«Herz ist Geist in der Nähe des Blutes.» Dieser mündliche Ausspruch Romano Guardinis1 fasst gedrängt und klar – wie so viele seiner Worte – eine im 20. Jahrhundert sonst nicht formulierte «Theologie des Herzens» zusammen. Deutlicher: «Herz ist nicht Ausdruck des Emotionalen im Widerspruch zum Logischen; nicht Gefühl im Widerspruch zum Intellekt; nicht ‹Seele› im Widerspruch zum ‹Geist›. Herz ist der vom Blut her heiß fühlend gewordene, aber zugleich in die Klarheit der Anschauung, in die Deutlichkeit der Gestalt, in die Präzision des Urteils aufsteigende Geist.»2
Es sind solche in Sprache und Gehalt ungewohnten Sätze, getragen vom Gewicht eines langen und durchaus angefochtenen Lebens, die Guardini zum Lehrer mindestens zweier Generationen vor dem Konzil, aber auch auf das Konzil hin machten. Am 1. Oktober 2018 jährt sich der 50. Todestag des Theologen und Philosophen, des Erziehers und «Praeceptors Germaniae» (wie ihn Abt Hugo Lang nannte). Solche Gedenktage haben meist einen musealen Charakter. Aber seit einigen Jahren wird Guardini, nicht nur vom emeritierten Papst Benedikt XVI., als «Jahrhundertgeschenk» wiederentdeckt: Das Schweigen, das sich schon vor seinem Tod im ominösen Jahr 1968 auf ihn legte, wird anhaltend nun auch in Italien durchbrochen.
Wer war Guardini? Wagen wir eine kühne Kennzeichnung: «Er ist ein Denker augustinischen Geblüts; von jener Art, darin sich Metaphysik und tiefes Wissen um die Seele verbinden. Zugleich ein Humanist, von feiner Kultur des Wortes. Und ein Erzieher jener großen Art, die mit geringstem Aufwand erzieht; durch das, was sie ist, durch die Atmosphäre, die sie schafft, und eine lebenzeugende, aus ruhiger Schönheit schwingende Liebe. Er ist noch mehr gewesen: ein confessor, der einen großen Kampf mit unüberwindlicher, aber ganz stiller Kraft führt.»3
Kühn ist diese Kennzeichnung, weil sie von Guardini selbst 1924 auf den großen Scholastiker Anselm von Canterbury geschrieben ist; was er aber damit über seinen Lehrer sagt, lässt sich unschwer auf ihn selbst übertragen. Seit den posthum herausgegebenen Berichten über mein Leben wissen wir von der merkwürdig verschatteten Kindheit im elterlichen Haus in Mainz-Gonsenheim, wohin die Kaufmannsfamilie seit 1886 mit dem einjährigen, am 17. Februar 1885 in Verona geborenen Knaben für knapp 35 Jahre umsiedelte. Obwohl im Elternhaus fast ausschließlich italienische Sprache und Kultur gepflegt wurden, wuchs der älteste Sohn unverlierbar in Sprache und Geistigkeit Deutschlands hinein – welche Spannung er nur durch den übergreifenden Gedanken an Europa in sich zu einem Ausgleich bringen konnte. Und als ein solcher Europäer lehrte er die deutsche Jugend an den Universitäten Berlin (1923–1939). Tübingen (1945–1948) und München (1948–1962), nicht minder erfolgreich aber auch auf der Jugendburg des Quickborn, Rothenfels am Main, die heute noch auch im Baulichen seine Handschrift trägt. Seit Guardini hat «katholische Weltanschauung» ein besonderes Gewicht, denn er stellte große abendländische Gestalten unter das Maß Christi: Sokrates, Augustinus («…wie lange dauert es, bis eine Existenz christlich wird?»), Dante, Shakespeare, Pascal, Hölderlin, Kierkegaard, Dostojewski, Nietzsche, Rilke.
