Europa aneignenIn den Spuren Romano Guardinis1

Abstract / DOI

Seizing Europe in trail of Guardini. European history knows several attempts to govern this part of the world from one centre, but they all failed. So did the attempt to unify it by economics alone, which led into the financial-, economic-, euro-crisis. It is our chance to rediscover the polyphonic character of European identity. This article pays attention to a forgotten voice in the European concert, namely Romano Guardini. Born in Italy, but grown up in Germany he discovered Europe as the only way to live these differences and tensions in a positive way. Receiving the Erasmus Prize (1962) Guardini looked back on his work as a contribution to the genesis of an European consciousness. In the uncomfortable reality of today, faced with tensions between north and south, east and west in Europe, Guardinis interpretations show us examples how to live these tensions in a constructive way transforming them into a dialogue and regaining the common good in Europe. Special attention is asked for Guardinis attitude, theoretically mentioned as Der Gegensatz. Versuch einer Philosophie des Lebendig-Konkreten.

Die europäische Geschichte kennt mehrere Versuche, diesen Erdteil von einem Zentrum her zu ordnen: Madrid (Philipp II.), Paris (Ludwig XIV., Napoleon), Berlin (Wilhelm II., Hitler). Diese Versuche aber riefen Widerstand wach und scheiterten; denn Europa ist ein Konzert mehrerer Stimmen und lässt sich nicht in einen Einheitsstaat hineinzwingen. Der verständliche Versuch, nach 1945 Europa von der Wirtschaft her zu ordnen, war eine Erneuerung, aber auch ein Versuch Europa von einem Prinzip her zu organisieren. Auch dieser Versuch hat in den vergangenen Jahren in eine Euro-, Wirtschafts- und Finanzkrise geführt. Das gehört zur europäischen Geschichte, es muss uns nicht überraschen. Im Gegenteil: dieses «Scheitern» könnte uns auf die Spur unserer Identität bringen und uns empfänglicher machen für den symphonischen Charakter unseres Erdteils: eine gut eingespielte Vielstimmigkeit.2

Es kann uns auch aufmerksam machen auf eine lange Zeit überhörte Stimme im europäischen Konzert: Romano Guardini, der einen beachtlichen Weg gegangen ist.3 Nach dem geistigen Bankrott des Zweiten Weltkriegs entdeckte die Öffentlichkeit diesen Gelehrten. Auszeichnungen wie der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (1952) und die Verleihung des europäischen Erasmuspreises (1962) bestätigen seine Anerkennung. Heute nennt ihn Papst Franziskus in seiner Enzyklika Laudato si’ achtmal – damit ist Guardini der meistzitierte Denker in diesem päpstlichen Schreiben.

1. Zwischen Italien und Deutschland

Geboren in Verona, wuchs Romano Guardini ab seinem ersten Lebensjahr in Mainz auf. Zuhause sprach man nur italienisch, aber bald kam durch die Schule die deutsche Sprache hinzu. Damit sickerte Neues in sein Leben und er wuchs in die deutsche Kultur hinein. Er fragte sich, ob er die deutsche Staatsangehörigkeit annehmen solle. Daraus entstanden Spannungen wegen seiner italienischen Herkunft. Sein Vater war mit dem italienischen Risorgimento leidenschaftlich verbunden. Zwar hat er Deutschland sehr geschätzt, sich aber immer als Gast empfunden. Radikaler war seine Mutter: Geboren in Südtirol, hatte sie als Kind die Liebe der Irredenta zu Italien in sich aufgenommen. Ungern zog sie nach Mainz um, und ihre Ablehnung des deutschen Wesens wurde immer schärfer. Dass ihr ältester Sohn die staatliche Gemeinschaft mit seinem Land aufgeben könnte, das konnten seine Eltern nur schwer fassen. Romano Guardini hat sich gegen diese Möglichkeit lange gesperrt.4 Nach mehreren Krisen kam ihm die Berufung zum Priester. Als er Religionsunterricht in der Schule geben sollte, war der Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit nicht mehr zu vermeiden, sie erfolgte 1911.

