Mittendrin: Im Leben. In der Verheißung. In der HerausforderungMissionarisches Ordensleben in Großstädten

Abstract / DOI

Right in the Middle: Missionary Religious Life in Big Cities. Religious life is missionary by its very nature. The proclamation of the Gospel is realized differently according to the mission model of each religious order. Here the eschatological and charismatic-prophetic orientation of religious life comes into play. For the mission of religious to succeed in modern cities, religious life has to be in communication with the circumstances of the cities. That allows insights to be gained into the "how" and "what" of mission. Since modern cities are strongly marked by plurality and the gap between rich and poor, the focus of mission can be seen, in combination with the essential characteristics of religious life, in spiritual accompaniment in a broad sense as well as the option for the poor.

Frankfurt am Main. Messestadt, Börsenstadt, ungefähr 750.000 Einwohner aus 177 Nationen, Bankentürme neben Konsumräumen, Vertretungen aller Weltreligionen. Die Stadt atmet Pluralität, Veränderungsbereitschaft, es sind Geschäftsleute, Straßenkünstler, Wohnungslose, Gutbürgerliche anzutreffen – und Ordensleute, mittendrin. Als Teil der Stadt haben sie Anteil an deren Leben, deren Verheißung, deren Herausforderungen. Und sie tragen ihr eigenes Lebenszeugnis, die sie erfüllende Verheißung, die von ihnen ausgehenden Herausforderungen in die Stadt hinein.

Mit nicht einmal einer Million Einwohnern ist Frankfurt trotz Skyline und Flughafen freilich ein Zwerg im Reigen der Großstädte und Megacitys1 in ihren unfassbaren Ausmaßen weltweit. An ihnen lässt sich ablesen, dass der Trend der Urbanisierung sich ungebrochen fortsetzt: Während im Jahr 1950 30 Prozent der Weltbevölkerung in Städten lebten, waren es 2018 bereits 55 Prozent, und diese Zahl wird sich voraussichtlich auf 68 Prozent im Jahr 2050 steigern.2 Die Gründe für die Anziehungskraft der Städte sind vielfältig und mit Hoffnung verbunden: Hoffnung auf Arbeit, bessere Lebensumstände, Verwirklichungsmöglichkeiten. Eine weitere Hoffnung tragen Christinnen und Christen in die Städte hinein, darunter auch Ordensleute. Sie stellen zwar innerhalb der Großstädte eine verschwindend kleine Gruppe dar, doch wollen sie die ihnen aufgetragene Frohe Botschaft verkünden. Deshalb fragen Ordensleute neu nach ihrer Beziehung zu modernen Städten und wie sie ihre Mission darin leben können.

1. Zu den Grundlagen missionarischen Ordenslebens

Ursprünglich entstand Ordensleben jedoch aus dem genau umgekehrten Impuls. Die Einsiedler im 3./4. Jahrhundert zogen aus der Stadt hinaus, um deren Ablenkungen und Versuchungen zu entkommen und in der Wüste Gott zu suchen. Sie wollten sich ganz und ausschließlich Gott widmen. Dieser Grundimpuls ist im Ordensleben bis heute in der Weihe bewahrt. Bald schon entstanden in der Wüste auch Gemeinschaften, die sich durch die gemeinsame Ausrichtung auf Gott auszeichneten. Das Miteinander bot zudem die bisweilen unbequeme Gelegenheit, neben der Gottesliebe auch konsequent die vom Herrn aufgetragene Nächstenliebe zu üben. Im Verlauf der Geschichte öffneten sich die ursprünglich monastischen Gemeinschaften immer mehr hin zu den Städten und zur Welt. Es entstanden neue Formen von Ordensgemeinschaften, deren Wurzeln zwar in der Wüste sind, die sich aber explizit zu den Menschen in Stadt und Welt gesandt verstanden.