Wer diesen großen deutschsprachigen Lehrer des Christentums im 20. Jahrhundert noch hörte, der erinnert sich der «erasmischen», leisen, konzentrierten Sprechweise, der ausgewogenen Themenentfaltung, der behutsamen Augenöffnungen. Aber «leise» heißt nicht «leidenschaftslos». Es gehörte gerade zu den bezwingenden Merkmalen dieses Professors für «Religionsphilosophie und christliche Weltanschauung», dass er in seinen Klärungen und Erhellungen des Daseins für den genau Hörenden etwas Unausgesprochenes, Bebendes verbarg. Victor von Weizsäcker, ein Berliner Hörer, sagte, Guardini müsse «immer einen Ketzer an seine Brust drücken und mit ihm ringen»4. «Geheimes Erdbeben», «Ringen mit antwortlosen Fragen», «Verschweigen der Tiefen, die Tag für Tag bestanden sein sollen» – so nennt Reinhold Schneider im November 1952 Guardinis Grundbefindlichkeit.5
Guardini rang mit einer Not, die seine und die heutige Generation umtreibt: mit der Frage nach dem Menschen und seiner Ausrichtung auf das Gute, mit der Not der Entscheidung im Undurchsichtigen, in der Wirrnis der Gründe. Auch die Verankerung im Christlichen beantwortet diese Not nicht einfachhin und eindeutig; zu viele Möglichkeiten zeigen sich vor einer Entscheidung, und die Stimme Gottes ist leicht zu überhören. Die Schwierigkeit liegt schon darin, dass der Mensch sich selbst und anderen ein Geheimnis ist; wieviel mehr aber ist Gott unbegreiflich… und bleibt es. «Rätsel, Probleme sind dafür da, daß sie gelöst werden; dann gibt es sie nicht mehr. Hier ist nicht Rätsel, sondern Geheimnis. Geheimnis aber ist Übermaß von Wahrheit; Wahrheit, die größer ist als unsere Kraft.»6 Am tiefsten erregt die Unbegreiflichkeit Gottes: Sie «trifft das Herz»7 – in Schmerz und Seligkeit. Zu dieser Unbegreiflichkeit gehört das Verleihen von Freiheit an den Menschen, das einschließt die Freiheit zu versagen, zu fehlen, Gott selbst zu widerstehen.
Herz beherbergt die staunenswerte Fähigkeit, aus sich herauszutreten zum Guten oder Bösen. Anders: Er kann sich entscheiden – für oder gegen etwas, und darin zugleich für oder gegen sich selbst, noch genauer: für oder gegen seinen Ursprung. Und dass Gott dies zulässt, bleibt auf dieser Seite unseres Daseins ein Geheimnis. Oder fällt auch Licht in dieses Dunkel?
Unbegreifliches Ringen mit Gott: die Auslegung des Jakobskampfes
Weshalb hat Gott der Schöpfer – man kann sagen – gewagt, das gefährliche Instrument freier Entscheidung seinem Geschöpf in die Hand zu geben? An entlegener Stelle hat Guardini eine wunderbare Auslegung dieser Frage versucht, die in eine großentworfene Deutung des Menschen hineinführt. Er entfaltet die Deutung anhand von Jakobs Kampf mit Gott.8
Dieser Kampf in Kapitel 32 der Genesis eröffnet einen geheimnisvollen Zusammenhang, der dem unmittelbaren Begreifen nur wenig mitteilt. Trotzdem bleibt der Text haften; er ist auch im Namen ‹Israel› = Gottesstreiter haften geblieben bis auf den heutigen Tag. Wir alle sind Kinder Jakobs der geistigen Abstammung nach, Kinder der Erwählung: Wir alle sind dem Ringkampf des Urvaters entsprossen und mit ihm gesegnet. Der Jakobskampf erzählt nicht, wie es vor langer Zeit, weit zurückliegend, gewesen ist, sondern wie die bleibende Prägung auf dem Geschlecht der Gottesstreiter aussieht, das Siegel, unter dem alle Künftigen antreten. Solche Geschichte ist währendes Geschehen, sie gilt für das ganze Haus Jakob und man tut gut daran, die Kraft des Geschehens als die große Linie zu begreifen, unter der die Kinder Jakobs in die Zukunft geschickt werden.