Dabei trieben ihn nicht nur praktische Gründe. Es zog ihn nach Deutschland. Innerlich war er schon dort angekommen.5 Guardinis geistige Bildung war deutsch, und sie gewann in seinem Leben allmählich die Oberhand. Sein Schritt zur deutschen Staatsangehörigkeit war aber nicht leicht zu vollziehen; denn er konnte die Verbindung mit Italien nicht aufgeben. Beim 70. Geburtstag gestand er:

Da ist mir aus persönlicher Beanspruchung heraus jene Realität deutlich geworden, deren Namen heute in aller Mund ist, von der man aber damals kaum sprach: das Faktum ‹Europa›. Ich erkannte es als die Basis, auf der ich allein existieren könne: ­hineingewandt in das deutsche Wesen, aber in Treue festhaltend die erste Heimat; und beides nicht als bloßes Nebeneinander, sondern eins in der Realität ‹Europa›6

Dieser Einsicht stand bald eine schwere Bewährungsprobe bevor. Denn 1915 trat Italien in den Krieg gegen Deutschland ein. Guardinis Vater musste, nachdem er 29 Jahre in Deutschland gelebt hatte, über Nacht das Land verlassen. Zwei seiner Brüder wurden eingezogen in die italienische Armee, während Romano deutsche Uniform trug. In dieser Zeit war Romano Guardini dem Wahnsinn nahe. Durch diese Feuerprobe hat ihm nur die Idee Europa hindurchgeholfen.

2. Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts und Verlust der Wirklichkeit

Als Guardini 1962 den Erasmuspreis erhielt, hielt er eine Rede: Europa, Wirklichkeit und Aufgabe. Wer nach der Wirklichkeit fragt, den warnt Guardini vorab. Denn:

In Wahrheit öffnen wir uns nicht für die Welt, wie sie in sich ist, sondern fordern von ihr, dass sie sei, wie wir sie wollen. Unsere Selbstbehauptung will, die Dinge sollen so sein, dass wir uns in ihnen bestätigt, geborgen, getragen, gefördert fühlen. So suchen wir beständig die Welt auf unser besonderes Sein hin umzuformen. Jeder Blick auf die Welt, wie sie wirklich, aus sich heraus ist, macht mein individuelles Dasein angestrengter […] Die Wirklichkeiten zu sehen, wie sie sind, macht also jedesmal, dass es für mich in der Welt weniger bequem wird.7

Wie also sieht unsere unbequeme Wirklichkeit heute aus? Und welche Aufgabe ergibt sich daraus? Ich überfliege das vergangene Jahrhundert.

Im Jahr 1914 marschierte Europa, anfangs jubelnd, in einen Krieg hinein, der sich als die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts herausstellte.8 Ein Krieg von ungekanntem Ausmaß. Darin verharrte Europa vier Jahre lang und führte so seinen Selbstmord herbei. Als dem Wahnsinn ein Ende gemacht wurde, gelang es mit dem Frieden von Versailles (1919) nicht eine neue stabile Ordnung herzustellen. Ein französischer General soll bemerkt haben: das sei kein Friede, sondern ein Waffenstillstand für zwanzig Jahre – er bekam bis aufs Jahr recht.

Die Zeit nach 1945 ist nach Peter Sloterdijk eine Periode «europäischer Abwesenheit».9 Nachdem Europa vier Jahrhunderte lang die Welt beherrscht hatte, war es nach 1945 zur politischen Irrelevanz verurteilt. Traumatisiert, nicht imstande, der Wirklichkeit ins Auge zu schauen, zog es sich in eine Unwirklichkeit, in Vakuum-Ideologien, zurück, unter anderem in den Existentialismus mit der Stilikone Jean-Paul Sartre. Sein Wort, dass der Mensch «zur Freiheit verdammt» sei, gab der traumatisierten Stimmung der Zeit Ausdruck. Die Menschen spürten keinen festen Boden mehr unter den Füßen. Denn kann es Freiheit geben, wenn man nicht dafür gekämpft hat?

Als in den siebziger Jahren der Übergang sich vollzieht vom Existentialismus zum Konsumentismus, wertet Sloterdijk dies als eine neue Variante des Nachkriegs-Nihilismus. Projektlos geworden, wurden die Menschen nur noch vorangetrieben vom Innovationsritus von Industrie und Technik. Er beobachtet einen Zeitvernichtungsgeist, mit dem der Unernst zum Lebensstil und die Entwirklichung der Welt zum Lehrsatz erhoben wurde. Das ist die Situation der Postmoderne. Politisch gesprochen war Europa ein psychiatrischer Patient im Schock, in Erwartung des Augenblicks, in dem er aufwacht und sich der Konfrontation mit der Wirklichkeit wieder stellt.