Weihe (Consecreatio), Gemeinschaft (Communio) und Sendung (Missio): Diese drei Punkte können als Grundelemente des Ordenslebens benannt werden.3 Wie aber deutlich wurde, unterscheiden sich Ordensgemeinschaften gerade in ihrem Sendungsverständnis stark. In der neueren Ordenstheologie werden drei Modelle vorgeschlagen, die verschiedene Schwerpunkte zum Ausdruck bringen.4 Als «Stadt auf dem Berg» kann Ordensleben durch das gemeinschaftliche, dem Evangelium gemäße Leben auch innerhalb von Großstädten weithin erkennbar sein und zur Orientierung dienen. Ordensleute, die sich nach dem Modell der «Wanderapostel» verstehen, suchen die Menschen in den verschiedenen Städten auf und verkünden dort das Evangelium in Wort und Tat. Beim Modell des «Sauerteigs» teilen Ordensleute ganz das Leben ihrer Mitmenschen und verwandeln durch ihr Lebenszeugnis nach und nach ihr Umfeld.

So unterschiedlich diese äußeren Lebensgestalten sein mögen, sie haben alle dieselbe Basis und dasselbe Ziel, denn jede christliche Mission ist zurückgebunden an die Missio Dei. Wie der Sohn gesandt wurde, den Menschen Gottes Heil erfahrbar zu machen und sie in die göttliche Liebesbeziehung hineinzunehmen, so sandte nach biblischer Bezeugung Jesus seine Jüngerinnen und Jünger aus, das Evangelium zu verkünden. Indem sie dies tun, wissen sich die Christen bis heute hineingenommen in die Sendung des Sohnes, getragen und befähigt durch die Sendung des Heiligen Geistes. Die Erfüllung des Auftrags Jesu, die Verkündigung des Evangeliums, ist auf vielfältige Weise möglich, durch Zeugnis (Martyria), durch den Dienst am Nächsten (Diakonia), durch Liturgie (Leiturgia).

Bezogen auf Ordensleben lässt sich demnach festhalten, dass jegliches Ordensleben, apostolisch oder kontemplativ, dem Wesen nach missionarisch ist – freilich mit unterschiedlichen Akzentsetzungen in der Realisierung der Sendung. Historisch wurden nicht nur in der Missionsarbeit der Orden die Territorialmission, Erstevangelisierung und Wortverkündigung stark betont und der Fokus auf die Eingliederung in die verfasste Kirche gelegt. Diese Verengungen können jedoch als überwunden gelten, sodass das eigentliche Ziel von Mission in der oben beschriebenen Weite und Anziehungskraft neu aufscheinen.

Dieses Ziel von Mission fand in der Offenbarung des Johannes einen metaphorischen Ausdruck, der im Blick auf das Thema dieses Artikels neu ins Auge springt: Das Bild der himmlischen Stadt drückt die endgültige Erfüllung des göttlichen Heils bzw. das vollendete Reich Gottes aus. «Die heilige Stadt, das neue Jerusalem, [kommt] von Gott her aus dem Himmel herab» (Offb 21, 2), sie ist «die Wohnung Gottes unter den Menschen» (Offb 21, 3). Der missionarische Einsatz kann also das Reich Gottes nicht «herstellen», das endgültige Heil der Menschen kommt vielmehr ganz von Gott her. Es verwirklicht sich nicht nur für den Einzelmenschen als solchen, sondern es ereignet sich in und für die gestaltete Gemeinschaft der Menschen (Stadt), deren zentraler Bezugspunkt Gott selbst ist.

Ordensleben ist von dieser Vision durch die evangelischen Räte5 innerlich durchstimmt. Deren Radikalität und insbesondere der Rat der Jungfräulichkeit geben der Lebensform eine starke eschatologische Ausrichtung. Die Erwartung des kommenden Gottes und seiner Herrschaft wird durch die evangelischen Räte ins Leben, ja ins Fleisch der Ordensleute eingeschrieben, auch und gerade im Blick auf den mit den Räten einhergehenden Verzicht, der nur so positiv lebbar wird.