Entziffern wir mit Guardini die Erzählung: Jakob, der Flüchtling vor dem betrogenen Bruder Esau, kehrt nach Jahren in der Fremde reich in die Heimat zurück, der Segen seines Vaters Isaak hat sich ausgewirkt: Frauen, Kinder, Herden zeigen sichtbar die Huld Gottes; Reichtum hat sich im Überfluss eingestellt. Esau, der den Betrug nicht vergessen hat, zieht ihm jedoch entgegen, und Jakob bleibt am sicheren Ufer zurück, er fühlt den Kampf voraus und fürchtet ihn. Es wird sich erweisen, ob der sichtbare Segen anhält oder ob Jakob erschlagen wird. Anstelle des Bruders aber, dem er ausweicht, ringt plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, ein Unbekannter mit ihm – ein Engel, ein Bote? Oder Gott selbst? Zu dem Unbekannten gehört schon, dass diese Frage sich nicht schließt, auch am Ende nicht.
Der Kampf ist sonderbar: «ein dunkles Ineinander von Übermacht und Schwächersein zugleich»9. Jakob siegt nach der endlosen Nacht, aber er hinkt, denn der andere hat seine Übermacht leichthin demonstriert – er brauchte Jakob nur zu berühren. Aber auch umgekehrt: Jakob hinkt, aber er siegt, denn der mächtige Unbekannte zeigt sich am Ende überwunden. Die Sonne geht auf, und Jakob trägt einen neuen Namen; damit trägt er eine neue Bestimmung und wird in ihr ein zweites Mal und diesmal rechtmäßig den Bruder bezwingen, nämlich durch Versöhnung.
Jakob ist nach Guardini einer der Großen in den Stationen des Heils, ein Mann der Kraft und Schläue. Er gerät in das Geheimnis Gottes, in die schwer zu bestehende Nähe zu Gott und wird darin gezeichnet. Er ist Begründer eines königlichen und hinkenden Geschlechts, das bis zum heutigen Tage fortdauert.
Kann man aber mit Gott wirklich kämpfen? Gibt es wirklich eine Entscheidung für ihn oder gegen ihn? Guardini sieht in der biblischen Überlieferung ein Doppeltes: Sie kennt Gott als den, dem nichts widersteht. Sie kennt ihn aber auch als den, der seine Übergröße zurücknehmen kann. Der Souverän kommt bittend, etwa in Nazareth; er kommt im Maß des Menschlichen, lässt sich fragen und gibt Auskunft. In der Jakobsgeschichte ist beides verbunden: der Unwiderstehliche und der Bezwingbare. Was bedeutet es, dass er im Kampf kommt oder seinen Boten zum Kämpfen schickt, dabei siegt und doch nicht siegt? Offenbar will er, so Guardini, dass der Mensch mit ihm kämpft, ja geheimnisvollerweise ihn bezwingt. Hier öffnet Guardini eine wunderbare Aussage über Gott und den Menschen: Gott will den Menschen ringen sehen – gerade weil er ihn als sein Bild geschaffen hat. Auch das gehört zum Ebenbild: nicht als Marionette und Befehlsempfänger geschaffen zu sein, mit dem Gott leichtes Spiel hätte, sondern als Freier, Starker zu leben, zu schaffen, zu gestalten, was zum eigenen Leben dient. Hier liegt die wunderbare Herausforderung zur Entscheidung: Die Liebe will, dass man mit ihr kämpft, dass man um Klärung für sein eigenes Leben kämpft, dass man sich kämpfend mit allen Fragen auf Gott einlässt. Es ist Liebe, die den Menschen nicht als bloßes Kind will. Natürlich gibt es das kindliche Dasein, das Gott nahesteht und dem er sich in rein vollendender Weise kundgibt. So müssen wir uns wohl die Kinder denken, die früh sterben: Guardini meint, dass Gott hier etwas an der Lebensleistung ergänzt oder dass ein solches Leben als reine Gabe gelebt und abgepflückt wird.. Aber das normale Dasein kennt nicht diese Form der frühen Begabung und Vollendung. Seine Normalität besteht im Treffen auf Widerstände, Ungelegenes, Verqueres auch im eigenen Herzen. Die mitgegebene Natur, der Umgang mit Freunden und Gegnern will bestanden werden, und das macht einerseits müde, andererseits ruft es sonst unentbundene Kraft heraus. Die Geschichte Jakobs klärt auf, dass in den Widerständen – zunächst ist ja nur der Bruder und Feind Esau erwartet – ein anderer uns antritt oder anspringt: ein Geheimnisvoller, der sein Visier nicht lüftet. Und er zeigt Macht: Wollte er, so würden wir unterliegen; er zeigt aber auch Bezwingbarkeit: Wollen wir, so können wir eine ganze Nacht lang kämpfen und ihn um Segen bitten. Dieses Ineinander von Herausforderung und Segen, von Widerstand und Sieg, von Nacht und schließlichem Sonnenaufgang ist eine Botschaft vom Wesen Gottes und Wesen des Erwählten. Was als Widerstand und scheinbare Zerstörung kommt, kommt – wenn der gute Kampf gekämpft ist – als Segen. Gottes Macht kommt nicht zerbrechend. Sie fordert ein Äußerstes an Kraft, ein optimum virtutis, aber sie überwältigt nicht. In der Gestalt des Widerstandes will sie als Liebe erfasst werden.