Der Fall der Berliner Mauer 1989 ist dann ein spannender Augenblick. Die Befreiung Europas, die mit der Landung der Alliierten in der Normandie 1944 anfing, war ja nur zur Hälfte gelungen. Denn nicht nur war Europa von 1945 bis 1989 durch den Eisernen Vorrang geteilt, sondern es ‹wurde› auch befreit – passivum. Unter dem Schutz der Vereinigten Staaten von Amerika wurde das souveräne Staatenspiel im westeuropäischen Sandkasten wieder aufgenommen.

In diesem Sandkasten geisterte aber auch der Name Europa als ein Projekt der Hoffnung umher. Churchill hebt mit seinen Ansprachen in Zürich und Den Haag das Projekt vom kulturellen auf das politische Niveau. Aber es war Frankreich, das die Initiative ergriff in der Person von Minister Robert Schuman mit seiner Erklärung vom 9. Mai 1950. Das war eine stille Revolution. Keine leeren Worte, sondern Taten, mutig und konstruktiv. Schuman erklärte: damit der Frieden eine Chance hat, brauchen wir ein Vereintes Europa. Diese Einheit gibt es nicht auf einmal, sondern Schritt für Schritt: durch konkrete Taten die eine faktische Solidarität herbeiführen.10 Und die Solidarität fing an mit einer supranationalen Behörde für Kohle und Stahl – Rohstoffe, mit denen Waffen hergestellt wurden. Das war ein mutiger Sprung ins Ungeahnte. Kein rein wirtschaftliches, sondern ein politisches Projekt-im-Werden, das mit konkreten Schritten der Solidarität einen Beitrag zum Weltfrieden leistet und den Krieg in Europa unmöglich machen soll. Das Abenteuer fing mit sechs Mitgliedstaaten an.

Der Fall der Berliner Mauer ermöglichte es, die Befreiung Europas, die 1944 begonnen hatte, wieder aufzunehmen. Mittel- und osteuropäische Länder bekamen die Chance, selbst ihr Ziel zu bestimmen. Die meisten wählten ‹Europa› und bemühten sich um Aufnahme in die EU und in die NATO. Diese Erweiterung geschah aber nach Beendigung des Kalten Krieges. Als die Bedrohung Europas durch die Sowjetunion wegfiel, ließ die Zusammenarbeit europäischer Staaten nach. Nach dem ‹Nein› in den Referenden 2005 in den Niederlanden und in Frankreich über ein EU-Grundgesetz geriet das europäische Projekt ins Stocken und versandete teilweise in Bürokratie.

Unsere Aufgabe heute besteht darin, das Gemeinwohl wieder in den Blick zu bekommen. Ohne Europa geht das nicht. Was für eine Macht wird Europa? In dem Zusammenhang wird von ‹Softpower› Europa gesprochen. Seit 1989 sind aber einige peinliche Ereignisse wahrzunehmen:

Europa war nicht imstande, die Jugoslawienkrise zu meistern. Ethnische Säuberungen mit dem Tiefpunkt Srebreniča (1995) sehen uns an als traumatische Ereignisse, die Europa nicht verhindern konnte – das Europa nach Auschwitz.

Dem Vorgehen gegen Libyen 2011 fehlte eine kohärente Strategie. Wussten wir, dass Europa seine repressive Grenzüberwachung an Regime wie das von Ghaddafi überlassen hatte? Nachdem das Regime vernichtet war, geriet die Flüchtlingsroute über Libyen außer Kontrolle. Und nachdem die Waffen von Ghaddafi anfingen durch die Sahara umherzuirren, destabilisierte sich die Subsahara, und eine Mission in Mali wurde nötig.

2018 kamen Iran, die Türkei und Syrien bei Putin zur Beratung über die Zukunft Syriens zusammen. Europa war nicht dabei, aber es wird den Preis mitbezahlen, wenn der Bürgerkrieg – und damit die Fluchtbewegung – anhält.