Dem positiven Bild des himmlischen Jerusalems sind biblisch zahlreiche Städte gegenübergestellt, die das Gegenteil verkörpern: beispielsweise Babylon, Sodom und Ninive sind Ausdruck der Gottesferne, der Eigenmächtigkeit des Menschen, in der das Böse um sich greift. Immer wieder sendet Gott nach biblischer Bezeugung Propheten, die in Seinem Namen Kritik üben. Prophetische Kritik, die teils Gehör findet, teils aber auch zur Ablehnung der Gesandten führt.

Das Aufkommen neuer Ordensgemeinschaften kann ebenfalls als prophetische Kritik gedeutet werden. Denn neue Orden entstanden je als Antwort auf Missstände oder konkrete Nöte in Kirche und Welt. Kardinal Kasper charakterisiert Orden deshalb auch «[a]ls Einbrüche und Aufbrüche des Geistes Gottes in der Kirche» und darin als «Antwort Gottes auf den jeweiligen Ruf der Zeit»6. Das so als von Gott getragen zu deutende Wirken der Ordensleute dient der «Berufung aller zur Heiligkeit» (LG 43) und natürlich dem Wachstum des Reiches Gottes (LG 44). Ekklesiologisch wird Ordensleben darum in der charismatisch-prophetischen Dimension der Kirche verortet.

Zeigten die bisherigen Gedanken v. a. die innere Bestimmung missionarischen Ordenslebens auf, so stellt sich nun die Frage, wie das Evangelium unter den Bedingungen moderner Großstädte weitergegeben werden kann. Ordensleute sind erfüllt von der Frohen Botschaft – was braucht es, damit die gute Nachricht auch die Menschen in der Stadt mit ihrer Hoffnung und Freude erfüllen kann?

2. Das Evangelium in der Stadt weitergeben – aber wie?

Die Realisierung der Sendung der Ordensleute, also Evangelisierung, hat mindestens drei Voraussetzungen: Sie kann nur gelingen unter den Bedingungen der zeitgenössischen Städte. Sie kann nur gelingen, wenn Ordensleute ihre Lebensform authentisch leben. Und sie kann nur gelingen, wenn es zu einem wechselseitigen Dialog kommt.

Zur ersten Voraussetzung. Das «Ist», die Bedingungen der Städte objektiv wahrzunehmen, ist auch für die theologische Betrachtung unabdingbar. Da die Städtelandschaft weltweit unfassbare Dimensionen aufweist, sind jedoch allgemeingültige Merkmale schwer auszumachen – ausgenommen das Merkmal der Pluralität. Nach Eckholt, die zum Thema «Kirche in lateinamerikanischen Megacitys» forschte, lassen sich weiterhin als Stichworte Fragmentisierung, also ein Auseinanderklaffen von Arm und Reich, Fluidität und Dynamik, Heterogenität, wechselnde Zentren und ökologische Probleme benennen.7 Ergänzen ließen sich Anonymität, Mobilität, Vernetzung und, aus europäischer Sicht, Säkularität – ohne mit diesen Punkten auch nur annähernd Vollständigkeit in den Städtemerkmalen zu erlangen.

Die festgestellten Kennzeichen moderner Städte gilt es später theologisch bzw. geistlich zu deuten. Basis ist hierfür der vom Schöpfergott verliehene Selbststand der Welt und die Überzeugung, dass Gott weiter in der Welt wirkt. Dann kann Urbanisierung als ein Zeichen der Zeit (GS 4) interpretiert werden. Die Merkmale der Stadt können im Licht des Evangeliums betrachtet und eingeordnet werden. Kurzum, die Stadt kann «mit einem Blick des Glaubens [erkannt werden, C.M.], der jenen Gott entdeckt, der in ihren Häusern, auf ihren Straßen und auf ihren Plätzen wohnt»8.