Dies als Ermutigung für uns, in der Nacht des Kampfes wie Jakob auszuhalten, bis die Sonne aufgeht. Es ist ja alles erkämpft, im Ringen gegen ihn, mit ihm. «Sein schöpferisches Meinen: das ist mein Anfang […] Die Wurzeln meines Wesens liegen in dem seligen Geheimnis, dass Gott gewollt hat, ich solle sein.»10
Und gerade darin fordert er den Menschen heraus, zur «Annahme seiner selbst», zur Annahme auch eines Wachsens zur Größe, zur Annahme des Ringens mit seinem Ursprung. Dass der Mensch nicht zu einem Automatismus verurteilt ist, sondern sich entscheiden kann, zur eigenen Kraft greifen kann, sieht Guardini als eine der gewaltigsten unter den großen Gaben des Ebenbildes.
Gewissen: der Ort des «Jakobskampfes»
Selten treffen wir freilich unmittelbar auf Gott, selten tritt sein Bote geradewegs auf uns zu. Leben wir nicht auch in einer Zeit, die die Rede von Gott scheut? Der Ort der Entscheidung, des «Jakobskampfes» im Alltag ist vielmehr das Gewissen. Guardini sieht die «Stimme des Gewissens» gerade nicht abgetrennt vom Menschen, fremd von «außen» kommend, sondern als inneren Anruf zur freien, eigenen Tat, zur Entscheidung am Zweiweg. Das wirkliche Angerufenwerden ist auch hier ein «Getroffenwerden vom Gegenüber»11, aber in der Weise einer freien Antwort. Gerade das Gewissen deutet auf ein Begegnen: einerseits ist es aufnehmendes, hörendes Organ, zugewendet einem von ihm unterschiedenen Sprechen, andererseits aber ist es umsetzendes, schöpferisches Organ. Guardini bringt damit eine bisher verborgene Sicht ein; er ist der erste, der Gewissen thematisch ausdrücklich mit Zeit und Geschichte zusammendenkt. Denn im Wissen um das Gute, das sich vernehmen lässt, erhebt sich zugleich das Eigene, die Verantwortung, die den Sinn von Person ausmacht: unvertretbar angesprochen und aufgefordert zu sein. Eben daraus ergibt sich das Gewicht der Geschichte, bei Guardini immer kostbarer Auftrag einer Mitarbeit am Werdenden, und nicht immer gleich frei von den Schäden des Werdenden: «Das Gewissen ist das Organ, mit welchem die ewige Gutheitsforderung, beständig neu, gedeutet wird aus dem konkreten Geschehen; mit dem immer aufs neue erkannt wird, wie das ewig-unendlich Gute in der Besonderung der Zeit bewältigt werden muß. Es ist ein Gehorchen und Neuschaffen zugleich, […] etwas Schöpferisches. Ein Erschauen und Verwirklichen von etwas, was noch nicht war. Ein Hineingestalten des Ewig-Guten in die strömende Zeit. Ein Hineingestalten gleichsam des Unendlich-Einfachen in die beschränkte Tatgestalt.» «So ist das Gewissen auch die Stelle, wo das Ewige in die Zeit eintritt. Es ist die Geburtsstunde der Geschichte.»12
Neben diese schöpferische Verantwortung tritt notwendig die freie Initiative; das Gewissen handelt aus Anziehung durch das Gute, nicht aus Notwendigkeit und Getriebensein. Gewissen ist Urheber, nicht Ursache eines Tuns.13 «Damit das Gewissen wirklich reden könne, muss also der innere Raum der Freiheit offen sein; der Angerufene muss seine eigene Mitte fühlen; Herr seiner Anfangskraft sein.»14 «Geistig existieren heißt, in Freiheit existieren. […] Die Handlung urspringt in mir. Ich bin nicht nur ihre Transformationsstelle […] Indem ich sie realisiere, realisiere ich mich als in mir selbst stehender Anfang.»15 Guardini wehrt damit auch funktionalistische Genesen des Gewissens ab, die – wie bei Freud – kausal vom gesellschaftlichen Nutzen, vom Triebverzicht zugunsten der Kultur, von der Notwendigkeit sozialer Normen ausgehen oder – wie bei Nietzsche – von Selbstzerstörung in Befolgung eines moralischen «Herdentriebs». Solche Unterbestimmungen verfehlen das personal verstandene Gewissen: Verantwortung gegenüber dem Guten und Freiheit auf dem Boden des Guten.