Wenn das ‹Softpower› ist, fragt sich, ob es nicht die Weiterführung ist von Sloterdijks ‹Absence-Ideologie›. Es geht aber nicht nur darum, hohe Werte aufs Papier zu schreiben. Sie sollten auch realisiert werden. Und die Weigerung Europas, eine Macht zu werden, kommt mir heute gefährlich vor. Steht uns eine Zeit bevor, in der brutale Machtkämpfe das internationale Recht beiseiteschieben? Und was könnte an Positivem geschehen, wenn Europa in wichtigen Themen mehr einig wäre als gegenwärtig?

3. Eine komplexe Identität – die Geschichte Europas

Was hält Europa zusammen? Die Frage wird kritisch, weil, was heute die EU ist, als ein west-europäisches Projekt anfing. Inzwischen aber ist es erweitert durch die iberische Halbinsel, das Baltikum, durch Teile Skandinaviens, Mittel- und Osteuropa, den Balkan – alles Regionen mit einer ganz anderen Geschichte. Kennen wir diese «fremde» Geschichte? Wie verhält sie sich zu unserer eigenen Vergangenheit? Sind wir bereit, zuzuhören, zu lernen? Traten diese Regionen Europa bei, oder wurde Europa vereinigt?

Mich beeindruckt der intellektuelle und bürgerliche Mut der siebziger und achtziger Jahre in Zentraleuropa. Vačlav Havel kennen wir als eine Art europäischen Nelson Mandela. Aber kennen wir auch Czesław Miłosz, Adam Michnik, Adam Zamoyski, Josef Tischner, Adam Zagayewski, Jan Patočka, Tomas Halik? Auf Grund ihrer geschichtlichen Erfahrung haben sie manchmal ein schärferes Gespür für die Dinge, um die es geht. Charta 77, Solidarność, die Menschenkette im Baltikum – das erinnert uns an die geglückten Revolutionen der jüngsten Zeit.

Als ich die Ketzerischen Essays zur Philosophie der Geschichte von Jan Patočka entdeckte, fand ich eine Art von Denken wieder, die im Westen fast verschwunden ist. Dabei geht mir Patočkas Verständnis Europas als einer «Solidarität der Erschütterten» durch den Kopf. Guardini sprach in einem Brief an Reinhold Schneider vom «geheimen Erdbeben».11 Sowohl Guardini wie Patočka gehören der Bewegung der Phänomenologie an. Welcher fruchtbare Austausch ist hier möglich? Und was werden wir über Europa entdecken? Dabei geht es nicht ohne Hoffnung – eine tiefe und fest entschlossene Hoffnung, die diese Suche vorantreibt. Inspirierende Beispiele können helfen. Guardini gehört in diese Reihe.

Anfangs geschah die Aneignung Europas bei Guardini noch im Stillen. Später wurde sie fruchtbar in Schriften wie Thule oder Hellas? (1920), Briefe vom Comer See (1927), Der Heilbringer in Mythos, Offenbarung und Politik (1946); «Europa» und «christliche Weltanschauung» (1955), Europa, Wirklichkeit und Aufgabe (1962).

Sind aber eigentlich nicht große Teile seines Werkes ein Ringen um Europa? Schon früh taucht Europa in seinem Denken auf. Guardini sieht, neben dem ‹Volk›, eine zweite, nicht so vordergründige, unmittelbar aus dem Leben springende Wirklichkeit, weil es die Tatsache ‹Volk› als abgeschlossene Welt nicht mehr gibt. Die Anerkennung Europas als einer Aufgabe gelingt ihm aber nicht innerhalb der Jugendbewegung Quickborn.12 So geht das Thema sozusagen im Verborgenen seinen Weg. Doch als er 1962 den Erasmuspreis erhält, sieht er sein Werk als eine Summe von Bemühungen um das Werden eines europäischen Bewußtseins. Die Interpretationen Guardinis sind noch immer bedeutsam, denn sie waren ein Beitrag zum menschlichen und geistigen Europa.13

Wenn wir von Europa sprechen, sollten wir uns selber mit einbeziehen, uns Europa aneignen. Dabei suche ich ähnlich wie Guardini in «Staat in uns», nach «Europa in uns». Was könnten wir tun?

