem Brudersein in der Kirche, das in der Gotteskindschaft jedes Getauften begründet ist, durch die wir in übernatürlicher Gnade in die Sohnesrelation Christi, des wesensgleichen Sohnes Gottes, zum Vater im Heiligen Geist hineingenommen werden (Gal 4, 4–7).

Im christlichen Denken ist Gott, der Vater, die Bezeichnung der ersten Person der Trinität. Aber er wird allgemein auch als Vater erkannt in seinem sorgenden Handeln für alle Menschen (Apg 17, 28; 1 Kor 8, 6, Eph 3, 14ff; 4, 6; Jak 1, 17). Dieses Attribut gibt uns keinen Einblick in die göttliche Psychologie, was nur eine allzu anthropomorphe Projektion unseres Gefühlslebens wäre. Dass Gott Schöpfer und Vater heißt, weist vielmehr hin auf die Ordnung und die Einheit des Heilsplans Gottes für das ganze Universum, die Menschheit und jeden einzelnen Menschen. Wenn auch der Koran im Zusammenhang der Rede von Gott, dem Schöpfer, den Begriff Vater im attributiven Sinn vermeidet, so weisen doch das barmherzige und weg-leitende Verhalten Allahs inhaltlich in diese Richtung (Koran, Sure 59,22–24).

Denn Gott ist hier nicht die ewig lächelnde platonische Sonne, das spekulative erste Prinzip des Seins des sich selbst denkenden Denkens, der kalte Uhrmachergott des Deismus, der dialektisch im Gang durch die Geschichte sich selbst vermittelnde absolute Geist, der fiktive Fixpunkt einer relativistischen Zivilreligion, die nicht weiß, wie sie sich aus dem Sumpf ihres Nihilismus ziehen soll.

Christen und Muslime können sicher gemeinsam sagen, dass der unendliche und vollkommene Gott uns nicht geschaffen hat, weil er uns braucht, sondern weil er uns seine unendliche Güte mitteilen will. Gott gewinnt durch die Schöpfung nichts und verliert auch nichts. Das ist die höchste Erkenntnis über Gott, zu der wir noch vor der Selbstmitteilung des dreifaltigen Gottes kommen können.

Das gemeinsame Dokument – ein Wegweiser für die Zukunft

Beten wir, dass das «Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen» gemäß der Hoffnung seiner beiden Verfasser «ein Zeugnis für die Größe des Glaubens an Gott sei, der die getrennten Herzen eint und den menschlichen Geist erhebt». Die aktuellste moralische Konsequenz aus dem gemeinsamen Glauben an Gott, der Schöpfer und Erhalter des Lebens, besteht doch darin, dass die katholische Kirche und die islamische Gemeinschaft gegenüber den Europäischen und internationalen politischen Institutionen und privaten Stiftungen die mutigsten Zeugen des Lebens sind, das wir alle dem Schöpfer verdanken. Darum sagen ihre Vertreter in diesem gemeinsamen Dokument: «Niemand hat das Recht, diese Gabe wegzunehmen, zu bedrohen oder nach seinem Gutdünken zu manipulieren. Im Gegenteil müssen alle diese Gabe des Lebens von ihrem Anfang bis zum natürlichen Tod bewahren.»

Damit wird auch klar, dass der interreligiöse Dialog nicht dem dogmatischen und ethischen Relativismus die Tür öffnet, indem er auf die Wahrheitsfrage zugunsten eines unverbindlichen Humanismus verzichtet und sich mit Sentimentalitäten der Lächerlichkeit preisgibt. Papst und Groß-Imam kommen vielmehr «ausgehend von einer tiefen Reflexion über unsere gegenwärtige Realität» zu der Überzeugung, dass die Hauptursachen für die Krise der modernen Welt ein betäubtes Gewissen und eine Entfremdung von religiösen Werten sind sowie die Dominanz von Individualismus und materialistischen Philosophien, die den Menschen vergötzen und weltliche wie auch materielle Werte an die Stelle der höchsten und transzendenten Prinzipien setzen.»

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