Um wirklich ein anziehendes «Gegenüber» zu sein, bedarf das Gute aber einer genaueren Hinsicht. Guardini trifft eine bedeutungsvolle Unterscheidung: Die Neuzeit hatte das Sittlich-Gute vom Heilig-Guten getrennt und das Sittliche nur in der Vernunft verankert: Sittengesetz wird bei Kant Vernunftgesetz. Die Kulturkritik Guardinis sieht nach 1945 diese behauptete Einheit von Vernunft und Sittengesetz als zerstört an; denn: erst die Verankerung des Sittlichen im Heilig-Guten schlechthin hält gegen (durchaus rationale) Argumente der Nützlichkeit, des Gemeinwohls, der Interessen stand. Das Gute ist keine «bloße Idee. Kein ortlos schwebender Sinn. Es ist etwas Lebendiges. […] die Wertfülle des lebendigen Gottes selbst. […] Die Tapferkeit; die Treue; die Ehre; die Güte; die Gerechtigkeit; die Milde […] mit einem Wort: ‹Das Gute›, in seiner Unendlichkeit und lauteren Einfachheit – das ist Gottes lebendige Heiligkeit, und nichts sonst.»16 Erst von Gott aus – augustinisch gedacht – erhebt sich unbestechlich die klare Entscheidung: «Darin erst werden mir Blick und Urteil frei. Ebendarin werde ich meiner selbst mächtig; meines Eigensten; meines Namens, der zwischen mir und Gott ist und lebendig wird, sobald ich ‹seinen Willen tue› und ‹seinen Namen heilige›. Dieser mein Wesensname geht ein in das, was ich zu tun habe, und macht es unverwechselbar mein eigen. Hierdurch werde ich im eigentlichsten Sinne ‹Persönlichkeit›. Dieses Geheimnis, in dessen Gefüge […] Gott steht; und das Gute, von ihm herkommend; und ich, als ich und von Gott benannt – das ist die Innerlichkeit des Gewissens.»17 Person wird sich selbst von dieser Werterfahrung her greifbar, vom Angeblicktwerden, Angerufenwerden. Das Gewissen drängt nach dem Sehen, dem Sehen des Anderen und ganz Anderen, es ist sogar erstrangig nicht ein Selbst-Sehen, sondern ein Blickaustausch, ein Sich-ansehen-Lassen. Das bedeutet aber eine große Reinheit des Blicks, ungetrübt von eigenem, eigensüchtigem Wollen.