Zuerst: es gibt einiges in unserer Nachkriegsgeschichte, auf dem auch ein Segen ruht: jahrzehntelanger Frieden, wirtschaftliche Erholung, Wohlstand. Wir sollten das würdigen, sollten, wenn wir über Europa sprechen, auch das Gute nicht verschweigen (segnen, bene-dicere, heißt ja wörtlich: gut-sprechen).

4. Frankreich – Deutschland

In seiner Suche nach Europa pflegte Guardini ein besonderes Verhältnis zu Frankreich. Guardini sah zwischen Frankreich und Deutschland ‹Europa› schon lange im Werden, und er beteiligte sich daran. Er besuchte regelmäßig das Institut Catholique in Paris. Er war bekannt mit Jacques und Raïssa Maritain. Er las Leon Bloy und Romain Roland. Im Wintersemester 1929/30 hielt er eine Vorlesung über Michel de Montaigne. Und ganz wichtig war ihm die Auseinandersetzung mit Blaise Pascal. Daraus entstand sein Buch Christliches Bewußtsein14 – eine von Guardinis stärksten Interpretationen. Auch seine Kulturkritik Das Ende der Neuzeit15erwuchs aus seiner Auseinandersetzung mit der Weltanschauung Pascals.

Umgekehrt wurde Guardini nach 1945 auch in Frankreich wahrgenommen. Besonders Robert Schuman interessierte sich für ihn und lud ihn nach Paris ein. Wenn Guardini Europa entstehen sah zwischen Deutschland und Frankreich, fragen wir uns, welches Europa im Werden ist zwischen den anderen Nationen und Regionen Europas? Dabei halten Guardinis Interpretationen uns ein anspruchsvolles Maß vor, das uns in der heutigen Situation als Beispiel dienen kann.

Denn wirklich interpretieren heißt nach Guardini

[…] in die Schule eines anderen Geistes zu gehen. Nicht ihn einzuordnen, sondern zu lernen; nicht ihn beurteilen, sondern sich für etwas noch nicht Gewusstes offen zu machen; ihn nicht unter den Maßstab des eigenen Wesens zu stellen, sondern bereit zu sein, über die eigenen Grenzen hinausgeführt zu werden.16

Damit ging Guardini, nach dem französischen Philosophen Rémi Brague, den ‹römischen Weg›. Die Römer hatten die Fairness einzusehen, dass die Griechen, die sie erobert hatten, eine reichere Kultur als ihre eigene besaßen. Sie vernichteten diese Kultur nicht, sondern umarmten und integrierten sie. Sie wurde das Maß ihrer eigenen kulturellen Bildung. So konnte diese Kultur im Kontext des römischen Reiches wieder fruchtbar werden. Die Römer sperrten sich nicht in Überheblichkeit, sondern öffneten sich für fremde Einflüsse. Das ist der römische Weg.17

Brague ist damit etwas auf der Spur, was man die inhaltliche Dynamik Europas nennen könnte. Aus Guardinis Haltung spricht ebenfalls dieser ‹römische Weg›. Das gilt auch von der Feststellung, dass Europa eine Kultur ist, die lesen und schreiben lernte in einer Fremdsprache – nicht germanisch oder keltisch, sondern lateinisch und griechisch. So versucht Guardini in seiner Schrift Thule oder Hellas? Klassische oder deutsche Bildung? der schwer zugänglichen Eigenart der germanischen Kultur gerecht zu werden und ihr einen Platz im europäischen Konzert anzuweisen.

5. Umformung und Einwurzelung

Aus seiner Rede «Europa» und «Christliche Weltanschauung» (1955) entnehme ich die folgenden Überlegungen:

Der Nationalismus hat gewiss Unheil genug angerichtet; doch es ist sehr die Frage, ob mit seinem Verschwinden nicht auch die Verbundenheit mit dem eigenen Volk und Staat schwächer wird – vielleicht sagen wir besser: ob sie nicht unsicherer, ab­strakter zu werden drohe? Was wird aber aus den Werten, die sich früher, wenn auch oft in enger und gewalttätiger Form, an die Nation knüpften? Die Unbedingtheit einer aus Wesen und Schicksal kommenden Liebe und die sittliche Bereitschaft, für sie einzustehen? Welche Möglichkeiten der Umformung und neuen Einwurzelung bestehen hier, und welche Aufgaben entstehen daraus?18

