Romanische Bögen
In der gewaltigen romanischen Kirche drängten sich die Touristen im Halbdunkel.
Gewölbe klaffend um Gewölbe und kein Überblick.
Kerzenflammen flackerten.
Ein Engel ohne Gesicht umarmte mich
und flüsterte durch den ganzen Körper:
»Schäm dich nicht, Mensch zu sein, sei stolz!
In dir öffnet sich Gewölbe um Gewölbe, endlos.
Du wirst nie fertig, und es ist, wie es sein soll.«
Ich war blind vor Tränen
und wurde auf die sonnensiedende Piazza hinausgeschoben
zusammen mit Mr. und Mrs. Jones, Herrn Tanaka und Signora Sabatini,
und in ihnen allen öffnete sich Gewölbe um Gewölbe, endlos.
* * *
Kirchen werden heute eher besichtigt als aufgesucht, Orden sozialpsychologisch analysiert, kaum jemand tritt dort ein, Klöster werden geschlossen, eines nach dem anderen, eine Art Dominoeffekt. Und doch stehen die Gebäude in der Landschaft, erratische Blöcke der Erinnerung eines Ehedem und Einst, stein- und raumgewordenes Gebet. Die Räume sind zu hoch, tief, weit für unsere heutigen Versammlungszwecke und sprechen uns doch an. Die weiten Bögen sind Gleichnisse unserer Lebensparabel, rahmen unsere kleine Existenz, entführen sie ins Weite, sind wie ein fernes Echo der Unwiderruflichkeit und Unvorhersehbarkeit menschlichen Handelns und Leidens. Deren verheißungsvolle Zerbrechlichkeit flackert in den Schattenflecken der Lichter auf. Es mag dem Besucher etwas dämmern, er wird von einer Ahnung heimgesucht, geleitet, endlich berührt; da ist eine Gegenwart ohne Antlitz, ein von fern herkommender schwieriger und seltsam trostreicher Zuspruch, einem jeden anders zugeflüstert und zugedacht – auf der Reise zur Stimmigkeit seines kleinen Lebens. Die Besichtigung wird zur Entdeckungsfahrt, ein Weg zur Unbefangenheit, zur Freiheit von der Scham, nur Ich zu sein, zur ungemessenen und doch Fassung gewährenden Weite des Innen, zum Einverstandensein mit dem Mikrokosmus des Lebens, der sich im Großen des Doms und des Kosmos spiegelt und umgekehrt: das All ist gegenwärtig in der Nussschale einer jeglichen Existenz.
Einem solchen Besucher wird die Gabe lösender Tränen geschenkt, Tränen der Trauer, einer Reue ohne Scham, da sie Einsicht gewährt in den schwierigen Segen der Endlichkeit, Tränen die lösen und befreien, bis ein engel- und schalkhaftes Lächeln den Mund umspielt: du kannst und darfst und sollst nur Du sein, nicht mehr, nicht weniger. Du bist eine einsame, an sich ihr Genüge habende Welt, wie alle Touristen neben Dir, sonnenumspült im Gewimmel, und doch (oder eben deshalb) hat jeder Mensch seinen Namen, seine kleine Zugehörigkeit zum anderen, seine intime Unendlichkeit, die er als Schatz in und mit sich trägt. Es ist, als ob jeder Mensch eine Gebärde tastenden Gebets verkörperte, wie es bei Tranströmer in einem Gedicht zu einem Gemälde von Vermeer heißt:
Der helle Himmel hat sich schräg zur Wand gestellt.
Es ist wie ein Gebet zur Leere.
Und die Leere kehrte uns ihr Gesicht zu
und flüstert: »Ich bin nicht leer, ich bin offen.«
Ein solches Beten wird zur hellsichtigen und einfühlenden Pietas, zur Frömmigkeit der Wahrnehmung und des Denkens, wie es im Text ‹Minusgrade› aufscheint: «… ein Bibelwort, das nie geschrieben wurde: ‹Komm zu mir, denn ich bin widerspruchsvoll wie du selber.› Morgen arbeite ich in einer anderen Stadt. Ich sause dahin durch die Morgenstunde, die ein großer schwarzblauer Zylinder ist. […] Kinder stehen in einem stummen Haufen und warten auf den Schulbus, Kinder, für die niemand betet. Das Licht wächst sachte wie unser Haar.»
Dem respondiert sein deutscher Verleger, Michael Krüger, in seinem Gedicht ‹Für Claudio Magris›:
Wir haben ein paar Jahrzehnte Zeit,
um den Glanz der Dinge zu sehen,
und manche von uns haben den Ehrgeiz,
ihn noch zu vermehren: für sie
ist der Kiesel mehr als ein Stein
im Munde der Philosophen,
und der Nebel, der den Paß verstopft
zwischen Süden und Norden, mehr
als das graue Echo einer langen Nacht.
Es geht nicht ganz ohne Gott,
auch wenn er sich nie wieder zeigen wird,
um für den Glanz auf den Dingen
Erbarmen zu fordern wie für Kinder.
Manchmal könnte es scheinen, als ob die Poeten mehr um die Tiefe und Weite der Menschenahnung und die demütige Macht geschöpflicher Anrufung wüssten als die Priester, und als ob die Orden, die nach einem Wort des Journalisten Daniel Deckers in Westeuropa nur noch ein Schatten ihrer selbst seien, woanders neu erstünden.