Zur zweiten Voraussetzung, dem authentischen Ordensleben. Zu diesem gehört die Grundspannung von Distanz und Zuwendung zur Welt, die nicht einseitig aufgelöst werden darf. Denn auch die Distanz, verstanden als innere Freiheit für Gott, ermöglicht die Mitgestaltung der Welt und der konkreten Stadt nach der Vision des himmlischen Jerusalem. In die DNA des Ordenslebens eingeschrieben sind zudem die evangelischen Räte der Armut, des Gehorsams und der Jungfräulichkeit (Keuschheit, Ehelosigkeit). Diese stellen gleichsam einen Schlüssel zur Interpretation der Kennzeichen von Städten dar, wie nachfolgend ersichtlich wird.

Die dritte Voraussetzung gelingender Mission besteht im Dialog von Ordensleben und Stadt. Es kommt also zu einer Wechselseitigkeit: Missionarisches Ordensleben will das Evangelium in die Stadt hineintragen und interpretiert deren Gegebenheiten aus dem Geist der evangelischen Räte heraus. Zugleich lernt Ordensleben von der Stadt, denn in der Auseinandersetzung mit ihr wird das verkündete Evangelium tiefer verstanden. Es ergeben sich Einsichten für das «Wie» der Evangelisierung und positiv oder kritisch auf die Stadt bezogene Anknüpfungspunkte für die Mission. Nachfolgend werden von den oben genannten Kennzeichen moderner Großstädte exemplarisch zwei wichtige Punkte herausgegriffen, um den Dialog von Ordensleben und Stadt aufzuzeigen.

Als zentrales Merkmal der Städte kann zweifellos deren Pluralität gelten, die verbunden ist mit sich schnell verändernden Stadtkulturen (Fluidität, Dynamik). Aus dem Geist der evangelischen Räte heraus kann mit gehorsamer Haltung erkannt werden, dass sich in dieser Pluralität eine vielfältige Suche nach erfülltem Leben und geglücktem Zusammenleben ausdrückt. Der Person, die den Rat lebt, kann bewusst werden, dass das Reich Gottes sich auf vielfältigen Wegen realisieren kann, die sie nicht im Blick hatte. Die widerläufigen Tendenzen in den heterogenen Kulturen fordern und fördern eine Deutung der Realität vom Evangelium her: eine Unterscheidung der Geister auf Basis genauen Hinhörens und Wahrnehmens. Die Pluralität der Städte lässt den Menschen die Begrenztheit der eigenen Vorstellungen erkennen. Zugleich wird der auf diese Weise mit seiner Armut konfrontierte Mensch vom Reichtum der Pluralität beschenkt. Die sich schnell wandelnden städtischen Kulturen weisen darauf hin, dass eigene Vorstellungen, so auch Patentrezepte für Evangelisierung, immer wieder losgelassen werden müssen und dass der Mensch die Lebensausgestaltung nicht völlig in der Hand hat. Sie lassen die Vorläufigkeit des Menschengemachten erkennen und erinnern die Person, die dem Rat der Jungfräulichkeit folgt, an die Erwartung des Besseren, von Gott her Kommenden.

Nach dieser Interpretation lehrt das städtische Kennzeichen der Pluralität also Offenheit für das unerwartete, fremde Wirken Gottes und verlangt die Bereitschaft, das Eigene infrage stellen zu lassen. Es fordert den konkreten Dialog, die Wachsamkeit für die Fragen der Menschen, die hinter den pluralen Antworten stecken, damit das Evangelium als relevant erscheinend verkündet werden kann. Schließlich klärt das Merkmal über die Notwendigkeit der Berücksichtigung der jeweiligen Kontexte in der Evangelisierung auf (Inkulturation) und gibt dazu Mittel an die Hand (Sprache, Symbole, Medien; Räume, Zeiten usw.).