Erkennen wir in diesen Worten nicht unsere heutigen Probleme wieder? Als beim Brexit-Referendum viele – und gerade junge – Wähler sich nicht beteiligten, führte eine Minderheit der Wahlberechtigten eine politische Entscheidung von weittragender Bedeutung herbei. Sehen wir erst jetzt das Problem, das Guardini vor fast 60 Jahren angedeutet hat? Sind nicht tatsächlich Umformung und neue Einwurzelung die ganz dringenden Aufgaben für uns heute? Und droht nicht dessen Fehlen heute Europa zu zerreißen? – Ich zitiere aus seiner Europa-Rede (1962):

Das Europa, von dessen Aufgabe wir gesprochen haben, ist noch nicht da […] Europa ist etwas Politisches, Wirtschaftliches, Technisches. Vor allem aber eine Gesinnung. Dem Werden dieser Gesinnung stehen starke Hindernisse im Wege […] Um nur eine Aufgabe zu nennen, an der die Größe des zu Leistenden deutlich wird: Dass Europa werde, setzt voraus, dass jede seiner Nationen ihre Geschichte umdenke; dass sie ihre Vergangenheit auf das Werden dieser großen Lebensgestalt hin verstehe. Welches Maß an Selbstüberwindung und Selbstvertiefung aber bedeutet das!

Dafür, wie wenig selbstverständlich das ist, und wie groß die Gefahr, es zu verfehlen, gibt es in der Geschichte ein warnendes Beispiel. Wir tragen als Element unserer Bildung die Vorstellung der antiken griechischen Kultur in uns, und ich brauche über deren formenden Wert kein Wort zu verlieren. Doch darf nicht vergessen werden, was die Gräkophilen so gern übersehen: dass die Griechen vor der höchsten Aufgabe, die ihnen gestellt war, nämlich die Schaffung eines die Lebensfülle aller Stämme zusammenfassenden Staates, versagt haben […] Auch Europa kann seine Stunde versäumen.19

Schlägt diese Stunde nicht gerade heute? Das Zitat gibt die Weitsicht von Guardinis Blick wieder, die keineswegs sich beirren ließ von der Europa-Euphorie der fünfziger- und sechziger Jahre. Er bleibt kritisch und bezieht auch die Gegenposition in sein Denken ein. Das rührt daher, dass Europa erst in den Blick tritt durch eine Erschütterung hindurch. Patočka hat wohl recht: Europa ist eine Solidarität der Erschütterten.20 Guardini gehörte gewiss zu diesen Erschütterten. Damit ist Europa eine eigenartig reflexive Perspektive, die erst durch eine Gebrochenheit hindurch aufleuchtet.21 Eine Perspektive, die im Grunde auch noch auf der Suche ist nach einer neuen Sprache, die der neuen Wirklichkeit gerecht wird. Europa ist unsere Zukunft.

Für dieses zukünftige Europa wird ein Werk Guardinis besonders wichtig sein. Kein bekanntes Werk – und wohl sein schwierigstes Buch: Der Gegensatz. Versuche zu einer Philosophie des Lebendig-Konkreten.22Es ist das theoretische Gerüst einer Haltung, die versucht, aus den unterschiedlichen Stellungnahmen der Menschen in den Fragen des Daseins eine aufbauende Kraft zu gewinnen. Eine Kraft, die wir heute auf allen Ebenen brauchen. Auf der Ebene der EU, damit sie keine Bürokratie wird, sondern lernt, Eigensinn und Gemeinsinn konstruktiv miteinander zu verbinden. Auf der Ebene der Staaten, damit sie sich nicht verschließen im nationalen Egoismus. Auf der Ebene der Regionen, damit sie der Würde des Unterschieds gerecht werden und zum Dialog fähig. Auf der Ebene der Personen, damit sie Bürger werden mit Verantwortung für das Gemeinwohl, das uns als Aufgabe anvertraut ist.23

Um in unserer Aufgabe heute nicht zu versagen, sollten wir uns die Gegensatzhaltung zu eigen machen, damit diese aufbauende Kraft wieder wirksam wird, die Guardini uns gelehrt hat, wovon sein umfangreiches Werk eindrucksvoll Zeugnis ablegt und die so dringend gebraucht wird, damit die Idee Europa Realität wird.

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