Guardini notiert 1924 über Menschen von «klassischem Geist» in einer selbst klassischen Aussage: «Dazu gehört vor allem die Weise, wie sie in die Welt schauen, nämlich mit einem ganz offenen Blick, der eigentlich nie etwas ‹will› – daß dieses Ding so sei, jenes anders, das dritte überhaupt nicht. Dieser Blick tut keinem Ding Gewalt an. Denn es gibt ja schon eine Gewalttätigkeit in der Weise des Sehens; eine Art, die Dinge ins Auge zu fassen, die auswählt, wegläßt, unterstreicht und abschwächt. Dadurch wird dem wachsenden Baum, dem Menschen, wie er seines Weges daherkommt, den aus sich hervorgehenden Geschehnissen des Daseins vorgeschrieben, wie sie sein sollen, damit der Blickende seinen Willen in ihnen bestätigt finde. Der Blick, den ich hier meine, hat die Ehrfurcht, die Dinge sein zu lassen, was sie in sich sind. Ja, er scheint eine schöpferische Klarheit zu haben, in welcher sie richtig werden können, was sie in ihrem Wesen sind; mit einer ihnen sonst nicht beschiedenen Deutlichkeit und Fülle. Er ermutigt alles zu sich selbst.»18
Bezeichnet wird hier nicht nur der Blick des Menschen auf die Welt, sondern auch der Blick Gottes auf den Menschen: nicht zwingend, es sei denn im Bezwingenden der Liebe; sondern freilassend, ermutigend, werbend. So wie der Unbekannte am Fluss mit Jakob rang, ihn bedrängte, nie aber überwand, ja ihm den Sieg gönnte, so ringt im Gewissen Gott mit dem Menschen: alles von ihm fordernd, aber nicht überfordernd. Auch jemand, der behauptet, Gott nicht zu kennen, hat am Fluss Jabbok, im Gewissen, mit ihm zu ringen. Aber darin findet Gott auch sein «Schicksal». Dieser eigenartige Ausdruck verlangt nach Klärung.
Preis der Erlösung: Schicksal Gottes am Menschen
In dem Meisterwerk «Der Herr» (1937) wird christliche Theologie zur Sprache der Leidenschaft, zur Glut des Schauens. Guardini verdünnt den Herrn nicht rationalistisch, er zeigt, wie jeder Evangelist und auch Paulus eine andere Facette dieser nicht zu bewältigenden Gestalt nachzeichnet. Christus wird blutvoll. Und Guardini entwickelt etwas Seltenes: Dass Gott auch sein Schicksal an den Menschen fand, nicht nur umgekehrt.
«Du hast uns geschaffen und noch wunderbarer erneuert», heißt es – meist überhört – in einer Messoration. Zwischen Schöpfung und Neuschöpfung aber liegt der «Tod Gottes», die ganze aufgehäufte randvolle Qual der Folterung und des Verrats aller Jünger, die Lästerung schlechthin. Neuschaffen stammt aus der Vergebung; Vergeben ist schwerer als Schaffen.
Schaffen kann nur Gott, gewiß. Vergeben aber kann […] nur der Gott, der «über Gott» ist. Das Wort ist töricht, aber in seiner Torheit sagt es etwas Richtiges. Christus ist ja tatsächlich gekommen, um den «Gott über Gott» zu verkünden! Nicht ‹das höchste Wesen›, sondern den Vater, der in unzugänglichem Licht verborgen ist, und von dem niemand wußte, wirklich niemand, bevor der Sohn Ihn nicht verkündet hatte. […] Wirkliches Vergeben steht so weit über dem Schaffen, wie die Liebe über der Gerechtigkeit. Und wenn schon das Schaffen, welches macht, daß das Nichtseiende werde, ein undurchdringliches Geheimnis ist, so ist allem Menschenblick und Menschenmaß vollends entrückt, was das heißt, daß Gott aus dem Sünder einen Menschen macht, der ohne Schuld dasteht. Es ist ein Schöpfertum aus der reinen Freiheit der Liebe. Ein Tod liegt dazwischen, eine Vernichtung […]. [Diese] Unbegreiflichkeit trifft das Herz. Wenn aber der Mensch den Mut zu sich selber hat, so wie Gott ihn geschaffen, dann kann er nicht anders, als mit Selbstverständlichkeit jenes Ungeheuerliche wollen. Die Widersprüche fangen erst an, wenn der Mensch von den eigentlichen Maßstäben abfällt. Nicht das Hohe ist verwickelt, sondern das Abgefallene.19
In diesem Sinn sieht Guardini Gottes «Schicksal» am Menschen – und Er will es nicht anders.
Der Gedanke wirft sich ins Übergroße. Welt ist durch Gott geworden. Aber die Welt ist Gott auch zum Schicksal geworden. Obwohl sie Sein Werk ist, fügt sie sich Ihm nicht. Was ist das Sperrige an ihr? Diese Frage wird den Glaubenden im Helldunkel der Zeiten, im Helldunkel des eigenen Herzens begleiten. Gehört er selbst zu denen, die sperren, oder zu denen, die aufmachen? Was für ein Atem geht durch Guardinis Texte! Am Menschen entscheidet sich merkwürdigerweise das Schicksal Gottes. Erregenderes kann man nicht denken.