Allerdings braucht es auch einen kritischen Bezug auf das Merkmal, wenn Pluralität völligen Relativismus mit sich bringt, der die Achtung der Menschenwürde bedroht. Der Protest missionarischen Ordenslebens muss sich erheben, wenn es zu Grabenkämpfen zwischen verschiedenen Positionen kommt, wenn Absolutheit beansprucht wird, die Intoleranz verursacht. Schließlich ist der kritische Bezug auf das Stadtmerkmal vonnöten, wenn die dynamischen Veränderungen über Menschen hinweggehen und ihre Existenz bedrohen.

Trotz der letztgenannten Punkte gelingt beim Merkmal der Pluralität der positive Bezug viel leichter, als dies beim zweiten wichtigen Merkmal, dem der Fragmentisierung, der Fall ist. Die ständig weiterwachsende Kluft zwischen Arm und Reich ist weltweit in den Städten vorhanden. Anknüpfungspunkte für die Mission der Ordensleute ergeben sich vor allem aus den einhergehenden Notsituationen. Zwar zeigt eine gehorsame Wahrnehmung der Stadt auch, wo Menschen sich bereits einsetzen für die Lebensmöglichkeiten und die Würde aller und wie hilfreiche Maßnahmen zur Linderung der Not aussehen könnten. Doch wird ein gehorsamer Mensch vor allem die Schreie der Leidenden und Unterdrückten hören. Der nach dem Rat der Armut lebende Mensch wird sehen, wo Menschen in der Stadt solidarisch ihren Reichtum oder ihre bescheidenen Mittel teilen, und er wird von kreativen Lösungen lernen. Aber er wird noch viel deutlicher das Elend der Menschen wahrnehmen, denen Lebenswichtiges vorenthalten wird. Insbesondere aber wird der Mensch, der nach dem Rat der Jungfräulichkeit lebt, mit diesen Personen auf eine bessere Zukunft und auf Gerechtigkeit hoffen.

Wird Fragmentisierung also im Geist der evangelischen Räte betrachtet, so zeigt sich also in erster Linie eine kritische Bezugnahme auf diese Realität. Als Ergebnis des Dialogs von Ordensleben und Stadt kann deshalb bei diesem Merkmal vor allem der prophetische Protest gegen die die Armut produzierenden Strukturen festgehalten werden, sowie der Einsatz dafür, dass den marginalisierten Menschen durch Tat und Wort die Hoffnung des Evangeliums zugänglich wird.

3. Mögliche Schwerpunkte missionarischen Ordenslebens

Mit dem Dialog von Ordensleben und Stadt wurde nicht nur nach dem «Wie» von Mission gefragt, sondern bereits der Weg eingeschlagen zur Klärung möglicher inhaltlicher Schwerpunkte. Da Ordensleben grundsätzlich mit allen Merkmalen der Städte in Dialog zu setzen ist, muss ein möglicher Schwerpunkt zwei Anforderungen genügen: Er muss einem besonders wichtigen Merkmal der Stadt und einem zentralen Zug des Ordenslebens entsprechen. Die beiden oben ausgeführten Merkmale von Städten wurden bereits aufgrund ihrer offensichtlich hohen Relevanz ausgewählt. Die sich weiter aus dem inneren Zusammenhang mit Ordensleben ergebenden Schwerpunkte werden nachfolgend vorgestellt.

Angesichts der Fragmentisierung der Städte mit ihrer Kluft von Arm und Reich ist festzustellen, dass Ordensleute von ihrer Lebensform her unverbrüchlich mit der Seite der Armen verbunden sind. Aufgrund der evangelischen Räte stehen sie in Solidarität mit den unfreiwillig Armen, den Ohnmächtigen, denen Gehorsam abverlangt wird, den Einsamen, Verzweckten und Missbrauchten, den Hoffnungslosen. Missionarisches Ordensleben in Städten muss deshalb die Option für die Armen als einen Schwerpunkt haben und dabei besonders diejenigen im Blick haben, deren Not bislang keine oder nur sporadische Antwort erfährt. Ordensleute weltweit müssen vor Ort identifizieren, wer in ihrer Stadt diese Armen sind: vielleicht Migranten in São Paulo, Homosexuelle in Daressalam oder Zwangsprostituierte in Berlin. Von diesen Personengruppen her denkend, im Dialog mit den Betroffenen, Vernetzung mit anderen suchend, werden die missionarischen Antworten sehr unterschiedlich sein. Denn neben den Bedingungen der Stadt spielen das Sendungsmodell, das Charisma und die sonstigen Gegebenheiten der Ordensgemeinschaft eine zentrale Rolle. Sicher nimmt diakonisches Engagement bei der Option für die Armen einen zentralen Platz ein, sei es in Form konkreter Hilfe, sei es anwaltschaftliches Eintreten oder der Einsatz für Systemveränderung. Jedoch gilt es zwei Straßengräben zu vermeiden: Einerseits Diakonie als nicht eigentliches missionarisches bzw. kirchliches Handeln zu klassifizieren, andererseits die Option für die Armen auf Diakonie im Sinne von konkretem Hilfehandeln zu verengen, d.h. nicht auch die «Diakonie der Liturgie [und] des Wortes» (LG 29) zu schenken.

In diesem Zusammenhang lässt sich als zweiter möglicher Schwerpunkt missionarischen Ordenslebens im weiten Sinne die Geistliche Begleitung der Menschen benennen. Angesichts der bereits beschriebenen, durchaus ambivalenten Pluralität und Fluidität der Städte suchen Menschen nach Sinn und Orientierung, nach Halt und Hoffnung. Ordensleben wiederum wurde von den Konzilsvätern in der Kirchenkonstitution in den Zusammenhang der Berufung zur Heiligkeit gestellt. Explizit wird dort benannt, dass Ordensleben sich «durch Gebet oder auch tätiges Wirken […] um die Einwurzelung und Festigung des Reiches Christi in den Seelen» (LG 44) mühen soll. Insofern ist es naheliegend, in der Begleitung suchender Menschen einen Schwerpunkt im missionarischen Wirken von Ordensleuten zu erkennen, der dem Desidarat moderner Städte entspricht. Die Konkretisierung wird wiederum je nach Kontext und Voraussetzungen der Ordensgemeinschaft unterschiedlich ausfallen (durch punktuelle Begegnungen, vermittelt durch moderne Kommunikationsmedien usw.).

Die Konzilsväter beschreiben das Ordensleben als solches zudem als ein Zeichen, das «alle Glieder der Kirche wirksam zur eifrigen Erfüllung der Pflichten ihrer christlichen Berufung hinziehen kann und soll» (LG 44). Die Aussage betont einerseits die Wichtigkeit des Lebenszeugnisses der Einzelnen und der Gemeinschaft, das dem verkündeten Evangelium entsprechen muss. Andererseits kann das Lebenszeugnis als solches Hoffnung spenden und Orientierung geben – insofern dient es der Suche der Menschen nach gelingendem Leben.

Weitere Schwerpunkte missionarischen Ordenslebens sind durchaus denkbar. Wird beispielsweise die Communio der Orden in Zusammenhang gesetzt mit der die Städte weltweit kennzeichnenden Individualisierung, Anonymität und sozialen Segregation, so ließe sich als Schwerpunkt Gemeinschaftsbildung benennen. Wird die Communio mit der Pluralität zusammen betrachtet, ließe sich der Schwerpunkt Dialog (z.B. interreligiöser Dialog) erkennen.