Nochmals: eine Theologie des Herzens
Bisher wurde vom Gewissen als Ort der Entscheidung gesprochen; Guardini sieht aber häufiger noch in der umfassenden Wirklichkeit des «Herzens» das eigentliche Organ des Hörens, Zuhörens, klaren Entscheidens – es hat Anteil am Blut der Leidenschaft und ist doch geklärt vom Geist. Klarheit meint niemals leidenschaftsloses Urteil. Sie meint bei ihm die – auch nach langem Ringen – gewonnene lichtvolle Entscheidung zum Guten. In ihr zittert der Kampf noch nach, bebt das Herz vom Erlebten. In einer Nebenbemerkung spricht Guardini davon, «daß es abgründiger gar nicht hinabgehen kann als in der Klarheit mancher Nachmittage»20. Dieser Vordenker, Vorkämpfer hat in seiner Theologie vermittelt, dass es abgründiger gar nicht hinabgehen kann als in die Klarheit Gottes, zu der sich das Herz von sich aus entscheiden soll, aus freien Stücken entscheiden will.
Wunderbar nachvollziehen lässt sich dann die Auflösung im Vertrauen auf Christus – das ist echt und groß geleistet, zumal Guardini selbst von Schwermut heimgesucht war. «Angefochtene Zuversicht» ist die ergreifende Haltung dieses großen Lehrers; sie hilft die Gegensätze des Lebens auszuhalten. Guardinis Auslegung des «Schicksals» Gottes, seiner unbegreiflichen Größe erschüttert; sie zeigt die Verantwortung, die oft unterschätzte Freiheit des Menschen. Sie zeigt aber auch die freudigen Bewegungen, die heftigen Durchbrüche der Gnade, ja, aufrauschendes Glück. Erschütterung und Glück stammen aus dem, was Guardini «Gewalt von Herrlichkeit» Gottes nennt, «inbrünstige Wirklichkeit».21
So ist im Wort Herz nicht einfach Romantik, Gefühl, gedankenloser Einsatz zu hören, vielmehr die Tiefe menschlicher Entscheidung – für und gegen Gott – wahrzunehmen. Es ist «Geist in der Nähe des Blutes». Herz ist das Organ, mit welchem der Mensch auf die Anstöße Gottes, auch die erschütternden und unverstandenen, antwortet. Herz ist die Stelle der Kämpfe und Leiden (auch an Gott), ist der Ort des Austrags der unvermeidlichen Spannungen.
Und Gottes «Herz»? Der Glaube vermag umgekehrt im Herzen Gottes den ungeheuren Preis für das erlöste, gelöste Dasein zu erkennen. Es ist an der Welt zerbrochen, wurde von einer Lanze durchstoßen, blutete aus, die Narbe ist heute noch, auch in der Glorie, sichtbar. Blut und Tränen fließen darin zusammen. Allem Leiden verwandt, allem Grauen verschwistert, hängt Sein Herz im Dornengestrüpp der Welt. Guardini nennt es den «Ernst von Gottes Liebe».
So bescheiden wir uns mit einem Ausdruck, der sehr schlicht ist, aber dem Nachdenkenden eine immer wachsende Tiefe, Herrlichkeit und Furchtbarkeit enthüllt: es ist der Ernst von Gottes Liebe. Sein letzter Ausdruck ist Christi Kreuz. Darum ist das Kreuz das Symbol schlechthin. Wer es antastet, verschließt die Welt in die Unverstehbarkeit. Dieses Letzte zu erkennen, würde das menschliche Denken sprengen; in dem Maße aber wird das Erkennen christlich, wie es sich ihm nähert. Dieses Letzte zu erfahren, würde das Herz verbrennen; aber in dem Maße wird das Herz christlich, wie es in die Strahlung seiner Glut gelangt.22
Mit dem Seligsprechungsprozess Guardinis, angestoßen am dritten Adventssonntag 2017 in München, wird der Christenheit wohl – zu anderem Kostbaren – eine neue Theologie des Herzens geschenkt: Herz als Ort der währenden, leidenschaftlichen Epiphanien Gottes und des währenden, leidenschaftlichen Ringens mit Ihm.