Selbstverständlich sind neben diesen Feldern die diversen anderen missionarischen Aktivitäten der Orden auch weiterhin sinnvoll und wichtig. Die oben genannten Schwerpunkte aber liegen vom Dialog des Ordenslebens mit der Stadt her besonders nahe und sind aufgrund der Städtesituation besonders dringlich; darin liegt ihr Anspruch. Es zeigt sich damit ein Missionsverständnis, das ganz vom Menschen ausgeht, der aufgrund seiner Situation des Lichtes des Evangeliums bedarf. Die Unterscheidung von Erst- oder Neuevangelisierung bzw. Glaubensvertiefung9 wird hier erst relevant in der möglichst optimalen Anpassung der missionarischen Antwort auf den jeweiligen Menschen.

Zusammenfassend vermag vielleicht das in der neueren Missionstheologie aufgekommene Paradigma der «missio inter gentes» zu verdeutlichen, was für missionarisches Ordensleben in der Stadt zentral ist: Ein Leben der eigenen Sendung «inter gentes, ‹mitten drin›, in aller Not und Hoffnung der Menschen, vor allem an der Seite derer, […] denen eine gleichberechtigte Teilhabe am öffentlichen Leben in der Stadt abgesprochen wird»10.

4. Mittendrin: Missionarisches Ordensleben in Frankfurt

Wie eine solche missio inter gentes aussehen kann, möchte ich am Beispiel des Neuaufbruchs der Steyler Missionsschwestern, zu denen ich gehöre, mit einer Kommunität in Frankfurt konkretisieren. Ohne dass wir Schwestern um dieses Paradigma wussten, suchten wir in den ersten Wochen gezielt die Orte auf, an denen Menschen in Not Hilfe suchen. Beim gemeinsamen Mittagessen kamen wir ins Gespräch. Die Menschen ließen uns an ihrem Blick auf die Stadt teilhaben und an den Sorgen, die sie beschäftigten. Besonders die Situation von Frauen in akuter Wohnungsnot machte uns betroffen, denn es war offensichtlich, dass sie für nächtlichen Schutz einen hohen Preis bezahlten. Immer wieder fragten diese Frauen um Hilfe, und als die zuständigen Fachstellen bestätigten, dass es nur wenige Schlafplätze für in akut in Not geratene Frauen gebe, zeigte sich uns die Spur unserer missionarischen Antwort. Es entstand eine kleine Institution in Kooperation mit Caritas und Pfarrei, die diesen Frauen für eine gewisse Zeit eine sichere Übernachtungsmöglichkeit bietet.

Ungefähr zeitgleich begannen wir mit einem ersten Angebot, das auf den Wunsch nach gleichberechtigter Teilhabe antwortet. In einem der Kirche angegliederten Raum wurde ein Café eingerichtet und eine kleine Second-Hand-Kleiderboutique installiert. Hier können Menschen unabhängig ihres sozialen Status’ Kleider tauschen, eine Tasse Kaffee trinken oder ein süßes Teilchen essen. Aus zunächst sporadischen Begegnungen von Gemeindemitgliedern, Wohnungslosen, Leuten aus dem Stadtteil und in verschiedener Hinsicht armen Menschen wuchs mittlerweile ein Miteinander, das besonders beim gemeinsamen Feiern zeichenhaft erstrahlt.

Unsere missionarische Antwort ist selbstverständlich nur eine unter vielen. Bereits vor etlichen Jahre entstand die der Caritas unterstellte Elisabeth-Straßenambulanz als eine Antwort der Missionsärztlichen Schwestern auf die medizinische Notlage wohnungsloser Menschen. Das «Turmzimmer» der Kapuziner ist eine Antwort auf den Gesprächsbedarf der Passanten in Lebens- und Glaubensfragen. In der Zukunftswerkstatt der Jesuiten finden junge Erwachsene Begleitung in ihrem Glauben und ihren anstehenden Entscheidungen. Viele weitere Beispiele ließen sich nennen. Sie geben Mut und zeigen, dass missionarisches Ordensleben es wagt, die Herausforderung anzunehmen und mittendrin zu sein: im Leben. In der Verheißung. In der Stadt.

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